Ein Hausfrauenleben lang träumte sie davon, einmal Wüstensand unter den Füssen zu spüren. Kürzlich erfüllte sich die Rentnerin Madeleine Häusler den Traum: drei Wochen Namibia. Sie bestaunte Elefanten, Zebras, Gnus, kraxelte auf die höchsten Sanddünen der Welt. Es grenzt an ein Wunder, dass die 66-Jährige so leichtfüssig unterwegs ist. Denn nach einem Skiunfall vor Jahren mussten Ärzte ihr linkes Bein 17-mal operieren, verkürzen und das Fussgelenk versteifen. Um ein Haar wäre ihr Bein amputiert worden.

Seither ist Madeleine Häusler auf Massschuhe der Invalidenversicherung angewiesen. Ein Paar solcher Schuhe kostet um die 2500 Franken – in schwierigeren Fällen bis 5000 Franken. 26 Millionen Franken gibt die IV pro Jahr für solche orthopädischen Schuhe aus, die in Deutschland nur halb so viel kosten.

Billiger heisst schlechter, findet der Bund

Im Zeichen des Spardrucks kündigte der damalige IV-Chef Alard du Bois-Reymond deshalb 2008 öffentlich an: «Die Preise für Massschuhe müssen auch in der Schweiz sinken.» Die Tarife mit den orthopädischen Schuhmachern, die auch für die Suva gelten, würden «überprüft».

Überprüft wurden sie tatsächlich. Doch als Folge davon sanken die Preise nicht – sie wurden im Gegenteil sogar noch angehoben. Harald Sohns vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) bestätigt: «Die neuen Tarife spiegeln die seit 2001 eingetretene Teuerung und die Steigerung der Kosten wider, welche die Orthopädie-Schuhmachermeister zu tragen haben.» Effizienzsteigerungen bei diesen Klein- und Kleinstunternehmen, so das Argument der Behörde, lägen kaum drin, es sei denn, man nehme schlechtere Qualität in Kauf.

Wie viel ein Schuhmacher maximal verlangen darf, regelt ein Tarif, den die Branche mit dem BSV ausgehandelt hat. Ein sicheres Geschäft, denn Wettbewerb gibt es kaum.

Das möchte der Basler Orthopädie-Schuhmacher Patrick Winkler, ein Aussenseiter der Branche, ändern. In seiner Werkstatt verwendet er computergestützte 3-D-Lasertechnik, um den Fuss eines Patienten zu vermessen. Die Daten werden einer spezialisierten Firma in Litauen übermittelt, wo eine Fräsmaschine den Leisten, ein Modell des Fusses, produziert. Ein solcher Leisten muss für jeden Kunden eigens hergestellt werden. Traditionelle Orthopädie-Schuhmacher fertigen ihn in zeitraubender Handarbeit aus Gips. Weil seine Methode effizienter sei, so Winkler, könne er gewisse Schuhmodelle bis zu 30 Prozent günstiger anbieten.

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Schuhmacher rechnen ab wie Zahnärzte

Doch die IV hemmt die Einführung dieser neuen, günstigeren Technologie. «Die ist in der Schweiz offenbar unerwünscht», kritisiert Patrick Winkler. Heute rechnen die Schuhmacher wie die Zahnärzte nach Taxpunkt und Zeitaufwand ab – es fehle, so Winkler, der Anreiz, effizienter zu arbeiten. «Die IV zahlt ja anstandslos.»

Deshalb fordert Schuhmacher Winkler Pauschalen, wie sie bald auch im Spital etwa für Blinddarmoperationen eingeführt werden. Dabei kostet je nach Diagnose ein Eingriff immer gleich viel. Warum soll für einen Massschuh nicht möglich sein, was bald für komplizierte chirurgische Eingriffe gilt? Das BSV lehnt solche Pauschaltarife aber ab. Begründung: die Gefahr minderer Qualität. So werde aber Wettbewerb unter den Anbietern, ein erklärtes Ziel der 6. IV-Revision, verhindert, meint Winkler.

Die Behörde hält die traditionelle Herstellungsmethode für geeigneter, besonders bei schweren Deformationen des Fusses. Als Direktbetroffene hat Madeleine Häusler da andere Erfahrungen gemacht: Jahrelang litt sie unter den schweren, klobigen Modellen, die ihr Schuhmachermeister nach alter Methode fabrizierte. Druckstellen plagten sie, Wandern war für die Rentnerin eine Tortur; es entstanden gar offene Wunden an der Ferse. Seit kurzem trägt sie nun Schuhe aus Patrick Winklers Manufaktur. «Die sind viel bequemer und leichter», freut sich Häusler.