Andrej kann sich nicht beklagen. Zwar haben sich seine Eltern vor Jahren getrennt, wie das mittlerweile 48 von 100 Ehepaaren tun. Doch deswegen muss der 17-Jährige nicht wie viele seiner Schicksalsgenossen auf gemeinsame Festtage mit Vater und Mutter verzichten, weil sich diese nicht mehr sehen, geschweige denn zusammen feiern können. Dieses Jahr fährt sogar die ganze Familie über die Weihnachtstage nach Avignon. Und die ganze Familie heisst in Andrejs Fall eben: Mutter Nicole Peter und ihr neuer Partner Patrick Hirschi; Vater Lukas Germann und dessen neue Partnerin Sibylle Trenck. «Ein tolles Paket», meint Andrej. Und damit spielt er nicht etwa auf die Geschenke an, die für Kinder in funktionierenden Patchworkfamilien mitunter im Doppelpack ­unter dem Christbaum liegen. Bei And­rej kommt der Satz von Herzen: «Wir ver­­stehen uns alle super» – gegenseitig und übers Kreuz.

Was hier nach Friede, Freude, Eierkuchen klingt, ist nicht selbstverständlich. «Patchworkfamilie» mag netter klingen als «Scheidungskind» und «Stiefeltern» – aus verschiedenen Einzelteilen wird etwas Neues, Buntes gebastelt, das allen Freude macht und hübsch anzusehen ist. Doch bis all die Teile ineinandergreifen und zu einem Ganzen verschmelzen, ist es ein langer und zuweilen steiniger Weg.

Ein anspruchvolles Zeitmanagement

Bei Andrejs Geburt waren die Eltern gerade mal 19 Jahre alt. Geplant war er nicht, ein Wunschkind trotzdem. «Spätestens ab dem Moment, als er in meinem Bauch den ersten Schluckauf hatte», erinnert sich Nicole Peter. Als Andrej zwei Monate alt war, zog die kleine Familie von Sargans nach Zürich, wo der Vater sein Philosophiestudium aufnahm, während die Mutter für die Zweitwegmatura büffelte und dreimal die Woche mit dem Zug an die Abendschule in Sargans pendelte – eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Über Wasser hielt sich die Kleinfamilie mit elterlicher Unterstützung und Nebenjobs.

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Für das junge Paar mit Kind wurde das Leben zur organisatorischen Reifeprüfung. Damit die Kinderbetreuung klappte, mussten zu Beginn des Studien­semesters jeweils die Stundenpläne abgesprochen werden. Denn dass sich beide, Mutter und Vater, zu gleichen Teilen um Andrej kümmern würden, stand ausser Frage. «Meist schaute ich am Morgen und Nicole am Nachmittag», erklärt Lukas Germann. So kamen sie die ersten vier Jahre über die Runden, ohne Fremdbetreuung. Dafür lebte das Paar «ziemlich aneinander vorbei». Es kam, wie es in solchen Fällen oft kommt: Als Andrej vier war und nachts endlich durchschlief, Nicole ihre Matura und Lukas sein Grundstudium im Sack hatte, schnupperten die jungen Eltern seit Jahren wieder einmal so etwas wie den süssen Duft der Freiheit – und erlagen ihm. «Wir hatten uns auseinandergelebt», erklärt Lukas Germann. Man entschied sich für die Trennung.

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Eine schmerzhafte Zeit folgte, wie beide betonen. Eine Zeit der emotionalen Achterbahnfahrten, der verletzten Gefühle – und der nächtlichen Diskussionen. Denn eines war klar: «Wir wollten unsere Konflikte nicht vor, nicht mit und schon gar nicht über unseren Sohn austragen», sagt Nicole Peter. Und Lukas Germann meint: «Andrej war nie ein Spielball zwischen mir und Nicole, sondern vielmehr der Kitt, der uns trotz allen Differenzen zusammenhielt.»

Auf der Ebene der Liebesbeziehung war man auseinandergegangen, die ­Elternebene bildete aber weiterhin das Fundament ihrer Beziehung. So wollten denn auch beide weiterhin je zur Hälfte die Kinderbetreuung übernehmen und bezogen deshalb bewusst Wohnungen im selben Stadtteil. Ab Schulbeginn wohnte Andrej dann jeweils abwechselnd eine Woche bei der Mutter, eine Woche beim Vater.

