Zehn Zahlen stehen auf dem zerknitterten Zettel. Noch einmal spielt Flurina Walser* (Name geändert) das Gespräch im Kopf durch. Soll sie Hallo oder Grüezi sagen, Papi oder Vater? Erst seit kurzem weiss sie, dass es ihn gibt. Dass er die grosse Liebe ihrer Mutter war. Was, wenn er wütend wird? Sie auslacht oder auflegt? Verschwitzte Finger tippen auf Tasten, das Tuten hallt durch die Telefonkabine. Einmal, zweimal und plötzlich «Ja sali!».

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Das war 1980. Wenn sie davon erzählt, wechselt die 58-Jährige von ihrer hohen Stimme in sein Bärenbrummen, von ihrem Bündner Dialekt in sein St.-Galler-Deutsch. «Ich bins, Flurina. Hast du meinen Brief bekommen?» – «Klar. Weshalb hast du dich nicht früher gemeldet?» Pause. «Du bisch guat! Ich weiss doch erst seit kurzem von dir, du ein halbes Leben von mir.» Er lacht, das Eis bricht.