Rachel Theobald (Name geändert) ist 21 und hat 25'000 Franken Schulden. Erst vor einem knappen Jahr beendete sie ihre Lehre und zog von zu Hause aus. Für die Einrichtung ihrer ersten eigenen Wohnung nahm die junge Frau einen Kredit von 15'000 Franken auf. Seither muss sie der Bank monatlich 400 Franken zurückzahlen. «Ich dachte, mit meinem Nettolohn von 4100 Franken würde das problemlos klappen.»

Doch unerwartet hohe Heizölkosten machten der kaufmännischen Angestellten einen Strich durch die Rechnung. Die Handyrechnungen stapelten sich – und auch beim Steueramt hatte sie Schulden. Innert kürzester Zeit stand ihr das Wasser bis zum Hals. Rachel Theobald handelte mit ihren Gläubigern Abzahlungsraten aus. Jetzt muss die junge Frau fünf Jahre lang einen Schuldenberg abstottern.

Wie Rachel Theobald nehmen es hierzulande viele nicht so genau mit ihren Finanzen und überschulden sich. Rund 1,3 Millionen Schweizerinnen und Schweizer waren Ende letzten Jahres im Schuldenregister der Zentralstelle für Kreditinformationen registriert – wegen Konsumkrediten, Leasingverträgen, überzogener oder gesperrter Kredit- und Kundenkarten und wegen Konkurses. Das ist etwa jeder Fünfte im Land.

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Kredite für jährlich 200'000 Personen
«Kredite sind in den häufigsten Fällen Auslöser der Geldprobleme», sagt Gerda Haber, Leiterin der Fachstelle für Schuldenfragen im Kanton Zürich. Jährlich nehmen über 200'000 Personen einen Kredit auf. Letztes Jahr vergaben die Kreditinstitute Konsumkredite in der Höhe von über 4,9 Milliarden Franken; das entspricht einer Steigerung von fast sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch das Volumen der Leasingverträge wuchs – auf über 4,7 Milliarden Franken Ende letztes Jahr. Konsumkredite und Leasingverträge bergen deshalb ein hohes Überschuldungsrisiko, weil sie das monatliche Budget mit verhältnismässig hohen Fixkosten belasten, warnen Schuldenexperten.

Krass über die Verhältnisse zu leben ist längst nicht mehr eine Frage der Gesellschaftsschicht, der Einkommensklasse oder des Alters. «Auch Personen mit über 10'000 Franken Einkommen können ihren hohen Lebensstandard zum Teil nicht mehr finanzieren», sagt Gerda Haber. «Ihr Budget ist mit Zahlungsverpflichtungen ausgereizt.» Entsprechend hoch ist der durchschnittliche Schuldenberg von Habers Klientel: 2002 lag er bei rund 99'000 Franken pro Haushalt.

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So viele Betreibungen wie noch nie
Bei vielen Verschuldeten führt nicht allein übermässiger Konsum zum Ruin. Zu den «klassischen» Schuldenfallen gehören laut Budgetberatern Arbeitslosigkeit, Scheidung oder gescheiterte selbstständige Erwerbstätigkeit. Steckt man einmal in der Schuldenspirale, ist der Weg zur Betreibung oder zum Privatkonkurs meist nicht mehr weit.

Allein 2002 wurden schweizweit 2,28 Millionen Zahlungsbefehle ausgestellt – Tendenz steigend. «Noch nie wurden in der Schweiz so viele Menschen betrieben wie heute», sagt Roland Isler, Präsident des Verbands der Betreibungsbeamten des Kantons Zürich. Mit über 360'000 Betreibungen ist der Kanton Zürich schweizweit führend: Gegenüber dem Vorjahr nahm die Zahl der Zahlungsbefehle um über 20 Prozent zu. «Heute erschrickt kaum jemand mehr, wenn er einen Zahlungsbefehl erhält», kommentiert Roland Isler nüchtern.

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Zahlungsbefehle sind heute alltäglich
Auch die Konkursstatistik spricht Bände. Mit 9376 Konkursen im vergangenen Jahr gehört die Schweiz europaweit zu den Spitzenreitern: Über die Hälfte davon waren Privatkonkurse.

