Dieses Datum wird Patricia Akoud nie vergessen: Am 15. Juni 2005 erhält sie einen Anruf aus dem Sudan, vom Schweizer Botschaftsrat Hans Stalder - es ist für sie, als ob sie ihre Söhne nochmals geboren hätte. «Ich verlor zwei kleine Kinder und bekam zwei erwachsene Männer zurück», schildert die heute 45-jährige Mutter aus Winterthur diesen bewegenden Moment. 18 Jahre lang hatte sie ihre entführten Kinder nicht mehr gesehen.

Mit ruhiger Stimme, die Worte mit Bedacht wählend, erzählt Patricia Akoud, deren Vater Nigerianer und deren Mutter Schweizerin ist, wie ihre Ehe zum Alptraum wurde. Mit 23 Jahren heiratet sie den um etwa 15 Jahre älteren Sudanesen Khairy. Bald kommt das erste Kind Abdou auf die Welt. «Von einem Tag auf den andern hat sich mein Mann völlig verändert. Von einem weltoffenen, westlichen Mann wurde er zu einem radikalen Muslim», erzählt sie und versteht diese Wandlung bis heute nicht. Sie vermutet aber den Einfluss einer Sekte. Er hört auf zu arbeiten. Und wird gewalttätig; während der zweiten Schwangerschaft flüchtet Patricia ins Frauenhaus. Nach Khalids Geburt nähern sich die Eheleute wieder etwas an.

Monatelang Gefangene ihres Mannes

Ende 1987 eröffnet ihr Khairy eines Tages, seine Mutter liege in Kairo im Sterben, und es sei ihr grösster Wunsch, ihre Enkel zu sehen. «Ich war damals sehr naiv und reiste mit ihm nach Ägypten.» Dort erwartet sie indes keine todkranke Mutter, sondern Hausarrest bei einer Tante. Khairy befiehlt Patricia, ihm die Kinder, anderthalb- und halbjährig, zu überlassen, er wolle sie mit in den Sudan nehmen.

Khairy merkt allerdings, dass die Babys ihre Mutter noch brauchen. Widerwillig akzeptiert er, dass sich Patricia der Reise anschliesst. Drei Tage sind sie mit Zug und Schiff unterwegs, und die Mitreisenden wundern sich über die seltsame Familie, die sich dauernd streitet. «Khairy schlug mich häufig, und die Kinder schrien ständig.» In der sudanesischen Hauptstadt Khartum bringt er die Kinder ins Haus seiner Mutter. Diese ist alles andere als todkrank, freut sich über die Enkel und hat keine Ahnung, unter welchen Umständen sie zu ihr gekommen sind.

Für Patricia fängt nun eine lange Leidenszeit an. Niemand in der Schweiz weiss, wo sie steckt, nicht einmal ihre Mutter. Drei Monate ist sie bereits Gefangene im Haus ihres Mannes. Geld hat sie keines, doch eines Tages findet sie eine Münze - die noch wichtig werden soll, als es der Frau kurz darauf gelingt zu fliehen.

«Ich war völlig in Panik»

Sie packt die zwei Kleinkinder, rennt aus dem Haus. «Zum Glück wählte ich die richtige Seite, es kam gerade ein Bus, ich stieg ein, drückte dem Fahrer die gefundene Münze in die Hand, und das reichte offenbar gerade aus.» Vom zentralen Bushof geht es per Taxi zur Schweizer Botschaft. «Ich war völlig in Panik, doch der Geschäftsträger liess mich nicht einmal in die Botschaft hinein. Er führte mich ins nächstgelegene Hotel, das er als sicher bezeichnete.» Am folgenden Tag wäre ein Flugzeug in die Schweiz geflogen, doch unternimmt der Diplomat nichts, bis vier Tage später Geld von Patricias Mutter eintrifft.

Wertvolle Zeit verstreicht, was sich schnell als verhängnisvoll erweist. Inzwischen haben die Behörden nämlich eine Ausreisesperre gegen Mutter und Kinder erlassen. Patricia Akoud schildert eindringlich, wie sie die folgenden Tage in schrecklicher Angst vor Khairy verbringt. Eine berechtigte Angst, denn er hat ihr Hotel ausfindig gemacht. Mit einigen Kumpanen dringt er in das Gebäude ein, es kommt zu einer Schlägerei. Die Polizei taucht auf, Khairy flieht mit den Kindern, die schwer verletzte Patricia aber wird verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. «Ich weiss nicht mehr, wie lange ich dort war, ich kam jedenfalls völlig zerschlagen und halb blind nach einigen Tagen wieder heraus und wurde in ein Spital gebracht.» Für Patricia eine weitere traumatische Erfahrung: Das Spital starrt vor Dreck, der Röntgentisch ist blutverschmiert, der Gestank penetrant, ein Halbtoter liegt auf dem Boden.

Patricia Akoud sagt von sich, sie sei als 25-Jährige eine schüchterne, zurückgezogene Person gewesen. Damals ahnt sie nicht, dass sie die Kraft aufbringen muss, noch ein weiteres Jahr in einem fremden Land um ihre Kinder zu kämpfen. Zunächst mit Erfolg: Sowohl ein staatliches als auch ein islamisches Gericht sprechen ihr die Kinder zu. Doch: Das Urteil ist ein wertloses Stück Papier. Diplomat Stalder sagt zur Situation im Sudan: «Ein Urteil hat keine Folgen bezüglich Durchsetzung, vor allem in Familienangelegenheiten.» Eine Ausländerin sei dabei hilflos.

