Der vor kurzem mit 71 Jahren verstorbene Opernstar Luciano Pavarotti hinterlässt eine vierjährige Tochter. Charlie Chaplin war bei der Geburt von Sohn Christopher bereits 73 Jahre alt, Pablo Picasso war 68, als Tochter Paloma auf die Welt kam. Der Schauspieler Clint Eastwood wurde mit 67 nochmals Vater, sein Kollege Anthony Quinn schaffte es mit 81 Jahren bei seiner fünften Frau zum 14. Mal. Einer der ältesten Väter dürfte «Bergkönig» Luis Trenker gewesen sein, der mit 96 Jahren, ein Jahr vor seinem Tod, nochmals seine Gene weitergab.

Dass Künstler, Schauspieler, Sänger oder sonstige Stars oft mit viel jüngeren Frauen nochmals Kinder haben, liegt an ihrem Status: «Bei ihnen ist die Scheidungsrate sehr hoch, und dank ihrem Prominentenstatus finden sie auch viel leichter eine jüngere Frau», erklärt François Höpflinger, Soziologe und Altersforscher an der Universität Zürich.

Doch nicht nur Prominente leisten sich späte Vaterfreuden. Die Zahl verheirateter Männer, die mit über 50 Jahren Vater werden, stieg in der Schweiz seit 1979 um fast das Dreifache von 380 auf 988 im Jahr 2006. Und die Zahl jener, die die 60 schon überschritten hatten, verfünffachte sich laut Bundesamt für Statistik im gleichen Zeitraum von 4 auf 22. Die Kinder unverheirateter älterer Männer erfasst die Statistik nicht.

Den Verstand in der Hose?
Ältere Väter lösen widersprüchliche, teils heftige Emotionen aus. Einige unterstellen ihnen, sie müssten Verpasstes nachholen, sähen in Kindern und einer jungen Frau einen Jungbrunnen, handelten egoistisch, verantwortungslos oder gar wider die Natur. Ältere Väter hätten den Verstand in der Hose und machten sich als Kinderwagenschieber lächerlich.

Auch medizinische Studien ermuntern ältere Herren nicht gerade zur späten Vaterschaft: Wegen der schlechteren Spermaqualität ist das Risiko, dass ein von einem über 50-Jährigen gezeugtes Kind einen genetischen Defekt hat, etwa doppelt so gross wie bei 25-Jährigen.

Die Schäden beim Baby können von Zwergwuchs über Gesichtsdeformationen bis zu geistiger Behinderung reichen. Auch die Gefahr, dass die Mutter eine Fehlgeburt erleidet, steigt mit zunehmendem Alter des Vaters markant an. Die Kinder älterer Väter erkranken zudem häufiger an Autismus, und bei Töchtern sinkt aus bislang ungeklärten Gründen die Lebenserwartung.

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Die Kinderpsyche leidet nicht
Doch eine späte Vaterschaft birgt nicht nur Gefahren: «Das soziale und wirtschaftliche Risiko bei einer frühen Elternschaft ist grösser, als wenn die Eltern schon im reiferen Alter sind», sagt zum Beispiel Altersforscher Höpflinger. Ältere Väter sind gelassener, sie haben ihre Erfahrungen schon gemacht. Meist haben sie schon eine Ehe hinter sich und erwachsene Kinder. Sie kümmern sich mehr um die Familie als um die Karriere, haben im Durchschnitt einen höheren Bildungsgrad und können ihrem Nachwuchs in der Regel eine finanziell abgesicherte Zukunft bieten. Und auch wenn sich Kinder - gerade in der Pubertät - oft eines viel älteren Vaters schämten, seien psychologische Schäden nicht bekannt, erklärt Experte Höpflinger.

Generell gilt, dass die Kinder das Leben ihrer betagten Väter bereichern: «Wir waren am Anfang nicht begeistert, als sich Nachwuchs anmeldete», sagt etwa der 63-jährige Bauingenieur Ueli Siegenthaler, der mit einer 24-jährigen Frau ein Kind hat. «Doch das Glücksgefühl, das ich täglich mit der kleinen Audrey erleben kann, ist unbeschreiblich.» Zum ersten Mal erfahre er Liebe und Wärme, wie er das vorher nie gekannt habe. Wenn auch zu dem Preis, dass er bei seinen mittlerweile erwachsenen Kindern und der weiteren Verwandtschaft auf Unverständnis und Ablehnung stösst.

