Als sie ihren roten Kleinwagen auf dem Hof ihrer Eltern parkiert, rennt der Berner Sennenhund los. Er bellt, springt am Auto hoch, und Anna Ambühl* sagt: «Ach, Hunde sind nicht meine Lieblingstiere.» Dabei gab es immer einen Hund auf dem Bauernhof, auf dem sie aufgewachsen ist, durch Wald und Wiesen getrennt vom nächsten Dorf. «Meine Schwester und ihre Kinder haben den Hund geliebt. Auch er da, Teddy, flippte völlig aus, wenn sie zu Besuch waren.»

Auf dem Hof waren die Kinder seit bald zwei Jahren nicht mehr. Kurz vor Weihnachten, im Dezember 2018, hat Anna Ambühl sie zum letzten Mal gesehen. An dem Tag, als ihre Schwester, die Mutter der fünf Kinder, beerdigt wurde. Das älteste war damals zehn, das jüngste feierte wenige Tage später seinen dritten Geburtstag. Ihr Vater will nicht, dass sie Kontakt mit der Familie seiner verstorbenen Frau haben.
 

«Wir können nichts dagegen tun»

Zerrüttet war das Verhältnis schon vorher. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen, Beschimpfungen. «Er denkt, dass wir einen schlechten Einfluss auf die Kinder haben, dass wir sie gegen ihn aufhetzen», sagt Anna Ambühl. Am Tag der Beerdigung Beerdigung Rituale für die letzte Ruhe eskalierte der Streit. «Er sagte: ‹Fertig, das wars.›»

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Auch die Grosseltern können sie nicht mehr sehen Trennung Ein Besuchsrecht für Grosseltern? . Sie dürfen ihnen keine Geschenke schicken, keine Briefe schreiben. «Er würde wohl die Polizei rufen, wenn wir die Kinder besuchen», sagt Anna Ambühl. Spielchen, die niemandem etwas bringen würden. Deshalb halte sich die Familie an das Verbot. «Nun ist es über 15 Monate her. Die Kinder wurden uns entfremdet – und wir können nichts dagegen tun.»

«Die fünf Kinder sind das Einzige, was uns von unserer Tochter bleibt.»

Ines Ambühl*, Grossmutter

Grosseltern – und erst recht Tanten und Onkel – haben kaum Rechte. Anders als in Deutschland und Frankreich können sie in der Schweiz nicht durchsetzen, dass sie eine Beziehung zu den Kindern pflegen dürfen.

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«Ihnen kann nur dann ein Besuchsrecht Besuchsrecht Lasst die Vernunft walten eingeräumt werden, wenn dies das Kindeswohl zwingend verlangt und wenn bereits eine sehr enge Bindung zwischen Enkeln und Grosseltern besteht», sagt Patrick Fassbind. Der Präsident und Leiter der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kindswohl Wann darf sich die Kesb in die Erziehung einmischen? (Kesb) Basel-Stadt äussert sich nur generell, nicht konkret zum Fall der Familie Ambühl. Er sagt: «Das Besuchsrecht muss dem Kindeswohl entsprechen. Was nicht der Fall ist, wenn sich der hauptbetreuende Elternteil oder die Kinder weigern.»

Kinder wollen in Ruhe gelassen werden

Die Familie Ambühl beantragte im Januar 2019 bei der Kesb ein Besuchsrecht. In der Folge wurden psychologische Gutachten der älteren Kinder erstellt. Elf lange Monate später teilte die Kesb mit: Die Kinder hätten sich gegenüber der Psychologin gegen einen Kontakt mit der Familie ihrer Mutter ausgesprochen, «sie möchten in Ruhe gelassen werden». Die Kinderpsychologin empfahl, die Kontakte vorläufig ganz einzustellen – damit sich die Kinder weiter stabilisieren konnten. Bis dahin hatte die Familie den Kindern noch geschrieben.

