Daniel Vasella ist ein gescheiter Mann. «Neue Fragen lechzen nach neuen Antworten», stellte er an einem Mediengespräch im April fest. Und so rief der oberste Novartis-Chef persönlich einen firmeneigenen Ethikrat für die Forschung an menschlichen Stammzellen ins Leben.

Besonders erfinderisch ist das nicht. In den letzten zehn Jahren sind Ethikkommissionen wie Pilze aus dem Boden geschossen. Mittlerweile gibt es in der Schweiz rund 180 Gremien, die alle mehr Ethik versprechen. Meist sind sie besetzt mit angesehenen Professoren aus dem In- und Ausland, Experten aus den Bereichen Biomedizin, Chemie und Ethik sowie mit Theologen.

Doch Ethik ist nicht gleich Ethik. Oft ist der Name nicht viel mehr als ein Etikett. Mit grundsätzlich ethischen Fragen auseinander setzen sollen sich die nationale Ethikkommission für Humanmedizin (NEK) und die eidgenössische Ethikkommission für Gentechnik im ausserhumanen Bereich (EKAH). Sie haben die Aufgabe, Entwicklungen und Anwendungen in der Bio- und Gentechnologie respektive in der Medizin zu beurteilen und den Bundesrat und die Behörden zu beraten.

Eine wichtige Aufgabe. Nur: Wie schlagkräftig sind die Kommissionen tatsächlich? Zweifel sind angebracht. Denn die beiden nationalen Gremien haben keinerlei Entscheidungsbefugnis. Im Klartext: Die Ethiker dürfen zwar Grundsatzdiskussionen führen, doch wos langgeht, sagen andere.

«Das stimmt», bestätigt Andrea Arz de Falco, Präsidentin der EKAH und Mitglied der NEK. «Unsere Aufgabe ist es nur, heikle Fragen aufzuwerfen und den Finger auf mögliche Probleme zu legen.» Zudem gehe es darum, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Mit dem knappen Budget von rund 200000 Franken pro Kommission und Jahr kein leichtes Unterfangen zumal die Pharmaindustrie in ihre Kampagnen Millionen steckt. «Unser jetziges Budget ist gemessen am Anspruch, der an uns gestellt wird, eindeutig zu klein», sagt NEK-Präsident Christoph Rehmann-Sutter.

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Das nährt den Verdacht, dass die Ethikkommissionen reine Zierde sind ganz nach dem Motto: Schön, eine Kommission zu haben; noch schöner, nichts von ihr zu hören. Davon will Klaus Peter Rippe von der EKAH nichts wissen: «Wir sind kein Alibigrüppli, sonst würde ich nicht mitmachen.» Doch er räumt ein: «Die Gefahr, zum Diskutierklub degradiert zu werden, besteht immer.»

Dass diese Gefahr real ist, zeigte sich bereits kurz nach der Gründung der NEK im letzten Sommer: Zwar wurde die Kommission explizit dafür eingesetzt, um sich Gedanken zur Fortpflanzungsmedizin zu machen zum Beispiel zur Frage, ob es ethisch vertretbar ist, menschliche embryonale Stammzellen für die Forschung aus dem Ausland zu importieren. Die NEK riet von einem Stammzellenimport ab. Nichtsdestotrotz bewilligte der Nationalfonds nur wenige Tage später Gelder für ein Importgesuch einer Genfer Forschergruppe. «Es hat mich enorm gestört, dass der Nationalfonds den öffentlichen Diskurs nicht abgewartet hat», ärgert sich NEK-Mitglied Ruth Baumann-Hölzle. «Ausserdem schuf der Entscheid ein Präjudiz.»

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Die Rechtfertigung des Nationalfonds ist symptomatisch: Man habe ja bereits den Segen einer Ethikkommission, liess Nationalfondspräsidentin Heidi Diggelmann verlauten. In der Tat hatte die kantonale Ethikkommission von Genf dem Forschungsprojekt schon zugestimmt. Nur: Solche Kommissionen sind bloss dazu da, um Forschungsprojekte an den kantonalen Spitälern zu bewilligen. Das tun sie vorwiegend nach wissenschaftlichen und juristischen Gesichtspunkten. Übergeordnete ethische Fragen werden nicht diskutiert.

Und wie steht es mit firmeneigenen Ethikräten wie etwa dem von Novartis? «Ethik setzt Unabhängigkeit voraus. Doch dieses Gremium vertritt einzig die Firmeninteressen von Novartis. Deshalb spreche ich ihm schlichtweg die Legitimation ab, diesen Namen zu tragen», sagt Ruth Baumann-Hölzle. Der Vorsitzende des Rats, ETH-Professor Hans-Peter Schreiber, sieht da keinen Widerspruch: «Novartis bindet sich selbst an ethische Forschungsleitlinien. Und da der Ethikrat die Aufgabe hat, für deren Einhaltung zu sorgen, teilt er grundsätzlich auch die Forschungsinteressen des Unternehmens.»

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So kann man es auch drehen.