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IV-BerechnungBald mehr IV-Rente für Teilzeiter

Nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die gemischte Berechnungsmethode der IV bei Teilzeitarbeitenden kritisierte, ändert der Bundesrat nun die Bestimmung.

Teilzeitarbeitende Mütter sind ab 2018 dank der neuen IV-Berechnung endlich besser gestellt.
von aktualisiert am 01. Dezember 2017

Wer in der Schweiz Teilzeit arbeitet, ist bei Invalidität deutlich schlechter gestellt als Vollzeitangestellte. Weil dieser Umstand in so gut wie allen Fällen Mütter betrifft, die nach der Geburt ihrer Kinder nur noch Teilzeit arbeiten, sei dies diskriminierend gegenüber Frauen. Das hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Anfang Februar 2016 in Strassburg entschieden, nachdem eine Frau aus der Schweiz geklagt hatte.

Die Klägerin hatte 2002 wegen Rückenproblemen ihre Stelle aufgeben müssen und dafür eine halbe IV-Rente zugesprochen erhalten. Nachdem sie zwei Jahre später Zwillinge auf die Welt gebracht hatte, wurde ihr Invaliditätsgrad mittels der sogenannten gemischten Methode neu berechnet. Weil diese den Teilzeitfaktor doppelt anrechnet (und so den IV-Grad überproportional reduziert), wurde der Frau die IV-Rente schliesslich komplett gestrichen.

Neuberechnung der IV-Rente ab 2018

Der Bundesrat hat festgelegt, dass die Berechung des Invaliditätsgrades von Teilerwerbstätigen geändert wird. Per 1. Januar 2018 tritt die entsprechende Verordnungsänderung in Kraft. Ab dann werden zur Bemessung des Invaliditätsgrads von Teilerwerbstätigen die gesundheitlichen Einschränkungen in der Erwerbstätigkeit und in der Führung des Haushalts gleichermassen stark gewichtet. Aktuell werden die Einschränkungen in der gemischten Methode (siehe unten «So funktioniert die gemischte Methode») im Erwerbsbereich überproportional berücksichtigt, was in der Regel zu tieferen Invaliditätsgraden führte.

Neu an der Berechnung wird sein, dass man die gesundheitlichen Einschränkungen in der Erwerbstätigkeit so bemisst, als wäre die Person zu 100% angestellt. Der private Aufgabenbereich soll gleich berechnet werden wie für eine Person, die sich vollständig um die Familie und den Haushalt kümmert. Mit dem neuen Berechnungsmodell werden teilerwerbstätige Personen in Zukunft besser gestellt sein. In seiner Mitteilung hält der Bundesrat fest, dass dadurch alle laufenden Viertelsrenten, halbe Renten und Dreiviertelsrenten von den IV-Stellen von Amtes wegen neu geprüft werden. Der Bund rechnet mit Mehrausgaben für die IV von etwa 35 Millionen Franken pro Jahr, die für die Erhöhungen der IV-Renten ab 1. Januar 2018 eingesetzt werden.

Davon profitieren werden auch Personen, deren IV-Grad mit der gemischten Methoden unter 40 Prozent lag. Sie haben neu einen Anspruch auf eine IV-Rente, wenn der IV-Grad über diese Schwelle steigt. Da in diesen Fällen jedoch keine Revision von Amtes wegen erfolgt, stehen diese Personen selber in der Pflicht, ihren Anspruch gegenüber der IV erneut anzumelden.

(01.12.2017)

So funktioniert die gemischte Methode

Die gemischte Methode kommt bei Teilzeitbeschäftigten mit Haushaltspflichten zum Zug und ermittelt die Einschränkung im Haushalt und jene im Beruf. Allerdings werden die beiden Bereiche zunächst einzeln eingestuft und anschliessend nach dem Verhältnis der Pensumsaufteilung gemischt. Wechselwirkungen zwischen beiden Bereichen werden auf diese Weise wenig berücksichtigt.

Beispiel:
Tina M. kann ihren bisherigen Vollzeitjob wegen Rückenproblemen nur noch zu 50% ausüben. Die IV zahlt ihr deshalb eine halbe Rente.

Nachdem Tina M. ein Kind bekommen hat, gibt sie an, sie würde als Mutter sowieso nur noch 50% arbeiten, auch wenn sie gesund wäre.

Die gemischte Methode ermittelt die Einschränkung im Erwerbsbereich und jene im Haushalt separat:

 

  • Im Erwerbsbereich würde für Tina M. ein Invaliditätsgrad von 0% resultieren. Grund: Es gibt keinen Unterschied, ob sie gesund ist oder nicht. Sie würde in beiden Fällen gleich viel (50%) arbeiten und verdienen und hat somit keine Erwerbseinbusse.
     
