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IV-Rentner«Sie machten mich zum Scheininvaliden»

Angststörungen, Depressionen, Krebs: Trotz alledem soll ein 55-Jähriger keine IV-Rente erhalten. Ihm geht es wie vielen Opfern der Spar-Reform.

«Die Gutachter verschoben den Termin mehrmals. Dann gab es eine Stunde lang Kreuzverhör»: Savio Russo* wurde von der IV abgelehnt.

Von Veröffentlicht am 26. April 2019, aktualisiert am 26. April 2019

Meist spricht der Partner. Er erzählt, was in den letzten Jahren passiert ist mit seinem Freund Savio Russo*. Unterbrochen wird das Gespräch hin und wieder durch die runde Klappe in der Balkontür. Dann kann sich die schwarze Katze wieder nicht entscheiden, ob sie auf den kleinen Gartensitzplatz gehen und in die Sonne blinzeln soll oder nicht oder wohl doch lieber in der Erdgeschosswohnung bleiben will.

Russo spricht wenig. Er nickt, als sein Partner sagt: «Eigentlich haben die zwei Gutachter ihn zum Scheininvaliden gemacht. In ihren Augen lügt Savio offensichtlich. Dabei sind vier Ärzte und ein Psychologe vor ihnen zum Ergebnis gekommen, dass er zu maximal 20 Prozent arbeitsfähig ist. Und die IV-Gutachter haben Savio nicht einmal zwei Stunden befragt.»

Aufnahme des Gesprächs verboten

«Eine Stunde etwa. Es war ein Kreuzverhör», sagt Russo. Er setzt die Brille auf. «Sie verschoben den Termin mehrmals. Und das Gespräch durfte er nicht aufnehmen», sagt der Partner. «Nein. Ich habe gefragt. Sie haben es mir strikt verboten», sagt Russo.

«Aufnahmen soll man erlauben, und zudem sollte eine Vertrauensperson beim Gespräch mit dem Gutachter dabei sein dürfen», sagt Martin Boltshauser. Er leitet den Rechtsdienst der Behindertenorganisation Procap und würde sämtliche Aufträge an Gutachter nach dem Zufallsprinzip auslosen, um für Unabhängigkeit zu sorgen. Und nicht wie heute nur die bei schwierigsten Gutachten, bei denen Experten aus mindestens drei medizinischen Fachrichtungen dabei sein müssen.

Beweise fehlen

Im Schweizer Fernsehen erzählte letzten Herbst ein Mann von seiner Erschöpfungsdepression und dem Versuch, eine IV-Rente zu bekommen. Der Psychiater befragte ihn homöopathische 36 Minuten lang und empfahl der IV dann, die Rente zu verweigern Invalidenversicherung Das müssen Sie über die Invalidenrente wissen . Der Depressive hatte das Gespräch heimlich mit dem Handy registriert. Die Aufnahme eines solch entscheidenden Treffens sollte generell erlaubt und Standard sein, ist es aber nicht. So fehlen dem Antragsteller Argumente und Beweise für ein allenfalls unseriös verlaufenes Gespräch. Er bleibt der IV ausgeliefert, den Gerichten ebenso.

Im Gutachten über den Depressiven waren Tests aufgeführt, die der Psychiater der IV nachweislich nicht durchgeführt hatte. Den Gutachter hatte die IV ausgewählt, und der Kranke hatte sich nicht dagegen gewehrt. Sich zu wehren, wäre zulässig, hätte aber wohl auch nichts genützt. Gemäss der Praxis des Bundesgerichts genügt eine Erschöpfungsdepression ohnehin nicht, um eine IV-Rente zu erhalten.

Nach der Ablehnung der Rente war der Mann gleich auf drei Stufen erledigt: Krankentaggeld Krankentaggeld Viel Unwissen und Fallstricke , Pensionskasse, Invalidenrente. Wenn die IV eine Rente verweigert, zahlen auch die Krankentaggeldversicherung und die Pensionskasse nicht. Der psychisch angeschlagene und finanziell ausgeblutete Mann musste aufs Sozialamt Sozialhilfe Beantragen – Welche Rechte habe ich? .

Bei Savio Russo erübrigte sich das. Er ist bereits beim Sozialamt. Er lebt zurückgezogen in einem alten Hausteil am Rand einer Zürcher Gemeinde, steht je nach Jahreszeit zwischen vier und fünf Uhr auf, feuert den Ofen mit Holz ein und füttert die Katzen, geht spazieren und macht sich im Garten und im Haushalt nützlich.

