Ein Jux! Das dürften viele gedacht haben, die das Stelleninserat der Chemiefirma Rohner lasen. Gesucht: «ein erfahrener (früh-)pensionierter Entwicklungs- oder Betriebschemiker». Üblicherweise sollen Bewerber «initiativ» und «dynamisch» sein. Aber frühpensioniert? «Es ist in diesem Bereich sehr schwierig, qualifizierte Leute zu finden», begründet Thomas Rosatzin, Geschäftsführer der Firma Rohner, das ungewöhnliche Inserat.

Dieses steht nur scheinbar quer in der Landschaft. Tatsächlich spiegelt es den Beginn eines Trends: Den Schweizer Firmen gehen die jungen Arbeitskräfte aus, so dass sie künftig vermehrt auf ältere Semester werden zurückgreifen müssen. Wie in allen Industrienationen sinkt auch bei uns der Anteil der Jungen in der Bevölkerung, während der Anteil der älteren Menschen wächst und wächst. Dies als Folge der steigenden Lebenserwartung: 1948 wurden Männer im Schnitt 66,4, Frauen 71 Jahre alt. Mittlerweile liegt die Lebenserwartung bei 80 respektive 85 Jahren. 2050 dürften es nochmals fünf Jahre mehr sein.

Was für den Einzelnen erfreulich ist, ist für die Altersvorsorge dramatisch. Experten sprechen von einer «demographischen Bombe». Einerseits, weil sich die Alterung «deutlich auf die Ausgaben der AHV auswirken wird», wie das Bundesamt für Statistik schon vor Jahren festhielt. Anderseits, weil der Generationenvertrag strapaziert wird, wenn immer weniger Aktive immer mehr Rentnerinnen und Rentner finanzieren. (siehe Grafik 1; unten).

Ein Minus schon ab dem Jahr 2013
Als die AHV 1948 eingeführt wurde, empfand die Mehrheit der Bevölkerung die Lastenverteilung als gerecht. Damals kamen noch rund sechs Personen im Erwerbsalter für einen Rentner auf. 1980 stabilisierte sich das Verhältnis bei etwa vier zu eins. Mit der Pensionierung der Babyboomer wird es aber bald eng: Alle Szenarien gehen davon aus, dass 2035 zwei Aktive einen Rentner finanzieren müssen. Hier sieht Alex Beck, Ökonom bei Avenir Suisse, das Grundproblem: Aus dem Lot gerate die Altersvorsorge, weil das System nicht auf das veränderte Verhältnis von Aktiven und Rentnern reagiere. «Nur wenn die Sozialwerke mit der Demographie mitwachsen, haben sie Bestand in der Zukunft.»

Bisher hat die AHV ihre Leistungen stetig ausgebaut. Möglich war dies, weil viele Arbeitskräfte zuwanderten, weil die steigende Produktivität höhere Löhne und mehr AHV-Einnahmen brachte und weil der Beitragssatz sukzessive erhöht wurde. Zudem erhielt die AHV zusätzliches Geld aus der Tabaksteuer, den Spielbankenerträgen, der Mehrwertsteuer, und 2005 wurde sie durch die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 64 entlastet. Letztes Jahr blieb sie mit 1,49 Milliarden Franken im Plus.

Aber die schwarzen Zahlen täuschen: Die sieben Goldmilliarden, die die Nationalbank 2007 dem AHV-Kapital gutschrieb, schönen das Ergebnis, und für die Zukunft zeigen alle Szenarien eine Unterfinanzierung: Ohne Gegenmassnahmen wird die AHV bereits im Jahr 2013 ins Minus drehen. Um 2025 betrüge das jährliche Defizit 7,8 Milliarden Franken, die Reserve von heute 40 Milliarden Franken wäre aufgezehrt (siehe Grafik 2; unten). «Es steht fest, dass die AHV mehr Geld braucht», sagt Harald Sohns vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). Entweder regle man das Problem auf der Einnahmenseite, etwa mit höheren Lohnabzügen, einer Erbschaftssteuer, via Mehrwertsteuer - oder mit Leistungskürzungen.

