Mona Knecht ahnte schon lange, dass nach dem Tod ihres Vaters eine Menge Arbeit auf sie zukommen würde. Das Haus von Fred E. Knecht, Künstler, Galerist, Kunstsammler und Weltenbummler, war bereits zu seinen Lebzeiten bis unters Dach vollgestopft mit eigenen und fremden Bildern, unzähligen Fotos und Erinnerungsstücken an seine zahlreichen Reisen. «Manchmal, wenn ich für ihn saubermachte, stieg in mir ein mulmiges Gefühl hoch, und ich habe mich gefragt, was ich nach seinem Tod mit alledem tun soll.» Wirklich ernsthaft dar­über gesprochen haben die beiden nie.

Als Fred E. Knecht im April 2010 einen tödlichen Herzinfarkt erlitt, stand er trotz seinen 75 Jahren noch mit beiden Beinen im Berufsleben. In seiner Zürcher Galerie fand gerade eine grosse Ausstellung statt, die nächsten waren bereits abgemacht. Zu den Werken im Wohnhaus kamen zwei mit Bildern vollgestopfte Kellerräume in der Galerie sowie ein Atelier, das wegen Abbruchs so schnell wie möglich geräumt werden musste. Wie sollte die zierliche Tochter, die dem Kunstbetrieb als junge Frau den Rücken gekehrt und sehr bewusst einen anderen Weg eingeschlagen hatte, das alles managen? Was sollte die gelernte Landwirtin und Pflegefachfrau mit dem Lebenswerk eines Künstlers anstellen?

Es gab kein Werkverzeichnis, nichts

Am Anfang habe sie einfach funktioniert, die Urne in seine Galerie gestellt und dort mit Freunden und Sammlern Abschied gefeiert, sagt Mona Knecht. Doch als es ans Aufräumen ging, hätte die 49-Jährige viel gegeben für eine Wegleitung im Umgang mit einem Künstlernachlass. Doch eine solche gab es genauso wenig wie ein Werkverzeichnis der eigenen oder fremden Bilder. «An seinen Freunden konnte ich mich kaum orientieren, die waren teilweise noch chaotischer als er.» Und Geschwister, mit denen sie sich die grosse Aufgabe hätte teilen können, gab es auch nicht mehr.

In monatelanger Arbeit versuchte Knecht, sich einen Überblick zu verschaffen, räumte als Erstes das Atelier, danach das väterliche Wohnhaus in Thalwil ZH, in dem sie heute mit ihrem Partner lebt. Vieles erinnert auch heute noch an den Vater, an fast allen Wänden hängen Bilder, überall stehen Andenken an seine vielen Reisen. Dennoch wirkt das Haus im Vergleich zu früher beinahe leer. Nur im Keller stapelt sich, säuberlich verpackt, Bild an Bild.

Die Frage, was damit letztlich passieren soll, bleibt. Und irgendwann merkte Mona Knecht, dass sie mit diesem Problem nicht allein war. Laut Schweizerischem Institut für Kunstwissenschaften sind zwischen 1900 und 2011 über 5400 bildende Künst­lerinnen und Künstler verstorben. Eine gesamtschweizerische Institution oder Stiftung, die sich um dieses kulturelle Erbe kümmern oder Nachkommen unterstützen würde, gibt es nicht. Und niemand weiss, wie viele dieser Erbschaften noch erhalten sind.

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Endstation Brockenhaus?

Wer Glück oder einen guten Namen hat, findet ein regionales Kunstmuseum, das sich des Lebenswerks annimmt. Oder ­einen Kunsthändler. Doch der einzige, der sich in der Schweiz auf den Verkauf von Bildern verstorbener Künstler spezialisiert hat, bekommt doppelt so viele Angebote, wie er bewältigen kann. Und trifft – natürlich – eine Auswahl. «Ich muss überzeugt sein, dass ich die Werke verkaufen kann, sonst bringt die Zusammenarbeit mit den Erben niemandem etwas», sagt Ueli Eberhart. In seiner kürzlich eröffneten «Galleria il Tesoro» in Altendorf SZ zeigt und verwaltet er gerade mal sechs Nachlässe.

Die Aufgabe, das Gesamtwerk zu sichten, sich einen Überblick zu verschaffen und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, bleibt in der Regel an den direkten Nachkommen hängen. Und wenn sie nicht mehr sind, keine Kraft oder keinen Platz haben, wandert das gesamte Lebenswerk nicht selten ins Brockenhaus oder auf den Flohmarkt – oder in die Kehrichtverbrennung. So weit ist Mona Knecht noch nicht. Aber auch sie fragt sich manchmal, ob es nicht besser wäre, alles wegzuwerfen und sich wieder aufs eigene Leben zu besinnen. Sich auf ihre Ausbildung als Maltherapeutin zu konzentrieren, wieder mehr Zeit mit dem Partner zu verbringen, der sie, so gut er kann, unterstützt. «Muss ich jetzt wirklich das Leben meines Vaters weiterführen, die Galerie übernehmen, regelmässig Ausstellungen mit seinen Bildern veranstalten und so in seine Fussstapfen treten?»

