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VaterschaftsurlaubAuch kleine Firmen könnten von der Papi-Zeit profitieren

Internationale Konzerne preschen mit Urlaub für Papis vor. Für KMU sei das zu teuer, heisst es. Dabei könnten auch sie profitieren, zeigen Beispiele.

«Die Arbeitskollegen haben positiv reagiert, als ich ein paar Wochen für Elliot da sein wollte.» – Joël Bez, Webdesigner.
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aktualisiert am 25. April 2019

«Mach das Pferd, Papi!» Der zweijährige Elliot umschlingt mit seinen Ärmchen den Hals des Vaters. Der steht auf, Elliot baumelt ihm auf dem Rücken. Und los geht es im hopsenden Schritt. Der Kleine quietscht. Vater Joël Bez imitiert schnalzend das Klappern der Hufe.

Später werden die beiden noch Velo fahren und den Gartenzaun reparieren. Heute ist Papi-Tag. Immer freitags ist Joël Bez mit dem Sohn zu Hause, seine Frau arbeitet.

Der 36-jährige Lausanner arbeitet bei der kleinen Zürcher Digitalagentur Ginetta. Bereits als Elliot zur Welt kam, erhielt Bez acht Wochen Vaterschaftsurlaub – zu 100 Prozent bezahlt. Vier Wochen bezog er direkt nach der Geburt, den Rest übers erste Jahr verteilt.

Das ist nicht selbstverständlich. Die Schweiz kennt keinen gesetzlichen Anspruch auf einen Vaterschaftsurlaub. Sie steht damit schlechter da als Länder wie die Türkei, Portugal und Polen (siehe Infografik). Viele Firmen in der Schweiz gewähren Vätern zur Geburt eines Kindes nur einen einzigen freien Tag. In manchen Fällen ist das zu kurz, um die Geburt überhaupt mitzukriegen.

Für Joël Bez wäre das undenkbar gewesen: «Meine Frau hatte eine schwierige Geburt und musste eine Woche im Spital bleiben», erzählt er. «Dank Vaterschaftsurlaub konnte ich bei ihr sein und sie mit dem Baby unterstützen.»

Im Parlament oft gescheitert

Konzerne wie Novartis, Johnson & Johnson oder Google führen von sich aus immer grosszügigere Papi-Urlaube ein. Zahlreiche kleine Betriebe ziehen hingegen nicht mit. Viele Politiker wehren sich zudem hartnäckig gegen die Einführung eines gesetzlichen Vaterschaftsurlaubs, der auch kleinere Firmen in die Pflicht nehmen würde. Vorstösse im Parlament scheiterten immer wieder.

Nun fordert die Volksinitiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub» Vaterschaftsurlaub «Viele Familien müssen sich durchwursteln» 20 Tage bezahlten Urlaub für frischgebackene Väter. Der Bundesrat lehnt sie zwar ab, die zuständige Kommission des Ständerats hat aber einen indirekten Gegenvorschlag eingebracht: 10 Tage. In den nächsten Monaten werden die Räte darüber abstimmen.

Gegen ein «gesetzliches Korsett»

Kritik am Vaterschaftsurlaub kommt mehrheitlich aus dem bürgerlichen Lager und von Arbeitgebern. Sie lehnen ein «gesetzliches Korsett» ab. Ihr Hauptargument: Die zusätzlichen Abgaben für einen Papi-Urlaub seien vor allem für kleine Firmen nicht finanzierbar.

Die Initiative sieht vor, dass der Vaterschaftsurlaub über die Erwerbsersatzordnung (EO) Lohnabrechnung Welche Abzüge gehen vom Gehalt weg? finanziert wird – wie schon der Mutterschaftsurlaub Arbeitsrecht Schwanger - darauf müssen Sie achten . Der Bundesrat rechnet mit Kosten in Höhe von 420 Millionen Franken für 20 Tage. Für diese müssten Arbeitgeber und Arbeitnehmer geteilt aufkommen.

