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PensionskasseDie Wette auf ein langes Leben

Die Rentenversprechen auf den Vorsorgeausweisen der Pensionskassen sind nur noch Makulatur. Und die Renten dürften weiter sinken. Das macht den Kapitalbezug attraktiver – eigentlich.

Wer heute 55 ist, muss davon ausgehen, dass seine Rente noch einmal massiv tiefer ausfallen könnte als prognostiziert.
von aktualisiert am 08. November 2018

Die beiden Säulen AHV und Pensionskasse sollen zusammen 60 Prozent des Einkommens vor der Pensionierung abdecken, doch das System wackelt. Heute kann das Renteneinkommen bereits deutlich darunterliegen – Tendenz weiter sinkend. Schuld sind die rückläufigen Umwandlungssätze; aber auch die niedrige Verzinsung trägt dazu bei, dass immer weniger Altersguthaben zur Verfügung steht, das in eine Rente umgewandelt werden kann.

So ist die Mindestverzinsung in der zweiten Säule seit 2002 von vier auf aktuell ein Prozent gesunken. Und schon wird die Forderung laut, diesen Zinssatz 2019 auf 0,75 zu senken; die Kommission für berufliche Vorsorge hat den Schritt kürzlich dem Bundesrat empfohlen. Von einem dank Zinseszinseffekten anwachsenden PK-Guthaben kann man nur noch träumen.

Ein ganz legaler Trick

Auch der Trend bei den Umwandlungssätzen kennt nur eine Richtung: abwärts. Aktuell liegt er im Obligatorium zwar noch bei 6,8 Prozent. Aber auf dem überobligatorischen Teil sind die Kassen frei, den Satz festzulegen – und das führt dazu, dass die effektiven Umwandlungssätze auf dem gesamten Vorsorgekapital bereits heute bei sechs Prozent oder noch tiefer liegen; bekanntgeworden sind die Beispiele von Manor, Ruag oder BVK, deren «umhüllende» Umwandlungssätze aktuell bei fünf Prozent oder darunter liegen Pensionskassen PK-Renten sinken mehr als nötig .

Dadurch sind die Neurenten stark gesunken, teils um über 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das VZ Vermögenszentrum schreibt: «Das führt dazu, dass beim Grossteil der angehenden Pensionierten die Renten der ersten und zweiten Säule zusammen nicht mehr 60 Prozent des letzten Erwerbseinkommens ersetzen.» Bei fünf Prozent Umwandlungssatz kommt ein 57-Jähriger mit 120'000 Franken Nettoeinkommen und einer halben Million Guthaben noch auf knapp 54'000 Franken Rente, also weniger als 45 Prozent des letzten Lohns.

Stark sinkende Renten

Angespartes Altersguthaben CHF 510'903
Umwandlungssatz 6,13% 5%
Voraussichtliche jährliche PK-Rente CHF 31'318 CHF 25'545
Voraussichtliche maximale AHV-Rente CHF 28'200
Total AHV- und PK-Rente CHF 59'518 CHF 53'745
In Prozent des aktuellen Lohns (CHF 120'000 netto) 49,6% 44,8%

Wer nun denkt, solche Kürzungen träfen nur die Superverdienenden, irrt. Gemäss VZ ist ein Grossteil der Versicherten Rentenlücke Und was kann ich jetzt tun? einer Kasse mit überobligatorischen Leistungen angeschlossen und kann folglich von tieferen Umwandlungssätzen auf dem Gesamtkapital betroffen sein. Umwandlungssätze unter 6,8 Prozent sind zwar nur bei Einkommen möglich, die den obligatorisch versicherten Teil von 84'600 Franken übersteigen. Eine Kürzung des Umwandlungssatzes unter das gesetzliche Minimum kann aber selbst die treffen, die weniger verdienen; nämlich dann, wenn der Arbeitgeber höhere Leistungen erbringt als die gesetzlich vorgeschriebenen.