Hans Bosshard stellte sich diese Frage zum ersten Mal vor rund 20 Jahren. Sein Vater, der bereits einige Jahre früher nach Kanada ausgewandert war, hätte den Sohn gern als Nachfolger auf seiner Guest Ranch gesehen. «Es hätte ja auch alles sehr gut gepasst. Mit meiner Erfahrung im Gastgewerbe und der Hotelierausbildung war ich prädestiniert dafür», sagt Bosshard. Also ging der damals 26-Jährige für sechs Monate nach Kanada, führte Touristen auf tagelangen Touren in den nahegelegenen Nationalpark, bekochte sie, lernte das Anwesen mit den vielen Gästezimmern, den Ranchbetrieb, Land und Leute kennen. «Das Ziel dieses Aufenthalts war, mir klar zu werden, ob ich mir eine Zukunft in Kanada überhaupt vorstellen kann.»

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Als er sechs Monate später in die Schweiz zurückkam, erhielt er das Angebot, stellvertretender Leiter einer sozialen Ausbildungsstätte zu werden – und sagte zu. «Das hiess nicht, dass Kanada als Option für später gestorben war.» Während der Ferien zog es ihn immer wieder dorthin, manchmal träumte er davon, für immer zu bleiben. «Ich hätte mir das vorstellen können.»

Als sein Vater 1996 unerwartet starb, änderte sich die Lage schlagartig. Plötzlich musste Bosshard schnell entscheiden. Seine Arbeit gefiel ihm. Sollte er trotzdem alle Zelte in der Schweiz abbrechen und für immer nach Kanada ziehen, um Geschäftsführer im väterlichen Betrieb zu werden? Ein Nein bedeutete, das Lebenswerk des Vaters zu verscherbeln, es in fremde Hände zu geben, denn für seine drei Geschwister stand Auswandern nie zur Diskussion.

Nach drei Monaten Bedenkzeit stand Hans Bosshards Entschluss fest: Er blieb in der Schweiz. Hätte er in einer Beziehung gelebt, wäre der Entscheid vielleicht anders ausgefallen, sagt er. Aber allein wollte er die Ranch nicht übernehmen. «Ausserdem war sie der Lebenstraum meines Vaters, und ich wollte nicht unbedingt seinen Traum weiterleben.» Ein schlechtes Gewissen hatte er deswegen nie – was wohl auch daran liegt, dass der damalige Geschäftsführer der Ranch, der wesentlich am Aufbau beteiligt gewesen war, das Anwesen kaufte. «Damit ist es in guten Händen und irgendwie auch in der Familie geblieben.»

Der heute 46-Jährige hat die Entscheidung, seinen Lebensplan nicht auf das Erbe seines Vaters auszurichten, nie bereut. Obwohl: «Manchmal werde ich, wenn ich an meine Zeiten in Kanada denke, etwas sentimental und vermisse die unendlichen Weiten und die Natur.» Aber er habe hier einen tollen Job, den er gerne ausübe: «Ich bin zufrieden mit meinem Leben hier.»

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Hans Bosshard: «Sollte ich wirklich nach Kanada auswandern, um Vaters Ranch zu übernehmen?»

Quelle: Marco Zanoni

«Dann wäre ich endlich wieder frei»

Ein ausgefülltes Leben führte auch die freischaffende Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin Lucia Angela Cavegn – bis sie vor knapp fünf Jahren einen unerwarteten Anruf erhielt. Ihr Vater war seit drei Tagen vermisst gewesen und nun tot in der Cavradi­schlucht in der Bündner Surselva aufgefunden worden. Der 63-Jährige starb, wie er einen Grossteil seines Lebens verbracht hatte – beim Strahlen.

Für die beiden Kinder gehörte die Leidenschaft des Vaters seit je zum Familienleben, ja bestimmte es über weite Teile. Sobald es das Wetter zuliess, war er Samstag für Samstag in den Bergen, um in verborgenen Quarzklüften nach Kristallen zu suchen. «Und er war erfolgreich darin», sagt die Tochter nicht ohne Stolz, «er besass einen guten Instinkt und Ausdauer.» Nach seinem plötzlichen Tod stellte sich für die Kinder die Frage, was mit der beachtlichen Mineraliensammlung passieren sollte. «Für mich war diese Hinterlassenschaft so etwas wie das Lebenswerk eines Künstlers, in der jeder Stein, vergleichbar mit einem Bild, seine eigene Geschichte hat, ein Unikat darstellt», sagt Lucia Angela Cavegn. Doch die Sammlung war zu gross, um sie vollständig zu behalten.

