Louis lümmelt auf dem Sofa herum, bis er kopfüber runterhängt. Elena runzelt die Stirn, Franca zwirbelt den Saum ihres Kleidchens. Da säuselt Melanie Kollbrunner, die Mutter von Louis: «Rosa, wo bist du?»

Es schien eine sichere Sache, dass die drei Kinder nur einen Moment brauchen würden, bis sie wieder in die Welt des alternden Zooleoparden Rigo und der kecken Maus Rosa eingetaucht wären. Das ungleiche Freundespaar ist eine Erfindung des Berner Autors Lorenz Pauli und der Basler Illustratorin Kathrin Schärer. Franca, Elena, beide fünf Jahre alt, und der sechsjährige Louis lieben Rigo und Rosa. Und als Elena erfuhr, dass sie als erstes Kind überhaupt den zweiten Band sehen könne, war sie ausser sich vor Freude. Und nun das: Die drei wirken angespannt, etwas desinteressiert, und hören scheinbar gar nicht richtig zu.

Melanie dreht das Buch und zeigt den dreien eine Illustration. Die Maus liegt direkt vor der Nase des Leoparden, wie zu einem Paket geschnürt. «Ich habe mich verpuppt. Ich werde jetzt zu einer Schmettermaus», sagt Rosa. Die Kinder lachen. Für einen kurzen Moment vergessen sie das Klicken der Kamera. «Wird jetzt die ganze Zeitung voll von mir?», will Louis dann vom Fotografen wissen. «Also eine Zeitung, die man am Kiosk kaufen kann?» Mutter Melanie lächelt und bittet Louis, sich wieder zu setzen.

Blut ist beliebt

Die Maus fragt: «Rigo, wenn ich eine Idee habe und die Idee ist unbrauchbar: Wohin damit? Gibt es einen Mülleimer für unbrauchbare Ideen?» Melanie kommt jetzt richtig in Fahrt. Rosa zupfe dem Leoparden ein Haar aus und lasse es vom Wind davontragen, erzählt sie. «Autsch!» Die Kinder lachen. Melanie blättert um und Louis erhascht einen kurzen Blick auf eine andere Seite. «Oh, schau mal, da blutet Rosa am Kopf», ruft er mitten in die Geschichte hinein. «Was hat sie denn?» Die Kleinen sind jetzt voll dabei.

«Kinder lieben blutrünstige Erzählungen», sagt der Autor und Geschichtenerzähler Lorenz Pauli. Das merke er besonders bei seinen Engagements in Schulen, wenn er gemeinsam mit den Kindern eine Geschichte erfinde. Bei ihm sei das nicht anders gewesen.

Der 54-Jährige kann sich noch gut an die Grusel-Lust erinnern, die er als Kind bei den Struwwelpeter-Geschichten gespürt hat. So etwas mutet man Kindern heute eigentlich nicht mehr zu. Pauli kann Struwwelpeter aber noch immer etwas abgewinnen. «Die Geschichten verbinden Generationen und regen zum Reden über Gefühle an.» Auch böse Streiche Humor in der Erziehung Schmunzeln statt schimpfen funktionierten gut. «Das ist einfach lustvoll und muss in einem Buch Platz haben.»

Bild von Rosa, die am Kopf «blutet».
Quelle: © 2021 Atlantis Verlag

Humorvolle Figuren ziehen

Franca und Louis gefällt tatsächlich die Geschichte mit dem Blut am besten. Doch so viel sei verraten: Das Blut ist am Ende gar kein Blut. Überhaupt geht es in den Rigo-und-Rosa-Geschichten sehr harmonisch zu. Ja, sein Buch habe etwas Betuliches, gibt Pauli zu. «Erwachsene kaufen keine düsteren, erschreckenden Bücher. Und ich mag auch das bunte Leben und das Augenzwinkernde.» Zudem funktioniere die Beziehung zwischen den beiden Figuren nun mal so. Hier die gewitzte, junge Rosa, die neugierig auf alles ist. Da der alternde Rigo, der für jede von Rosas tausend Fragen eine weise Antwort hat – und wenn die Fragen zu schwierig werden, kurzerhand den Megamüpfel erfindet. «Ich kann ihnen nicht plötzlich neue Charakterzüge geben, das wäre nicht authentisch.»