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«Ich fühle mich nicht so alt, wie ich bin.»

Alfred Albertini, 71 Sohn Aurel, 1

«Wir waren zwar nicht gerade geschockt», sagt der 71-jährige Alfred Albertini über den Moment, als er erfuhr, dass er Vater wurde. «Aber wir hatten natürlich schon Angst, ob das Kind gesund sei.» Alfred Albertini und seine 43-jährige Frau Elisabeth sind seit zehn Jahren ein Paar, vor gut einem Jahr wurden sie Eltern eines gesunden Jungen. Der frühere District-Manager eines amerikanischen Maschinenkonzerns widmet sich heute mit Eifer seinen Vater- und Hausmannspflichten, wenn seine Frau ausser Haus als Buchhalterin tätig ist. «Natürlich ist das Nervenkostüm in meinem Alter nicht mehr wie früher, aber wenn ich sehe, wie Aurel Fortschritte macht, ist das schon eine unglaubliche Befriedigung.» Doch es kann auch mal zu viel werden: «Gestern hatte ich das Kind den ganzen Tag und Abend, das zehrt dann ganz schön.»

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Natürlich stellte sich Alfred Albertini die Frage, ob es zu verantworten sei, in diesem Alter noch ein Kind in die Welt zu setzen. Und die Frage, welche Zukunft sein Sohn hat und wie lange er ihn noch erleben kann, beschäftigt ihn immer wieder. Dass er sich aber mehr freut als sorgt, hat mit seiner Einstellung zu tun: «Ich fühle mich nicht so alt, wie ich bin, und verdränge dabei auch den Alterungsprozess.» Für Aurel hat die Situation den Vorteil, dass sein Vater viel um ihn herum ist, dass er materiell gut abgesichert ist und in einem schönen Haus aufwachsen kann.

Elisabeth Albertini sieht gegenwärtig nur Vorteile: «Meinem Mann gibt das Kind ein Stück Jugend zurück, und mich hat es ruhiger gemacht.» Beide seien sie sehr viel unterwegs gewesen, hätten sich für Kultur interessiert und einen grossen Freundeskreis gepflegt; nun wirke Aurel als «Entschleuniger», der ihr Leben verlangsame. Auch ihr Freundeskreis habe die späte Elternschaft gut aufgenommen: «Zu unserem Erstaunen haben wir überhaupt nie dumme oder verletzende Sprüche gehört», sagt Alfred Albertini. Positiv reagiert hat auch seine 44-jährige Tochter, zu der er eine enge Beziehung hat.

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Nach dem ersten Jahr zieht Elisabeth Albertini, die sich vorher nicht vorstellen konnte, ein Kind zu haben, eine rundum positive Bilanz. Auch wenn sie Sorgen um die Zukunft nicht gänzlich ausblenden will: «Aber es bringt nichts, sich alle möglichen Horrorszenarien vorzustellen, es kommt ja meistens doch anders.»

«Mit ihm verbringe ich viel mehr Zeit.»

Fritz Frey, 62 Sohn Marc, 6

Der 62-jährige Fritz Frey wird von seinem sechsjährigen Sohn Marc auf Trab gehalten. Frey, der einst Feinmechaniker lernte, heute noch zu 60 Prozent im Telemarketing tätig ist und Töpferkurse gibt, bringt Marc viel Handwerkliches bei, geht mit ihm oft in die Natur oder besucht Museen. «Mit ihm verbringe ich viel mehr Zeit als früher mit meinen Töchtern. Diese wurden mehr oder weniger von der Mutter erzogen, weil ich so oft weg war und voll gearbeitet habe.»

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Bei allen positiven Erfahrungen gibt es auch einen Wermutstropfen: «Meine Töchter haben gar kein Verständnis gehabt, dass ich ihre Mutter verlassen und mit einer andern Frau so spät noch ein Kind bekommen habe.» Der Kontakt zu den 37 und 40 Jahre alten Töchtern und den drei Enkeln ist sehr lose, das Verhältnis angespannt. Dank seiner Lebenserfahrung lässt sich Frey nicht mehr so schnell aus der Bahn werfen: «Ich habe heute viel weniger Angst, dass einmal etwas passieren könnte.»

