«Mach das Pferd, Papi!» Der zweijährige Elliot umschlingt mit seinen Ärmchen den Hals des Vaters. Der steht auf, Elliot baumelt ihm auf dem Rücken. Und los geht es im hopsenden Schritt. Der Kleine quietscht. Vater Joël Bez imitiert schnalzend das Klappern der Hufe.

Später werden die beiden noch Velo fahren und den Gartenzaun reparieren. Heute ist Papi-Tag. Immer freitags ist Joël Bez mit dem Sohn zu Hause, seine Frau arbeitet.

Der 36-jährige Lausanner arbeitet bei der kleinen Zürcher Digitalagentur Ginetta. Bereits als Elliot zur Welt kam, erhielt Bez acht Wochen Vaterschaftsurlaub – zu 100 Prozent bezahlt. Vier Wochen bezog er direkt nach der Geburt, den Rest übers erste Jahr verteilt.

Das ist nicht selbstverständlich. Die Schweiz kennt keinen gesetzlichen Anspruch auf einen Vaterschaftsurlaub. Sie steht damit schlechter da als Länder wie die Türkei, Portugal und Polen (siehe Infografik). Viele Firmen in der Schweiz gewähren Vätern zur Geburt eines Kindes nur einen einzigen freien Tag. In manchen Fällen ist das zu kurz, um die Geburt überhaupt mitzukriegen.

Für Joël Bez wäre das undenkbar gewesen: «Meine Frau hatte eine schwierige Geburt und musste eine Woche im Spital bleiben», erzählt er. «Dank Vaterschaftsurlaub konnte ich bei ihr sein und sie mit dem Baby unterstützen.»

Im Parlament oft gescheitert

Konzerne wie Novartis, Johnson & Johnson oder Google führen von sich aus immer grosszügigere Papi-Urlaube ein. Zahlreiche kleine Betriebe ziehen hingegen nicht mit. Viele Politiker wehren sich zudem hartnäckig gegen die Einführung eines gesetzlichen Vaterschaftsurlaubs, der auch kleinere Firmen in die Pflicht nehmen würde. Vorstösse im Parlament scheiterten immer wieder.

Nun fordert die Volksinitiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub» Vaterschaftsurlaub «Viele Familien müssen sich durchwursteln» 20 Tage bezahlten Urlaub für frischgebackene Väter. Der Bundesrat lehnt sie zwar ab, die zuständige Kommission des Ständerats hat aber einen indirekten Gegenvorschlag eingebracht: 10 Tage. In den nächsten Monaten werden die Räte darüber abstimmen.

Gegen ein «gesetzliches Korsett»

Kritik am Vaterschaftsurlaub kommt mehrheitlich aus dem bürgerlichen Lager und von Arbeitgebern. Sie lehnen ein «gesetzliches Korsett» ab. Ihr Hauptargument: Die zusätzlichen Abgaben für einen Papi-Urlaub seien vor allem für kleine Firmen nicht finanzierbar.

Die Initiative sieht vor, dass der Vaterschaftsurlaub über die Erwerbsersatzordnung (EO) Lohnabrechnung Welche Abzüge gehen vom Gehalt weg? finanziert wird – wie schon der Mutterschaftsurlaub Arbeitsrecht Schwanger - darauf müssen Sie achten . Der Bundesrat rechnet mit Kosten in Höhe von 420 Millionen Franken für 20 Tage. Für diese müssten Arbeitgeber und Arbeitnehmer geteilt aufkommen.

«Vielen KMU geht es finanziell nicht gut», sagt Kurt Gfeller, Vizedirektor des Gewerbeverbands. «Jede Zusatzbelastung ist schlecht und abzulehnen.» Zudem würden die zusätzlichen Absenzen für kleinere Betriebe zu einem ernsten Problem. «Die Personaldecke dieser Firmen ist dünn, jede zusätzliche Abwesenheit eines Mitarbeitenden verursacht organisatorische Probleme.»
 

«Auf 45 Jahre Erwerbstätigkeit würde ein Mann im Schnitt sechs Wochen fehlen. Mir soll keiner sagen, dass das eine Firma auf den Kopf stellt.»

Gerhard Andrey, Gründer der Webagentur Liip


Bei Vater Joël Bez war die Absenz kein Problem, obwohl er eine leitende Funktion hat. «Wir sind so aufgebaut, dass niemand unersetzlich ist», sagt Bez. Seine Kollegen hätten positiv reagiert, als er ankündigte, er wolle ein paar Wochen für sein Kind da sein.» 

«Es ist alles eine Sache der Organisation», sagt Ilona Baier, Geschäftsführerin bei Bez’ Arbeitgeber Ginetta. Für sie ist der Vaterschaftsurlaub ein Zeichen der Wertschätzung an die Mitarbeiter. Man habe ihn eingeführt, nachdem aufgefallen sei, dass nur sehr wenige überhaupt Kinder bekamen. «Der Altersschnitt bei uns ist 31,5 Jahre. Trotzdem gab es lange keine Ginetta-Babys.» Mit dem bezahlten Vaterschaftsurlaub habe man den Mitarbeitern zeigen wollen, dass man sie bei wichtigen Lebensereignissen unterstütze.

Google bietet 60 Tage Vaterschaftsurlaub

Ganz uneigennützig ist das Ganze nicht: «Wir stehen in Konkurrenz mit Firmen wie Google und möchten Mitarbeitern etwas bieten», sagt Ilona Baier. Google offeriert 60 Tage Papi-Urlaub – in der Schweiz einer der grosszügigsten Konzerne.

