Sie suchte einen Partner zum Tennisspielen – und fand einen einsamen US-General im Syrienkrieg. Er machte ihr den Hof – und brachte sie um ihr Vermögen.

Marcel Steger blättert durch einen der fünf Bundesordner, die vor ihm auf dem Tisch liegen, und schüttelt den Kopf. Ständig stösst er auf neue Dokumente, die ihn noch wütender machen. «Wie kann es sein, dass eine Bank nicht merkt, wie Betrüger eine Frau bis auf den letzten Rappen ausnehmen?»

In knapp drei Jahren hat seine inzwischen verstorbene Mutter 600'000 bis 700'000 Franken ins Ausland überwiesen. An Leute, mit denen sie nie zuvor zu tun hatte. Als Frau, die keinerlei Geschäftsbeziehungen ins Ausland gepflegt hatte. «Ich fasse es nicht», sagt ihr Sohn.

Die Summe ist nur eine Schätzung. Es gibt noch weitere zehn Bundesordner voller Akten: Liebesbriefe, erfundene Rechnungen, Zahlungsbelege. Marcel Steger hat irgendwann aufgehört, alle Quittungen herauszusuchen.

«Alle kneifen»

Fakt ist: Die meisten Überweisungen liefen über die UBS, die Hausbank seiner Mutter. Fast 450'000 Franken gingen an Empfänger in den USA, der Türkei und den Niederlanden. Mal waren es 4000 Euro, dann 70'000 – und sämtliche Grössenordnungen dazwischen.

Steger ist ein bulliger Mann: gut trainiert, braun gebrannt. Er ist Inhaber eines Industrieunternehmens. Der Chef. Doch wenn es um das Schicksal seiner Mutter geht, fühlt er sich machtlos. «Alle kneifen.»

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«Geliebte Schatzfrau»

Der angebliche US-General schrieb seine Mutter schon kurz nach dem ersten Kontakt auf einer Online-Sportpartnerbörse mit «meine geliebte Schatzfrau» an. Nach sechs Tagen bat er sie, seine Altersvorsorge in Form eines Koffers voller Noten zu sich zu nehmen, über drei Millionen Dollar. Einen Drittel davon sollte sie als Provision erhalten.

Dann folgte das übliche Prozedere eines «Romance Scam», wie diese Betrugsmasche heisst. Zuerst schob er Probleme mit der Lieferung vor. Um sie auszulösen, musste sie 6500 Euro zahlen. Dann war da auf den Banknoten des Generals ein Stempel, der unbedingt wegmusste. Die «Schatzfrau» sollte die Kosten für Geräte und Chemikalien übernehmen, damit die Scheine in einem Speziallabor gereinigt werden konnten. Einmal reiste sie mit 40'000 Euro bar nach Amsterdam und übergab sie einem Wildfremden. Sie bezahlte neue, dringend benötigte Maschinen, verkaufte dafür sogar ihr Haus. Der Koffer mit dem Geld aber kam nie bei ihr an.

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Selber schuld

Im Sommer 2017 wurde die Frau misstrauisch, sie fand das Ganze seltsam. Sie ging zur Polizei, erstattete Strafanzeige. Sie und ihr General würden über den Tisch gezogen, war sie überzeugt. Doch die Staatsanwaltschaft eröffnete kein Verfahren. Die Betrüger waren derart plump vorgegangen, dass man ihnen keine Arglist unterstellen konnte. Wer auf eine solche Geschichte hereinfällt, ist selber schuld.

Es war ohnehin zu spät. Der Kontostand war auf null. «Ich habe Schulden geerbt», sagt Steger.

Er hatte gewusst, dass seine Mutter in eine seltsame Geschichte geraten war. Sie hatte ihm vom General erzählt. Er warnte sie vor Internetbetrügern. Dass es um Hunderttausende Franken ging, wurde ihm bewusst, als sie zur Polizei ging.

Das Misstrauen der Bank

Wirklich erschrocken sei er aber nach dem Tod der Mutter Ende 2018, als er die Bankauszüge der UBS gesehen habe. «Es war so offensichtlich. Warum hat man sie nicht gestoppt?» Er hakte bei der Bank nach, nahm sich einen Anwalt, wollte wissen, weshalb derart auffällige Transaktionen überhaupt ausgeführt wurden.