Die Rentenboomer

Grund für den Rentenschwund: Die Probleme vieler Kassen bleiben ungelöst. Die steigende Lebenserwartung sowie die ins Pensionsalter kommenden Babyboomer führen zu immer mehr Rentnern. Bei gleich bleibenden Umwandlungssätzen müssen sie von den Aktiven mitfinanziert werden. So sollen bereits heute in der zweiten Säule über sieben Milliarden Franken jährlich an die Rentner umverteilt werden.

Klar, dass viele Kassen vor diesem Hintergrund ihren Spielraum nutzen Altersvorsorge Wie gut ist meine Pensionskasse? , um die künftigen Zahlungsverpflichtungen zu reduzieren. Bereits zeichnet sich ab, dass viele Pensionskassen im freien, überobligatorischen Teil weitere Kürzungen vornehmen. Aktuell ist das etwa bei Novartis oder Roche der Fall. Die tieferen Umwandlungssätze sollen die überobligatorisch Versicherten zum Kapitalbezug animieren. Wer sich bei so tiefen Renten sein Kapital auszahlen lässt, fährt rasch besser. Einigen Pensionskassen scheint das nur recht zu sein, denn sie entledigen sich so des sogenannten Langlebigkeitsrisikos.

Wer heute 55 ist, muss davon ausgehen, dass seine Rente noch einmal massiv tiefer ausfallen könnte als prognostiziert. Für die Versicherten heisst das, dass sie sich vermehrt selber um die Vorsorge kümmern müssen. Spätestens mit 55, besser mit 50 Altersvorsorge Nur wer sät, kann auch ernten sollte man sich Folgendes fragen:

  • Wie hoch ist mein Einkommensbedarf nach der Pensionierung?
  • Wie viel Kapital brauche ich, um wegfallendes Einkommen auszugleichen (durch Kapitalertrag und Vermögensverzehr)?
  • Wie kann ich das fehlende Kapital bis zur Pensionierung aufbauen?

Die Beträge, die man auf die hohe Kante legen muss, um die Einbussen zu kompensieren, sind beträchtlich. Wer etwa bei der Pensionierung über eine halbe Million PK-Guthaben verfügt, kann bei einem Umwandlungssatz von sechs Prozent eine monatliche Rente von 2500 Franken erwarten. Wenn die Kasse den Satz auf fünf Prozent senkt, sind es nur noch 2083 Franken pro Monat. Um die ursprünglichen 2500 Franken zu erreichen, braucht der Versicherte plötzlich 600'000 Franken Guthaben, muss also bis zur Pensionierung noch 100'000 Franken ansparen!

Kapital oder Rente?

«Die Pensionskasse wirds schon richten» war gestern – heute gilt Eigeninitiative. Karl Flubacher, Geschäftsleitungsmitglied beim VZ in Basel, stellt eine einfache Gleichung auf: «Je tiefer der Umwandlungssatz, desto interessanter der Kapitalbezug.» Die Rendite, die man erzielen muss, um selbst ein gleich hohes Einkommen zu erzielen wie bei der Rentenumwandlung durch die PK, wird immer tiefer.

Bei einem Umwandlungssatz von fünf Prozent und einer durchschnittlichen Lebenserwartung fährt man schon mit einer jährlichen Rendite von null Prozent besser, rechnet das VZ vor. Bei einer Rendite von zwei Prozent auf dem bezogenen Kapital erhält man gar über die Hälfte mehr. Mit ein Grund dafür ist die steuerliche Bevorzugung des Kapitalbezugs: Die Rente muss man zu 100 Prozent als Einkommen versteuern, der Kapitalbezug unterliegt dagegen einer einmaligen, reduzierten Auszahlungssteuer.

Ein lediger 65-Jähriger mit 500'000 Franken Kapital erhält bei einem Umwandlungssatz von fünf Prozent 25'000 Franken Rente jährlich. Bei einem Grenzsteuersatz von 25 Prozent bleiben nach den Steuern 18'750 Franken. Beim Kapitalbezug hat der Versicherte nach Abzug der Auszahlungssteuer von 8,4 Prozent 457'980 Franken. Bei einer Lebenserwartung von 84 kann er davon 19 Jahre lang 23'853 Franken verbrauchen – 5103 Franken mehr als bei der Rente. Falls es ihm gelingt, auf dem Kapital zwei Prozent Rendite zu erzielen, hat er pro Jahr gar 10210 Franken mehr zur Verfügung.