Die Kosten für den Vaterschaftsurlaub trägt bei Ginetta zu einem grossen Teil die Firma selbst, zu einem kleineren Teil sind es die Mitarbeiter – indem jeder einen minimal geringeren Bonus erhalte. 

Vereinzelt haben auch andere KMU einen Vaterschaftsurlaub eingeführt Familienfreundlicher Betrieb «Es tut der ganzen Familie gut» . Bei der Berner Firma Lernetz, die interaktive Lehrmittel für Schulen erstellt, stehen frischgebackenen Vätern vier Wochen zu. Zehn Väter haben den Papi-Urlaub bereits bezogen. Silvan Mahler ist einer von ihnen. «Mitarbeiter müssen zunehmend flexibel sein. Das ist leichter umzusetzen, wenn auch die Kinderbetreuung flexibel aufgeteilt werden kann», sagt er. «Der Vaterschaftsurlaub hat das mir und meiner Frau ermöglicht.»

Auch Gerhard Andrey sieht vor allem Vorteile in der Einführung des Vaterschaftsurlaubs. Der Mitgründer der schweizweit tätigen Webagentur Liip zählt auf: zufriedenere Mitarbeitende, eine bessere Work-Life-Balance Job und Privates trennen Wenn die Arbeit zu Hause weitergeht , mehr Gleichstellung. Seit Gründung der Firma hätten ausnahmslos alle 50 Väter die vier Wochen Papi-Zeit bei 100-prozentiger Bezahlung genutzt.

Die Ausfallzeit hält er für vernachlässigbar: «Wir Schweizer bekommen im Schnitt 1,5 Kinder», rechnet Andrey vor, der im Initiativkomitee für den Vaterschaftsurlaub mitwirkt. «Auf 45 Jahre Erwerbstätigkeit fehlt ein Mann wegen vier Wochen Vaterschaftsurlaub im Schnitt also sechs Wochen. Mir soll keiner sagen, dass das einen Betrieb auf den Kopf stellt.»

Weniger Abgaben fürs Militär, mehr Möglichkeiten für Väter?

Mit einer staatlichen Lösung würde ein Vaterschaftsurlaub allen Angestellten der Schweiz zugutekommen – egal, wie gross und aufgeschlossen der Betrieb sei, sagt Adrian Wüthrich, Berner SP-Nationalrat und Präsident der Gewerkschafts-Dachorganisation Travail Suisse. Denn so würde die Finanzierung solidarisch über alle Arbeitgeber und -nehmer laufen.

«Familien könnten künftig damit rechnen, bei jedem Arbeitgeber auf ein familienfreundlicheres Umfeld zu treffen.» Die solidarische Finanzierung würde zudem die Firmen entlasten, die den Vaterschaftsurlaub derzeit aus Überzeugung im Alleingang finanzieren.

Die Beispiele von Ginetta & Co. zeigten, dass ein Vaterschaftsurlaub auch für KMU organisierbar sei. «Jede noch so kleine Firma kann es verkraften, wenn Väter ein paar Tage fehlen», sagt Wüthrich. Besonders weil die Initiative vorsehe, dass Väter die 20 Tage flexibel über ein Jahr hinweg beziehen könnten. So würden sie nicht zwingend vier Wochen am Stück fehlen.

Und selbst mit diesem Fall hätten die Arbeitgeber bereits Erfahrung: «Fürs Militär fehlen Männer zwischen 20 und 30 Jahren etwa sechsmal für drei, vier Wochen zu fixen Zeiten. Da müssen sich Arbeitgeber auch organisieren.» Hinzu komme, dass der Militärdienst von 260 auf 245 Tage reduziert worden sei. Die Wirtschaft werde dadurch entlastet, es gebe Raum für den Vaterschaftsurlaub.

Das betreffe auch die Finanzierung: Der Militärdienst wird über dieselbe Kasse finanziert – die Erwerbsersatzordnung, die zur Finanzierung des Vaterschaftsurlaubs vorgesehen ist. Nun, da Firmen weniger Abgaben fürs Militär leisten müssten, wären die Ausgaben für den Vaterschaftsurlaub verkraftbar.

Die Initianten rechnen bei einem durchschnittlichen Schweizer Bruttolohn von rund 6000 Franken mit Kosten in Höhe von drei Franken im Monat, die Arbeitnehmende wie Arbeitgeber je zusätzlich zahlen müssten. «Das ist für jede noch so kleine Firma tragbar», sagt Wüthrich, der den Trägerverein der Vaterschaftsurlaubsinitiative präsidiert.
 

«Vielen KMU geht es finanziell nicht gut. Jede zusätzliche Belastung ist schlecht und abzulehnen.»

Kurt Gfeller, Vizedirektor Gewerbeverband


Der Arbeitgeberverband widerspricht. Die gesetzliche Regelung würde Firmen zwingen, Leistungen mitzufinanzieren, von denen die eigenen Mitarbeitenden vielleicht gar nicht profitieren könnten. «Wenn ein KMU etwa keine Väter unter den Mitarbeitenden hat, kann es für die Firma und die Belegschaft sinnvoller sein, statt eines Vaterschaftsurlaubs mehr Ferien für alle oder einen Urlaub für die Betreuung von Angehörigen zu bieten», sagt Sprecher Fredy Greuter. «Eine gesetzliche Regelung würde die betroffene Firma benachteiligen.»

Bei Ginetta hat der Papi-Urlaub derweil nicht nur dem jungen Vater Joël Bez genutzt. Durch seine Unterstützung habe sich seine Frau nach der Geburt selbständig machen können. «Das wäre sonst nicht möglich gewesen», ist Bez überzeugt.

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Elio Bucher, Online-Produzent

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