Warum funktionieren die Rigo-und-Rosa-Bücher trotzdem? Beide bedienen sehr gekonnt den Humor Humor Lachen Sie sich gesund . Der ist schon in den Hauptfiguren angelegt: Der Leopard, eines der gefährlichsten Tiere der Welt, freundet sich mit einer harmlosen Maus an, statt sie zu fressen. Ein Normbruch, der Stoff für Situationskomik liefert. Kathrin Schärers Illustrationen unterstützen das witzig. Indem die Leseerwartung unterlaufen wird oder die Mimik der Tiere ein Lachen provoziert.

Etwa der meisterhaft gezeichnete Zufall, «als hoch oben ein Vogel flog und beschloss, zu kacken» – und der Dreck – schlack – auf Rigos Kopf landet. «Eine von Kathrins vielen Stärken ist es, dass sie die Geschichte weitertreibt oder das Bild nochmals eine ganz eigene Geschichte erzählt», sagt Pauli über die Illustratorin Kathrin Schärer. Und dann sind da die vielen feinen Zwischentöne, wenn die vife Rosa das weise Weltbild des alten Rigo ganz sanft verschiebt.

«Manche meiner Witze sind eigentlich nur für die Kinder lustig, andere verstehen nur die Erwachsenen. Es ist auch völlig egal, wenn die einen hier und die anderen dort etwas nicht mitbekommen. Beide haben ihre Orte, an denen sie schmunzeln können», sagt Pauli. Er mag auch das Spiel mit verschiedenen Ebenen. «Ich verstehe meine Geschichten als eine Art Self-Pick-Auslage: Man kann sich das rausnehmen, was grad für einen aktuell ist.»

Grosse Fragen schon bei Kleinen

Für Christine Tresch ist genau das ein Qualitätsmerkmal, wenn eine Geschichte auf mehreren Ebenen funktioniert. Die Germanistin ist Expertin für Kinder- und Jugendliteratur. Sie arbeitet beim Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien, das jährlich Tipps für besondere Neuerscheinungen gibt und den Kinder- und Jugendmedienpreis verleiht.

Obwohl sich die Rigo-und-Rosa-Bücher an Kinder richten, berührten sie auch Erwachsene. Ein grosses Plus, sagt Christine Tresch. «Ein gutes Vorlesebuch Anna-Katharina Diener Die Kunst des Vorlesens soll das Tandem packen und Kind und Mutter oder Vater Spass machen.» Schon im Kindergartenalter treiben die Kleinen grosse Fragen um. «Bilderbücher können ihnen helfen, mit komplexen Themen wie dem Klimawandel und auch eigenen Ängsten umzugehen.» Über eine gute Geschichte könne man Empathie entwickeln, lernen, die eigenen Emotionen auszudrücken, und so innerlich ein Stück wachsen. «Das gemeinsame Erzählen und Reden über eine Geschichte ist für Kinder darum genauso wichtig wie die Geschichte selbst», sagt Christine Tresch.

Doch wie findet man unter den rund 9000 Kinderbüchern, die jährlich auf den Markt kommen, die richtig guten? Nicht diese «netten Regenbogengeschichten», wie Pauli sie nennt, nicht diese Massenware. Man könne auf ein paar formale Kriterien achten, sagt Tresch. Das helfe. Zum Beispiel auf Dialoge.

Dank Zwiegespräch in Rollen schlüpfen

Eine Erzählung mit vielen Dialogen ist einfacher vorzulesen. Auch weil man beim Lesen in die einzelnen Rollen hineinschlüpfen und sie verschieden interpretieren kann. Und: Gute Dialoge schreiben sei anspruchsvoll, sagt Tresch. «Lorenz Pauli ist das bei Rigo und Rosa wunderbar gelungen. Er treibt mit Dialogen die Geschichte vorwärts und öffnet mit wenigen Sätzen ganze Gedankenwelten.» Wenn die Geschichte dann noch mehrschichtig sei und Leerstellen lasse, biete das die Möglichkeit, sie immer wieder auf neue Arten zu lesen, sagt Tresch. Das regt die Fantasie an.

