Die Meldung im Internet kommt sekundenschnell: «Online-Abschluss nicht möglich – kontaktieren Sie uns bitte über einen der publizierten Kanäle.» Gelesen und getan. Die freundliche Frauenstimme beim Callcenter der Krankenkasse Sansan ist jedoch ratlos: «Da muss es sich um eine Überlastung der Website handeln.» Drei Minuten später bei der Progrès dieselbe Meldung und die gleiche Irritation am Telefon: «Das kann nur ein Fehler sein. Danke, dass Sie uns darauf aufmerksam machen.»

Doch die Meldung ist weder ein Fehler noch die Folge überlasteter Leitungen. Sie erscheint immer dann, wenn jemand den Jahrgang 1940 oder älter eingibt, und signalisiert damit: «Wechseln Sie lieber nicht zu uns!» Denn Sansan und Progrès sind – zusammen mit Avanex – die Lockmittel der Helsana für junge, gesunde Versicherte, die ordentlich Prämien zahlen und wenig medizinische Leistungen beziehen. Das Kalkül geht aber nur auf, wenn der Altersschnitt bei den Preisbrechern möglichst tief ist.

Risikoselektion heisst dieses Vorgehen. Es war in der Branche lange verpönt, wird aber von den Versicherern immer häufiger betrieben – vor allem von den grössten. Denn diese haben alle ein und dasselbe Problem: Bedingt durch die demografische Alterung sind ihre Prämien vergleichsweise teuer. Und weil keine Aussicht besteht, dass sich an dieser Situation etwas ändert, sind die Anbieter für potenzielle Kundinnen und Kunden wenig zugkräftig. So bleibt nur der Weg, neue Kassen zu gründen und diese für Junge möglichst attraktiv zu machen.

Mit Erfolg: Die drei Helsana-Töchter, die etwa 10 bis 20 Prozent günstiger sind als die Muttergesellschaft, haben den Bestand der Versicherten in den letzten zwei Jahren von 127'000 auf über 350'000 gesteigert. Damit konnten sie den Mitgliederschwund bei der Mutter mehr als wettmachen: Der Gesamtbestand der Helsana-Gruppe nahm seit 2003 um rund 13 Prozent zu. Ähnliches ist bei der CSS zu erwarten, die mit Arcosana und Auxilia als Lockmittel operiert. Die Visana hat mit der Internetkasse Sana24 ebenfalls einen Preisbrecher im Rennen.

Entsolidarisierung wird begünstigt
«Die Billigkassenstrategie ist juristisch zwar akzeptiert und ökonomisch verständlich», kommentiert Gesundheitsökonom Willy Oggier den Trend. «Doch sie unterläuft die Philosophie des Krankenversicherungsgesetzes, indem sie die Entsolidarisierung begünstigt.»

Triebfeder dieser schleichenden Entwicklung sind aber nicht nur die mit zunehmendem Alter steigenden Gesundheitskosten, sondern auch das Geschäft mit den freiwilligen Zusatzversicherungen: Diese Sparte ist für die Kassen weit attraktiver als die obligatorische Grundversicherung, weil viel mehr Freiheiten bestehen. Die Versicherer können die Prämien beliebig nach Alter und Geschlecht abstufen. Zudem liegt es in ihrem Ermessen, Gesuche abzulehnen oder Vorbehalte anzubringen, wenn ihnen die Risiken zu hoch erscheinen; aus diesem Grund haben über 50-Jährige kaum mehr die Möglichkeit, einen neuen Zusatz abzuschliessen oder einen bestehenden zu wechseln.

Immerhin haben Versicherte das Recht, Grund- und Zusatzversicherung jederzeit auf zwei Kassen aufzuteilen. Doch auch hier widersetzen sich viele Krankenkassen dem Geist des Gesetzes. Wer die Grundversicherung zu einem günstigeren Anbieter wechselt, muss damit rechnen, dass beim Zusatz der Familienrabatt gestrichen, die Prämie erhöht oder ein Zuschlag für administrativen Mehraufwand verlangt wird. Im schlechtesten Fall droht eine Konsequenz, die ein Kassenmanager als «branchenüblich» bezeichnet: «Wenn jemand die Grundversicherung bei uns hat und die Zusatzversicherung bei der Konkurrenz, werden wir im Schadenfall nur das absolut Notwendige zahlen.»

Und dieses Minimum kann sich von Kasse zu Kasse sehr wohl unterscheiden. Denn entgegen allen Verlautbarungen von Fachleuten und Behörden bis hin zum Bundesamt für Gesundheit ist die Grundversicherung nicht bei jeder Kasse genau gleich – auch wenn es das Krankenversicherungsgesetz so vorsieht.

Der oft zitierte Leistungskatalog ist nämlich kein abschliessender Katalog, sondern bestenfalls eine Loseblattsammlung, die vielerorts lückenhaft ist. Dazu gehören etwa zahnärztliche Behandlungen, Rettungskosten oder Risikoschwangerschaften. Anerkennt eine Krankenkasse eine Schwangerschaft als risikoreich, zahlt sie mehr als zwei Ultraschalluntersuchungen aus der Grundversicherung. Andernfalls wird sie sich weigern, zusätzliche Untersuchungen zu übernehmen.

Schutz oder Schikane?
Ebenso betroffen sind Personen mit dauerhaften Schmerzen oder anderen chronischen Beschwerden. Weil diese in erster Linie subjektiv beurteilt werden, kommt es immer wieder vor, dass Kassen die Notwendigkeit von medizinischen Behandlungen in Abrede stellen. Besserung brächte einzig, die kassenpflichtigen Leistungen tatsächlich in einem abschliessenden Katalog zu nennen. Allerdings hatten bisher weder Bundesrat noch Parlament Gehör für diesen Vorschlag.

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So bleibt das Krankenversicherungsgesetz ein Flickenteppich, dessen Schlupflöcher schamlos genutzt werden – nicht nur, aber auch von den Versicherern. Umso mehr beteuert Helsana-Sprecher Christian Beusch, dass jeder Antragsteller unabhängig von Alter und Gesundheitszustand in die Billigtöchter Avanex, Progrès und Sansan aufgenommen werde. Die Meldung «Online-Abschluss nicht möglich» sei deshalb keine Schikane, sondern allein zum Schutz der älteren Versicherten: «Wenn uns die Betroffenen persönlich kontaktieren, können wir sie warnen, bei einem Wechsel gleich auch die Zusatzversicherung zu kündigen. Denn hier können wir die Aufnahme nicht garantieren.»

So weit, so gut. Nur werden Anfang Oktober, wenn die herbstliche Jagd auf die gesunden Jungen wieder losgeht, alle Telefonleitungen der Krankenkassen hoffnungslos überlastet sein.

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