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Ausserdem kamen bald auch die ersten Anfragen von Freunden und Bekannten, die gerne noch einen Stein erworben hätten. «Uns war vor allem wichtig, dass die Stücke in gute Hände kommen, zu Menschen, die sie zu schätzen wissen.» Am liebsten verkaufte die heute 42-Jährige deshalb an Museen, an Freunde oder Bekannte ihres Vaters. Viele von ihnen traf sie an der Mineralienbörse, einer Welt, die sie aus ihrer Kindheit kannte und in die sie jetzt mit ihrem Bruder wieder regelmässig eintauchte. Und mit jedem Stück, das verkauft wurde, habe sie sich ein bisschen vom Vater verabschiedet, Stein für Stein.

Heute trifft man Lucia Angela Cavegn nicht mehr an der Börse – obwohl ihr und dem Bruder neben einer Vitrine mit besonders wichtigen und daher unverkäuf­lichen Steinen noch einige Kisten Mineralien bleiben. «Irgendwann muss man das eigene Leben wieder aufnehmen.» Zuvor sei sie ständig zwischen ihrem Wohnort Winterthur und Sedrun gependelt. Wie oft sie dort oben gewesen war, um Werkstatt und Wohnung des Vaters zu räumen, kann sie nicht sagen. Manchmal jedes Wochenende – und sehr viel öfter als in jener Zeit, als er noch lebte. «Die grosse Lücke, die mein Vater hinterlassen hat, habe ich erst gespürt, als ich mich wieder auf mein Leben konzentrierte. Und erst dann konnte ich anfangen zu trauern.»

Mona Knecht scheint diesen Prozess noch vor sich zu haben. Nach fünf Ausstellungen in nur 18 Monaten wirkt sie erschöpft und müde, fast schon ausgelaugt. Faktisch hat sie ausser dem Malen alle Aufgaben ihres Vaters übernommen, stellt Bildergruppen für Ausstellungen zusammen, transportiert sie in Galerien und wieder zurück. Sie kümmert sich um seine Galerie, organisiert Vernissagen und Finissagen, verschickt Einladungen.

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Bewusst dafür entschieden hat sie sich nie. Eher hat sie einfach gemacht, was gerade getan werden musste, die Bilder ihres Vaters ausgestellt, solange sich noch Galerien dafür interessieren. Die in Fachkreisen oft gehörte Äusserung, dass das Interesse der Käufer kurz nach dem Tod jedes Künstlers nachlasse, hallt in ihren Ohren wie eine Drohung. Gleichzeitig tauchen auch immer wieder Zweifel auf. Eigentlich würde Mona Knecht die Bildwelt ihres Vaters und die damit verbundene Arbeit gerne hinter sich lassen. Und dann? «Dann wäre ich endlich wieder frei.»

Zuerst jedoch muss sie die Galerie abgeben. Ob sie das dann auch wirklich tut, weiss sie noch nicht sicher, aber sie bereitet alles dafür vor. «Was ich behalten will, habe ich bereits ins Haus nach Thalwil gebracht», sagt sie. «Was jetzt noch hier steht, kommt weg.» Darf man das? Bilder verschenken, die vor einigen Jahren noch Tausende von Franken gekostet haben? Mona Knecht hat die Antwort darauf für sich gefunden. «Das befreit ungemein», sagt sie. «Jedes Bild, das weg ist, bedeutet ein Stück weit auch Loslassen.»

Ein Lebenswerk geerbt?


  • Was würde nach dem Willen des Ver­storbenen mit seinem Lebenswerk ­geschehen? Diese Frage steht im Zentrum. Überlegen Sie aber auch, was Sie selber wollen und welchen Aufwand Sie dafür betreiben können.

  • Lassen Sie sich Zeit mit Entscheidungen. Oft ist es besser, Ateliers, Werkstätten et cetera noch eine Weile zu behalten und erst auszuräumen, wenn man die Zeit und die Kraft dazu hat.

  • Hören Sie sich in Fachkreisen um und suchen Sie im Internet nach Informa­tionen und anderen Betroffenen, wenn Sie mit einem Erbe konfrontiert sind, das Ihre Fachkompetenz sprengt.

  • Experten verlangen für ihre Dienstleistungen oft (viel) Geld. Kalkulieren Sie: Lohnt sich dieser finanzielle Aufwand?

  • Der Künstler oder Sammler selbst ist der beste Experte. Im Idealfall regelt er den eigenen Nachlass zu Lebzeiten.

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