  • Um weiterhin Anspruch auf eine halbe IV-Rente zu haben (bzw. einen Gesamt-IV-Grad von mindestens 50% zu erreichen) , müsste die Einschränkung von Tina M. im Haushalt also 100% betragen.


Das ist aber insofern illusorisch, da Haushaltsabklärungen in der Regel eher Werte von 50% oder tiefer ergeben. Angerechnet werden in solchen Fällen nämlich jeweils auch allfällige Hilfeleistungen des Ehemanns.

Für Tina M. ergäbe sich ergo folgende Rechnung:
Erwerb: 0,5 x 0% = 0%
Haushalt: 0,5 x 50% = 25%
Total = 25%

Mit einem Invaliditätsgrad von 25% würde Tina M. nicht einmal mehr eine Viertelsrente erhalten.

3 Fragen an Beobachter-IV-Expertin Regina Jäggi

Beobachter: Warum ist der Entscheid aus Strassburg zu begrüssen?
Regina Jäggi: Weil Teilzeitarbeitende durch die gemischte Methode effektiv diskriminiert werden. Sie schneiden im Vergleich zu Vollzeitangestellten regelmässig schlechter ab, da die gesundheitsbedingte Einschränkung im Haushalt meist tiefer beurteilt wird. Zudem ist die gemischte Methode generell sehr kompliziert aufgebaut.

Beobachter: Wie äussert sich das?
Jäggi: Als Laie versteht man diese komplexe Berechnungsmethode meist gar nicht und muss Antwort auf eine völlig absurd anmutende, hypothetische Frage («Was für ein Pensum würden Sie heute arbeiten, wenn Sie gesund wären?») geben. Das ist problematisch. Erschwerend kommt hinzu, dass vielen Betroffenen erst im Nachhinein bewusst wird, welch gravierende Folgen die Neuberechnung durch die gemischte Methode mit sich bringt.

Beobachter: Was sollen Betroffene nun unternehmen?
Jäggi: Wer bereits rechtskräftigen Bescheid hat, dürfte kaum eine Chance auf Neubeurteilung haben. Bei hängigen Fällen scheint es hingegen durchaus empfehlenswert, sich nochmals mit dem Anwalt auszutauschen, um die Argumentation des Strassburger Urteils einzubringen, oder Mitglied bei Procap zu werden und sich dort beraten zu lassen.

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Neben einer Rente bezahlt die Invalidenversicherung Leistungen, die den Alltag der Betroffenen erleichtern und die soziale wie berufliche Integration fördern soll. Mitglieder von Guider erfahren nicht nur, wie hoch diese Leistungen sein können, sondern auch welche Voraussetzungen für das Beantragen erfüllt sein müssen.

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3 Kommentare

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Jörg Frey
Die Haushaltabklärungen unterliegen einem Systemfehler. In der Erwebstätigkeit wird die Leistungseinbusse berechnet, das heisst Arbeit geteilt durch Zeit. Wenn eine Mitarbeiterin für eine Brief statt 10 Min. 60 Min. braucht, haben wir eine Leistungseinbusse von 83%. Bei der Haushaltabklärung geht der Gesetzgeber davon aus, das eine Hausfrau 24 Std. Zeit für die Führung eines Haushaltes hat. Beispielsweise beim Kochen. Eine durchschnittliche Hausfrau braucht für ein einfaches Menu eine halbe Stunde. Eine Person mit Behinderung braucht 2 Std. für das gleiche Menu. Für die IV heisst das, diese Person kann das Menu kochen, auch wenn sie 4 mal so viel Zeit braucht. Das heisst in diesem Fall, die "Leistungseinbusse" ist 0%, Die wirkliche physikalische Leistungseinbusse beträgt aber 75%. 75%.
Kyrana
Ja genau so ist es mir auch gegangen leider. Die ggemischte Rechnung , ist eine frechheit sonder ggleichen. Myasthenia Gravis. = Muskelschwäche. Trigenimus Tumor und ein Stück ist noch im Kopf. Appendixtumor Bösartig. Toraxtumor. Knie OP. Neue Hüfte. Rotatorenmanscheten Abriss. Achillesfersen Entzündung ganze zwei Jahre . Die Renten Berechnung ist eine frechheit und trifft nur uns Frauen. Ich Arbeite in der Pflege und wurde genau das gefragt , wie ich arbeiten würde wenn ich Gesund wäre. Diese frage wirt keinem Mann gestellt.
biggi
der bericht ist Kommentar genug.