Illustration: IV-Rentner Savio Masso* vor dem Heizofen in seiner Wohnung

Quelle: Kornel Stadler

Russo zählt zur wachsenden Anzahl Menschen, die von der IV ausgeschlossen werden. Ende 2017 zählte die Schweiz noch 218'700 IV-Bezüger. Die Anzahl Neurenten ist in den letzten 16 Jahren um fast 50 Prozent zurückgegangen, obwohl die Bevölkerung zulegte. Im Jahr 2006 bezogen 3,3 Prozent der Bevölkerung eine Invalidenrente. Diese Zahl wurde mittlerweile auf 2,6 Prozent gesenkt, um die Finanzen der IV in den Griff zu bekommen.

Falls aber damals zu viele Renten gutgeheissen wurden, kann man sich heute die Frage stellen, ob es nun zu wenige sind. Und man muss der Frage nachgehen, was denn mit jenen Menschen geschehen ist, deren Rentenbegehren verweigert wurde. Das sei bisher nie wissenschaflich untersucht worden, klagte die Zürcher Psychiaterin Maria Cerletti jüngst in der «Schweizerischen Ärztezeitung». Psychisch Belastete verschwinden ja nicht einfach von der Bildfläche, bloss weil die IV ihre Finanzen saniert.

Cerletti weist zudem auf eine Studie der Uni Basel aus dem Jahr 2015 hin. Darin verglich eine Professorin für Versicherungsmedizin die Befunde verschiedener Gutachter über die Rentenberechtigung von 30 Patienten. Dieselben Fälle beurteilten die verschiedenen ärztlichen Gutachter sehr unterschiedlich. Manchmal bekamen die Patienten eine Rente, manchmal nicht.

Gerichte auf der Seite der IV

Bloss, wer entscheidet über Existenzen? Ob eine Angststörung, eine mittlere Depression oder Schizophrenie eine IV-Rente begründet, wenn die Experten uneins sind? Letztlich sind es die Gerichte. Und die folgen überwiegend dem Urteil des Gutachters und nicht jenem der Ärzte, die einen Patienten über Jahre hinweg betreuten und behandelten. Ihnen wird häufig Voreingenommenheit unterstellt. Sie würden die Interessen ihres Patienten nicht mehr «objektiv» vertreten können. Daher sei ein «unabhängiger» Gutachter die bessere Wahl.

Das Parlament beschloss, dass die IV saniert wird, und kümmerte sich offenbar weniger darum, welche Menschen dadurch in existenzielle Not getrieben werden. Das Volk stimmte 2007 dieser fünften IV-Revision zu. Auch das Bundesgericht ist mitverantwortlich für die härtere Gangart und die diffuse Lage. Jahrelang waren Patienten mit unklaren Beschwerdebildern wie Schleudertrauma oder Angststörungen je nachdem IV-berechtigt, dann wieder nicht.

Anfang 2019 mahnte das Bundesgericht eine IV-Bezügerin, sie sei verpflichtet, sich wieder ins Berufsleben einzugliedern. Die 60-jährige Urnerin war seit fast 20 Jahren zu 100 Prozent arbeitsunfähig. Sie wollte sich nicht an einer Massnahme der IV beteiligen. Die IV strich ihr daraufhin mit Zustimmung der höchsten Richter die gesamte Rente, die maximal 2370 Franken im Monat betragen darf. «Die Invalidenversicherung soll sich von einer Rentenversicherung zu einer Eingliederungsversicherung entwickeln», fordert das Bundesgericht in seltener Übereinstimmung mit dem aktuellen politischen Zeitgeist.

Heute kann jemand unter «psychosozialen Belastungsfaktoren» wie Trennungen, Tod des Partners oder Migration leiden, bekommt aber dennoch keine Rente. Auch bei Savio Russo kommen mehrere Faktoren zusammen, trotzdem gibt es nichts von der IV.

Schicksalsschläge

Russo kam drei Wochen zu früh zur Welt, weil seine Mutter während der Schwangerschaft einen Stromschlag erlitt. Das wurde von der IV als Geburtsgebrechen Geburtsgebrechen Vor der IV sind nicht alle Kinder gleich anerkannt. Der Bub wurde von den Mitschülern als «Tschingg» gehänselt und vom Lehrer blossgestellt. Er blieb ein Einzelgänger, fürchtete Ablehnung und Kritik. Russo wurde Schreibmaschinenmechaniker. Als die Computer übernahmen, wurde er entlassen und wechselte mehrmals die Stelle. Der Militärdienst war ihm nur durch eine hohe Anpassungsfähigkeit und Selbstverleugnung möglich, wie es in einem Gutachten heisst. Danach war auch dieses Kapitel geschlossen, Russo wurde ausgemustert. Der Psychiater beschrieb den damals 26-Jährigen als ängstlich-depressiv.

