Jeden Mittwoch treffen sich im Schulhaus Bettacker in Allschwil BL etwa zehn Schülerinnen und Schüler im «TimeOut», einem speziellen Betreuungsprogramm. An den übrigen vier Tagen schnuppern sie Arbeitsluft in einem Betrieb. Es sind Jugendliche, die keine ungetrübte Schulkarriere hinter sich haben: Disziplinarverstösse und Schulschwänzen prägten ihren Alltag. «Ich habe im letzten Semester etwa 20-mal geschwänzt», sagt Marco (Namen der betroffenen Schüler geändert). Er habe das Gefühl, dass die Lehrer ihn nicht mögen: «Ich störe den Unterricht, weil ich mich langweile.»

Auch Corinne fehlte oft. Angefangen hat es mit einzelnen Stunden – schliesslich waren es zwei Tage am Stück. «Ich gehe nicht gerne zur Schule, das Lernen stinkt mir», gibt Corinne unumwunden zu. Statt zur Schule sei sie mit Freundinnen in die Stadt gegangen. Ahmed schwänzte etwas weniger oft und ging zum Mittagessen immer brav nach Hause, damit die Mutter nichts merkte: «Ich liess mich von zwei Kollegen anstecken, die schwänzten.»

Nicht alle Schülerinnen und Schüler, die der Schule regelmässig fernbleiben, landen im «TimeOut». Aber alle, die dort sind, haben reichlich Erfahrung mit Schulabsentismus – wie Schwänzen im Fachjargon heisst. Die Eltern wissen meistens nichts davon. Für Lehrerin Monique Pfaff, die die «TimeOut»-Klasse leitet, keine Überraschung: «Viele Eltern sind gegenüber schwänzenden Kindern machtlos. Sie sind froh, wenn die Schule Hilfe anbietet.»

Seit kurzem interessiert sich auch die Wissenschaft für das Phänomen, das lange tabuisiert wurde und über das Lehrerinnen und Lehrer nur ungern sprechen. Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg, leitet ein Nationalfondsprojekt zum Thema Schulabsentismus: «Beim Schwänzen sind Lehrkräfte, Eltern oder Behörden oft hilflos, schauen weg oder tabuisieren das Problem. Tatsächlich ist es ernst zu nehmen, denn auch die Qualität der Schule hängt mit dem Schwänzen zusammen.»

Auch sehr begabte Schüler schwänzen

Schulschwänzer stammen häufig aus so genannt bildungsfernen Schichten und aus Migrantenkreisen. Lange Zeit wurde angenommen, dass nur schwächere Schülerinnen und Schüler schwänzen würden. Das stimmt zwar noch, aber Margrit Stamm hat nun herausgefunden, dass auch Hochbegabte oft blaumachen. Der Grund: Sie haben den Schulstoff längst kapiert und langweilen sich zu Tode. «Diese Hochbegabten schwänzen, um in der gewonnenen Zeit eigene Projekte durchzuführen, zum Beispiel Computerprogramme zu entwickeln», so die Wissenschaftlerin.

Selbst die hochbegabten Schwänzer schaffen vielleicht den Schulstoff eines Tages nicht mehr, und auch das kann zu Problemen führen. Doch gravierender ist das Schwänzen bei Schwachen: Sie verpassen den Schulabschluss, finden keine Lehrstelle, sind arbeitslos – eine Spirale nach unten, aus der diese Schüler in der leistungsbetonten Gesellschaft kaum herausfinden.

