Eines haben die Sozialdienste von Städten und Gemeinden gemein: Sie sind chronisch überlastet, denn die Zahl der Sozialhilfebezüger ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Gleichzeitig wurden immer wieder Fälle von krassem Missbrauch bekannt, immer wieder kritisieren auch Mitarbeiter von Sozialdiensten, dass hinter den Kulissen nicht alles rund läuft.

Längst suchen die Behörden landauf, landab nach Mitteln, um jenen auf die Schliche zu kommen, die das soziale Netz missbrauchen und zu Unrecht Geld beziehen. In Bern denkt die Verwaltung darüber nach, wie die Kontrolle verbessert werden könnte. In Basel werden die Angaben der Bezüger mit den Einträgen im Motorfahrzeugregister verglichen. Und in Zürich soll der Datenfluss zwischen den verschiedenen Amtsstellen vereinfacht werden. Eine ganze Reihe von Gemeinden schickt inzwischen Sozialdetektive oder Inspektoren auf die Piste.

Einen anderen Weg geht Winterthur. Seit fünf Jahren bietet die 98'000 Einwohner zählende Stadt mit ihren fast 3000 Sozialhilfebezügern neben Arbeitsintegrationsprogrammen ein ganz spezielles Projekt an. Es nennt sich «Passage» und funktioniert nach dem Motto: Arbeit vor Sozialhilfe. Wer Sozialhilfe beantragen will und arbeitsfähig ist, muss erst einen Monat arbeiten - dafür bezahlt die Stadt einen bescheidenen, aber existenzsichernden Lohn. Erst nach diesem obligatorischen Arbeitseinsatz gibt es «richtige» Sozialhilfe.

Drückeberger werden aussortiert

Personen, die sich auf dem Sozialamt anmelden und weder krank noch durch Betreuungspflichten unabkömmlich sind, können binnen Tagen mit dem Einsatz beginnen. Sie müssen vier Wochen lang beispielsweise im Wald und auf Sportplätzen Abfall einsammeln. In dieser Zeit werden sie intensiv begleitet und gecoacht.

EVP-Stadträtin und Vorsteherin des Sozialdepartements Maja Ingold: «Ziel dieses Arbeitsmonats ist es, jene Personen von der Sozialhilfe fernzuhalten, die auch selbständig eine Lösung finden können oder womöglich versteckt eine Erwerbstätigkeit ausüben oder in Aussicht haben.»

Wie nun eine externe Studie belegt, zeigt der Arbeitseinsatz offensichtlich Wirkung: Von 390 Personen, die im Jahr 2005 einen solchen Arbeitsmonat absolvieren sollten, erschienen 99 gar nicht erst zum Einsatz - und verzichteten so freiwillig auf Sozialhilfe. Und es stellte sich heraus, dass nur die Hälfte aller Personen, denen ein solcher Arbeitseinsatz angeboten wurde, später tatsächlich Sozialhilfe bezog.

Die wirtschaftliche Rechnung stimmt

Als Winterthur vor fünf Jahren mit dem Projekt «Passage» begann, erntete die Behörde scharfe Kritik. Man dürfe Menschen nicht zur Arbeit zwingen, hiess es von gewerkschaftlicher Seite, erinnert sich Sozialamtschef Ernst Schedler. Tatsächlich aber ist die Akzeptanz des Projekts bei den Betroffenen mehr als gut, wie die Studie zeigt: Über 80 Prozent der teilnehmenden Personen fanden es im Nachhinein gut, dass der Arbeitseinsatz obligatorisch war.

Dazu kommt, dass sich das Programm auch wirtschaftlich rechnet. Genau das wollte Winterthur mit der wissenschaftlich begleiteten Analyse herausfinden. Für jeden Franken, den man in das Projekt investiert, fliessen innerhalb dreier Jahre vier Franken in die Staatskasse zurück - durch eingesparte Sozialhilfegelder sowie in Form von Sozialversicherungsbeiträgen und Steuerzahlungen der wieder Erwerbstätigen. Stadträtin Ingolds Fazit: «Mit ‹Passage› lassen sich Kosten sparen.»

Ueli Tecklenburg, Geschäftsführer der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, hält es sehr wohl für möglich, dass die Studie, die den Erfolg des Projekts bescheinigt, andere Gemeinden und Städte «inspirieren» wird. Bisher fand das Modell nämlich kaum Nachahmer.

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