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«Die Kinder sind emotional hin und her gerissen. Sie haben schliesslich ihre Mutter verloren», sagt auch Anna Ambühl. «Wir tun nichts, was ihnen schaden würde. Aber wir wissen nicht, ob sie diese Dinge aus freiem Willen gesagt haben. Wir nehmen an, der Vater erzählt ihnen schlimme Sachen über uns.» Er selbst wollte sich dem Beobachter gegenüber nicht äussern und verzichtete auf eine Stellungnahme.

Ferien auf der Alp

Immer zur halben Stunde ruft im Wohnzimmer der hölzerne Kuckuck aus der Wanduhr. Ines und Rolf Ambühl* sitzen am Esstisch, blättern in einem Fotoalbum. Sommer 2017: «Da waren wir mit der ganzen Familie für mehrere Wochen auf unserer Alp und haben die Rinder gehütet», sagt Ines Ambühl. Sie hätten die Ferien oft mit ihren Enkeln verbracht. «Sie waren auch gerne hier bei uns, auf dem Hof, haben im Stall geholfen, sind auf dem Traktor mitgefahren und haben gespielt.»

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Die Brettspiele «Kampf gegen das Bünzlitum» & Co. Gesellschaftsspiele boomen wie nie der Kinder liegen noch zuoberst in der Wohnwand. «Hier oben», sagt die 67-Jährige, verlässt den Tisch und zeigt auf die bunten Kartonschachteln. «Immer, wenn sie zu Besuch waren, rannten die Kinder zuerst ins Wohnzimmer, stiegen auf den grauen Stoffsessel und streckten sich nach den Spielen.»

Illustration: Kinder klettern auf Stuhl
Quelle: Andreas Gefe

Dass diese Besuche den Kindern schaden könnten, kann Ines Ambühl nicht verstehen. «Sehen die Kinder auf diesen Bildern aus, als wären sie nicht gern bei uns gewesen? Als hätten wir keine enge Bindung mit ihnen gehabt, wie es für ein Besuchsrecht notwendig ist?» Ihnen werde ein Stück Familie vorenthalten, sagt sie. «Diese fünf Kinder sind das Einzige, was uns von unserer jüngsten Tochter noch bleibt – und der Kontakt wird uns verwehrt. Das kann ich nicht akzeptieren.» Gefahr gehe, wenn überhaupt, vom Vater aus.
 

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«Grosseltern kann nur ein Besuchsverbot eingeräumt werden, wenn die Beziehung sehr eng war.»

Patrick Fassbind, Kesb Basel-Stadt

Er und Maria Ambühl heirateten 2008. Am Anfang seien sie wahnsinnig verliebt gewesen, sagt Ines Ambühl. Doch in der Ehe wurde er bald aggressiv und gewalttätig, gegen seine Frau und gegen die Kinder, anscheinend wiederholt. 2017 ging bei der Kesb eine Gefährdungsmeldung Kindsmisshandlung Anonyme Anzeige? ein, die Schule hatte interveniert. 

Doch es geschah wenig. Der Vater musste eine Gewalttherapie besuchen, verordnet von der Kesb. «Kontrolliert wurde das aber nie», sagt Ines Ambühl. Während dieser Zeit habe sich der psychische Zustand ihrer Tochter immer mehr verschlechtert. Sie ging zur Therapie, musste mehrere Male stationär behandelt werden.

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«Es hat lange gedauert, bis sie sich von ihrem Mann getrennt hat und wieder in unsere Nähe gezogen ist», sagt ihre Mutter. «Sie hatte Angst, dass sie ihre Kinder nicht mehr sieht, weil sie mehrfach in einer Klinik war.»

Entscheidend ist, wie gefährdet Kinder sind

Entscheidend sei bei Gewalt in einer Familie allein die Frage, ob die Kinder aktuell gefährdet sind oder es absehbar sein könne, sagt Patrick Fassbind. «In solchen Situationen wird eine Einschätzung nach umfassenden Abklärungen vorgenommen. Das Kindesschutzrecht sieht nicht vor, den Kindern die Eltern vorzuenthalten, weil sie in der Vergangenheit Fehler gemacht haben.»

