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Vererbtes TraumaWie eine verpfuschte Kindheit drei Generationen zerstörte

Armut, Gewalt und kein Weg hinaus – wie ein verpfuschter Start ins Leben eine Familie über Generationen zerstören kann und wie ein Psychiater alles noch schlimmer machte.

Als er sie mit dem Fleischermesser umzubringen droht, spürt sie nur Verachtung. «Nach allem, was ich als Kind erlebt habe, konnte mich das nicht beeindrucken.»
von aktualisiert am 16. August 2018

Er sass da, neben ihm zwei dicke Frauen in Strapsen und Netzshirt. Die eine drückte ihm ihre Brüste ins Gesicht. Susanne Bigler*, gerade mal zehn Jahre alt, starrte ihren Vater nur an. Was machte er da? Die Mutter hatte sie in den Stripklub geschickt. Sie sollte den Vater nach Hause holen, bevor das ganze Monatseinkommen verpufft.

Heute ist Susanne Bigler 53, gross, sportlich. Die lockigen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Doch die kurzen Fransen lassen sich nicht bändigen. Sie stehen ab in alle Richtungen. Sie sind wie ihr Leben. Der stetige Versuch, alles zusammenzuhalten und das Chaos in geordnete Bahnen zu lenken. In der achtköpfigen Familie war sie es, die das Schiff auf Kurs bringen musste, wenn die Dinge aus dem Ruder gelaufen waren. Und das taten sie oft.

Die Eltern stritten dauernd. Der Vater schlug zu Ehehölle «Mir war klar, dass es enden muss» . Sein Jähzorn traf meistens die Mutter, manchmal den grossen Bruder. «Ich flog eigentlich nur einmal so richtig durchs Zimmer», sagt sie. Die Stimmung zu Hause war ständig aufgeladen. Der Vater konnte wegen Kleinigkeiten ausrasten, etwa wenn die Kinder zu laut waren und er sich eingeengt fühlte im kleinen Vierzimmerhäuschen am Stadtrand von Zürich.

Er hatte ständig andere Frauen und gab das meiste Geld im Bordell aus. Frühmorgens vor der Schule mussten die Kinder Zeitungen austragen, um die Familienkasse aufzubessern. Manchmal packte die Mutter die Kinder, floh mit ihnen in den Wald und verbrachte dort die Nacht. Ohne Zelt und Unterlage, aber ausserhalb der Reichweite des Vaters. Wenn es ganz schlimm war, holte sie den Pfarrer. Manchmal erzählte sie der Tochter weinend, sie wollte am liebsten sterben.

Seltsam distanziert

Susanne Bigler tröstete die Mutter, holte den Vater immer wieder nach Hause und versuchte, die beiden kleineren Schwestern abzuschirmen. Wenn sie bei Freundinnen zu Besuch war, wunderte sie sich über die entspannte Atmosphäre bei ihnen zu Hause. «Mir kam das komisch vor.»

All das erzählt sie seltsam distanziert, als wäre es die Geschichte einer anderen. Sie hat keine Übung im Erzählen. Kürzlich sei ihr ein altes Poesiealbum in die Hände gefallen, berichtet sie. Der Leitspruch: «Was passiert in deinem Haus, das plaudere nicht vor anderen aus.» Susanne Bigler plauderte nie. Trotzdem habe man Bescheid gewusst. «Für die Nachbarn waren die Auseinandersetzungen unüberhörbar, der Hausarzt war bruchstückhaft informiert, und der Pfarrer hatte es mit eigenen Augen gesehen.» Alle hätten mitgeschwiegen.

 

«Die Nachbarn hörten es, der Hausarzt wusste es, und der Pfarrer hatte es selbst gesehen.»

Susanne Bigler*

 

Maria Teresa Diez Grieser kennt solche Geschichten nur zu gut. Die Zürcher Psychologin ist seit über 20 Jahren Therapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Als Forschungsleiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste St. Gallen leitet sie das Projekt «Kinder psychisch belasteter Eltern Psychisch kranke Eltern Mamas Schatten ». Der Fall von Bigler ist kein Einzelfall, viele Patienten haben Ähnliches erlebt. «Die Kinder reden nicht über ihre Situation, weil sie zunächst gar nicht begreifen, dass das nicht normal ist. Später schweigen sie oft, weil sie sich schämen und glauben, sie seien schuld», sagt sie.

Und die schweigenden Mitwisser? «Sie denken, das sei Privatsache.» Langzeitstudien belegen, dass belastende Kindheitserfahrungen später häufig zu Depressionen, Alkohol- und Drogenmissbrauch Porträt eines Kokain-Abhängigen Die Party ist vorbei oder Suizid Suizidgedanken «Ich habe aus dem Loch gefunden» führen und das Risiko für verschiedene Krankheiten wie Krebs oder Diabetes erhöhen. Vier der fünf Bigler-Schwestern, Susanne inklusive, sind heute psychisch derart angeschlagen, dass sie ganz oder teilweise auf eine IV-Rente angewiesen sind.