Lassen sich diese Kriterien auf alle Bücher anwenden? Und funktionieren sie wirklich bei den Kindern? – Franca, Elena und Louis machen die Probe aufs Exempel. Mit den fantastischen Reisen in «Hey, hey, hey, Taxi!» von Saša Stanišić und Katja Spitzer. Man folgt irrwitzigen Gedankengängen. Zum Beispiel jenem einer Heldin, die nur montags und freitags gegen das Böse kämpft und sonst lieber ein Vogelhaus bauen oder Birnbäume pflanzen will. «Ich möchte auch so eine Heldin sein», ruft Elena.

Und da ist der liebenswerte Mäuserich in «Jeppe unterwegs» von Jutta Bauer. Er erhält vom König den Auftrag, eine wichtige Schriftrolle so schnell wie möglich ins benachbarte Schloss zu bringen. Doch allerhand Wichtiges hält die Maus mit der roten Hose davon ab. Einmal muss er dem verletzten Vater Eichhorn zu Hilfe eilen, dann die Kinder einer Schweinemutter hüten, weil die einkaufen gehen muss.

Fast rangeln Franca, Louis und Elena darum, wer den zweiten Teil der Geschichte erzählen darf, der ohne Worte zeigt, wie es dem König ergeht, während Jeppe unterwegs ist. «Sein Hund wälzt sich auf dem Rücken», sagt Franca. «Nein, der ist doch gestorben, da steckt ein Kreuz in der Erde», meint Louis, und schon reden die beiden mit Mutter Melanie über das Buch.

Porträt von Autor Lorenz Pauli

«Böse Streiche sind einfach lustvoll. Das muss in einem Buch Platz haben.» Lorenz Pauli, Autor

Quelle: Emil Hofmann

Spagat zwischen Spass und Ernsthaftigkeit

Von Büchern mit integriertem Lernauftrag hält Autor Lorenz Pauli nichts. «Man benutzt das Buch als Transportmedium, um die eigenen Wertvorstellungen zu vermitteln, und tut so, als wäre es ein Kinderinteresse. Das ist ein Betrug am Kind.» Er schreibe seine Bücher als reinen Unterhaltungsstoff. Das heisse nicht, dass er auf Tiefgang verzichte.

Unterhaltung und Tiefgang? Wie gelingt dieser Spagat? Er habe zu Beginn keine fixe Idee, wohin die Erzählung geht. Die Aussage erkenne er erst am Schluss, wenn die erste Fassung der Geschichte stehe. Sein erfolgreichstes Buch «Mutig, mutig» wäre nicht gut geworden, wenn er die Erzählung um die Botschaft «Sag auch mal Nein, wenn es dir zu viel ist» gebaut hätte, sagt Pauli. «Es hätte nicht diese Glaubwürdigkeit, weil es hors-sol entstanden wäre, ohne Verwurzelung im Leben.»

Bücher müssten Kinder in erster Linie unterhalten, ihnen Spass machen. «Das Wichtigste aber passiert ausserhalb des Buchs», sagt Pauli. Das Buch sei nur ein Vermittler. «Dabei merke ich grad, wie passend dieses Wort überhaupt ist. Da das Kind, da die Erwachsenen, und in der Mitte das Buch: Ver-MITT-ler», sagt er und kritzelt den Einfall auf einen Notizzettel.

Lorenz Pauli wollte keinen zweiten Band schreiben

Doch wie schreibt man eine Fortsetzung eines Buchs, das mit dem Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis ausgezeichnet wurde, als Gesamtkunstwerk beschrieben und überall mit Lob eingedeckt wird? Pauli war sich vier Jahre lang sicher, dass er keinen zweiten Band schreiben würde, obwohl der Verlag signalisiert hatte, dass man darüber hocherfreut wäre. Aber einen Rigo-und-Rosa-Band, der einfach beim ersten Erfolgsbuch Trittbrett fährt, wollte Pauli nicht. «Ich habe mir nicht zugetraut, dass ich nochmals in den gleichen Fluss steigen kann.»