Jürg Gschwend, Präsident des schweizerischen Dachverbands Schuldenberatung, führt die zunehmende Bereitschaft weiter Bevölkerungskreise, Schulden zu machen, zu einem «grossen Teil» auf den wachsenden Konsumdruck zurück. Sei das Schuldenmachen für frühere Generationen noch mit einem Makel behaftet gewesen, hätten heute immer weniger Leute Probleme damit, auf Pump zu kaufen.

Eine Haltung, die von Kreditinstituten und der Wirtschaft noch unterstützt wird. Werbeslogans wie «Heute kaufen, morgen zahlen» suggerieren geradezu, dass Konsumkredit und Leasing Teil einer modernen Haushaltführung seien: Ob Auto, Möbel, Computer, Heimkino, Ferien oder Designerkleider – dank Konsumkrediten, Leasingverträgen und Teilzahlungsangeboten können sich selbst Leute mit kleineren Einkommen fast alles leisten.

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Und es wird voll zugelangt. «Allein die Zahl der Teilzahlungsverträge hat sich seit 2001 verdoppelt», sagt Sandra Bossi, Direktionsmitarbeiterin beim Heimelektronikanbieter Interdiscount. Computer, Heimkino und Fernseher sind die Teilzahlungsrenner. Und laut Schätzungen der Automobilindustrie ist jeder zweite Neuwagen in der Schweiz geleast. «Wer will da noch verzichten, wenn man ohne Probleme immer das Neuste haben kann?», fragt Jürg Gschwend maliziös. Natürlich keiner.

Ein Drittel aller Jungen sind Schuldner
Was die Eltern (nicht mehr) können, lernen Jugendliche nimmer. Besorgt weisen die Schuldenberatungsstellen auf die zunehmende Verschuldung der Jungen hin. Laut einer aktuellen Umfrage des Münchner Instituts für Jugendforschung haben Jugendliche zwischen 13 und 25 Jahren im Schnitt umgerechnet 450 Franken Schulden; bei den 21- bis 25-Jährigen sind es gar 1050 Franken.

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In der Schweiz fehlen solche Studien. Doch die deutschen Zahlen liessen sich durchaus auch auf die Situation in unseren Breitengraden anwenden, sagt Reno Sami von der Budgetberatungsstelle Plusminus in Basel. Schuldenberatungsstellen gehen davon aus, dass rund 30 Prozent aller Jungen in der Schweiz auf Pump kaufen. Ihnen wird es leicht gemacht: Manche Banken geben ihre Kreditkarten bereits an 16-Jährige aus, und für die meisten Jugendlichen gehört eine eigene EC-Karte zum guten Ton.

Verlässlichkeit zählt heute nicht mehr
Der Druck, mit den anderen mitzuhalten, um sich akzeptiert zu fühlen, trieb auch den jüngsten Sohn von Doris Bieter (Name geändert) in die Schuldenfalle. Er habe jeweils die «teuersten Markenkleider» besitzen wollen, erzählt die Mutter von vier Kindern. «So konnte er seine Minderwertigkeitsgefühle kompensieren.» Kurz nach der Lehre ersetzte ein Auto das Mofa, und bald darauf musste eine eigene Wohnung her. Innerhalb weniger Wochen war er mit mehreren zehntausend Franken verschuldet, weil sein Verdienst nirgends hinreichte. Dass auch Steuern, Krankenkassenprämien und Wohnnebenkosten bezahlt werden müssen, hatte der heute 21-Jährige schlicht vergessen.

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«Viele Jugendliche haben nicht gelernt, mit Geld umzugehen», sagt Reno Sami. «Hinter der rekordhohen Zahl der Betreibungen in der Schweiz stehen auch auffällig viele junge Schuldner.» Armin Lewald, Professor an der deutschen Universität Oldenburg, führt das auf einen Wertewandel zurück. «Auch wenn sie wissen, dass sie das Geld nicht zurückzahlen können, sind sie bereit, Geld zu borgen. Verlässlichkeit ist heute nicht mehr wichtig.» Und das Schuldenmachen ist kein Thema. Bei der anonymen Online-Beratung im KV Zürich – mit über 4100 Schülern die grösste Berufsschule der Schweiz – wurde bislang nicht eine Anfrage zum Thema Schulden registriert, während andere Beratungsbereiche rege frequentiert werden.

