Frauen nehmen das Thema Altersvorsorge zu wenig ernst. Martha Ackermann* ging lange Zeit davon aus, dass sie im Alter genügend abgesichert sein würde. Sie lebten die klassische Rollenteilung: Sie war zu Hause, ihr Ehemann im Büro. Als sie Mitte 40 war, liess sich das Paar scheiden. Nach langer Erziehungspause fand sie nur noch Stellen im Niedriglohnsegment. «Ich habe mich zu sehr auf meinen Mann verlassen», sagt sie. Jetzt sei sie zwar in einer Pensionskasse versichert, verdiene aber zu wenig, um bis zur Pensionierung genug einzahlen zu können.

Sara Müller* hingegen war immer für sich selber verantwortlich: Sie war nie verheiratet, bekam früh ein Kind, zog es alleine gross und war nie voll erwerbstätig. In die eigene Ausbildung zu investieren, war nach der Geburt des Kindes keine Option, weshalb sie nie gut verdiente. «Mit einem Teilzeitpensum kommt man nirgends hin», erklärt sie am Beobachter-Beratungstelefon. Ihr Lohn reichte knapp zum Überleben: Nach Abzug der Krippen- und sonstigen Fixkosten sei kein grosser Sparbetrag übrig geblieben.

Knackpunkt berufliche Vorsorge

Frauen haben generell eine schlechtere Altersvorsorge als Männer, wie 2016 eine Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen BSV und des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann zeigte: Die Renten der Frauen sind im Durchschnitt 37 Prozent tiefer als jene der Männer.

Das liegt vor allem an der 2. Säule. Während das Rentengefälle in der AHV unter 3 Prozent liegt, macht es bei der beruflichen Vorsorge über 60 Prozent aus.

Der Grund: In der 1. Säule sind nichterwerbstätige Ehefrauen über die Beiträge ihrer Ehemänner versichert – nicht so in der 2. Säule: Jedes Jahr, in dem eine Frau nicht oder nicht voll gearbeitet hat, führt zu Einbussen bei der Pensionskassenrente.

Weiter kennt die AHV Erziehungsgutschriften Soziale Absicherung Das haben Paare in der Kasse : Hier bekommen Personen, die Kinder unter 16 Jahren betreuen, die Möglichkeit, eine höhere Rente zu erzielen, indem ihnen ein fiktives Einkommen angerechnet wird.

In der 2. Säule gibt es nichts Analoges. Faktoren wie die gelebte Rollenteilung, Erziehungspausen, Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau und die Höhe des Erwerbspensums spielen in der 2. Säule eine grosse Rolle. «Deshalb ist es wichtig, dass Frauen nach der Geburt eines Kindes nicht aus dem Erwerbsleben ausscheiden», sagt Yvonne Feri, Aargauer SP-Nationalrätin und Geschäftsführerin des Schweizerischen Verbands alleinerziehender Mütter und Väter.

Anzeige

Altersarmut droht

Zwar steigen viele Frauen nach einer Erziehungspause wieder ins Erwerbsleben ein Mutterschaft Ihre Rechte beim Wiedereinstieg in den Beruf , aber nur selten Vollzeit . Wie das Rechenbeispiel des VZ Vermögenszentrums zeigt (siehe Grafik unten, Beispiel 2), können eine Pensumsreduktion sowie eine Erziehungspause zu spürbaren Einbussen führen: Im Beispiel sind es pro Monat gut 900 Franken Rente weniger. Fehlt es an Erspartem, droht Altersarmut, zumal Frauen wegen ihrer höheren Lebenserwartung einen längeren Ruhestand finanzieren müssen.

Laut der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG) sollte das Pensum während der ganzen beruflichen Laufbahn durchschnittlich mindestens 70 Prozent betragen. Ähnliches empfiehlt auch Lisa Spaar, Vorstandsmitglied der Frauenzentrale Zürich: «Frauen sollten ihr Pensum nach der Geburt eines Kindes nicht auf weniger als 60 Prozent reduzieren und den Wiedereinstieg kurz halten.» Denn ein zu kleines Pensum kann dazu führen, dass man nicht mehr in der Pensionskasse versichert ist: Wer die Eintrittsschwelle von aktuell 21'330 Franken im Jahr nicht erreicht, muss nicht aufgenommen werden. 