Anzeige

Die Rückführung missglückt

In ihrer Verzweiflung sucht sie einen neuen Weg. In der Schweiz engagiert Patricias Mutter einen Mann, der behauptet, schon erfolgreich Rückführungen gemacht zu haben. Mit einem Flugzeug für die Flucht kommt er in den Sudan. Nach einigen Tagen aber wird die Aktion abgeblasen. «Dieser Rückführer», sagt Patricia Akoud, «war völlig unprofessionell. Er wartete einfach im Hotel, bis ich ihm die Kinder ins Flugzeug gebracht hätte. Aber wie ich sie aus dem bewachten Haus dorthin hätte bringen sollen, das kümmerte ihn nicht.» Nach einem Jahr im Sudan muss Patricia einsehen, dass ihr Kampf vergeblich ist. «Ich wurde auch krank, war psychisch und physisch völlig am Ende.» Die vergeblichen Bemühungen um ihre Kinder haben ihre Mutter über 100'000 Franken gekostet.

Patricia Akoud kehrt in die Schweiz zurück. Sie stürzt sich in die Arbeit, macht eine Ausbildung zur Sozialpädagogin, heiratet wieder und hat nochmals zwei Kinder. Sechs Jahre nach ihrer Rückkehr reist ihr damaliger Mann in den Sudan. Weil Khairy zu dieser Zeit weg ist, kann er die Kinder sehen und fotografieren. Alle paar Jahre erhält sie ein Foto ihrer Kinder - was einen Funken Hoffnung am Leben hält: «Ich behielt den Namen Akoud, damit mich meine Kinder, die auch so heissen, einmal einfacher finden können.»

Anzeige

Tränen der Dankbarkeit

Und dann dieser Anruf im Juni 2005: «Herr Stalder sagte mir, zwei junge Männer stünden in der Botschaft, die mit mir Kontakt aufnehmen wollten.» Im Gegensatz zu seinem Vorgänger handelt Stalder äusserst rasch und selbstständig; ihm ist der Fall bereits bekannt. «Ich wartete eigentlich nur darauf, mit den Buben sprechen zu können», sagt er, «und als sie dann vor mir standen und sagten, sie wollten in die Schweiz reisen, verfolgte ich diese Bestrebungen mit grosser Energie.»

Er stellt den beiden jungen Männern Pässe aus und bereitet sogar die Mutter psychologisch aufs Zusammentreffen vor. Einen Monat später sehen Abdou und Khalid ihre Mutter in Winterthur. «Die Art, wie Hans Stalder die Rückkehr organisiert hat, wie professionell und feinfühlig er gehandelt hat, hat mich wieder mit dem versöhnt, was ich seitens seines Vorgängers vor 18 Jahren an Schrecklichem erlebt habe», sagt Patricia Akoud, und noch heute kommen ihr die Tränen der Dankbarkeit.

Seit dem ersten Zusammentreffen hat sie regelmässig Kontakt zu ihren Söhnen. Allerdings ist deren Zukunft ungewiss. Sorgen macht Patricia der ältere Sohn Abdou, der bei seinem Vater in Paris lebt und noch immer seinem fundamentalistischen Einfluss ausgesetzt ist. Khalid lebt in Khartum, Arbeit hat er keine. Zwar haben sich Mutter und Kinder wieder gefunden, ob es aber wirklich ein Happy End ist, lässt sich noch nicht sagen. «Es gibt so vieles, was wir zwischen uns klären müssen», sagt Patricia Akoud, «wieso ich nicht bei ihnen war, wer nun die Wahrheit sagt, ihr Vater oder ich.»

Das Leben hat aus der einst schüchternen Patricia Akoud zwangsläufig eine starke Frau gemacht, doch sie ist weder verbittert noch rachsüchtig. Sie macht keine Schuldzuweisungen und sieht bei allem zuerst das Positive. «Indem ich meine Geschichte erzähle, möchte ich anderen Frauen, die in eine ähnliche Situation geraten können, Mut machen.»

Anzeige
Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

Erfolgsquote: 40 Prozent

Der Fall Akoud ist nicht typisch. Mehrheitlich werden Kinder in die umliegenden Länder und die USA entführt, und in etwa zwei von drei Fällen ist der entführende Elternteil die Mutter. Im Jahr 2006 stellte die Schweiz aufgrund des Haager Kin-desentführungs-Übereinkommens 42 neue Anträge für Rückführungen aus dem Ausland.

Pendent sind etwa doppelt so viele Fälle. Laut Werner Ziemer von der Sektion Konsularischer Schutz des EDA wurden letztes Jahr 50 Fälle von Entführungen in Staaten, die dem Haager Abkommen nicht angeschlossen sind, behandelt. Dazu gehören fast alle islamischen Staaten sowie der Libanon. Bei etwa 40 Prozent aller Fälle komme es - oft meist erst nach mehreren Jahren - zu einer Lösung: sei es eine Rückführung, die Ausübung eines Besuchsrechts oder die Wiedervereinigung der Familie.

Anzeige