Wilfried S. ist verschwunden. Der deutsche Versicherungsmakler ist seit Monaten unauffindbar. Kein Wunder: Gegen Wilfried S. läuft eine Strafanzeige, eingereicht von der Krankenversicherung KBV. Wilfried S. soll der Winterthurer Krankenkasse gemäss Anzeige über 2000 hochbetagte, aber nicht existierende Versicherte untergejubelt und mit fiktiven Abrechnungen rund zehn Millionen Franken kassiert haben. «Die KBV ist in dieser Geschichte Opfer, nicht Täterin», betont der Zürcher Anwalt und KBV-Verwaltungsrat Valentin Landmann.

Bloss: Auch gegen die KBV läuft im Fall Wilfried S. eine Strafanzeige wegen Betrugs und Urkundenfälschung, eingereicht vom Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) und von der Gemeinsamen Einrichtung KGV, die den Risikoausgleichsfonds der schweizerischen Krankenversicherer verwaltet. Aus dem Fonds werden Krankenkassen entschädigt, die einen überdurchschnittlich hohen Anteil an alten Versicherten aufweisen. Dank ihren fiktiven Hochbetagten, so die Auffassung der Kläger, habe die KBV, statt in den Fonds einzuzahlen, unter dem Strich kräftig daraus kassiert. Die Rede ist von 30 Millionen Franken – eine Zahl, die jedoch niemand bestätigen will.

Die Akten zu den angeblichen Versicherten sind auf mysteriöse Weise aus dem Archiv der KBV verschwunden. Nicht nur deshalb steht für Peter Marbet, Sprecher des Krankenkassenverbands Santesuisse, fest: «Grundsätzlich liegt die Verantwortung für die eigenen Kundinnen und Kunden bei der Krankenkasse und kann nicht an einen Makler delegiert werden. Sollte der Makler tatsächlich fiktive Versicherte in die Kasse eingebracht haben, so ging das nicht ohne Mitwisser bei der KBV.»

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Diese Möglichkeit will selbst KBV-Sprecher Landmann nicht ausschliessen: «Der Verdacht, dass jemand in der Kasse selber mitgewirkt haben könnte, ist Gegenstand der Ermittlungen. Er stützt sich vor allem auf die verschwundenen Akten.»

In Branchenkreisen verfolgt man die Methoden der KBV schon seit einiger Zeit mit gerunzelter Stirn, zumal die aktuelle Anzeige gegen die Kasse nicht die erste ist (siehe «Krankenkasse Stoffel»). Bereits machen Wortspiele über die Bedeutung des Kürzels KBV die Runde: «Kenner bezweifeln Vertrauenswürdigkeit.» Angesichts aller Verflechtungen im Umkreis der KBV ist auch eine andere Variante denkbar: «Kenner befürchten Vetternwirtschaft.»

Der gesuchte Makler Wilfried S. hatte nämlich seine Geschäftsadresse nicht zufällig oberhalb einer Garage im Zürcher Seefeld. Deren Besitzer William Spiess taufte im Sommer 2000 seine «Willy Spiess Autospritzwerk AG» in «Risk & Engineering Management AG» um und stellte den Firmenmantel dem Versicherungsmakler für dessen Geschäfte zur Verfügung. Wilfried S. sei ihm von einem «alten Bekannten bei der KBV» vorgestellt worden, sagt Spiess. Von denen gibts mehrere: Spiess ist selber Delegierter der KBV und daher mit den wichtigen Köpfen der Krankenkasse bekannt. Im Verwaltungsrat seiner Feldegg Carrosserie AG sass gemäss Handelsregister von 1997 bis 2001 auch Dimitri Fortin, der heutige Finanzchef der KBV.

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Vieles läuft über Beziehungen
Gute Beziehungen sind nichts Illegales und können nützlich sein. Ein etwas genauerer Blick ins Handelsregister zeigt, dass bei der KBV alte Bekannte besonders beliebt sind, wenn es darum geht, Posten zu besetzen oder Geschäfte zu tätigen. So kennen sich Finanzchef Dimitri Fortin und KBV-Direktor Jürgen Hafen schon länger: Vor seiner Zeit bei der Krankenversicherung arbeitete Fortin bei der Revisionsstelle, die jeweils die Jahresrechnung der KBV abnahm.

In seiner jetzigen Funktion ist Fortin auch für die gesamte Informationstechnologie der KBV zuständig – und ebenfalls mit Bekannten im Geschäft. So bezieht die KBV gemäss Fortin «teilweise Hard- und Software» von einer Winterthurer Firma namens Memoryking. Gegründet wurde Memoryking vom EDV-Verantwortlichen und vom Netzwerkspezialisten der KBV, die auch im Verwaltungsrat der Memoryking sitzen – beide sind intern Fortin unterstellt. Zufall oder nicht: Die Hardware-Firma vertraut auf den gleichen Revisor wie die KBV und die Feldegg Carrosserie von Fortins Bekanntem William Spiess.

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Demissioniert, weil unbequem?
Auch ein Blick auf die Verwaltungsratsliste der KBV zeigt, wie wichtig dort offenbar Freundschaften sind: Mit Hafen und Fortin sitzen gleich zwei Mitglieder der Geschäftsleitung im Verwaltungsrat. Weiter dabei: Markus Werth, ehemals Verwaltungsrat einer von Fortin gegründeten Firma, und Guido Rüegge, mit dem KBV-Direktor Jürgen Hafen die Leidenschaft für den Chorgesang teilt.

Seit Mai hat die KBV auch einen neuen Verwaltungsratspräsidenten. Der alte, Markus Schuler, habe «demissioniert», sagt KBV-Sprecher Landmann. Auf die Frage, ob dies freiwillig geschehen sei, schweigt der sonst beredte Anwalt lange: «Er hat demissioniert, das muss reichen.» Der abgetretene Präsident selbst will sich zur KBV und zu seinem Abgang nicht äussern. In Branchenkreisen attestiert man Schuler jedoch eine hohe Integrität – und munkelt. «Schuler musste gehen, weil er zu viele Fragen stellte», sagt ein Branchenkenner.

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Möglicherweise auch Fragen zur jährlichen Delegiertenversammlung. Auch diese ist nämlich ein Gremium, in dem Beziehungen mehr zu zählen scheinen als die Vertretung der 115'000 Versicherten. Wer einen Delegierten zur Wahl vorschlagen will, muss dafür 25 Unterschriften von KBV-Versicherten aus seinem Wahlkreis sammeln. Aus Datenschutzgründen teilt die KBV aber Versicherten, die dieses Ansinnen hegen, keine Namen mit.

Das Vorschlagsrecht für das KBV-Fussvolk bleibt deshalb leerer Buchstabe: Vorgeschlagen werden die Delegierten einzig vom Verwaltungsrat und der Geschäftsleitung der Kasse. «Ich kann mich an keine Kampfwahl erinnern», sagt denn auch KBV-Sprecher Landmann. Es sei halt immer schwierig, Freiwillige zu finden.