«Warum warten, wenn Sie sich Ihre Träume sofort erfüllen können?», fragt GE Money Bank. Bank-now fordert ultimativ: «Erfüllen Sie sich Ihre Träume - jetzt.» Welche Träume das sind, erklären glückliche Zeitgenossen auf Plakatwänden, in Fernsehspots oder im Internet: das Cabrio für die kultivierte Geschäftsfrau, die neuen Möbel für den Loft der attraktiven Szenefrau, das Segelschiff für den graumelierten Mittfünfziger. Oder ganz einfach der Flachbildschirm für den unrasierten Jüngling. Wie es den Leuten später geht, wenn sie während Monaten oder gar Jahren die Kreditraten abstottern, verschweigt die Reklame.

«Diese Art Werbung verführt den Konsumenten zum sorglosen Umgang mit Geld», ärgert sich Cornelia Egli von der Schaffhauser Fachstelle für Schuldenfragen. «Hat er sich seinen Traum erfüllt, muss er lange mit wenig Geld auskommen, um den Kredit samt Zinsen zurückzahlen zu können. Das angepriesene legere Leben ist postwendend vorbei.» Deutlicher wird Mario Roncoroni vom Verein Schuldensanierung Bern: «Die Werbung gewisser Anbieter ist völlig daneben. Sie ermutigt Leute, sich zu verschulden.»

Ein Werbeverbot für Konsumkredite?

Laut der Zentralstelle für Kreditinformation, bei der die meisten Privatkredite registriert sind, wurden in der Schweiz im Jahr 2008 rund 184'000 neue Konsumkreditverträge abgeschlossen. Ende letzten Jahres waren Kleinkreditverträge mit einem Gesamtvolumen von knapp acht Milliarden Franken offen. Die durchschnittliche Darlehenssumme steigt von Jahr zu Jahr an und liegt bereits bei über 23'000 Franken. Doch während immer mehr Menschen ihre Krankenkassenprämien nicht mehr bezahlen, bleibt die Zahl der Privatkonkurse und die Ausfallquote der Kreditfirmen verhältnismässig tief.

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«Das Bild täuscht», erklärt Peter Gründler, Präsident der Schuldenberatung Schweiz. «Die Verlustquote ist so tief, weil die Leute zuerst versuchen, die Kreditraten zurückzuzahlen. Dafür müssen dann die Krankenkassen, aber auch die Steuerämter ihr Geld mit einer Betreibung einfordern.

«Ein Kredit ist selten die alleinige Ursache, die zur Überschuldung führt», meint Schuldenberater Roncoroni. «Mit dem Konsumkredit verhält es sich aber wie mit dem Rauchen. Beides muss nicht zur Katastrophe führen. Aber wie das Rauchen für die Lunge ist der Kredit fürs Budget ungesund.» Wenn jemand die Stelle verliert oder nach einer Scheidung hohe Alimente bezahlen muss, ist die Gefahr gross, dass er die Kreditraten nicht mehr zahlen kann. Doch auch ohne solche Ereignisse gerät man schnell in die Schuldenspirale, wie die Beispiele der Porträtierten zeigen (siehe nächste Seite).

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Schuldenexperte Gründler plädiert daher für ein striktes Werbeverbot für Konsumkredite. «In den siebziger Jahren war ein solches Verbot sehr wirksam. Die Kleinkredite gingen um 20 bis 30 Prozent zurück.»

Privatkonkurs aus Liebe

Zum Sprung ins Schuldenmeer hat sie die Liebe verleitet. Vor sieben Jahren mietete Doris Vescoli (Name geändert) für ihren afrikanischen Freund, der sich illegal in der Schweiz aufhielt, eine Wohnung. Der Mietzins überstieg ihren Lehrlingslohn. Sie begann daher, bei Kollegen Geld auszuleihen. Im August 2001 fand die Hochzeit in Nigeria statt. Die Kosten blieben an ihr hängen, 2000 Franken gingen allein für den Flug drauf. Zurück in der Schweiz, sass die junge Frau aus Uster auf einem Schuldenberg von über 5000 Franken. «Ich dachte nicht an den Zins, ich brauchte dringend Geld», erinnert sich Doris Vescoli und wandte sich an einen Kredit­anbieter, von dem sie gehört hatte, dass er jedem leicht ein Darlehen gibt. «Ich musste nur den Lohnausweis vorlegen und erhielt gleich 10'000 Franken bar auf die Hand.»Mit dem Geld zahlte sie Schulden zurück und kaufte Möbel für die gemeinsame Wohnung. Waren die 3400 Franken Lohn aufgebraucht, war der Monat jeweils noch lange nicht vorbei. Doris Vescoli erhöhte den Kredit mehrmals. Dann war sie - mittlerweile geschieden und alleinerziehende Mutter eines einjährigen Sohnes - mit den Nerven am Ende. «Ich hatte Panik, den Briefkasten zu öffnen, weil ich darin Rechnungen vermutete.»