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So eine freundschaftliche Beziehung zwischen getrennten Ehepaaren gerät nicht selten aus dem Ruder, wenn neue Partner ins Spiel kommen. Neid, Argwohn, Eifersucht sind die möglichen Gründe dafür. Er meint etwa, der Neue an der Seite seiner Exfrau sei nicht gut genug für das eigene Fleisch und Blut. Oder das Kind selbst lehnt den neuen Freund der Mutter ab. Oder sie kann sich nicht mit der neuen Liebe des Expartners anfreunden und stellt sich dem neuen Glück in den Weg. Der Klippen, die es zu umschiffen gilt, sind viele. Andrej und Co. haben sie gemeistert.

«Das Gespräch kam schleppend in Gang»

Nicole Peter und Patrick Hirschi leben nun schon seit einigen Jahren zusammen. Er hatte das Dreiergespann Lukas, Nicole, Andrej jedoch schon vorher gekannt. «Das machte die Annäherung an das Kind natürlich einfacher», sagt Hirschi. Mehr habe ihn der Gedanke beschäftigt, sich überhaupt auf eine Beziehung einzulassen und damit die bisherige Freundschaft vor allem zu Andrejs Vater aufs Spiel zu setzen. Seine Befürchtung erwies sich als unbegründet.

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Sibylle Trenck, 29, lernte Lukas Germann vor etwa drei Jahren kennen. Sie wusste von Anfang an, dass da noch ein Sohn und eine Expartnerin sind. Nach ein paar Wochen stand der grosse Tag an: das Treffen mit Andrej. Sie seien total verschüchtert gewesen, meint Sibylle Trenck: «Das Gespräch kam nur schleppend in Gang.» Das Eis schmolz jedoch schnell, auch zwischen ihr und Andrejs Mutter, auf die sie sehr neugierig gewesen sei. Schon bald habe man sich auch gegenseitig zum Abendessen eingeladen.

Andrej selbst hat sich ebenfalls schnell an die neuen Partner gewöhnt: «Ich hatte auch nie das Gefühl, dass meine Eltern deswegen weniger Zeit für mich hätten.» Und der solidarische Umgang zwischen seinen Eltern hat auch sein Bild von Liebe und Res­pekt geprägt. «Meine Eltern sind mir da ein grosses Vorbild», sagt er. Seine Mutter, Nicole Peter, gibt das Kompliment zurück: «Auch dank Andrejs offenem und herzlichem Charakter hat sich die ganze Fami­lienkonstellation so positiv entwickelt.» Zum Beispiel habe ihr Sohn nie den einen Elternteil gegen den anderen ausgespielt. «Ich wurde eben früh in alle Entscheidungen miteinbezogen. Dadurch fühlte ich mich nie und von keiner Seite ausgeschlossen oder übergangen», meint Andrej.

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«Ich war froh, dass sie streng sein kann»

Auf die Frage, wer denn nun in dieser elterlichen Viererkiste das Sagen hat, wenn es um Erziehungs- und Alltagsfragen gehe, erklärt Nicole Peter: «Massgebend sind nicht nur Fleisch und Blut, sondern die sozialen Rollen, die man dem Kind gegenüber einnimmt.» Und da seien die neuen Partner genauso gefragt wie die leiblichen Eltern. So profitiere sie davon, bei heiklen Fragen auf drei weitere Perspektiven zurückgreifen zu können. «Natürlich habe ich am Anfang geschaut, wie das die Sibylle mit meinem Sohn macht. Und als ich sah, dass auch sie streng mit ihm sein kann, war ich ausgesprochen froh.» Und Lukas Germann betont: «Ich bin extrem stolz, dass die neuen Partner Andrej so toll angenommen und lieben gelernt haben.» Von einer Kränkung seines Egos könne in diesem Zusammenhang jedenfalls keine Rede sein – «vielmehr von Befriedigung des Egos».

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Und wie sollen die Feiertage ablaufen? «Wir nehmen es, wie es kommt», sagt And­rej. Wichtig sei die gemeinsame Zeit, nicht ein perfektes Fest. Darum habe auch niemand zu hohe Erwartungen an den anderen. Wer keine Lust zu singen hat, singt nicht. Und wer am Nachmittag mal eine Stunde dösen möchte, tut dies, ohne die anderen damit zu brüskieren. Sibylle Trenck entschied sich just dieser Un­gezwungenheit wegen, erstmals «in ihrer neuen Zürcher Familie» zu feiern, und nicht wie üblich mit ihren Eltern in Deutschland. Zu fünft ist es ein entspann­tes Beisammensein – jeder kann sich selbst bleiben, muss keinen überhöhten Ansprüchen genügen. «Das ergibt eine grosse Offenheit, nicht nur an Feiertagen, sondern auch im Alltag. Was aber nicht bedeutet, dass wir nie streiten», sagt Andrej. «Für mich ist es jedenfalls eine grosse Bereicherung, zwei Elternpaare zu haben.»

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