Rendite beim Kapitalbezug

(nach Steuern und Gebühren)

Altersguthaben CHF 500'000
Auszahlungssteuer1 8,4%
Restliches Kapital nach Steuern CHF 457'980
Rendite 0,0% 0,5% 1,0% 2,0%
Jährliche «Rente» aus dem bezogenen Kapital2 CHF 23'853 CHF 25'076 CHF 26'335 CHF 28'960

1 Durchschnitt aller Kantonshauptorte
2 Dauer von 19,2 Jahren (statistische Restlebenserwartung eines 65-jährigen Mannes)

Das Problem bei dieser Rechnung: Wenn er älter als 84 wird, ist er den Rest seines Lebens pleite und auf Ergänzungsleistungen Lebensunterhalt Wer kann Ergänzungsleistungen beantragen? angewiesen. Verbraucht er hingegen nur so viel, wie ihm bei der Rentenvariante zur Verfügung stünde (18'750 Franken), würde das Geld selbst bei null Prozent Rendite bis ins 90. Altersjahr reichen – mit Anlageglück entsprechend länger.

Ohne Risiko geht es nicht

Allerdings besteht Flubacher im Fall des Kapitalbezugs auf einem «sauberen Finanzplan». Dieser soll einerseits den Bedarf an liquiden Mitteln über die ersten Jahre ausweisen, anderseits festlegen, wie viel Geld langfristig investiert werden kann. Und wieder angelegt werden muss das Kapital. Andernfalls drohe im Nullzinsumfeld schnell eine negative Rendite. Nur schon um die Kaufkraft des Kapitals zu erhalten, müsse man bei 1,5 bis zwei Prozent Inflation drei Prozent Rendite erwirtschaften. Mit sicheren Anlagen geht das nicht; dafür muss man auch langfristig auf risikoreichere Anlageklassen setzen und kurzfristig heftigere Wertschwankungen in Kauf nehmen.

Wenn er Kunden berät, stellt Flubacher folglich auch auf deren persönliche Risikobereitschaft und -fähigkeit ab. Wem fallende Aktienkurse schlaflose Nächte bereiten, der sollte auf einen Kapitalbezug verzichten. «Eine gewisse Risikobereitschaft und Anlageerfahrung sind wichtig», sagt Flubacher.

Gemäss einer Umfrage des VZ wählen in diesem Jahr 37 Prozent die sichere Rente. Zu ihnen zählt auch Werner Egli*, der 2019 pensioniert wird. «Ich habe mich bewusst für die Rente entschieden», sagt er. Entscheidendes Kriterium war, das Risiko zu minimieren. «Ich wollte eine sichere Anlage für die nächsten 20 Jahre und ein regelmässiges Einkommen.» Und er wollte seinen drei Kindern eines Tages einen Teil seines Vermögens hinterlassen können. Für viele angehende Pensionäre ist das ein wichtiger Grund, das Pensionskassengeld Altersvorsorge Wo ist mein Pensionskassengeld? als Kapital zu beziehen. Denn im Normalfall fällt das nicht verbrauchte Restkapital im Todesfall einfach an die Kasse. Nicht so bei Eglis PK: Sie würde gemäss Statuten das nicht ausgezahlte Kapital an die Hinterbliebenen auszahlen. «Das hat mir den Rentenentscheid erleichtert», sagt Egli.

Wer hingegen mit etwas Risiko umgehen kann, darf ruhig einen Teil seines Kapitals beziehen und in Aktien anlegen; der Anlagehorizont eines Pensionierten liegt ja bei rund 20, der einer Pensionärin bei 22 Jahren – entsprechend der durchschnittlichen Lebenserwartung. Und über diesen Zeitraum rentierten Aktien in der Vergangenheit mit über sechs Prozent pro Jahr.

