Leserfrage: «Mein Schwager spricht kaum noch mit mir. Was kann ich tun?»

Ihr Schreiben hat mich berührt. Sie haben die Geschichte von allen Seiten beleuchtet, Fehler nicht nur bei Ihrem Schwager gesucht und vieles auch relativiert.

Und doch stehen Sie dem Ganzen hilflos gegenüber. Denn Sie wissen nicht, was Sie falsch gemacht haben oder was das Ausmass seiner doch recht heftigen Reaktion erklären würde. Er meidet seit Jahren das direkte Gespräch, so dass keine Klärung möglich ist. Ihre Schwester möchten Sie nicht miteinbeziehen, Sie möchten sie nicht belasten, erwähnen aber auch indirekt, dass das Verhältnis nicht so eng ist. Was kann ich Ihnen also raten?

Nun, Sie sind nicht allein mit diesem Thema. Schwelende Konflikte im erweiterten Familiensystem gehören zu den häufigsten Anliegen, mit denen sich Beobachter-Leserinnen und -Leser an mich wenden.

Am meisten leiden Sie wohl unter dem fehlenden Dialog. Der Schwager verweigert das Gespräch, die Schwester möchten Sie nicht hinzuziehen, zumal der Konflikt ja Ihren Schwager und Sie betrifft. Wobei dies eine Annahme Ihrerseits ist. Ohne klärenden Dialog führen wir oft einen inneren Monolog – vor allem nachts – und verbringen Stunden damit, zu überlegen, was das schweigende Gegenüber wohl denkt und welche Gründe für sein Handeln vorliegen könnten. Da wir keine Reaktion erhalten, kreisen die Gedanken. Ein sehr unangenehmer und auch ungesunder Zustand Schlafprobleme Was tun, wenn negative Gedanken den Schlaf rauben? .

Lernen zuzuhören

Gleichzeitig ist es in einer jahrelangen Konfliktsituation nicht einfach, einen Dialog aufzunehmen. Kaum beginnt das Gegenüber, seine Sicht der Dinge darzulegen, passiert etwas recht Kompliziertes mit uns. Ein Teil von uns will sofort unterbrechen und etwas richtigstellen, der andere Teil ist zwar bereit, zu warten, gleichzeitig aber mit dem Vorbereiten der Antwort und einer Gegendarstellung beschäftigt. Vielleicht meldet sich Wut, vielleicht auch ein Gefühl von Verletztheit, beides ist aufwühlend.

Anzeige

Wir sind so sehr mit uns selbst beschäftigt, dass wir dem Gegenüber gar nicht richtig zuhören können. Dabei wäre das das Wichtigste. Sich gehört fühlen ist eine der elementarsten Voraussetzungen, damit Konfliktparteien einen Streit beilegen können.

Es sind nicht die überzeugenden Argumente des Gegenübers, die zur Versöhnung führen. Konflikte liegen meist auf der Beziehungsebene, nicht auf der Sachebene – gerade auch bei den angeblich so sachlichen Männern.

«Konflikte lösen sich nicht von selbst. Sie köcheln unter der Oberfläche weiter.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie Präsident von Pro Mente Sana

Ideal wäre folgendes Szenario: Ihr Schwager und Sie schildern einander je zehn Minuten lang, was den Konflikt verursacht hat, was ihn aufrechterhält und was der Konflikt bei Ihnen beiden auslöst – ohne einander zu unterbrechen. Erst danach, am besten nach einer Pause, geht es darum, wie Sie den Konflikt lösen können.

Anzeige

Die Pause darf ruhig eine Woche dauern. Lösungen finden wir selten unter Druck. Für einen Haltungswechsel entscheiden wir uns häufig während einer Aktivität, die gar nichts mit der Ursprungssituation zu tun hat. Nach besagtem Austausch also geht Ihr Schwager vielleicht mit dem Hund spazieren, spielt mit ihm und entscheidet plötzlich, dass er zwar nach wie vor der Meinung ist, Sie hätten sich an besagtem Tag vor sieben Jahren falsch verhalten, dass das aber nicht mehr so wichtig ist. Grundvoraussetzung dafür ist aber, dass er sich vorher gehört gefühlt hat.

Buchtipp
So meistern Sie jedes Gespräch
So meistern Sie jedes Gespräch
Mehr Infos
Anzeige

Wen einbeziehen?

Bei einem Konflikt stellt sich immer auch die Frage, wer mit an den runden Tisch sollte. Wir scheuen uns, andere bei Konflikten miteinzubeziehen. Konflikte sind bei uns recht schambesetzt. In anderen Kulturen gehören sie zur Tagesordnung, die Gemüter erhitzen sich, es blitzt und donnert, dann scheint die Sonne wieder, und die Luft ist rein. Wir hingegen verwenden viel Energie darauf, Konflikte zu verhindern oder so zu verstecken, dass sie niemand bemerkt. Mit Vertrauenspersonen besprechen wir sie häufig, mit der Konfliktpartei aber selten. Beides verstärkt oft die Spannung. Konflikte lösen sich nicht von selbst, sie köcheln unter der Oberfläche, oft jahrelang.

Wer gehört also an den runden Tisch? Alle, die mitbeteiligt sind oder zu einer Lösung beitragen können. Sie möchten Ihre Schwester schützen. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass sie die Spannung zwischen Ihrem Schwager und Ihnen nicht spürt.

Anzeige

Ich rate Ihnen also, dem Schwager einen Brief zu schreiben und ihn um ein Gespräch zu bitten. Sie können Vorschläge machen, wer sonst noch dabei sein soll. Lehnt er ab oder antwortet er nicht, würde ich ihn und Ihre Schwester anschreiben und erneut um ein Gespräch bitten. Sie können ihm mitteilen, dass Sie sich distanzieren, sollte kein Gespräch möglich sein, aber bei Treffen im Familienkreis gegenseitigen Respekt erwarten.

Buchtipp

Besser schreiben im Alltag

Aktuelle Tipps und Vorlagen für die private Korrespondenz

Mehr Infos

Buchcover: Besser schreiben im Alltag
Quelle: Beobachter Edition
Anzeige

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an:
thomas.ihde@beobachter.ch

Oder per Post an:

Thomas Ihde
Beobachter
Postfach
8021 Zürich

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Andres Büchi, Chefredaktor

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter

Anzeige