Die Präsidentin der Stiftung SPO Patientenschutz begrüsst die Idee ausdrücklich: «Viele Leute legen grossen Wert auf die freie Arztwahl, und Grundversicherte haben bei ambulanten Behandlungen im öffentlichen Spital keinen Anspruch darauf», sagt Margrit Kessler. Aber auch fürs Gesundheitswesen insgesamt sei Primeo sinnvoll, so Kessler: «Wer eine Spital-Zusatzversicherung hat, wird heute oft auch dann stationär behandelt, wenn dies medizinisch gar nicht nötig wäre – weil so der Arzt viel mehr verdient.» Mit der neuen Versicherung könnten kleinere Eingriffe künftig ambulant und damit günstiger durchgeführt werden.

Erika Ziltener glaubt genau das Gegenteil. Die Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenstellen fürchtet, solche Angebote würden die Kosten in die Höhe treiben und zu noch mehr Behandlungen führen. «Zudem gefährden sie die Gleichbehandlung der grundversicherten Patienten, denn kürzere Wartezeiten für zusatzversicherte Patienten sind nur möglich, wenn die anderen länger warten müssen.» Neben der kürzeren Wartezeit streicht Helsana bei Primeo den kostenlosen Internetzugang im Spital, eine Taxifahrt nach Hause und eben auch kürzere Wartefristen heraus.

8000 Kunden wählten Primeo

Immer mehr Operationen werden ambulant durchgeführt, etwa bei Leistenbrüchen oder bei Tennisarmen. Kehrt der ­Patient aber am gleichen Tag nach Hause zurück, braucht er keine klassische Spital-Zusatzversicherung fürs Einer- oder Zweierzimmer mehr. Bis Ende 2014 können bestehende Helsana-Zusatzversicherte ohne Gesundheitsprüfung zusätzlich Primeo abschliessen, rund 8000 taten das bislang. Allerdings gilt Primeo nur in 52 von rund 300 Schweizer Spitälern, und nach Helsana-Angaben kommen nur noch wenige Krankenhäuser hinzu.

Fragwürdig sei, dass Helsana «höherwertige Implantate» verspreche, so Erika Ziltener: «Als ob den Grundversicherten nur minderwertiges Material implantiert würde.» Bei dem Passus gehe es «im Moment» vor allem um Linsen mit Zusatzfunktionen, die bei Operationen des grauen Stars ein­gesetzt würden, sagt Helsana-Sprecherin Claudia Wyss. Man wolle nicht die Qualität des Standardmaterials in Frage stellen.

Ob sich Primeo für den einzelnen Patienten lohnt, hängt davon ab, wie viel ihm die freie Arztwahl und ein bisschen mehr Komfort wert sind. Denn die Monatsprämie beträgt ungefähr einen Franken pro Altersjahr. Ein 40-Jähriger bezahlt also fast 500 Franken pro Jahr. Dafür kann man sich auch selber ein Taxi leisten – wenn man denn eines braucht.

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