Eine verpfuschte Kindheit wirft lange Schatten, hinterlässt seelische Wunden, die nur schwer verheilen. «Diesen Kindern mangelt es häufig an guten Beziehungserfahrungen», sagt Diez Grieser. Daraus nähre sich ein «Urvertrauen», das Voraussetzung sei für stabile und gesunde Beziehungen zu anderen Menschen, «die elementarste Fähigkeit überhaupt». Mindestens eine Bezugsperson, auf die es sich verlassen könne, brauche ein Kind für eine sichere Bindung.

Der Vater, ein Verdingkind

In einem von Angst geprägten Umfeld stehen die Chancen weniger gut. Wer von klein auf täglich Grenzüberschreitungen erlebe, erkenne diese gar nicht, sagt Diez Grieser. «Der Ausnahmezustand wird zur Normalität. Kommen solche Kinder in eine Pflegefamilie, sind viele mit dieser heilen Welt überfordert.» Das gilt auch für später. Die erlernten Muster lassen sich nicht einfach abschütteln. Sie setzen sich häufig unbewusst fort und richten weiteres Unheil an. 

Als Susanne Bigler 15 ist, nimmt der Vater sie mit auf eine Fahrt zu einem Bauernhof. Erstmals erzählt er ihr von seiner Vergangenheit. Dass er ein Verdingkind war, dass man ihn zwang, zu krüppeln wie ein Erwachsener, dass er im Stall übernachten musste und regelmässig verprügelt wurde. Die Tiere habe man besser behandelt. Da begreift sie, warum ihr Vater ist, wie er ist. Manchmal tut er ihr sogar leid. Sie sagt: «Es war ja nicht alles schlecht.» Den Vater hat niemand gerettet, auch seine Kinder bleiben ohne Hilfe.

Susanne Bigler zieht mit 18 aus in eine WG, hält sich mit Fabrikarbeit über Wasser und lässt sich zur Primarlehrerin ausbilden. Ständig macht sie sich Sorgen, was zu Hause passiert. Sie hat Angst, dass beim nächsten Streit jemand stirbt, wenn sie nicht da ist. Einmal nimmt sie mitten in der Nacht ein Taxi von Sachseln nach Zürich. Als sie ankommt, ist alles ruhig. Sie landet in der psychiatrischen Klinik.

 

Fachleute sprechen von transgenerationaler Weitergabe: Probleme übertragen sich von einer Generation auf die nächste.

 

Mit 26 heiratet sie einen Nigerianer, hat mit ihm zwei Kinder. Als er sie mit dem Fleischermesser umzubringen droht, spürt sie nur Verachtung. «Nach allem, was ich als Kind erlebt habe, konnte mich das nicht beeindrucken.»

Der Vater gewalttätig, der Partner brutal, das Leben ein Chaos. «Viele, die als Kind so aufgewachsen sind, erkennen die Alarmzeichen nicht rechtzeitig», sagt Therapeutin Diez Grieser. Sie würden zum Beispiel die Kontrolle des Partners über ihre Handykontakte oder Chatverläufe als Liebesbeweis interpretieren. «Faktisch ist es oft eine Vorstufe zu psychischer oder körperlicher Partnergewalt, denn dabei geht es immer um Macht.» Unterdrückung und Abwertung gehörten zum Alltag. «Viele erleben dies als den einzig möglichen Beziehungsmodus und suchen ihn unbewusst immer wieder.»

Zwei Mal versucht sie sich das Leben zu nehmen

Anders als ihre streng katholische Mutter trennt sich Susanne Bigler von ihrem gewalttätigen Mann. Es wird eine wüste Kampfscheidung. Neben Job und Kindern kümmert sie sich um ihre Schwestern. Susanne Bigler wird immer dann zu Hilfe gerufen, wenn es nicht mehr geht und eine in die Klinik gebracht werden muss. Eine der Schwestern, schwer depressiv, zieht für einige Jahre bei ihr ein.

Bis sie 38 ist, holt sie auch regelmässig ihren Vater aus dem Bordell ab, weil er dort Schulden hat oder zu viel getrunken oder beides. «Für meine Kinder war all das sicher verstörend.» Erklärungen erhielten aber auch sie keine. Zwei Mal, 2003 und 2012, wird Susanne Bigler alles zu viel. Sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Der Sohn gerät in schlechte Kreise, wird straffällig, schmeisst die Ausbildung hin. Er ist heute 24, ohne Beruf, arbeitslos und würde auf der Strasse stehen, wenn er nicht in ihrer engen Zweizimmerwohnung leben könnte.