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Wegen solcher und anderer Ängste begann sie eine Therapie und fand bald heraus, dass sie auch ihre Finanzen in Ordnung bringen musste, um sich wieder frei zu fühlen. Die kantonale Schulden­beratung versuchte eine Sanierung, doch die Kreditbank machte als einzige Gläubigerin nicht mit. Vescoli musste Anfang 2006 Privatkonkurs anmelden. «Das war für mich sehr schwierig. Der Konkurs half mir aber, die Angstzustände zu verlieren.» Geblieben sind Schulden von über 60'000 Franken. Die heute 27-Jährige hofft, sie irgendwann zurückzahlen zu können.

Massiv verschuldet wegen Traumwagen

«Ich habe gelebt wie Gott», sagt Dimitri Neuhaus (Name geändert). Er meint damit die Zeit mit seinem Audi RS 2. Diese Rennmaschine - Spitzentempo 270 Kilometer pro Stunde - übernahm der heute 33-jährige Nachtwächter vor acht Jahren. Die monatliche Leasingrate von 810 Franken schien bei einem Lohn von 5200 Franken kein Problem. Doch die vielen PS verleiteten zu weiten Fahrten. «Wir bretterten für den Ausgang schon mal ins Tessin.» So kletterten die Benzinkosten auf 1'200 Franken pro Monat, und die 60'000 Kilometer pro Jahr zogen teure Reparaturen nach sich. «Ich bezahlte immer als Erstes die Rechnungen fürs Auto, den Rest so gut es ging», erinnert sich Neuhaus. Als nach vier Jahren endlich die letzte Rate bezahlt war, bemerkte der Schaffhauser, dass er nochmals 8000 Franken hinblättern musste, damit das Auto ihm gehörte. Er wandte sich an eine Kleinkreditbank in Winterthur. «Der Mann am Schalter fragte weder nach Schulden, noch verlangte er einen Betreibungsregisterauszug.» Eine Woche später holte Neuhaus 20'000 Franken in bar ab und zahlte damit Auto und Steuerschulden. Als dann «der Turbolader im Eimer» war, musste ein neuer Wagen her. Den Kaufpreis von über 30'000 Franken beglich er mit einem neuen Kredit.

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Dann ging alles sehr schnell. Wegen der Kreditschulden - die monatliche Rate betrug mittlerweile 1200 Franken - blieben andere Rechnungen liegen. «Der Betreibungsbeamte kreuzte wö­chentlich bei mir auf. Ich öffnete die Tür nicht. Erst als er mit der Polizei drohte, reagierte ich.» Dimitri Neuhaus wandte sich an die kantonale Schuldenberatungsstelle. Vier Jahre lang muss er jeden Monat 1200 Franken abstottern. Jetzt ist er auf halbem Weg angelangt. «Was bleibt, ist der Porsche, aber nur noch als Traum», sagt er mit leuchtenden Augen.

Steuerschulden wurden zum Verhängnis

Dumm gelaufen: Mit zwanzig erhielt der gelernte Maschinist Attilio Boetsch eine Steuernachforderung von 5000 Franken, die er nicht zahlen konnte. Da er nicht wusste, dass Steuern gestundet werden können, suchte er Hilfe bei einer Bank für Kleinkredite. Zwei Tage später hatte er den Vertrag für ein «Flexi Darlehen» in den Händen und 8000 Franken auf seinem Konto. «Es war ein geiles Gefühl, so viel Geld zu haben. An die Konsequenzen dachte ich nicht.» Der Schaffhauser beglich Nachsteuern und andere Schulden. Weil er jedoch den Kredit und die hohen Zinsen zurückzahlen musste, blieben die anderen Rechnungen auf der Strecke: Krankenkasse, Mobiltelefon, aktuelle Steuern. «Brauchen Sie mehr Geld?», lockte die Werbung. «Ja, natürlich», sagte sich Boetsch und stockte den Kredit immer wieder auf, bis er vor vier Jahren bei insgesamt 44'000 Franken Schulden die Notbremse zog. «So konnte es nicht weitergehen. Ich rannte ständig dem Geld hinterher», erinnert er sich.

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Mit Hilfe der Fachstelle für Schuldenberatung erstellte er einen Sanierungsplan, dem die Gläubiger nach langem Hin und Her zustimmten. Bis heute stottert der 29-Jährige Schulden ab. Er lebt von 3000 Franken im Mo­nat, verzichtet auf Ferien, bisweilen aufs Handy und isst oft bei den Eltern, um Geld zu sparen. Wenn alles klappt, ist er Ende August 2008 schuldenfrei. «Ich möchte selber aus den Schulden rauskommen», sagt Boetsch - nicht ohne Stolz.