«Vielen KMU geht es finanziell nicht gut», sagt Kurt Gfeller, Vizedirektor des Gewerbeverbands. «Jede Zusatzbelastung ist schlecht und abzulehnen.» Zudem würden die zusätzlichen Absenzen für kleinere Betriebe zu einem ernsten Problem. «Die Personaldecke dieser Firmen ist dünn, jede zusätzliche Abwesenheit eines Mitarbeitenden verursacht organisatorische Probleme.»
 

«Auf 45 Jahre Erwerbstätigkeit würde ein Mann im Schnitt sechs Wochen fehlen. Mir soll keiner sagen, dass das eine Firma auf den Kopf stellt.»

Gerhard Andrey, Gründer der Webagentur Liip


Bei Vater Joël Bez war die Absenz kein Problem, obwohl er eine leitende Funktion hat. «Wir sind so aufgebaut, dass niemand unersetzlich ist», sagt Bez. Seine Kollegen hätten positiv reagiert, als er ankündigte, er wolle ein paar Wochen für sein Kind da sein.» 

«Es ist alles eine Sache der Organisation», sagt Ilona Baier, Geschäftsführerin bei Bez’ Arbeitgeber Ginetta. Für sie ist der Vaterschaftsurlaub ein Zeichen der Wertschätzung an die Mitarbeiter. Man habe ihn eingeführt, nachdem aufgefallen sei, dass nur sehr wenige überhaupt Kinder bekamen. «Der Altersschnitt bei uns ist 31,5 Jahre. Trotzdem gab es lange keine Ginetta-Babys.» Mit dem bezahlten Vaterschaftsurlaub habe man den Mitarbeitern zeigen wollen, dass man sie bei wichtigen Lebensereignissen unterstütze.

Google bietet 60 Tage Vaterschaftsurlaub

Ganz uneigennützig ist das Ganze nicht: «Wir stehen in Konkurrenz mit Firmen wie Google und möchten Mitarbeitern etwas bieten», sagt Ilona Baier. Google offeriert 60 Tage Papi-Urlaub – in der Schweiz einer der grosszügigsten Konzerne.

Die Kosten für den Vaterschaftsurlaub trägt bei Ginetta zu einem grossen Teil die Firma selbst, zu einem kleineren Teil sind es die Mitarbeiter – indem jeder einen minimal geringeren Bonus erhalte. 

Vereinzelt haben auch andere KMU einen Vaterschaftsurlaub eingeführt Familienfreundlicher Betrieb «Es tut der ganzen Familie gut» . Bei der Berner Firma Lernetz, die interaktive Lehrmittel für Schulen erstellt, stehen frischgebackenen Vätern vier Wochen zu. Zehn Väter haben den Papi-Urlaub bereits bezogen. Silvan Mahler ist einer von ihnen. «Mitarbeiter müssen zunehmend flexibel sein. Das ist leichter umzusetzen, wenn auch die Kinderbetreuung flexibel aufgeteilt werden kann», sagt er. «Der Vaterschaftsurlaub hat das mir und meiner Frau ermöglicht.»

Auch Gerhard Andrey sieht vor allem Vorteile in der Einführung des Vaterschaftsurlaubs. Der Mitgründer der schweizweit tätigen Webagentur Liip zählt auf: zufriedenere Mitarbeitende, eine bessere Work-Life-Balance Job und Privates trennen Wenn die Arbeit zu Hause weitergeht , mehr Gleichstellung. Seit Gründung der Firma hätten ausnahmslos alle 50 Väter die vier Wochen Papi-Zeit bei 100-prozentiger Bezahlung genutzt.

Die Ausfallzeit hält er für vernachlässigbar: «Wir Schweizer bekommen im Schnitt 1,5 Kinder», rechnet Andrey vor, der im Initiativkomitee für den Vaterschaftsurlaub mitwirkt. «Auf 45 Jahre Erwerbstätigkeit fehlt ein Mann wegen vier Wochen Vaterschaftsurlaub im Schnitt also sechs Wochen. Mir soll keiner sagen, dass das einen Betrieb auf den Kopf stellt.»

