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Ascore TechnologiesSchrott-Aktien per Telefon

Eine Schaffhauser Firma will Rohstoffe aus Elektroschrott trennen. Ihr Pilotprojekt scheiterte. Das verschweigt ein Callcenter, das Investoren anwirbt.

Recycling-Beteiligungen werden am Telefon verkauft – was sind sie wert?
von aktualisiert am 21. Dezember 2017

Die Verkäufer sind geschickt. «Einer schilderte mir, unter welch schrecklichen Bedingungen afrikanische Kinder unseren Elektromüll trennen», erzählt eine Beobachter-Leserin. Der Mann vom Callcenter mailte ihr auch einen Link zu einer Videoreportage über die krankmachende Arbeit der «Müllkinder» in Ghana. «Ich hatte schon fast das Gefühl, ich sei ein Unmensch, wenn ich jetzt keine Aktien kaufe.» Aktien von einer Schweizer Firma, die unseren Elektromüll in Europa rezyklieren werde.

Die Verkäufer sind hartnäckig. Ein halbes Dutzend Mal meldete sich einer bei einem Leser. «‹Endlich ein Geschäft, von dem nicht nur Reiche profitierten›, so wollte er mir die Aktien schmackhaft machen.» Von Urban Mining sprach er, vom Goldschürfen im Schrott.

Wundermaschine versprochen

Ein patentiertes Verfahren soll edle Metalle aus alten Elektrogeräten heraustrennen. Rein mechanisch, durch Rütteln, Schütteln, Schwingen in sogenannten Fraktionatoren. Solche Anlagen will die Firma Ascore Technologies aus Neuhausen am Rheinfall bauen.

Auf deutschen Onlineportalen wie «Focus» und «n-tv» wird die Ascore als innovative, lukrative Firma präsentiert. Die Beiträge sind aber – kaum erkennbar – bezahlte Inserate.

Journalistisch verpackte Werbung auf «Focus online»
Die journalistisch verpackte Werbung für Ascore auf «Focus online».

Dabei ist der illegal aus Europa exportierte Elektroschrott tatsächlich ein Problem. Dass Ascore dafür eine Lösung hat, ist aber mehr als fraglich. Die Firma verweist auf ein «erfolgreiches Pilotprojekt» im Wallis, auf dem man jetzt in industriellem Massstab aufbauen könne. Kein Wort darüber, dass dieses Projekt im Fiasko endete. Nach zwei Jahren war die Firma pleite, die Löhne wurden nicht bezahlt.

Der Geschäftsleiter zog 2014 im «Walliser Boten» eine vernichtende Bilanz: «Schlimmer kann es eigentlich nicht laufen. Für die Mitarbeitenden, für die Region, die Banken und die Investoren. Das ist schade. Insgesamt haben wir rund 15 Millionen Franken verloren. Keiner der Beteiligten hat einen Nutzen aus dem Projekt gezogen, alle haben einen Schaden erlitten.»

Wieso soll jetzt gelingen, was damals so grandios scheiterte? Man habe die Technologie verbessert, sagt Ascore-Verwaltungsrat Beat U. Moser. «Wir haben ein Patent, das eine sortenreine und effiziente Rückgewinnung von Rohstoffen aus Elektroschrott und Müllverbrennungsschlacke ermöglicht.» Allerdings: Ein solches Patent besass schon die Walliser Firma.

Nicht nur das Bauland fehlt

Moser ist der einzige Vertreter der Schweizer Ascore. Es gibt weder Angestellte noch eine aktive Geschäftsleitung. «Wir befinden uns in der Aufbau- und Planungsphase und verfügen noch über kein Erträge erwirtschaftendes Geschäftsmodell», sagt er. Für die Umsetzung der Projekte sei ohnehin eine Tochtergesellschaft in Dortmund zuständig.

Im Businessplan ist von einem Produktionsbeginn im Jahr 2017 die Rede. Gebaut ist noch nichts. Die Firma besitzt auch keine Grundstücke für die Anlagen. «Wir haben aber einen guten Draht zu einem Recyclingunternehmen in Dortmund, das über Landreserven verfügt», sagt Moser. Zudem könnten Anlagen auch in anderen Regionen erstellt werden.

Ascore will bis im Jahr 2025 zu einem «weltweit führenden städtischen Bergbauunternehmen» aufsteigen. Ein steiniger Weg. Inzwischen wartet die Firma auf Investoren. Rund sechs Millionen Euro brauche es für eine erste Anlage.

Welche Rolle spielt der ominöse Grossaktionär?

Mit der Investorensuche über das Zürcher Callcenter will die Firma selber nichts zu tun haben. Verwaltungsrat Moser erwähnt einen Grossaktionär, der seine Beteiligungen auf diesem Weg verkaufen wolle. Die Einnahmen werde dieser dann als Darlehen in die Ascore einbringen. Ob sich der ominöse Aktionär dazu vertraglich verpflichtet habe, findet Moser «eine gute Frage». Und: «Nein, ein eigentliches Commitment besteht in schriftlicher Form (noch) nicht.»

Wer sich von den Telefonverkäufern überreden lässt, muss darum mit Überraschungen rechnen. Der Grossaktionär könnte das Geld aus den Verkäufen auch für sich behalten. Das «weltweit führende» Unternehmen im Urban Mining gäbe es dann weiterhin nur auf Papier.

Dieses lässt sich immerhin schon heute problemlos rezyklieren.

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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