Die Ansage ist deutlich: «Es gibt Pensionskassen, bei denen Sie als Aktiver trotz hohen Beiträgen keine Chance auf eine ausreichende Rente haben.» Das gelte vor allem für Vorsorgeeinrichtungen mit einem hohen Anteil an Rentnern. Dort sei man als Versicherter «in Geiselhaft». Das sagt der erfahrene PK-Experte Konrad Niklewicz vom Beratungsunternehmen Prevanto.

Warum das so ist, beschreibt er in der Zeitschrift «Schweizer Personalvorsorge» an einem anonymisierten Beispiel einer Kasse mit viermal so vielen Rentnern wie Aktiven: Vor 40 Jahren lief es dem Arbeitgeber gut, die firmeneigene Pensionskasse hatte mehrere Hundert aktive Versicherte Pensionskassen Pech hat die Generation 50 plus und nur eine Handvoll Rentner. Dann wurde die Produktion ins Ausland verlagert, der Personalbestand in der Schweiz schrumpfte, und die Firma geriet in Schieflage.

Trotzdem blieb der Deckungsgrad der Pensionskasse über 100 Prozent. Bis zur Finanzkrise vor zwölf Jahren. Die Kasse fiel in Unterdeckung. Als Erstes wurden die Alterssparkonten der Aktiven nicht mehr verzinst. Wegen der Unterdeckung musste die Kasse eine vorsichtigere Anlagestrategie wählen und profitierte weniger vom Aufschwung an den Finanzmärkten. Weil die Zinsen weiter fielen, musste die Kasse den technischen Zinssatz korrigieren, von 4 auf 1,83 Prozent. Ein Prozentpunkt weniger heisst für die Pensionskasse, dass ihre Rentenverpflichtungen um 10 Prozent steigen, so eine Faustregel. Die Kasse geriet noch stärker in Unterdeckung.

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«Wer in einer Kasse mit vielen Rentnern ist, hat Pech gehabt.»

Konrad Niklewicz, PK-Experte

An die Sanierung zahlte die Firma 60 Prozent, die aktiv Versicherten zahlten 40 Prozent. Das traf vor allem ältere Versicherte: Sie mussten happige Sanierungsbeiträge leisten, ihr Alterskapital wird seit mehreren Jahren nicht mehr verzinst. «Die Renten können so leicht bis zu 30 Prozent tiefer ausfallen als bei einer angemessenen Verzinsung der Sparguthaben», so Niklewicz. Das ist dramatisch.

Wie viele Versicherte in einer ähnlich misslichen Lage sind, ist nicht ganz klar. Ende 2018 gab es laut der Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge 45 reine Rentnerkassen, 85 Kassen mit mehr Rentnern als Aktiven und 250 Kassen, die wohl mehr Aktive als Rentner haben, aber in denen bereits mehr als 50 Prozent des Kapitals den Rentnern gehören. Wie viele dieser Kassen nicht sanierungsfähig sind, wird nicht erfasst.

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Rund jeder zehnte Versicherte gehört einer Kasse mit hohem Rentneranteil an. Darunter hat es zwar auch einige sehr gut finanzierte Einrichtungen wie die SIG Pensionskasse. Mit 300 Aktiven und 800 Rentnern hatte sie Ende 2018 einen Deckungsgrad von über 130 Prozent und konnte in den letzten zehn Jahren fünfmal Zusatzrenten ausrichten.

Doch solche Kassen sind die Ausnahme. Gemäss Schätzungen fehlen rentnerlastigen Pensionskassen nötige Reserven von 120 Milliarden Franken – und das war vor der Coronakrise. Prevanto-Experte Niklewicz spricht jetzt erst recht von einer zweigeteilten beruflichen Vorsorge: «Wer das Glück hat, einer Kasse mit ausgeglichenem Altersprofil anzugehören, kann auf eine angemessene Verzinsung seines Sparguthabens hoffen. Schlimmstenfalls muss er jetzt kurzzeitig Sanierungsbeiträge hinnehmen. Die anderen, die in einer Kasse mit hohem Rentneranteil sind? Die haben Pech gehabt.»

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Eine Zeitbombe

Wenn Kassen zu stark in Unterdeckung geraten und die Renten nicht mehr zahlen können, bleibt nur noch der Sicherheitsfonds BVG Arbeitslosigkeit Wohin mit dem PK-Guthaben? der zweiten Säule (Sifo). Er wird über Beiträge aller Kassen finanziert und schützt nur versicherte Löhne bis 127'980 Franken. Wer richtig Pech hat, muss nicht nur Minderverzinsung und Sanierungsbeiträge verkraften, sondern sich auch noch die Rente kürzen lassen.