Am häufigsten geschwänzt wird in den letzten Klassen der Volksschule, bei den 15- bis 16-Jährigen – in Sonderschulen häufiger als auf Gymnasiumsstufe. Im Gymnasium sind eher die gelegentlichen Blaumacher vertreten, die wenig gefährdet sind. Regelmässige Schwänzer hingegen sehen den Sinn in der Schule kaum und haben Mühe mit Lernen. Oft tun sie sich mit Gleichgesinnten zusammen und können auch mal mit dem Gesetz in Konflikt kommen. «In der Schweiz wurde der Zusammenhang zwischen Schulschwänzen und Delinquenz noch nicht untersucht», sagt Expertin Stamm, «aber Untersuchungen aus den USA zeigen einen klaren Zusammenhang auf.» Konkret: Nicht jeder, der die Schule schwänzt, gerät auf die schiefe Bahn, doch wer delinquiert, hat meist eine Schwänzerkarriere hinter sich.

Blaumachen ist unter Schülerinnen und Schülern weit verbreitet: Ein Drittel der 15-Jährigen der Sekundarstufe I hat schon ein bis mehrere Male tageweise geschwänzt, und ein Viertel versäumt regelmässig den Unterricht. Drei Prozent gelten sogar als notorische Schulverweigerer. Zu den Gründen fürs Schwänzen gehören die Abneigung gegen bestimmte Fächer, Prüfungsangst, schlechter Unterricht, Konflikte mit Lehrpersonen oder Gewalt durch andere Mitschüler.

Besonders gefährdet sind Schülerinnen und Schüler, die wenig Erfolgserlebnisse haben und Klassen repetieren mussten. Oft spielt Gruppendruck mit: Wenn ein tonangebender Schüler schwänzt, kann das für andere Signalwirkung haben. «Der Einfluss der Leithammel», sagt Margrit Stamm, «wurde noch wenig untersucht, dürfte aber bedeutend sein.»

Es gibt noch andere Gründe, weshalb Schüler nicht zur Schule gehen. Langweiliger Unterricht kann Schwänzen provozieren. «Wir zeigen mit der Studie auch einen unangenehmen Aspekt für die Schulen auf. Schwänzen ist ein Qualitätsmerkmal im Negativen», sagt Margrit Stamm.

Vielen Eltern fehlt die Einsicht

Ähnlich sieht das Marcel Koch vom Amt für Volksschule des Kantons St. Gallen. «Wenn Schüler den Draht zur Lehrperson nicht finden, verleidet diesen schon Gefährdeten der Unterricht noch schneller.» St. Gallen leistet neben den beiden Basel Pionierarbeit und hat ebenfalls ein Projekt für schwierige Schülerinnen und Schüler: Hier nehmen jährlich 50 bis 80 Jugendliche – meist mit Schwänzerkarrieren – während rund vier Monaten an einem Programm teil, weil sie in der Normalklasse nicht mehr tragbar waren. Bei rund der Hälfte der Teilnehmer gelingt die Integration.

In Guggisberg BE betreibt René Bartl das auf Schulausschlüsse spezialisierte private Heim «WG-Guggisberg 77B», in dem sieben Jugendliche mit schwierigen Schulkarrieren während einiger Monate Aufnahme finden. «Schulschwänzen ist meist verbunden mit anderen Disziplinarverstössen», sagt er. Oft mangelts auch an der Einsicht der Erzieher: «Viele Eltern nehmen ihre schwänzenden Kinder in Schutz, verharmlosen dieses Tun und zeigen auf andere, die es noch viel bunter treiben», so Heimleiter Bartl.

Manchmal gingen allerdings auch die Lehrkräfte zu wenig entschlossen gegen das unentschuldigte Fernbleiben vor, kritisiert «TimeOut»-Lehrerin Monique Pfaff: «Sich um Schwänzer zu kümmern ist mit grossem zeitlichem Aufwand verbunden und erfordert viel Energie.»

Die Jugendlichen im Allschwiler «TimeOut» geben sich geläutert. Sie sagen, was Monique Pfaff freut: «Schwänzen ist nicht gut, die unentschuldigten Absenzen machen bei der Lehrstellensuche einen schlechten Eindruck.» Trotzdem fehlt die grosse Begeisterung: «Ich schwänze zwar nicht mehr, aber die Schule scheisst mich immer noch an», sagt Corinne.

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