Eindringlich läutet Priester Kurukkal das hell klingende Glöcklein und zaubert aus einer Blechschale ein flackerndes Feuer hervor. Sein Gebet wird lauter, der Höhepunkt der Zeremonie rückt näher. Auf der Bühne haben Rathika und Ambi Rasalingam Platz genommen – die Braut und der Bräutigam. Im Saal sitzen 400 Verwandte und Freunde. Die Tische sind mit Papiertüchern und Plastikblumen gedeckt; aus den Lautsprechern dröhnt indischer Pop.

Kurz nach ein Uhr ist es so weit. Angehörige der Brautleute fassen die glitzernde Goldkette, die der Priester mit Weihwasser gesegnet hat, und tragen sie zum Hochzeitspaar. Unter dem Gesang des Geistlichen und dem Scheinwerferlicht der Videokamera legen beflissene Frauenhände die Kette um den Hals der Braut. Jetzt gilt das Paar als verheiratet, es wird stürmisch mit Blumen und Reis beworfen. Wenig später balancieren Küchenhilfen die Festtagsteller zu den Tischen.

Ambi und Rathika Rasalingam sind Tamilen. Das hinduistische Hochzeitsritual dauert mehrere Stunden; es gibt kein Fleisch und keinen Alkohol. Mit der Zeremonie werde ein Moment «besonderer Energie» geschaffen, so Priester Kurukkal. «Wenn Mann und Frau heiraten, führt Gott ihre zwei Seelen zusammen.»

«Besonders liebe Leute»
Speziell ist auch der Ort, an dem die Hochzeit stattfindet: Das Hotel Winkelried im aargauischen Wettingen, 1899 erbaut und 1922 mit dem grossen Saal erweitert, scheint eher ein Garant urschweizerischer Tradition zu sein als ein Ort multikultureller Begegnung. Auf der Speisekarte stehen «Hörnli und Ghackets». Die Tischdecken sind kariert; im Gewürzhalter stehen Aromat und Maggi. Die Holzplatte des Stammtischs ziert ein Gemälde der Schlacht zu Sempach, 1386: Arnold von Winkelried wirft sich im Kampf gegen die fremden Mächte todesmutig in die Lanzen. Keine Frage: Das «Winkelried» ist ein beliebtes Stammlokal der Einheimischen.

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Der Saal bietet Platz für Lottospiele und Liquidationsverkäufe, Sportanlässe und Konzertabende, Hochzeiten, Taufen und vieles mehr. An den Wänden hängen die Vitrinen der Vereine. Montags treffen sich die Leute zum Lotto, dienstags kommt der Liederkranz, am Mittwoch ist Ruhetag, am Wochenende wird gejasst.

Eine tamilische Hochzeit im «Winkelried»? Als die Schweizerinnen und Schweizer im letzten November die Initiative der SVP gegen Asylrechtsmissbrauch hauchdünn mit 50,1 Prozent ablehnten, stimmte in Wettingen eine Mehrheit von 51 Prozent der Vorlage zu. Zwei Jahre zuvor verwarfen 59 Prozent der Wettinger die Initiative zur Verschärfung der Zuwanderung – gegenüber 64 Prozent in der ganzen Schweiz. 1996 fand die Initiative gegen die illegale Einwanderung im Aargauer Dorf eine Zustimmung von 51 Prozent; gesamtschweizerisch wurde der Vorstoss mit 54 Prozent abgelehnt.

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Von den rund 18'000 Einwohnern Wettingens sind 4424 Ausländer – rund 25 Prozent. Die Zuzüger stammen aus 94 verschiedenen Ländern, vor allem aus Italien, dem früheren Jugoslawien, Deutschland, der Türkei. Tamilen gibt es nur wenige; die meisten ziehen es vor, in Baden oder Zürich zu leben, wo sie mehr Kontakt zu ihren Landsleuten haben.

«Die Tamilen sind besonders liebe Leute», betont «Winkelried»-Wirtin Johanna Willi. «Bei den anderen geht es manchmal etwas hoch zu und her.» Gelegentlich beklagen sich Anwohner über den Lärm, wofür die Wirtin aber wenig Verständnis hat: «Lärm gibt es auch bei Schweizer Festen; wer so nahe an einer Beiz eine Wohnung nimmt, muss doch wissen, dass es laut werden kann.» Johanna Willi selbst macht im Bernerverein mit: In der Gotthelftracht singt die gebürtige Reisiswilerin mit anderen Heimwehkantönlern traditionelle Jodellieder. «Jeder soll seine Kultur leben können», sagt die Wirtin.

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Multikulturalität ist für Johanna Willi auch ein Geschäftsfaktor. Seit 24 Jahren ist sie Gastgeberin in der Dorfbeiz. Vor etwa zehn Jahren stellte sie fest, dass der Saal mit Schweizer Publikum allein immer schwerer zu füllen war. Hochzeitspaare, die es sich leisten konnten, wichen zunehmend auf teurere Lokale aus. «Damals arbeiteten zwei Tamilen bei uns in der Küche. Der eine fragte, ob er im Saal ein Fest machen dürfe», erinnert sich Willi. Seither finden im «Winkelried» mehrmals jährlich grosse Familientreffen mit ausländischen Gästen statt, die aus der ganzen Schweiz anreisen, oft auch aus dem Ausland. Kurden und Türken haben bei Willis schon gefeiert, ebenso Albaner und Serben – und eben die Tamilen.