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Bevölkerungsentwicklung

Jahr Personen im
erwerbsfähigen Alter
Rentner Verhältnis
1948 2'767'400 431'200 6,4 zu 1
1952 2'887'800 467'800 6,2 zu 1
1975 3'644'088 806'512 4,5 zu 1
1982 3'815'522 890'774 4,3 zu 1
1992 4'294'576 1'007'422 4,3 zu 1
2000 4'430'518 1'109'186 4 zu 1

Couchepin im WespennestVon der Variante Abbau spricht niemand gern. FDP-Sozialminister Pascal Couchepin hat es einmal versucht. 2003 forderte er, das Pensionsalter im Jahr 2015 auf 66 und 2025 auf 67 Jahre zu erhöhen. Gross war die Überraschung, hell die Empörung und laut der Protest. Ein höheres Rentenalter ist ein Tabu. Das hat nicht zuletzt demographische Gründe: 39 Prozent der Stimmberechtigten sind über 55. Die baldigen Rentner haben ein ureigenes Interesse, die Altersleistungen zu erhalten oder auszubauen. 2030 werden die über 55-Jährigen gar die Mehrheit stellen. Diese Entwicklung wirft ihre Schatten voraus. Die Parteien weichen der Frage des generell höheren Rentenalters aus - wie in der laufenden Neuauflage der 11. AHV-Revision. Oder sie fordern keck das Gegenteil - wie der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) mit seiner Initiative für ein flexibles Rentenalter ab 62 ohne Rentenkürzung (siehe untenstehende Box «Die Baustelle AHV»).

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Der demographische Wandel zwingt nun dazu, die Finanzierung zu überdenken und die Lastenverteilung neu auszuhandeln. Welche Massnahmen nötig wären, wenn Beitragshöhe und Leistungen unverändert bleiben sollen, ist klar: Laut BSV müsste das Rentenalter 2020 auf 67 Jahre steigen, 2030 auf 69 und ab 2040 auf 71. Ähnlich sieht es Beck von Avenir Suisse: Wolle man das Verhältnis von Beitragszahlern und Rentnern stabilisieren, resultiere fürs Jahr 2035 Rentenalter 72, für 2040 gar 74.

In diesen Berechnungen gibt es jedoch eine Unbekannte: die Produktivität der Wirtschaft. Je nachdem, wie man die Entwicklung ansetzt, wird schwarzgemalt oder rosagesehen.

Prognosen Bevölkerungsentwicklung

Jahr Personen im Alter
zwischen 20 und 64
Rentner
2020 4,88 Millionen 1,63 Millionen
2030 4,70 Millionen 2,00 Millionen
2040 4,59 Millionen 2,21 Millionen
2050 4,52 Millionen 2,26 Millionen

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Quelle: Mittleres Bevölkerungsszenario BFS


So glaubt der SGB, die AHV sei sicher, denn die Produktivitätsfortschritte reichten auch künftig aus. «Der SGB kann für seine Zwecke optimistische Annahmen treffen», kontert Harald Sohns vom BSV. «Aber der Bundesrat kann sich keine Schönwetterpolitik leisten.» Ins gleiche Horn stösst Thomas Daum, Direktor des Arbeitgeberverbands: «Wenn man Beiträge, Leistungen und das Rentenalter beibehalten will, müsste sich die Lohnsumme in den nächsten 25 Jahren real verdoppeln. Das ist unrealistisch.» Schwarz sieht auch Beck. Dank Wirtschaftswachstum werde zwar das Rentenalter 74 Jahre nicht nötig, um ein massiv höheres Rentenalter komme die Schweiz aber nicht herum. «Allein um die Finanzierungslücke bis 2025 zu schliessen, wäre ein Reallohnwachstum von jährlich fünf Prozent nötig», meint Beck und fordert: «Das Tabu Rentenalter 65 sollte schleunigst gebrochen werden.» Wolle man den grossen Wurf statt Pflästerlipolitik, habe ein höheres Rentenalter die grösste Hebelwirkung. «International ist eine Tendenz zur Erhöhung zu beobachten», sagt auch Sohns vom BSV. In Norwegen und Dänemark gilt Rentenalter 67, Deutschland erhöht auf ebenfalls 67, Grossbritannien gar auf 68.

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Die Rentner sind fit und reich
Länger arbeiten ist nicht nur nötig, um die AHV finanziell zu sichern. Es ist auch gerecht. Das wird deutlich, wenn man die Lebenserwartung beim Eintritt in die Rente betrachtet: 1948 hatte ein 65-Jähriger 12,4 Rentenjahre vor sich, eine 65-Jährige 14 Jahre. 2035 werden es 21,4 Jahre bei den Männern und 24,4 bei den Frauen sein (siehe Grafik 3, unten). Während also 1948 galt, dass die Rentner rund 13 Jahre finanziert bekommen, werden es nun bald 23 Jahre sein. Um diesen schief gewordenen Generationenvertrag zu justieren, müsste man einen Teil der durch die höhere Lebenserwartung gewonnenen Jahre an die Erwerbsphase anhängen, so dass sie dem Ganzen zugutekommen. Arbeitgeberdirektor Daum möchte diese Debatte nicht vor der Abstimmung über die Gewerkschaftsinitiative lostreten. Aber für ihn ist klar: «Langfristig müssen wir eine Anpassung des Rentenalters an die Lebenserwartung und die Gesundheit diskutieren. Nur so können wir das Versprechen der sozialen Sicherheit halten.»