«Das Thema Geld darf kein Tabu sein»
«Wer schon als Jugendlicher einen losen Umgang mit Geld gepflegt hat, läuft Gefahr, sich auch als Erwachsener zu verschulden», warnt Reno Sami. Deshalb sei es wichtig, «dass das Thema Geld kein Tabu mehr ist». Plusminus plant für nächstes Jahr eine nationale Präventionskampagne mit dem Namen «max.money». Sie richtet sich speziell an Jugendliche. «Denn über 80 Prozent der überschuldeten Erwachsenen machen ihre ersten Schulden vor dem 25. Lebensjahr», betont Sami.

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Das kann Samuel Klinger (Name geändert) aus Basel nur bestätigen. Schon als Jugendlicher hatte der heute 30-Jährige sein Konto regelmässig überzogen. «Auch später gab ich Geld aus, das ich gar nie hatte», sagt er, «insgesamt 30'000 Franken.» Wie in den meisten Fällen stürzte auch Samuel Klingers Kartenhaus ein, als die Steuerrechnung kam.

Weil es schwer falle, aufs geleaste Auto zu verzichten, und weil man sich die Option für einen weiteren Bankkredit offen halten möchte, neigten viele Schuldner dazu, «die Prioritäten bei der Bezahlung der Kredit- oder Leasingraten zu setzen und nicht bei der Begleichung der Steuerrechnung oder der Krankenkassenprämien», sagt Gerda Haber.

Steter Anstieg der Steuerausfälle
Die Steuerämter sind denn auch die grösste Gläubigerklasse. Im Kanton Aargau belaufen sich die jährlichen Steuerverluste inzwischen auf rund 20 Millionen Franken.

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Der Kanton Zürich rechnet dieses Jahr sogar mit Steuerausfällen in Höhe von 36 Millionen Franken; der Fehlbetrag stieg in den letzten Jahren langsam, aber stetig an – um bis zu drei Millionen Franken im Jahr. Allein in der Stadt Zürich nahmen die betriebenen Steuerrechnungen gegenüber 2001 um sage und schreibe 78 Prozent zu. «Bei den Privatkonkursen im Kanton Zürich machen die Steuern etwa 25 Prozent der Forderungen aus», sagt Isaak Meier, Rechtsprofessor an der Universität Zürich. «Es lässt sich deshalb sagen, dass der Steuerzahler mindestens zum Teil die Privatkonkurse ‹finanziert›.»

Mit dem per Anfang 2003 in Kraft getretenen neuen Konsumkreditgesetz (KKG) hat der Staat auf die zunehmende Verschuldung reagiert. Kernstück ist die Kreditfähigkeitsprüfung: Kundinnen und Kunden müssen vor dem Abschluss von Konsumkrediten oder Leasingverträgen auf ein allfälliges Überschuldungsrisiko überprüft werden – was die Banken zu einer restriktiveren Kreditvergabe zwingt.

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Andere Wirtschaftszweige haben sich aus eigenem Antrieb gegen schlechte Zahler gewappnet. Die Telekomunternehmen Orange und Swisscom etwa haben erst kürzlich ihr Mahnsystem überarbeitet. Säumigen Zahlern gehts via Gebührenerhebung oder mit hartnäckigen Mahnungen per Brief, SMS oder Anrufen an den Kragen: Wer nicht schnell reagiert, dem wird die Leitung gekappt.

Trendumkehr noch nicht in Sicht
Ob all diese Massnahmen eine Trendumkehr bewirken können? Zumindest auf die Zahl der Betreibungen habe das neue KKG bislang keinen Einfluss gehabt, sagt Roland Isler vom Verband der Zürcher Betreibungsbeamten.

Auch Thomas Müller wird sich weiterhin von Monat zu Monat durchhangeln. Der 40-jährige Zürcher machte vor sieben Jahren Privatkonkurs. «Dieser war zum Teil selbst verschuldet, weil ich als selbstständiger Fotograf einfach ein fauler Sack war», sagt er. Sparen entspricht ihm nicht: «Geld ist dazu da, um ausgegeben zu werden. 

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