Gemäss der Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen und des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann haben 78 Prozent der Männer, jedoch nur 55 Prozent der Frauen eine berufliche Vorsorge.

Das kostet Rente: Pausieren und reduzieren

Zwei Rechenbeispiele

Die beiden Rechenbeispiele zeigen, wie sich Erziehungspausen und Pensumsreduktionen auf die Rente der Pensionskasse auswirken.

Quelle: VZ Vermögenszentrum – Infografik: Beobachter/SEE
Anzeige

Tieferer Lohn, tiefere Rente

Aber selbst wenn Frauen Vollzeit arbeiten, fällt ihre Altersvorsorge tiefer aus als jene der Männer. Dies ist auf die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern zurückzuführen. «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit muss eine Selbstverständlichkeit werden», so Gabi Schürch-Wyss vom Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV).

Tiefere Löhne erklären sich auch dadurch, dass Frauen öfters in Niedriglohnbranchen tätig sind. Die Annahme von Minijobs oder die fehlende Berufserfahrung nach einem Erwerbsunterbruch wirken sich ebenfalls aus. Zudem sind Karrierechancen in einem Teilzeitpensum Unterhalt «Man kann die Nachteile nicht nur auf die Frau abwälzen» nach einer Erziehungspause geringer. Letztlich führen tiefere Löhne dazu, dass in allen drei Säulen weniger Geld fürs Alter vorhanden sein wird.

«Frauen begehen einen Fehler, wenn sie sich finanziell auf ihre Ehemänner verlassen», bringt es Lisa Spaar auf den Punkt. Gerade im Fall einer Scheidung: Das während der Ehe angesparte Vorsorgegeld wird zwar geteilt. Dennoch bahnt sich die finanzielle Misere im Alter bereits an, wenn Frauen, die in einem kleineren Pensum oder gar nicht berufstätig waren, über keine eigene Rente aus der 2. Säule verfügen und nicht freiwillig in die 3. Säule einbezahlt haben. Laut Yvonne Feri reicht nach einer Scheidung die Zeit meist nicht aus, um mit niedrigem Pensum und tiefem Lohn noch eine eigene solide Altersvorsorge aufzubauen.

Ähnlich lautet Lisa Spaars Fazit: «Frauen stecken viel zu lange den Kopf in den Sand.» Für die Vorsorge müsse jede Frau so früh wie möglich selbst Verantwortung übernehmen, und zwar unabhängig vom Zivilstand.

Anzeige

Vorsicht, Konkubinat

Unsere Gesetzgebung ist auf ein traditionelles Rollenmodell ausgerichtet. Viele Paare leben heute aber im Konkubinat. Im Gegensatz zur Ehefrau muss sich die Konkubinatspartnerin selbst um die Bezahlung ihrer AHV-Beiträge kümmern, wenn sie sich aus dem Erwerbsleben verabschiedet. Bei einer Trennung profitiert die Konkubinatspartnerin auch nicht von der Altersvorsorge ihres Partners, da dann weder die 1. noch die 2. Säule geteilt wird.

In einem Konkubinatsvertrag kann für den Fall einer Trennung ein Unterhaltsbeitrag an die unverheiratete Partnerin vorgesehen werden. Aber nicht jede Lücke lässt sich per Vertrag schliessen: Nicht vereinbart werden kann die AHV-Einkommensteilung für die Jahre des Zusammenlebens sowie die Teilung des Pensionskassenguthabens.
 

«Wer Kinder hat, ist in der Schweiz gut beraten, zu heiraten.»

Veronica Weisser, Ökonomin und Vorsorgeexpertin bei der UBS


Besondere Vorkehrungen braucht es auch für den Todesfall – eine Konkubinatspartnerin ist keine gesetzliche Erbin . Von ihrem Partner kann sie nur erben, wenn er sie in einem Testament begünstigt hat oder sie gemeinsam einen Erbvertrag abgeschlossen haben. Auch hat eine unverheiratete Frau keinen Anspruch auf Hinterlassenenleistungen aus der 1. Säule. In der 2. Säule gibt es inzwischen oft die Möglichkeit, die Konkubinatspartnerin zu begünstigen, aber nur, wenn zu Lebzeiten eine entsprechende Erklärung hinterlegt wird.