Es braucht Schnauf

Wohlverstanden: In Aktien investiert gehört nur der Teil, den man in nächster Zeit nicht benötigt. Flubacher: «Langfristig sind Aktien sehr interessant, im Finanzplan sind sie aber kein Instrument zur Einkommenssicherstellung.» Als Ertrag einkalkulieren lässt sich höchstens die Dividendenrendite, die aber auch nicht gesichert ist. Und weil Aktien kurzfristig grossen Schwankungen unterliegen, plant man seinen Bedarf an flüssigen Mitteln am besten so, dass man die Anlagen nicht zu einem schlechten Zeitpunkt verkaufen muss.

Der Entscheid für Kapital, Rente oder eine Mischform PK-Guthaben Rente oder Kapital – das ist hier die Frage sollte sämtliche Kriterien berücksichtigen: Neben Fragen rund um Sicherheit und Flexibilität sind vor allem auch die Absicherung der Hinterbliebenen sowie steuerliche Aspekte miteinzubeziehen. Die Steuern allein sollten aber niemals ausschlaggebend sein.

«Man sollte den Entscheid auch nicht von der aktuellen Börsenlage abhängig machen», sagt Flubacher. «Und sich auch nicht von kurzfristigen Überlegungen leiten lassen.» Obwohl die sinkenden Umwandlungssätze den Kapitalbezug attraktiver machen, entschieden sich gemäss einer Umfrage des VZ seit 2009 immer weniger Rentner für den maximal möglichen Kapitalbezug. Heute wählen sogar deutlich mehr die reine Rentenvariante als noch vor zehn Jahren. Ausschlaggebend dürfte auch das Zinsumfeld sein: Negativzinsen verunsichern, die als sichere Anlagen geltenden zehnjährigen Bundesobligationen rentieren nur noch mit 0,2 Prozent, und die Beben an den Kapitalmärkten sitzen noch vielen in den Knochen.

Das alles spricht für den Spatz in der Hand. «Egal, was an den Märkten passiert, die Rente kommt», sagt Flubacher. Dieser Umstand entspricht offenbar dem Sicherheitsbedürfnis vieler Pensionäre. Aber vor allem gelte: «Die Rente ist eine Wette auf die eigene Lebenserwartung.» Sie kommt Monat für Monat, selbst wenn man 90 oder 100 wird und das angesparte Kapital längst aufgebraucht wäre. Und wer liebäugelt zum Zeitpunkt der Pensionierung nicht damit, gesund älter zu werden als der Schnitt?

Attraktive Mischvariante

Am beliebtesten ist nach wie vor eine Kombination aus Rente und Kapitalbezug. So lassen sich die Vor- und Nachteile von beidem auf den Einzelfall abstimmen. Flubacher empfiehlt: Erstellen Sie ein Sockelbudget mit den grössten fixen Ausgaben, etwa für Wohnen, Steuern und Gesundheitskosten. Diese soll die Rente decken. Der übrige, sporadische Bedarf kann aus dem bezogenen Kapital finanziert werden. Wie genau die Aufteilung zu erfolgen hat, hängt von der individuellen familiären und finanziellen Situation ab.

* Name geändert

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Arbeitnehmer zahlen jahrelang in die Pensionskasse (2. Säule) des Arbeitgebers ein, bei einem Stellenwechsel manchmal sogar in mehrere. Guider bietet seinen Mitgliedern mithilfe von Merkblättern eine optimale Entscheidungsgrundlage zur Frage «Rente oder Kapital?» und ob sich etwa ein Einkauf in die Pensionskasse lohnt.

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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2 Kommentare

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manuelahof
Super Artikel! Wirklich hilfreich und aufklärend. Es zeigt eindeutig auf, dass jetzt privat deutlich mehr getan werden muss. Zum Glück sind wir bereits dabei Kapital anzulegen und hoffen genug vorzusorgen.

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wobeli5
einkommen von 120000.—, davon kann ich nur träumen.... wir haben ein einkommen von 60000.— und sind froh, dass wir ein haus besitzen, da wir nur 500.— p.m. hypothekarzins bezahlen. etwas zu mieten könnten wir uns gar nicht leisten!

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