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Nach eineinhalb Jahren Schriftverkehr mit der Bank stellte sich heraus: Die Kundenberaterin hatte bei verdächtigen Zahlungsaufträgen jeweils eine Meldung erhalten, die auf einen möglichen Betrugsfall hinwies. Sie rief die Kundin an, fragte nach, ob sie die Überweisung tatsächlich veranlasst habe und diese korrekt sei. Die verliebte Dame bestätigte dies – sie wollte ja ihrem General helfen. Einmal sagte sie, sie müsse Maschinen kaufen für das Geschäft ihres Sohnes. Dieser kann es nicht fassen: «Eine einzige kritische Nachfrage hätte gereicht, und man hätte gemerkt, dass das hinten und vorne nicht stimmen konnte.»

Stegers Anwalt Rémy Ribbe findet, die Bank habe ihre Sorgfaltspflicht verletzt. «Sie hätte bei der Kundin konsequenter nachfragen müssen. Dann hätte sie unweigerlich festgestellt, dass die Frau in Bezug auf diese Überweisungen nicht mehr urteilsfähig war.»

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In solchen Fällen bestehe eine gesetzliche Pflicht, die Kesb zu informieren, die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. «Der Schutz vor einer Vermögensschädigung geht hier dem Schutz des Bankgeheimnisses vor», sagt der Anwalt.

Was Ribbe besonders erstaunt: «In einem Zeitungsbericht von 2013 sagte die UBS, sie habe exakt für solche Fälle einen speziellen Fragebogen entwickelt, um ältere Menschen vor Betrug zu schützen. Wenn dieser im vorliegenden Extremfall nicht angewendet wird, wann dann?»

Bei der UBS gibt es darauf keine Antworten – trotz Vollmacht von Marcel Steger. Man äussere sich nicht zu Einzelfällen. Drei weitere Banken, die vom Beobachter zum allgemeinen Vorgehen befragt wurden, sind ebenfalls verschwiegen. Der Tenor bei Credit Suisse, Raiffeisen und Zürcher Kantonalbank: Verdachtsfälle werden geprüft, Mitarbeiter geschult, zu sicherheitsrelevanten Fragen gebe man keine Auskunft.

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«Wenn ein Kunde den Auftrag bestätigt, sind Banken grundsätzlich verpflichtet, diesen auszuführen.»

Michaela Reimann, Sprecherin der Bankiervereinigung

Für eine Gefährdungsmeldung bei der Kesb brauche es mehr als ungewöhnliche Transaktionen, heisst es bei der Bankiervereinigung. «Das ist ein extremer Eingriff in die Privatsphäre. Die Bank darf das nicht ohne weiteres, wegen des Bankkundengeheimnisses», sagt Sprecherin Michaela Reimann. Die Zahlung zu verweigern, sei keine Option.

«Wenn ein Kunde den Auftrag bestätigt, sind Banken grundsätzlich verpflichtet, diesen auszuführen.»

Ähnlich sieht es Chantal Billaud von der Schweizerischen Kriminalprävention. Die interkantonale Fachstelle hat letztes Jahr mit den Polizeikorps eine Kampagne gegen digitalen Liebesbetrug initiiert. Die Bank habe mit der telefonischen Nachfrage ihre Sorgfaltspflicht wahrgenommen und sei damit sogar relativ weit gegangen, findet Billaud.

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«Banken bewegen sich immer in einer Grauzone zwischen Sorgfaltspflichten und Bankgeheimnis. In den letzten Jahren haben sie grosse Fortschritte gemacht, informieren gut und arbeiten auch mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen.»

Man hat das Recht, sich zu ruinieren

Selbst der Zürcher Rechtsanwalt Lars Mathiassen, der mehrfach Bankenopfer vertreten hat, sieht wenig Handlungsspielraum. Eine Bank könne nicht einfach so eine Zahlung stoppen. «Es brauchte ganz eindeutige Hinweise, dass das Geld für einen illegalen Zweck bestimmt ist», sagt Mathiassen. Alles andere wäre Bevormundung. «Es ist jedem freigestellt, sich selber zu ruinieren.»

Ein halbes Jahr nachdem sie zur Polizei gegangen war, wurde für Marcel Stegers Mutter eine Beistandschaft errichtet. Fortan konnte sie nur noch Zahlungen bis 2000 Franken selber tätigen. Da sie geistig zunehmend verwirrt war, wurde ihr später auch der Führerausweis entzogen. Ende 2018 verstarb sie mit 69 an einer Infektion. Sie hinterliess eine mit einer hohen Hypothek belastete Eigentumswohnung, knapp 40'000 Franken Schulden – und ordnerweise Liebesbriefe von einem US-General im Syrienkrieg.

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Andres Büchi, Chefredaktor

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