Es dauerte Jahre, bis Russo zu seiner homosexuellen Orientierung fand. Auf die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit reagierte Russo mit zusätzlichen Ängsten, Niedergeschlagenheit, Suizidgedanken Suizidgedanken «Ich habe aus dem Loch gefunden» und Rückzug. Er schluckte Pillen gegen seine Depression und konnte mit Mühe einen Tag die Woche arbeiten. Es folgten Rückenschmerzen, ab 2011 bezog Russo Sozialhilfe. Dann ein weiterer Schicksalsschlag: Krebs. Das führte ihn in die Praxis eines Psychotherapeuten. Da war Russo fast 50 und arbeitete von zu Hause aus einen halben Tag pro Woche im Bereich Computersupport. Die Einnahmen werden ihm von der Sozialhilfe abgezogen. Er lebt vom Grundbedarf Existenzminimum Was muss zum Leben reichen? , derzeit 986 Franken im Monat. Das Sozialamt übernimmt darüber hinaus Miete und Krankenkasse. Seit fünf Jahren führt er eine Partnerschaft mit einem Mann.
 

«Es kann und darf doch nicht sein, dass Savio trotz drei Fachberichten, die seine Arbeitsfähigkeit auf maximal 20 Prozent einschätzen, nun nach drei Jahren mit diesem Scherbenhaufen zurückbleibt.»

Aussagen des Partners von Savio Russo*


Die beiden IV-Gutachter hielten den mittlerweile 55-jährigen Savio Russo für voll arbeitsfähig. Sie schrieben, man müsse vor allem das Alter der ärztlichen Berichte berücksichtigen. Was den Mann vor zehn oder mehr Jahren geplagt habe, müsse heute nicht mehr der Fall sein. Dem Urteil der Gutachter Gutachter Wenn die IV mauert schlossen sich sowohl das Zürcher Sozialversicherungsgericht wie das Bundesgericht an. Sie wiesen die Klagen jeweils ab, wobei sie die Akten nur formal prüften.

Russos Partner ist schockiert. «Es kann und darf doch nicht sein, dass er trotz drei Fachberichten, die seine Arbeitsfähigkeit auf maximal 20 Prozent einschätzen, nun nach drei Jahren mit diesem Scherbenhaufen zurückbleibt. Zumal sich sein Zustand in den letzten Wochen erneut drastisch verschlechtert hat.»

Minime Chancen

Wegen bekannter Nebenwirkungen des Antidepressivums und wegen des Stresses mit dem IV-Verfahren setzte bei Savio Russo ein Tinnitus ein. Für ein erneutes IV-Gesuch reicht das aber nicht. «Im Normalfall ist Tinnitus nicht invalidisierend», sagt Martin Boltshauser von Procap. Wenn Russo sich erneut bei der IV anmelden wolle, dann frühestens in einem Jahr, sonst seien seine Chancen «zwischen null und einem Prozent».

Es wird ruhig am Küchentisch. Die Tassen sind leer, Savio Russo und sein Partner ratlos. Die Katze hat sich nach langem Ringen fürs Sofa entschieden. Aber schnurren tut sie nicht.


* Name geändert

Guider Logo

Bundesgerichtsentscheide «Abklärungen durch die IV» bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Mitglieder von Guider sehen in einer Auflistung von realen Fällen, wie das Bundesgericht bei strittigen Abklärungsverfahren der Invalidenversicherung über einen Leistungszuspruch entschieden hat.

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René Ammann, Redaktor

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3 Kommentare

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HBA58

Ich erlitt am 9. Januar 2017 ein Burnout. Zwei Monate später Diagnose Krebs, bösartig. Operation und eine lange Reha und psychologische Betreuung folgten. Seit 1. April bin ich in der RAV-Mühle weil die IV mich für gesund erklärt hat, trotz Gutachten, welche ein hohes Rückfallrisiko bestätigen. Ich bin heute 61 Jahre alt, meine Rahmenfrist bei der ALV läuft im August 2019 ab weil mein Arbeitgeber mir nach meiner Erkrankung sofort kündigte. Ich bin enttäuscht von unserem Sozialsystem. 40 Jahre gearbeitet, Beiträge bezahlt und jetzt kurz vor dem "Weiss nicht wie es weitergehen soll"! Danke Schweiz!

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christoph_live1

Oder ein Cafè!

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vonna

Und die es wirklich nötig haben Gesundheitlich von der IV Hilfe zu erhalten, bekommen es nicht. Werden im stich gelassen ohne Hilfe!
Aber Die es nicht nötig haben beziehen IV Rente und führen Zb. ein Restaurant und so!

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