Mitten im Satz steht Sofie Graf* auf, wechselt auf den leeren Stuhl nebenan und damit auch den Blickwinkel. Jetzt betrachtet sie «das ganze Zeug» wie eine Aussenstehende. «Von hier aus kann ich es ja auch nicht verstehen», sagt sie. Weshalb bleibt eine Frau mit ihrem Ehemann zusammen, nachdem er sich sexuell an einem Kind vergangen hat? Nicht nachvollziehbar. Warum hat sie nicht früher gemerkt, dass er, der Pädophile, wieder rückfällig wurde? Unbegreiflich.

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Dann setzt sich Sofie Graf zurück auf ihren ursprünglichen Platz am Esstisch in ihrer Dachwohnung und ist wieder Hauptdarstellerin ihrer eigenen Geschichte. In dieser Rolle sind die scheinbar naheliegenden Schlussfolgerungen nicht so schnell gemacht, sie ist im Gestrüpp ihrer Emotionen gefangen. Die 50-Jährige spuckt ihr Gefühlschaos förmlich aus: «Angst.» «Wut.» «Ohnmacht.» «Ekel und Entsetzen.» «Verlorenes Vertrauen.» «Trauer