Im ganzen Haus hängen Zeichnungen der Kinder. Herzen und bunte Blumen, die Tiere vom Bauernhof und die Familienmitglieder als kleine Strichmännchen. Auf sprödem Papier, beinahe vergilbt. Im Treppenhaus zeigt Rolf Ambühl* seine Schweinchensammlung: Stofftiere, Keramikfiguren, sogar eines als Feuerzeug.

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«Maria hat mir aus den Ferien und zum Geburtstag immer wieder ein Säuli mitgebracht», sagt der 72-Jährige und drückt auf den Anzünder. «Sie hat gesagt, dass sie alle Figuren wiederbekommen und in ihrem Haus aufstellen wird, sollte ich einmal nicht mehr sein.» Er fasst sich mit der Hand an die Stirn, streicht sie über Brauen und Augen. Er war es, der seine Tochter gefunden hatte.

Wut, die bleibt

Fünf Tage vor ihrem Suizid hatte Maria Ambühl per Post den Entscheid des Familiengerichts erhalten. Das Sorgerecht Sorgerecht «Die Eltern müssen umdenken» für die fünf Kinder wurde ihrem Noch-Ehemann zugesprochen. Am Ende war ihre schlechte psychische Verfassung höher gewichtet worden als die aktenkundige Gewaltbereitschaft des Kindsvaters. Über den Fall berichtete die «NZZ am Sonntag» im Februar 2019.

«Manchmal, wenn ich über das alles nachdenke, werde ich wütend auf meine Schwester», sagt Anna Ambühl. «Ich frage mich, wieso sie einfach gegangen ist. Mit ihrem Tod haben auch wir jede Chance verloren, die Kinder aufwachsen zu sehen. Uns ist nichts geblieben.» Die Familie zog vor Gericht Hohe Prozesskosten Der Gang vor Gericht wird unbezahlbar und kämpft seither um das Besuchsrecht. Vor wenigen Wochen fand eine erneute Anhörung aller Parteien statt, bald soll der Entscheid des Verwaltungsgerichts folgen.
 

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«Wir haben den Kindern versprochen, dass wir sie nicht alleinlassen.»

Anna Ambühl*, Tante

Auf politischer Ebene wurde das Besuchsrecht für Grosseltern erstmals 2010 thematisiert. Der damalige SVP-Nationalrat Oskar Freysinger reichte eine Motion ein, die forderte, dass der Bundesrat den Artikel 274a des Zivilgesetzbuchs ändert und den persönlichen Verkehr zwischen Grosseltern und Kindern neu regelt. Das Vorhaben wurde abgelehnt.

Acht Jahre später reichten Ilse und Marcel Niederer eine Petition ein, die ein Besuchsrecht für Grosseltern verlangt. Das Ehepaar war selbst betroffen, ihre Schwiegertochter liess keinen Kontakt mit der Enkelin zu. Vor dem Bezirksgericht waren die Grosseltern mit ihrer Klage abgeblitzt. Die Petition blieb ebenfalls ohne Wirkung.

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Die Familie Ambühl kennt die politischen Vorstösse, will sich aber nicht entmutigen lassen. «Wir haben den Kindern versprochen, dass wir sie nicht alleinlassen», sagt Anna Ambühl. «Sie sollen uns nicht vergessen. Sie sollen nicht denken, dass sie uns egal sind.» Sie würde alles dafür geben, sagt Grossmutter Ines Ambühl, nur schon, um zu wissen, wie ihre Enkelinnen und Enkel heute aussehen. «Das Einzige, was mich tröstet, ist zu wissen, dass unsere Maria in Sicherheit ist, nicht mehr geplagt wird, und dass die Kinder für immer einen Schutzengel haben.»

Als Anna Ambühl vom Hof ihrer Eltern wegfährt und rechts auf den Feldweg einbiegt, muss sie abrupt bremsen. Ein Reh rennt über die Strasse in den dichten Wald hinein. «Natur pur, oder?», sagt sie. «Das hätte den Kindern gefallen.»
 

*Name geändert

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