Das Geschäft mit der Babysicherheit boomt. Ikea beispielsweise verzeichnete 2006 in diesem Segment in einzelnen Monaten Umsatzsteigerungen gegen­über dem Vorjahr von bis zu 260 Prozent. Und in Fachgeschäften wie dem HW Babycenter in Bad Ragaz SG macht der Sektor Sicherheit mittlerweile mehr als zehn Prozent des Umsatzes aus. «Obwohl wir manche Artikel den Eltern gar nicht anpreisen, wollen sie gewisse Sicherheitsprodukte unbedingt kaufen», sagt Inhaber Harry Widrig. Den neusten Gag der Industrie, einen Helm fürs Haus, bietet er nicht an: «Das ist übertrieben.»

Der Helm soll Kinder vor Kopfverlet­zungen bei Stürzen schützen. Für Barbara Grosjean, Mutter von zwei Kleinkindern und Mitarbeiterin bei der Abteilung Erziehung der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU), ist der Babyhelm sogar kontraproduktiv: «Wenn man dem Kind einen Helm aufsetzt, spürt es beim Sturz den Schmerz nicht und wird sich daher der Gefahr nicht bewusst.»

Es sei besser, nicht alle Gefahrenquellen zu eliminieren, sondern die Kinder unter Aufsicht Dinge ausprobieren zu lassen. Mehr Schaden als Nutzen bringt für die Expertin auch der so genannte Babywalker. Mit der Lauf-Lernhilfe bewegt sich das Kleinkind strampelnd fort und soll vor Stürzen bewahrt werden. Das Gegenteil ist der Fall: Bei Absätzen oder Treppen fällt es, ohne dass es dabei natürlich stürzen kann. Die BfU empfiehlt deshalb: Hände weg vom Babywalker!

Überwachungskamera im Kinderzimmer

Zu den Standardanschaffungen, um Wohnbereiche für das Kleinkind sicherer zu machen, gehört auch das Babyfon. Einzelne Hersteller werben mit Reichweiten von bis zu 400 Metern. «Selten sind Sichtkontakt und ein störungsfreies Umfeld jedoch ge­geben, damit ein Gerät über diese Distanz funktioniert», schränkt Fachhändler Widrig ein. Die Industrie bietet deshalb zusätzlich so genannte Bébétels an: Schreit das Baby länger als 15 Sekunden, wählt das Gerät eine Telefonnummer nach Wahl an. Die Eltern können zurückrufen und ins Kinderzimmer hineinhorchen. Da der Kontakt über die Telefonleitung erfolgt, ist die Reichweite nicht begrenzt.

Ein Bébétel kostet allerdings 258 Franken, mit Bewegungsmelder sogar 348 Franken. Für Barbara Grosjean von der BfU bietet das Gerät eine trügerische Sicherheit. «Dass ich im nahen Restaurant einen Kaffee trinke, während mein schlafendes Kind von einem Gerät überwacht wird, finde ich keine gute Lösung.» Bei einem Brand seien Sekunden entscheidend, eine Abwesenheit könne verheerend sein. Grosjean verzichtet bei ihrem zweiten Kind völlig auf ein Babyfon. «Wenn ich die Tür einen Spaltbreit offen lasse, höre ich meine Tochter im ganzen Haus, wenn sie schreit», sagt sie. Erst recht nicht ins Haus der Expertin kommt der nächste Ausbauschritt, die bis zu 450 Franken teure Überwachungskamera. «Solche Geräte dienen höchstens dem Sicherheitsempfinden der Eltern, aber nicht den Kindern selber.»

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Ein Schreckgespenst für Eltern ist der so genannte plötzliche Kindstod bei Säuglingen. Und wo Angst ist, gibts auch ein Angebot: Der Markt offeriert Sensorenmatten, die unter die Matratzen des Kinderbetts gelegt werden können. Wenn das Baby nicht regelmässig oder gar nicht mehr atmet, piepst das Gerät. Für Barbara Grosjean machen solche Anschaffungen höchstens dann Sinn, wenn Eltern bereits mit dem plötzlichen Kindstod konfrontiert wurden und entsprechend sensibilisiert sind. Ansonsten versetzen die häufigen Fehlalarme der empfindlichen Sensoren eher in unnötige Aufruhr.

Billige Lösungen tuns auch

Es bleiben noch die Klassiker bezüglich Sicherheit im Wohnbereich: Stromkabel und Steckdosen sind für kleine Kinder faszinierend, aber auch gefährlich. Als Schutz können Fehlerstrom-Schutzschalter oder Sicherheitssteckdosen montiert werden - damit wird der Strom abgeschaltet, sobald die Energie durch den menschlichen Körper fliesst. Allerdings bezahlt man für die Montage schnell einmal mehr als 100 Franken. Wie so oft lässt sich die gleiche Wirkung auch wesentlich einfacher und günstiger erzielen (siehe nachfolgende Box «Kindergerechtes Wohnumfeld»): Für Steckdosen gibt es Kunststoffeinsätze, und Kabel sollten in Schienen verlegt werden.

Eine Gefahrenquelle sind auch Haarföhne im Badezimmer. Hersteller bieten Wandgeräte ab 140 Franken an. Barbara Grosjean geht einen Schritt weiter: Ihr Föhn befindet sich nicht im Bad, sondern im Raum daneben. Oft braucht es nicht viel, um die Sicherheit zu erhöhen.

Kindergerechtes Wohnumfeld: Sinnvolle Massnahmen für die ersten Lebensjahre

Sicherheit, die sein muss:

  • Fenstersicherungen, Schubladensperren, Backofenverschluss
  • Türklemmen, die verhindern, dass Türen zuschlagen können
  • Gitter am Fuss und am oberen Ende der Treppe
  • Antirutschmatte in der Badewanne
  • Kantenschutz an Möbeln
  • Netz, Gitter oder Plexiglas am Balkon oder an der Treppe, wenn die Geländer zu niedrig sind oder zu grosse Öffnungen aufweisen
  • Herdschutz zum Aufklappen
  • Kaminschutzgitter, wenn das Cheminée häufig in Gebrauch ist
  • Halterringe, um die Bettdecke zu fixieren und eine Erstickungsgefahr zu bannen


Sicherheit, die nichts kostet:

  • Keine Kissen im Kinderbett (Erstickungsgefahr)
  • Anstatt ein Gitter zu montieren, kann man anfangs eine Matratze neben das Bett legen
  • Kordeln und Schnüre gehören weder ans Bett noch an Spiel­sachen
  • Medikamente, Reinigungs- und Schädlingsbekämpfungsmittel, Alkoholika und Zigaretten ausserhalb der Reichweite von ­Kindern lagern
  • Gefährliche Gegenstände wie Fleischmesser, Stricknadeln oder Kleinteile, die verschluckt werden können, nicht in niedrigen Schränken und unteren Schubladen aufbewahren
  • Zigarettenkippen immer gleich entsorgen
  • Regale, die kippen könnten, wenn das Kind sich daran hochzieht, an der Wand festschrauben
  • Toilettentür schliessen - das WC reizt zum Spielen
  • Pfannenstiele beim Kochen gegen die Wand drehen, damit das Kind die Töpfe nicht herunterreissen kann
  • Auf Kajütenbetten verzichten; falls das nicht möglich ist, sollte das Bett mit der Norm EN 747 bezeichnet sein oder ein GS-Zeichen tragen
  • Tischsets statt Tischtücher verwenden

Weitere Infos

BfU-Kinderpost: Die Beratungsstelle für Unfallverhütung verschickt Informationsbroschüren für Eltern mit Kindern bis zum achten Lebensjahr.