«Die Feste haben zwei Seiten»
Nach der Trauung wird dem Paar auf einem Palmblatt das duftende Festessen gereicht: Reis mit Gemüsecurry und Fladenbrot. Gegessen wird mit den Fingern, gegen den Durst stehen Cola und Fanta bereit. Die kulturelle Annäherung an die Welt des Westens macht auch vor tamilischen Familien nicht Halt. Mancher Jugendliche trägt Nike-Turnschuhe zum traditionellen Gewand, andere spielen mit dem Gameboy oder tippen ein SMS ins Handy.

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Ambi Rasalingam wohnt in Zürich. Dort hat der Bräutigam Familie und Freunde, dort hat er auch die Lebensmittel fürs Festessen eingekauft. «Aber in Zürich ist es schwierig, einen Saal zu finden», sagt der 32-Jährige. Hinten im Saal stellt das Küchenteam bereits das Dessertbuffet auf, es gibt Glacen in allen denkbaren Variationen. 1500 Franken Miete kostet der Saal für eine Hochzeit dieser Grösse, die Benutzung der Küche inbegriffen. Das Festessen haben Kollegen am Vorabend zubereitet – von Mitternacht bis in die Morgenstunden standen sie an den Kochtöpfen.

Ambi Rasalingam floh 1989 von der sri-lankischen Insel Jaffna in die Schweiz. In seiner Heimat habe er «absolut keine Zukunft» gesehen. Er lernte Deutsch und fand einen Job im Gastgewerbe. «Heute arbeite ich als Souschef». Er ist stolz auf seine Aufenthaltsbewilligung B. Seine Frau ist erst seit neun Monaten in der Schweiz und bemüht sich, rasch die Landessprache zu lernen. Fragt man die Hochzeitsgäste nach ihrem Befinden in der Fremde, lautet die Antwort einhellig: «Wer sich anpasst und arbeitet, findet sich rasch zurecht.»

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«Eine Zeit lang kamen manche der Schweizer nicht mehr gern ins ‹Winkelried›, weil sie das Gefühl hatten, die Ausländer würden sich zu stark ausbreiten», erzählt Johanna Willi. Die Familienfeste der Ausländer hätten «leider zwei Seiten»: «Einerseits ist es schön, wenn der Saal genutzt wird, und ohne diese Abwechslung würde mir etwas fehlen. Auf der anderen Seite riskieren wir, dass sich die Schweizer an den Rand gedrängt fühlen.» Am Stammtisch würden viele Wettinger Klartext reden, etwa dass die Zügel im Asylwesen straffer geführt werden müssten.

Im «Winkelried» hat sich der Brauch entwickelt, den Gästen nach Nationalitäten getrennte Tische anzubieten, damit die Angehörigen der verschiedenen Volksgruppen unter sich sein können. «Reserviert: Österreich», steht jeweils am Samstagmorgen auf einem der Tische, «Reserviert: Griechenland», heisst es auf dem Nachbartisch. Sobald der Frühschoppen getrunken ist, räumt der Kellner aus Exjugoslawien die Schildchen in die Schublade, und Türken und Kroaten, Serben und Bosnier nehmen in der Gaststube wieder frei ihre Plätze ein – neben Schweizern, Österreichern und Deutschen.

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«Die sind schon lange hier» Die tamilische Hochzeitsgesellschaft benutzt konsequent den Hintereingang, damit man nicht durch die Gaststube laufen muss. Man will nicht stören. Keine Schweizer und keine anderen Ausländer setzen einen Fuss in den Saal. «Wir machen die Türen zu, dann gehts gut», meint ein Stammgast auf die Frage, ob ihn die Feier störe. Man grüsst sich, toleriert sich, lässt sich in Ruhe. Befragt man die Einheimischen am Stammtisch des «Winkelried», hört man kaum ein böses Wort über die Ausländer im Ort. «Die sind schon lange hier», heisst es über die Österreicher und Griechen, «das sind liebe Leute.» Das gelte auch für die meisten Bosnier oder Türken: Wer die hiesigen Sitten respektiere, sei willkommen. So teilen sich im «Winkelried» zwei Schweizer und drei ausländische Klubs die Kegelbahnen. Kaum hat der örtliche Liederkranz im Saal seinen traditionellen Familienabend durchgeführt, mietet eine fernöstliche Kampfgruppe das Lokal für eine Kung-Fu-Show.

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Auf der Bühne im Saal gehen noch einmal die Scheinwerfer an. Jeder Gast erhält ein Geschenk zur Erinnerung: ein rotes Plastikherz mit dem Bild des Brautpaars auf dem Deckel und Süssigkeiten im Innern. Mit glänzenden Augen schneiden Ambi und Rathika Rasalingam die üppige Hochzeitstorte an. Während die Braut ihrem Liebsten ein Stück der Torte in den Mund schiebt, sieht man durch das Fenster des «Winkelried», wie die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner draussen mit gefüllten Einkaufstaschen heimwärts ziehen. Stumm und gesenkten Blicks gehen sie an den Tamilen vorbei, die raus an die Sonne gegangen sind, um frische Luft zu schnappen.