Jenny M.* (Name der Redaktion bekannt) tätowiert leidenschaftlich gern. Die Arbeit in ihrem Studio gibt der 36-Jährigen eine Struktur. Doch leider lässt das ihr Gesundheitszustand viel zu selten zu.

Sie ist psychisch wenig belastbar, diagnostiziert ist eine Persönlichkeitsstörung mit depressiven Zügen und Panikattacken. Dazu kommt ein Rückenleiden, das sich stetig verschlimmerte. In diesem Sommer mussten mehrere Wirbel mit Schrauben versteift werden, nun ist an ein volles Arbeitspensum nicht mehr zu denken. Laut ihrem Psychiater könnten es maximal vier Stunden pro Tag sein, ihr Arzt gesteht ihr seit der OP gerade mal eine Stunde Arbeit pro Tag zu.

100 Prozent arbeitsfähig?

Die Invalidenversicherung sieht das anders. Gemäss einem Vorentscheid beim Sozialversicherungszentrum Thurgau soll Jenny M. zu 100 Prozent arbeitsfähig sein. Die IV-Stelle bezieht sich auf eine Expertise der Zürcher Gutachterfirma Pmeda, die polydisziplinäre medizinische Abklärungen durchführt.

Aufgeschreckt durch den Entscheid der IV, verlangte die Frau Einsicht in Gutachten – und wurde stutzig. Zusammenfassend kommt es zum Schluss, es bestünden «vielfältige Hinweise auf Inkonsistenzen, die möglicherweise auf eine bewusstseinsnahe Beschwerdenüberzeichnung hindeuten». Sprich: Jenny M. soll sich ihre Beschwerden nur eingebildet haben. Sie sei zu 100 Prozent arbeitsfähig, eine Einschränkung gebe es nicht. Aus rheumatologischer Sicht bestehe keine Arbeitsunfähigkeit, zumindest «keine dauerhafte Einschränkung».

Anzeige

Zudem erweckt das Gutachten den Eindruck, Jenny M.s psychische Probleme könnten im Zusammenhang mit Drogen stehen. Gleich an vier Stellen ist pauschal von einem «positiven Drogenscreening für Amphetamine» die Rede.

Doch das ist falsch. Das zeigt eine Laboranalyse, die dem Beobachter vorliegt. Ein Zürcher Labor analysierte Blut und Urin von Jenny M. Das Ergebnis war negativ. Bei Methadon, Benzodiazepinen, Kokain, Cannabis, Opiaten, Barbituraten, Ecstasy – und bei Amphetamin. Hier notierte das Labor neben dem Befund «negativ» zwar zugleich einen Wert von 275 Nanogramm/Milliliter. Doch auf Rückfrage bestätigt das Labor, dass es unzulässig sei, bei diesem Messwert von einem positiven Drogenbefund zu sprechen. Erst mehr als 500 Nanogramm/Milliliter dürften als positiv interpretiert werden.

Wie der Wert zustande kam, kann Jenny M. niemand erklären. «Ich konsumiere keine Drogen, trinke nicht mal Alkohol.» Weil sie seit vier Jahren blutdrucksenkende Medikamente einnehmen muss, wäre es geradezu fahrlässig, aufputschende Amphetamine zu konsumieren. Jenny M. liess sich inzwischen beim Hausarzt auf Drogen testen – mit negativem Resultat. Und ihr Psychiater bestätigt, dass Drogen bei ihr nie ein Thema gewesen seien.

Anzeige

Kein Kommentar

Weshalb die Gutachterfirma Pmeda von einem «positiven Drogenscreening» spricht, wenn die Laborbefunde allesamt negativ sind, will Firmeninhaber und Arzt Henning Mast nicht sagen. Zwei beim Gutachten involvierte Ärzte beantworteten die Fragen des Beobachters. Sie sind sich keiner Fehler bewusst.

Im Gutachten verweisen die Ärzte mehrfach auf ein «positives Drogenscreening». Doch nun krebsen sie zurück: Man habe «keine Diagnose eines Suchtmittelgebrauchs» gestellt, sondern nur einen «nicht eindeutigen normalen Laborbefund» erwähnt. Und: «Der Laborbefund hat das Ergebnis der gutachterlichen Bewertung der Arbeitsfähigkeit nicht beeinflusst.»

Die IV-Stelle Thurgau sagt, der Entscheid, dass Jenny M. voll arbeitsfähig sei, sei erst «vorläufig». Ein endgültiger Entscheid liege noch nicht vor, so Direktor Andy Ryser. Im Rahmen eines «Einwandverfahrens» habe man inzwischen verschiedene Arztberichte erhalten und auch «zur Kenntnis genommen», dass Jenny M. eine Rückenoperation hinter sich habe. Die Frage der Arbeitsfähigkeit werde «basierend auf den erhobenen Einwänden ergebnisoffen beurteilt».

Anzeige
Mehr zum Abklärungsverfahren der IV bei Guider

Hat jemand Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung, wird abgeklärt, zu welchem Grad der Anspruch besteht. Das IV-Verfahren ist sehr komplex und kann sich über eine längere Zeit ziehen, was viele verunsichern und frustrieren kann. Bei Guider erfahren Beobachter-Abonnenten wie die IV vorgeht, wenn sie sich für eine Rente anmelden und was sie tun können, wenn sie einen Entscheid anfechten wollen.

Buchtipp

IV - Was steht mir zu?

Wer sich neu und unerwartet mit dem Thema Invalidität auseinandersetzen muss, ist ganz besonders auf umfassende und verlässliche Informationen angewiesen. Dieser Beobachter-Ratgeber bietet beste Orientierung in einer völlig neuen und schwierigen Lebenssituation.

Mehr Infos

Buchcover: IV – Was steht mir zu?
Quelle: Beobachter Edition
Anzeige

«Mehr Klarheit – Woche für Woche»

Otto Hostettler, Redaktor

Mehr Klarheit – Woche für Woche

Der Beobachter Newsletter