An diesem Samstagnachmittag Anfang Herbst hat der Besucher das Kinderdorf Pestalozzi im appenzellischen Trogen fast für sich allein. Niemand spielt auf dem grossen Sportplatz, kein Geräusch dringt aus den 15 Wohnhäusern. Das Personal ist im Wochenende. Nur im Selbstbedienungscafé vor dem Besucherzentrum sitzt einsam eine Angestellte und blättert in Papieren. Unter der Woche sei das Dorf aber schon belebter, versichert sie.

Allzu belebt ist es aber auch dann nicht. Der Geschäftsleiter des Pestalozzi-Dorfs, Markus Mader, kommt zwar auf eine durchschnittliche Belegung mit 120 bis 130 Kindern und Jugendlichen - 40 davon in den interkulturellen Wohngemeinschaften, neun im Projekt «Rose», 16 im Projekt «emPower» und 2000 übers Jahr in den Austauschwochen. Doch diese Rechnung ist arg geschönt: Für das Haus «Rose», eine sozialpädagogische Wohngruppe für Gewaltopfer, ist das Kinderdorf nur Vermieter. Die Studierenden des Projekts «emPower» sind junge Erwachsene, die zu interkulturellen Jugendarbeitern ausgebildet werden - also keine hilfsbedürftigen Kinder. Und für die Wohngruppen weist der Jahresbericht 2006 total 8'655 Betreuungstage aus: Geteilt durch 52 Wochen, ergibt das eine durchschnittliche Belegung von 23. Dividiert man auch die Zahl von 2000 Kindern in den Austauschprogrammen durch 52, kommt man auf 38 pro Woche. Fazit: Die durchschnittliche Belegung des eigentlichen Kinderdorfs liegt insgesamt bei 61 - die Hälfte der von Mader propagierten Zahl.

Die Gegner machen mobilTrotz der schwachen Auslastung sollen nun 16 bis 20 Millionen Franken investiert werden: Die in die Jahre gekommenen Gebäude werden teils saniert, teils abgerissen und neu gebaut. Das Geld muss durch eine separate Kapitalkampagne bei Spendern und Gönnern hereingeholt werden.

Da kämen zusätzliche Einnahmen gerade recht. Gut fünf Millionen Franken soll ein Deal aus einer Umzonung einbringen, der von der Gemeinde Trogen mit der Kinderdorf-Stiftung ausgehandelt worden ist: Das Pestalozzi-Dorf streicht ein sogenanntes Servitut, ein Nutzungsrecht, das die Überbauung einer Parzelle der Gemeinde verhindert. Im Gegenzug werden angrenzend ans Kinderdorf rund 18'600 Quadratmeter Bauland eingezont, die der Stiftung gehören. Ein Verkauf an bauwillige Interessenten ist bereits zugesichert. Die Gemeinde will mit der Neuerschliessung gute Steuerzahler ködern.

Die Entscheidungswege sind kurz in Trogen, sitzt doch ein Vertreter der Gemeindeexekutive im Stiftungsrat des Kinderdorfs. Kinderdorf-Chef Mader, früher selber Lokalpolitiker, sieht in dieser Nähe kein Problem: «Alles geschieht zum Wohl von Trogen.» Doch gegen die geplanten Dutzende von neuen Wohneinheiten wehren sich eine Interessengemeinschaft und mehrere Anrainer mit Unterschriften und Einsprachen. Sie argumentieren, dass mit dem Vorhaben Landressourcen verschwendet würden und das Ortsbild beeinträchtigt werde. Mader hält entgegen, dass man dafür bereits eingezontes Bauland als Grünzone ausscheiden werde. Über die geplanten Umzonungen muss das Volk noch an der Urne entscheiden.

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Ein therapeutischer SeiltanzIn Leserbriefen und hinter vorgehaltener Hand - Ex-Mitarbeiter des Kinderdorfs sind vertraglich zum Stillschweigen verpflichtet - gibt es auch grundsätzliche Kritik am Pestalozzi-Dorf: Mit der millionenteuren Sanierung der schlecht ausgelasteten Infrastruktur sowie dem Neubau des Schulhauses richte man mit zu grosser Kelle an. «Man kann sich sehr leicht eine Verärgerung der Spender für das Pestalozzi-Dorf vorstellen», hiess es in einem Leserbrief im «St. Galler Tagblatt».