Weniger Abgaben fürs Militär, mehr Möglichkeiten für Väter?

Mit einer staatlichen Lösung würde ein Vaterschaftsurlaub allen Angestellten der Schweiz zugutekommen – egal, wie gross und aufgeschlossen der Betrieb sei, sagt Adrian Wüthrich, Berner SP-Nationalrat und Präsident der Gewerkschafts-Dachorganisation Travail Suisse. Denn so würde die Finanzierung solidarisch über alle Arbeitgeber und -nehmer laufen.

«Familien könnten künftig damit rechnen, bei jedem Arbeitgeber auf ein familienfreundlicheres Umfeld zu treffen.» Die solidarische Finanzierung würde zudem die Firmen entlasten, die den Vaterschaftsurlaub derzeit aus Überzeugung im Alleingang finanzieren.

Die Beispiele von Ginetta & Co. zeigten, dass ein Vaterschaftsurlaub auch für KMU organisierbar sei. «Jede noch so kleine Firma kann es verkraften, wenn Väter ein paar Tage fehlen», sagt Wüthrich. Besonders weil die Initiative vorsehe, dass Väter die 20 Tage flexibel über ein Jahr hinweg beziehen könnten. So würden sie nicht zwingend vier Wochen am Stück fehlen.

Und selbst mit diesem Fall hätten die Arbeitgeber bereits Erfahrung: «Fürs Militär fehlen Männer zwischen 20 und 30 Jahren etwa sechsmal für drei, vier Wochen zu fixen Zeiten. Da müssen sich Arbeitgeber auch organisieren.» Hinzu komme, dass der Militärdienst von 260 auf 245 Tage reduziert worden sei. Die Wirtschaft werde dadurch entlastet, es gebe Raum für den Vaterschaftsurlaub.

Das betreffe auch die Finanzierung: Der Militärdienst wird über dieselbe Kasse finanziert – die Erwerbsersatzordnung, die zur Finanzierung des Vaterschaftsurlaubs vorgesehen ist. Nun, da Firmen weniger Abgaben fürs Militär leisten müssten, wären die Ausgaben für den Vaterschaftsurlaub verkraftbar.

Die Initianten rechnen bei einem durchschnittlichen Schweizer Bruttolohn von rund 6000 Franken mit Kosten in Höhe von drei Franken im Monat, die Arbeitnehmende wie Arbeitgeber je zusätzlich zahlen müssten. «Das ist für jede noch so kleine Firma tragbar», sagt Wüthrich, der den Trägerverein der Vaterschaftsurlaubsinitiative präsidiert.
 

«Vielen KMU geht es finanziell nicht gut. Jede zusätzliche Belastung ist schlecht und abzulehnen.»

Kurt Gfeller, Vizedirektor Gewerbeverband


Der Arbeitgeberverband widerspricht. Die gesetzliche Regelung würde Firmen zwingen, Leistungen mitzufinanzieren, von denen die eigenen Mitarbeitenden vielleicht gar nicht profitieren könnten. «Wenn ein KMU etwa keine Väter unter den Mitarbeitenden hat, kann es für die Firma und die Belegschaft sinnvoller sein, statt eines Vaterschaftsurlaubs mehr Ferien für alle oder einen Urlaub für die Betreuung von Angehörigen zu bieten», sagt Sprecher Fredy Greuter. «Eine gesetzliche Regelung würde die betroffene Firma benachteiligen.»

Bei Ginetta hat der Papi-Urlaub derweil nicht nur dem jungen Vater Joël Bez genutzt. Durch seine Unterstützung habe sich seine Frau nach der Geburt selbständig machen können. «Das wäre sonst nicht möglich gewesen», ist Bez überzeugt.

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2 Kommentare

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Eve-on

Wie viele Tage und Nächte sinnloser und langweiliger WK-Tage, zermürbender Aufgaben, unendliche Wache schieben, etc. haben Armeeangehörige schon absolviert? Würde man solche Tage restlos streichen (was ganz nebenbei zu weniger Frust und anderen negativen Gefühlen bei den Armeeangehörigen führen würde) und die EO hochrechnen, käme man bestimmt auf mehrere Millionen Franken, die man in einen viel sinnvolleren Vaterschaftsurlaub fliessen lassen könnte....