Idealisieren mag er das späte Vatersein allerdings nicht: Jetzt, wo andere die Freiheiten des Fast-Ruhestands geniessen können, fängt alles nochmals von vorn an. Er teilt sich die Hausarbeit mit seiner Frau, keine Haushaltspflichten sind ihm fremd. Wenn Marc allerdings meint, man müsse nur für ihn Zeit haben, kann das Frey schon mal stressen.Der Freundeskreis von Fritz Frey und seiner 39-jährigen Frau Susanne Zwahlen, die Leiterin einer Schulverwaltung ist, hat sich verändert. «Die früheren Bekannten sind aus unserem Gesichtsfeld verschwunden, weil sich die Interessen verschoben haben.» Heute hätten sie Kontakt zu Eltern mit gleichaltrigen Kindern.

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Geändert hat sich auch das Verständnis gegenüber Jungen: «Wenn man Kinder hat, kann man sich besser in deren Welt einleben.» Was die Zukunft bringt, daran mag Fritz Frey nicht denken in dieser schnelllebigen Zeit. Doch ist er zuversichtlich, zusammen mit seiner Frau den Boden gelegt zu haben, dass Marc auf dem rechten Weg ist, auch wenn er selbst diesen Weg vielleicht nur zu einem kürzeren Teil mitverfolgen kann.Ausser in der eigenen Familie haben Frey und seine Frau keine negativen Erfahrungen gemacht, auch wenn Marc manchmal gefragt wird, ob er mit seinem Grossvater unterwegs sei. «Aber schliesslich bin ich ja auch Grossvater», meint Frey lakonisch.

«Kinder wollen Eltern, keine Kumpels.»

Mario Pelli, 64 Sohn Pasquale, 11

«Bei meinem ersten Sohn habe ich noch viel mehr Literatur über die richtige Erziehung verschlungen», sagt Mario Pelli, Vater eines 11- und eines 32-jährigen Sohnes aus zwei Beziehungen. «Beim jüngeren Sohn Pasquale lasse ich mich viel mehr von Intuition und Erfahrung leiten.» Das führe auch dazu, dass er eine weit gelassenere Haltung einnehme, erklärt der 64-jährige ehemalige Gymnasiallehrer für Englisch und Portugiesisch. Mario Pelli, der seit wenigen Wochen pensioniert ist, ist ein exzellenter Koch. Das hat für seine 41-jährige Frau, die zu 70 Prozent als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Fachhochschule tätig ist, den Vorteil, dass sie im Haushalt und administrativ entlastet ist. Mittags kann sie sich meist an den gedeckten Tisch setzen. Zudem hat Pasquale nicht nur eine Stütze bei den Hausaufgaben, sondern auch ein Vorbild bei der Rollenteilung, wenn er den Vater mit Schwingbesen hantieren sieht.

Doch wie erlebt Pasquale den Vater, der altersmässig sein Grossvater sein könnte? «Ich habe nicht den Eindruck, er sei älter als andere Väter, obwohl ein Mitschüler fragte, ob das mein Grossvater sei. Nur beim Tschutten wünschte ich mir manchmal, er sei jünger.» Hier musste Pelli seine Grenzen erfahren: «Ich habe mit Pasquale auch Fussball gespielt. Bis es im Knie geknackt hat: Meniskus.»

Der grosse Altersunterschied hält Pelli indes auch davon ab, sich - wie das oft jüngere Eltern machen - auf eine Stufe mit den Kindern zu stellen: «Wer im gleichen Outfit wie die eigenen Kinder mit ihnen auf Inlineskates um die Wette fährt, macht sich eher lächerlich. Kinder wollen keine Kumpels haben, sondern Eltern.»

Mario Pelli sieht dank seiner Lebenserfahrung vieles nicht mehr so eng und oft mit einer ironischen Distanziertheit. «Vielleicht hat das zur Folge, dass Pasquale mehr auf seine Mutter hört, während ich für ihn eine Art Luftikus bin.»

Etwas Sorgen macht Pelli die Zukunft: «Wenn Pasquale 20 ist, bin ich über 70, da merkt man den Altersunterschied dann vermutlich schon.» Auch den beruflichen Weg seines jüngeren Sohnes wird er nur noch teilweise miterleben können. Und die Chance, dass er dereinst Pasquales Kinder sieht, ist eher gering. Ob ihm das etwas ausmachen wird, weiss Pelli heute noch nicht.

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