Dabei ist schon der heutige Betrieb kostenintensiv. Vor allem die vier interkulturellen sozialpädagogischen Wohngruppen - eine Art Durchgangsheim für sozial entwurzelte junge Ausländer und Schweizer, meist mit Migrationshintergrund - verschlingen viel Geld. Die Programmkosten allein dafür beliefen sich im letzten Jahr auf 3,9 Millionen Franken. Das ist knapp ein Drittel der gesamten Programmkosten. Addiert man dazu anteilsmässig den administrativen Aufwand und die Kosten fürs Kinderdorf, kommen nochmals 1,5 Millionen dazu. Umgerechnet auf den Pflegetag, sind das 590 Franken. Dafür muss das Kinderdorf allerdings nicht allein aufkommen, denn 2,8 Millionen Franken zahlten 2006 die Versorger, die die Problemfälle in Trogen platzierten.

Die interkulturellen Wohngruppen in Trogen zwingen zudem zum therapeutischen Seiltanz: Während die ausländischen Besucher - unter anderem Kinder aus der Region um Tschernobyl - eher die lange Leine eines Ferienlagers erleben, brauchen die Wohngruppen strikte Regeln. So gilt etwa Nulltoleranz bei Drogen. Doch wo Feuer und Wasser aufeinandertreffen, entsteht Dampf: «Es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnern im Kinderdorf und auch innerhalb des Leitungsteams», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter.

Die sehr hohen Betreuungskosten im Kinderdorf sorgten bereits in den Jahren 2000 und 2001 für Auseinandersetzungen, die damals auch Thema im Beobachter waren. Zudem tobte ein Richtungsstreit, weil sich die Ausgangslage seit der Gründung durch Walter Robert Corti vor 61 Jahren grundlegend verändert hatte. Das Dorf als Zufluchtsort für kriegsgeschädigte Kinder und Jugendliche nach 1945 hatte sich überlebt. Dennoch zehrt das Fundraising der Stiftung bei den vielen, meist älteren Spendern und Gönnern noch heute von diesem Mythos.

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Oft menschenleer: das Kinderdorf Pestalozzi im appenzellischen Trogen


Wie präsentiert sich das Pestalozzi-Dorf heute nach aussen? Geschäftsleiter Mader ist es gelungen, die Wogen nach dem abrupten Abgang seines Vorgängers Christoph Tanner im Jahr 2001 einigermassen zu glätten. Aus dem Stiftungsrat sind mehrere Kritiker ausgeschieden. Stattdessen wurde das Gremium publikumswirksam mit Prominenten wie Sportreporter Bernard Thurnheer oder Ex-Skirennfahrerin Sonja Nef bestückt.

«Keine neue Polemik entfachen»
Ruhig geworden ist es um die «Interessengemeinschaft Kinderdorf Pestalozzi». Die Gruppe ehemaliger Bewohner des Dorfs wollte vor sechs Jahren selber das Ruder übernehmen und die Institution zur Gründungsidee zurückführen. Daraus wurde nichts. Elke Ceveri, Vertreterin der Dissidenten, zum Beobachter: «Wir möchten keine neue Polemik entfachen.» Das Dorf sei aber immer noch leer.

Bleibt Trogen auf Dauer ein Durchgangsheim für Problemfälle? «Das interkulturelle Wohnen ist eines unserer Geschäftsfelder und wird seine Wichtigkeit behalten», hält Markus Mader fest. Ob man dabei mehr oder weniger erfolgreich ist, das wurde kürzlich durch ein Zürcher Consulting-Büro evaluiert. Zu den Resultaten äussert sich Mader aber nur unverbindlich: Aussagen zur geglückten Integration in die Schweizer Gesellschaft seien schwierig zu treffen, man gehe im Vergleich zu anderen Institutionen aber von «stark erhöhten Chancen» aus.

Optimismus strahlt Mader auch aus, wenn er über die geplanten Bauvorhaben spricht - selbst wenn der Deal mit der Gemeinde an der Urne abgelehnt würde. In diesem Fall «müssten anderweitige Finanzierungen gesucht werden». Es käme bloss zu einer Verzögerung. Die 16 bis 20 Millionen Franken sollen also in jedem Fall auf dem Hügel über Trogen verbaut werden.

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