Wieviele Schusspatronen werden sinnlos an einem Übungstraining verschossen, bloss weil man das Kontingent erhalten hat, und das Risiko nicht eingehen möchte, beim nächsten Mal weniger Patronen zu bekommen?

Wieviele Musikinstrumente werden schlecht behandelt, bloss weil sie vom Militär (also von uns Steuerzahler) finanziert werden?

Und den Vogel abgeschossen hat die Armee mit einem Paket, das gestern geliefert wurde - von der Armee - mind. 2 kg schwer. Als mein Mann den Karton am Abend öffnete kamen zig Landkarten von der Schweiz zum Vorschein. Die gesamte Schweiz, einzelne Kantone, Regionen bis hin zu Spezialkarten von einzelnen Ortschaften wie Arbon, Bergün oder Bulle. Im Begleitschreiben heisst es, dass alle Kaderangehörigen und Inhaber einer Spezialfunktion dieses Paket erhalten und dass es ab sofort zu ihrem Pflicht-Material gehöre. Wieviele Armeeangehörige wohl ein solches Paket erhalten? Es müssen Hunderte sein!!!

Ich muss nicht erwähnen, dass dieses Paket meinen Blog-Artikel gerade noch zusätzlich befeuert! Es liegt auf der Hand, dass wenn die Armee mehrere tausend Karten bestellt, diese günstiger erhält, als wenn ich eine einzeln im Buchhandel kaufen würde. Auch die Kosten für den Postversand für dieses schwere Paket sind bestimmt günstiger ausgefallen als der Normaltarif. Doch dies ist bloss ein Tropfen auf den heissen Stein.

Da frage ich mich, warum wird nicht erst abgeklärt, WER wirklich all diese Karten für seine Tätigkeit in Militär BRAUCHT? Sprich warum werden sie nicht selektiv verteilt?

Was machen die beglückten Armeeangehörigen mit all den Landkarten jetzt? Ich gehe davon aus, dass der grösste Teil der Begünstigten dasselbe tun werden, wie mein Mann. Mein Mann ist Fachoffizier bei der Flugplatz-Feuerwehr, und braucht in keiner seiner Funktionen auch nur eine dieser Karten - erst recht nicht im Zeitalter von Digitalisierung und GPS! Die Karten werden im Versandkarton aus Pflichtgefühl irgendwo eingelagert. Eine Karte wird vielleicht im privaten Gebrauch ab und zu benutzt. Irgendwann kommen sie dann zum Zeughaus oder in den Müll...

Wäre es nun nicht viel viel sinnvoller gewesen all diese Steuergelder in einen Vaterschaftsurlaub zu investieren? Dafür würde ich liebend gern Steuern zahlen. Doch für dieses Karten-Paket zahle ich ungern Steuern...

Da gäbe es bestimmt noch zig andere haarsträubende Beispiele, die Militärangehörige erzählen könnten.

Dies zu analysieren, umzudenken und umzustrukturieren ist allerdings Aufgabe von unseren Politikern und Armeechefs. Ist es einfacher so weiter zu machen wie bisher? Braucht es zu viel Ressourcen, die bisherigen Abläufe und Sachverhalte zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu organisieren? oder fehlt schlicht der Mut? Vor was hat Mann Angst????

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kogia

Die Aussage des Arbeitgeberverbandes im zweitletzten Abschnitt finde ich ziemlich lasch. Ich gehe doch in der Annahme richtig, dass die EO-Abgaben von allen Mitarbeitern (und Arbeitgebern) zu gleichen Teilen erfolgt, egal ob Männlein oder Weiblein..?
Somit ist es nicht minder fair anderen Firmen gegenüber welche mehr oder weniger Väter hat. Schliesslich gibt es auch Firmen ohne Frauen (Mütter)! ..und ihren Betrag bezahlen auch Alle solidarisch (ohne zu jammern).

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