Ein höheres Rentenalter wäre auch zumutbar, zumal ältere Menschen heute in ihrer grossen Mehrheit keineswegs gebrechlich sind. Noch nie waren sie so vif wie heute. «Die Leistungsfähigkeit der Menschen bleibt heute mehrheitlich bis 80 relativ hoch. Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO besagen, dass bis zu diesem Alter ein weitgehend behinderungsfreies Leben möglich ist», erklärt Altersforscher François Höpflinger vom Soziologischen Institut der Universität Zürich.

So sind Frühpensionierungen meist auch nicht gesundheitlich motiviert. Das zeigt sich daran, dass besonders viele Leute im Dienstleistungsbereich und in der Verwaltung früher aufhören, also in Branchen mit geringem Verschleiss und höheren Löhnen. Die meisten Leute gehen schlicht früher, weil sie es sich leisten können.

Das Bild der bedürftigen Alten ist nicht mehr richtig. Noch nie ging es der älteren Generation insgesamt finanziell so gut. Sie profitiert von der ausgebauten Vorsorge mit AHV, Pensionskasse und dritter Säule. Und von Erbschaften. 1980 ging noch fast die Hälfte aller Erbschaften an Personen unter 50. Heute wird noch ein Drittel an die aktive Generation vererbt. Bis 2020 wird der Anteil der jüngeren Erbenden auf einen Fünftel sinken. Die höhere Lebenserwartung führt so zur Konzentration der Vermögen bei den Rentnern. Eine Studie der Uni Genf zeigte, dass sie gegenüber dem Rest der Bevölkerung materiell klar besser dastehen. Ihr Vermögen ist dreimal so hoch wie das der Erwerbstätigen. Jedes fünfte Rentnerpaar zählt zu den Bruttomillionären, nur sechs Prozent sind arm. Armutsgefährdet sind hingegen 40 Prozent der alleinerziehenden Frauen und ein Fünftel der jungen Familien mit drei und mehr Kindern. BSV-Direktor Yves Rossier zog den Schluss, man müsse Solidarität möglicherweise neu definieren, weg von den Rentnern, hin zu den Arbeitenden.

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«Bis die AHV fallengelassen wird»
«Mit allen bisherigen Revisionen hat man die AHV zugunsten der Rentner ausgebaut», sagt die 33-jährige Berner FDP-Nationalrätin Christa Markwalder. Rentenalter 62 gehe klar in die falsche Richtung. «Wenn die junge Generation nicht mehr daran glaubt, dass auch sie einmal eine Rente erhält, schwindet die Unterstützung für die AHV, bis sie irgendwann fallengelassen wird.» Die FDP plädiert zwar nicht für eine Erhöhung des Rentenalters wie Bundesrat Couchepin. Aber sie will mit Anreizen wie Rentenaufschub, Teilbezug, Prämien und Zusatzrenten dafür sorgen, dass die Leute länger aktiv bleiben, besonders Gutverdienende, die viel an die AHV abliefern. Rentenalter 65 soll jedenfalls nicht mehr fix gelten, sondern bloss als Berechnungsbasis dienen. Wer früher geht, würde bloss eine Teilrente erhalten.

Alt gleich «altes Eisen» - das ist überholt. «Wer glaubt, ältere Leute seien grundsätzlich nicht so leistungsfähig, täuscht sich gewaltig», sagt Norbert K. Semmer, Professor am Institut für Psychologie der Uni Bern. Was im Alter an Kraft und Reaktionszeit verlorengeht, machten ältere Mitarbeiter oft durch Erfahrung, Strategie und Organisation wett. Dies zeigte etwa ein Maschinenwettschreiben, das die Uni Bern im Rahmen ihrer Untersuchungen zur Leistungsfähigkeit im Alter durchführte: Die Jüngeren kamen zwar auf mehr Anschläge, machten aber auch mehr Fehler.

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Jeder Zweite will nach 65 arbeiten
Ältere Mitarbeiter sind fix - und sie sind willig. Denn Arbeit bedeutet Selbstwertgefühl, Lebenssinn, Selbständigkeit, Sozialkontakt. Auch Politiker sehnen keineswegs die Pensionierung herbei. «Solange ich gesund und fit bin, würde ich gerne arbeiten», sagte SVP-Präsident Toni Brunner kürzlich in der TV-«Arena» zur AHV-Finanzierung. «Ich hoffe, dass ich möglichst lange arbeiten kann», betonte in derselben Sendung SP-Präsident Christian Levrat. Und FDP-Nationalrätin Marianne Kleiner ist sicher, dass sie länger arbeiten wird, als es das jetzige Frauenrentenalter vorsieht.