Es ist, als gäbe es ein ungeschriebenes Gesetz, dass eine zerrüttete Kindheit Kindesschutzmassnahmen Verdacht auf Missbrauch? Nicht zögern! immer weitere Kreise zieht. Fachleute sprechen von transgenerationaler Weitergabe: Probleme übertragen sich von einer Generation auf die nächste. «Mütter, die häusliche Gewalt erleben, sind psychisch schwer belastet. Sie haben häufig nicht genug Kraft, eine gesunde Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen», sagt Diez Grieser. Eine gute Mutter zu sein sei umso schwieriger. Manche verfallen aber auch ins Gegenteil und überschütten ihre Kinder mit zuviel Liebe, nehmen ihnen alles ab und trauen ihnen nichts zu. «Das kann ähnlich schlecht sein wie Vernachlässigung.»

Von Zuhältern bedroht

Als Biglers Mutter 2008 stirbt, droht der Vater erneut abzustürzen. Die Mutter hatte ihm vor Jahren per Anwalt die Vollmacht auf das gemeinsame Konto entzogen. Die Bordellbesuche waren danach weniger geworden, die Geldsorgen auch. Nach ihrem Tod geht es von vorne los. Er verschleudert die Ersparnisse, verschuldet sich, wird von Zuhältern bedroht.

Zusammen mit einer Schwester wendet sich Susanne Bigler an seinen langjährigen Psychiater. Sie wollen eine Beistandschaft für den Vater beantragen Beistandschaft Ein Beistand nach Mass und brauchen seine Unterstützung. Sie bleibt aus. «Er reagierte weder auf Anrufe noch auf Briefe oder E-Mails und bot keinerlei Hand.» Die Beistandschaft kommt dann doch noch zustande – dank dem Hausarzt. Doch Bigler ist wütend, sie will den Psychiater zur Rechenschaft ziehen. «Er hat den Vater fast 20 Jahre lang behandelt, offensichtlich erfolglos, und es interessierte ihn nicht, dass er am Abgrund stand.» Sie und ihre Schwester verklagen ihn wegen Fehlbehandlung. Sie suchen Unterstützung bei Patientenstellen, der Ärztegesellschaft, Selbsthilfeorganisationen, bitten andere Psychiater um eine Zweitmeinung zur Krankenakte. Doch alle winken ab. «Niemand wollte sich die Finger verbrennen.»

Das ist nachvollziehbar. Denn die Beweislage ist dünn. Eine Pflicht, eine Beistandschaft zu beantragen oder Angehörige dabei zu unterstützen, besteht nicht. «Der Psychiater hat doch das Fachwissen und die Kompetenz, er müsste die Behörden informieren», findet dagegen Bigler.

Weiterer Schlag ins Gesicht

Der Psychiater habe sich einen teuren Anwalt genommen. Doch die Schwestern lassen nicht locker. Zehn Jahre lang kämpfen sie. Im April 2018 stirbt der Vater. Zwei Monate später, endlich, liegt ein Vergleich vor. Darauf ein einziger langer Satz, in dem der Psychiater «die ausserordentlichen menschlichen Belastungen» anerkennt, denen die Kinder im Zusammenhang mit seiner Behandlung des Vaters ausgesetzt waren. «Er wollte wohl einfach seine Ruhe haben und hat unterschrieben. Zur Gerichtsverhandlung erschien er nicht mal selbst», sagt Bigler.

Muss der Psychiater den Kopf hinhalten für eine geraubte Kindheit? «Wenn schon, mussten wir den Kopf hinhalten, weil der Psychiater seine Verantwortung für den Patienten nicht wahrgenommen und uns als Angehörige belastet hatte. Es ist wie ein weiterer Schlag ins Gesicht, wenn man selbst dann keine Unterstützung erhält, wenn man darum bittet», sagt sie. Und: «Ich möchte, dass es anderen nicht so ergeht. Dass sie eher Hilfe erhalten.» Erste Voraussetzungen dafür hat das Parlament geschaffen. Ab 2019 werden Melderecht und Meldepflicht für Kindswohlgefährdungen an die Kesb Kesb-Initiative Was das Gesetz zur Kesb wirklich sagt auf all jene ausgeweitet, die beruflich mit Kindern zu tun haben. 

Psychotherapeutin Diez Grieser verweist aber auf die Verantwortung des ganzen Umfelds: «Es ist natürlich bequemer, alles an eine Behörde zu delegieren. Doch manchmal kann man mit einem Gespräch oder dem Hinweis auf eine Beratungsstelle mehr erreichen. Da sind alle in der Pflicht, nicht nur Fachleute.» 

 

*Name geändert

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