Das mag nach Koketterie klingen bei einem Mann, der schon 50 Kinderbücher publiziert hat. Darunter Bestseller mit über 120'000 verkauften Exemplaren. «Es gibt Phasen, da bekomme ich ein Viertel- bis ein Halbjahr lang nichts hin. Das ist sehr ledrig, denn schreiben muss ich in dieser Zeit ja trotzdem», sagt Pauli. Dann müsse er aufpassen, dass er das Leichtfüssige nicht verliere. Aber irgendwann klappe das Geschichtenerfinden dann wieder.

Illustration Rigo und Rosa II
Quelle: © 2021 Atlantis Verlag

Der Pandemieschock brachte Bewegung

Der Türöffner kam mit Corona: Alle Auftritte an Autorenlesungen und in Schulen fielen weg – zuerst ein Schock. Aber in der vielen freien Zeit seien plötzlich die Geschichten zwischen Rigo und Rosa in seinem Kopf wieder da gewesen. «Nach den ersten existenziellen Sorgen habe ich realisiert, dass der Shutdown auch ein Glück ist, das ich ergreifen muss.»

Er begann, die Erlebnisse seiner «Familienmitglieder», wie er die Maus und den Leoparden nennt, aufzuschreiben. «Die ersten Geschichten waren mässig und mussten über die Klinge springen.» Dann sei aber etwas in Gang gekommen. «Ob die neuen Geschichten wirklich gleich gut sind, kann ich zu wenig abschätzen, das werden dann die Leserinnen und Leser beurteilen.»

Eine wichtige Stütze beim Schreiben ist ihm die Illustratorin Kathrin Schärer. «Unsere Beziehung ist schon fast metaphysisch: Während ich eine Geschichte schreibe, sehe ich schon Kathrins Bilder dazu.» Sie ist auch eine der Ersten, die seine Entwürfe lesen – und kommentiert und korrigiert. «Niemand kritisiert mich so, wie Kathrin das macht, und ich schätze das sehr. Denn irgendwann hat man die Streicheleinheiten satt und will sich weiterentwickeln.»

Von der Reise des Mäuserichs Jeppe kann der sechsjährige Louis fast nicht aufhören zu erzählen. Während Elena und Franca sich still über den Schokokuchen hermachen, geht er nochmals alle Stationen durch. «Warum hat seine Reise denn so lange gedauert?» Jeppe sei eben ein Bummler, sagt Melanie Kollbrunner zu ihrem Sohn – wie er ja manchmal auch. «Wenn ich Jeppe wäre, hätte ich einfach das Velo genommen», sagt darauf der Sechsjährige mit einem Grinsen und rennt dann den Mädchen hinterher in sein Zimmer, wo er als Superheld den Angriffen der beiden Seeräuberinnen standhalten muss.

Die Kinder Louis, Elena und Franca halten drei Kinderbücher hoch.
Quelle: Christian Schnur

Buchtipps

Buchcover Als Rigo Maeuse anpflanzte und Rosa die Leoparden erfand
Quelle: © 2021 Atlantis Verlag
  • Lorenz Pauli und Kathrin Schärer: «Als Rigo Mäuse anpflanzte und Rosa die Leoparden erfand»; Verlag Atlantis, 2021, 144 Seiten, Fr. 26.90, ab zirka 5 Jahren
Buchcover Rigo und Rosa
Quelle: © Atlantis Verlag
  • Lorenz Pauli und Kathrin Schärer: «Rigo und Rosa»; Verlag Atlantis, 2016, 128 Seiten, Fr. 29.90, ab zirka 5 Jahren
Buchcover Hey, hey, hey, Taxi!
Quelle: © Mairisch
  • Saša Stanišić und Katja Spitzer: «Hey, hey, hey, Taxi!»; Verlag Mairisch, 2021, 96 Seiten, Fr. 28.90, ab zirka 4 Jahren
Buchcover Jeppe unterwegs
Quelle: © Kibitz
  • Jutta Bauer: «Jeppe unterwegs»; Verlag Kibitz, 48 Seiten, Fr. 18.90, ab 4 Jahren

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