All dies bekommen vor allem Unverheiratete zu spüren, die ihre Erwerbstätigkeit wegen Kindern hintangestellt haben. «Wer Kinder hat, ist in der Schweiz gut beraten, zu heiraten», sagt die Ökonomin und Vorsorgeexpertin Veronica Weisser von der UBS. «Die Gesetze berücksichtigen und schützen unverheiratete Eltern völlig unzureichend.»

Anzeige

Auch wenn jeder und jede für die eigene Vorsorge verantwortlich ist, gibt es Faktoren, die nicht beeinflusst werden können. «Es braucht familienfreundliche Strukturen wie Elternzeit, mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Sitzungszeiten, die an Familienaufgaben angepasst sind, und Teilzeitstellen für Männer», zählt Yvonne Feri auf.

«In anderen Ländern», so Veronica Weisser, «zahlen Eltern als Ausgleich für die Nachteile, die Kinder mit sich bringen – insbesondere die hohen Kosten –, deutlich weniger Steuern als Kinderlose. Überdies wird die Kinderbetreuung zum grossen Teil über den Staatshaushalt finanziert.» Solche Massnahmen würden dazu beitragen, dass Frauen im Erwerbsleben bleiben und unabhängig von ihrer Lebenssituation eine eigene 2. und 3. Säule aufbauen.

Buchtipp
Paare ohne Trauschein
Paare ohne Trauschein
Mehr Infos

Anpassen und optimieren

Bei der 2. Säule müsste vor allem die Eintrittsschwelle gesenkt und der Koordinationsabzug dem Einkommen angepasst werden. Beides würde dazu beitragen, dass auch tiefere Einkommen versichert werden.

Anzeige

Auch bei der 3. Säule gibt es Optimierungsmöglichkeiten: Verpasste 3a-Einzahlungen müssten später nachgeholt werden können. Laut Veronica Weisser sollten «alle Erwachsenen, auch erwerbslose Mütter, jedes Jahr in die 3. Säule einzahlen können».

Frauen, die sich um die Familie kümmern und gar nicht arbeiten oder Teilzeit, hätten mit solchen Anpassungen eine Chance, sich eine gute Altersvorsorge aufzubauen. 


*Name geändert

Buchtipp
Vorsorgen, aber sicher!
Vorsorgen, aber sicher!
Mehr Infos

Tipps: Genug Geld im Alter

Eine gute Absicherung im Alter will geplant sein. Folgende Massnahmen können dazu beitragen:

  • Gute Ausbildung anstreben.
  • Sich frühzeitig mit dem Thema Altersvorsorge auseinandersetzen.
  • Sich nicht ausschliesslich auf die Wirtschaftsgemeinschaft Ehe verlassen.
  • Jahrelange Erwerbsunterbrüche vermeiden.
  • Immer wieder Lohnverhandlungen führen.
  • Teilzeitpensen vermeiden oder so hoch wie möglich halten.
  • Frühzeitig in die Säule 3a einzahlen, nach Möglichkeit Einkauf in die Pensionskasse, generell fürs Alter sparen.
  • Begünstigungserklärung für den Konkubinatspartner, die -partnerin bei der Pensionskasse hinterlegen.
  • Absicherung der Partnerin durch Konkubinatsvertrag, Testament und/oder Erbvertrag.
Anzeige

Mehr zu Pensionskasse bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Arbeitnehmer zahlen jahrelang in die Pensionskasse (2. Säule) des Arbeitgebers ein, bei einem Stellenwechsel manchmal sogar in mehrere. Guider bietet seinen Mitgliedern mithilfe von Merkblättern eine optimale Entscheidungsgrundlage zur Frage «Rente oder Kapital?» und ob sich etwa ein Einkauf in die Pensionskasse lohnt.

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Andres Büchi, Chefredaktor

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter

Anzeige