Der «ruhige Lebensabend» scheint immer weniger Wunschziel zu sein. In einer aktuellen Umfrage des Personaldienstleisters Kelly Services sagte jeder zweite von 2100 Befragten in der Schweiz, er möchte über das Pensionsalter hinaus arbeiten. Dies entspricht dem weltweiten Trend: Von den 115'000 Befragten in 33 Ländern gaben 64 Prozent an, dass sie weiterarbeiten würden, wenn ihr Arbeitgeber das anböte. Dass das der Fall sein wird, glaubt in der Schweiz aber nur jeder Fünfte.

In der Tat tun Schweizer Firmen noch kaum etwas, um Mitarbeiter länger zu halten. Vor kurzem publizierte das Londoner Adecco Institute den «Demographischen Fitness-Index 2008». Er misst, wie gut sich Firmen auf den demographischen Wandel vorbereiten, etwa mit Karrieremanagement und Altersvielfalt. Die Schweizer schnitten schlecht ab: «Im Vergleich mit Grossbritannien, Spanien und den drei grossen Nachbarländern hat die Schweiz einen Rang verloren und liegt jetzt an letzter Stelle», so das Verdikt. «Die Schweizer Unternehmen müssen beginnen, die Belegschaft fit zu halten, um aus eigener Kraft den demographischen Wandel zu meistern», sagt Wolfgang Clement, Chef des Adecco Institute und ehemaliger deutscher Wirtschaftsminister.

Damit begonnen hat der Technologiekonzern ABB, ein Pionier punkto Chancengleichheit von Jung und Alt. Mit dem Strategiepapier «Die Generation 50+ bei ABB Schweiz» will man bei der Belegschaft das Bewusstsein für die wirtschaftliche Bedeutung älterer Mitarbeitender schärfen. Dazu gehört, dass diese bei ABB bis 70 arbeiten können. Das Echo war allerdings bescheiden. «Die Möglichkeit wird erst von rund einem Prozent der Mitarbeiter genutzt. Und meist nicht als Vollzeitpensum», sagt Melanie Nyfeler von der ABB-Medienstelle.

Die heutigen Rentner scheinen im konkreten Fall noch nicht scharf darauf, länger zu arbeiten. Die nächste Generation wird sich darauf einstellen müssen.

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Was die Zukunft bringt: So entwickelt sich die Bevölkerung - und damit das Budget der AHV

Grafik 1

Ständige Wohnbevölkerung der Schweiz nach Altersklassen, 1948 bis 2040

Die Anzahl der Rentner wird im Verhältnis zu den erwerbsfähigen Personen zunehmen.

in Millionen Personen
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Grafik 2

Prognose der Einnahmen-/Ausgabenentwicklung der AHV bis 2024Für die Jahre ab 2013 werden höhere Ausgaben als Einnahmen vorausgesagt.in Milliarden Franken

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Grafik 3

Durchschnittliche verbleibende Lebenserwartung beim Eintritt ins Rentenalter

1948 lebte eine 65-jährige Frau im Schnitt noch 14 Jahre, im Jahr 2040 werden es gegen 25 sein.

in Jahren
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Quelle: Bundesamt für Sozialversicherungen (Prognosen gemäss den Bevölkerungsszenarien des Bundesamts für Statistik); Infografik: beobachter/dr

Die Baustelle AHV

Am 30. November wird über die Initiative «für ein flexibles AHV-Alter» des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds abgestimmt. Gleichzeitig versucht das Parlament, die 11. AHV-Revision unter Dach und Fach zu bringen.

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Die Initiative will, dass Personen mit einem Jahreseinkommen von maximal rund 120'000 Franken mit 62 in Rente gehen können, ohne dass die AHV gekürzt wird. Dies würde laut Bundesamt für Sozialversicherungen pro Jahr rund 1,5 Milliarden Franken Mehrkosten verursachen, was mindestens 0,4 Lohn- oder Mehrwertsteuer-Prozentpunkten entspricht. Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ab.

Die 11. AHV-Revision harzt: Ein erster Versuch, der die Anhebung des Frauenrentenalters von 64 auf 65 und eine Flexibilisierung mit Rentenkürzungen vorsah, scheiterte 2004 in einer Referendumsabstimmung. Seither laboriert das Parlament an einer neuen Version herum.