Je mehr Pensionskassen rentnerlastig werden, desto stärker tickt die Zeitbombe. Und wenn sich angeschlagene autonome Pensionskassen in eine Sammelstiftung retten wollen, finden sie kaum Anbieter. «Das ist derzeit unmöglich oder zumindest äusserst schwierig», sagt Konrad Niklewicz. Es brauche eine Lösung auf nationaler Ebene.

Was ihm und anderen Experten vorschwebt: eine neue Einrichtung für sanierungsunfähige Pensionskassen, die sich entweder an die Auffangeinrichtung BVG oder den Sicherheitsfonds BVG anschliessen können – oder die Gründung einer neuen Sammelstiftung. Sie soll wie eine Art Bad Bank funktionieren, wie es sie in anderen Ländern für notleidende Kredite von angeschlagenen Banken gibt.

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Die Zitterpartie

«Wenn es möglich ist, das Bankensystem mit solch aussergewöhnlichen Massnahmen zu retten, dann sollte sich auch eine Lösung zur Rettung von Pensionskassen in Schieflage finden lassen», so Konrad Niklewicz. Niemand könne Altersarmut wollen.

Allerdings: Leicht werden es solche Vorschläge nicht haben. So äussert sich Roger Tischhauser, Chef der BVG- und Stiftungsaufsicht des Kantons Zürich, sehr zurückhaltend: «Ob eine solche Rentnerkasse sinnvoll und wünschenswert wäre, ist eine Frage an die Politik. Eine Umsetzung wäre ausserordentlich komplex.» Auch Daniel Dürr, Geschäftsführer beim Sifo, spricht von einem «heiklen Ansatz, weil dies zu falschen Anreizen führen könnte». Für rentnerlastige Kassen – und ihre Versicherten – wird es eine Zitterpartie.

Die Leichenfledderer der zweiten Säule

Selbst mit maroden Pensionskassen lässt sich noch Geld verdienen. Das zeigt das Beispiel der IGP-BVG-Sammelstiftung, die von der Avenirplus AG aus Bern verwaltet wird. Sie wirbt damit, für Rentenbestände «attraktive Lösungen» anzubieten. Die Zeche zahlen alle Vorsorgeeinrichtungen mit ihren Beiträgen an den Sicherheitsfonds (Sifo). Die IGP ist sein bisher teuerster Fall; die Insolvenzleistungen belaufen sich aktuell auf rund 80 Millionen Franken.

Geschützte Interessen

Für die IGP-BVG-Sammelstiftung ist das Geschäft risikolos, wie ein Urteil des Bundesgerichts von 2017 zeigt. Zwei Jahre zuvor hatte der Sifo ein erstes Vorsorgewerk von der IGP übernehmen müssen – mit Verpflichtungen über 41,7 Millionen Franken. Von den 13 reinen Rentnerkassen der IGP waren damals neun in Unterdeckung. Der Sifo zog die Reissleine und wollte ein weiteres stark angeschlagenes Vorsorgewerk übernehmen. Dagegen erhob die IGP Beschwerde und erhielt letztinstanzlich recht.

Das Bundesgericht gewichtete die Interessen der Versicherten höher, möglichst lange ungekürzte Renten zu erhalten. Beim Sifo gibt es eine Obergrenze für Renten. Je früher eine sanierungsunfähige Kasse übernommen wird, desto tiefer fallen die Kosten für die Solidargemeinschaft aus.

Viermal mehr Verwaltungskosten

Daniel Dürr, Geschäftsführer beim Sifo, sagt dazu: «Seit unserer Intervention gehen bei der IGP die Verwaltungskosten zwar zurück, liegen aber immer noch viermal höher als bei uns. Früher waren die Kosten noch höher. Auch die Vermögensverwaltung ist viel teurer.»

Auf die Kosten ging das Bundesgericht aus Verfahrensgründen nicht ein. Das hilft Anbietern wie IGP. Die Gesetzeslage ist für sie bequem. Sie können mit der Verwaltung so lange Geld verdienen, bis das Kapital aufgebraucht ist, und übergeben dann die ausgeblutete Kasse an den Sifo.

Wie verteidigt sich die IGP-Stiftung? «Die Übernahme der Rentenbestände erfolgte zu den jeweils gültigen technischen und finanzpolitischen Bestimmungen. Diese Bedingungen haben sich seither stark verändert und waren so nicht absehbar.» Ein Vergleich der hohen Verwaltungskosten sei aufgrund unterschiedlicher Strukturen schwierig. Zur Vergangenheit will man sich nicht äussern. Auch nicht dazu, wie viele der 20 IGP-Vorsorgewerke aktuell in Unterdeckung sind.

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Quelle: Beobachter Edition
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