Wie hat man sich eine junge Frau vorzustellen, die seit zwei Jahren von der Sozialhilfe abhängig ist? Medienberichte der letzten Wochen vermittelten einen merkwürdigen Eindruck: Bezüger von Sozialhilfe lebten in Saus und Braus, hätten einen Porsche in der Garage stehen, leisteten sich Haushalthilfen und liessen sich auf Staatskosten ihr Gebiss sanieren. Das sei «Alltag» im Zürcher Sozialamt, schrieb die «Weltwoche». Aus Einzelfällen wird so ein Generalverdacht gegen Sozialhilfebezüger und hinter jeder Ecke ein Sozialschmarotzer vermutet. Doch die grosse Mehrheit der Leute bezieht zu Recht Sozialhilfe, möchte noch so gern auf den Gang aufs Sozialamt verzichten und noch so gern arbeiten - wenn sie nur einen Job fänden. Zum Beispiel Sarah Frossard.

Die 31-jährige gelernte Buchhändlerin ist beim Treffen ein wenig nervös - was nicht verwunderlich ist, immerhin outet sie sich als Fürsorgefall. Das verlangt Mut. Die hetzerische Debatte in Presse und Fernsehen hat sie nicht mitbekommen. Ihr TV-Kabelanschluss ist plombiert, Fernsehen und ein Zeitungsabonnement kann sie sich nicht leisten. Sie spricht klar und ruhig, lacht ab und zu. Eine intelligente Frau in den besten Jahren, könnte man meinen.

«Geld, das nicht mir gehört»
Sie gehört zu den rund 220'000 Menschen in der Schweiz, die von der Sozialhilfe, der sogenannten öffentlichen Hand, leben. Hand, das tönt nach ausgestreckter Hand, die man gerne annimmt. Frossard möchte sich jedoch am liebsten aus ihrem Griff befreien: «Ich gebe ja Geld aus, das nicht mir gehört.» Und was sie erhält, reicht nicht, um die effektiven Lebenskosten zu decken. Jeden Monat fehlen ihr 200 Franken, obwohl sie sparsam haushaltet. Als es ihr ganz dreckig ging, dachte sie gar an Selbstmord. Heute geht es ihr besser.

Sarah Frossard erhält monatlich 2030 Franken plus 100 Franken, wenn sie an «beruflichen Integrationsmassnahmen» teilnimmt. Damit muss sie alle Kosten decken: Miete, Krankenkassenprämie, Versicherungen, Essen, Kleider et cetera. Den Selbstbehalt für Arztrechnungen zahlt das Amt extra. Ihr 54-jähriger Vater, ein Mechaniker, hatte einen Hirnschlag und wurde frühpensioniert. Auch die Eltern können sie nicht unterstützen.

Für die Miete rechnet das Amt mit 600 Franken. Es ist schwer, in Basel dafür eine Wohnung zu finden. Frossard zahlt mehr, nämlich 716 Franken. «Meine Wohnung ist seit langem das Einzige, was mich mit der Normalität verbindet», sagt sie. Deshalb möchte sie keinesfalls ausziehen. Was man als «Luxus» bezeichnen könnte, ist nur das Chlötzliparkett. Als Wohnwand müssen mehrere aufeinandergestapelte Holzkistchen dienen. Zwei Zimmerpflanzen, Pult, Tisch, ein Sofa. Auffällig wenig Bücher für eine Buchhändlerin.

Nur bei der Krankenkassenprämie wäre noch ein klein wenig Spielraum. Sie leistet sich nämlich eine Zusatzversicherung für komplementärmedizinische Behandlungen. Seit Bundesrat Pascal Couchepin diese Leistungen aus der Grundversicherung gestrichen hat, ist dies aber ein verständlicher Wunsch. Vor allem für jemanden, der so häufig zum Arzt muss wie Frossard. Doch dazu später. «Die supergute Zusatzversicherung», die sie jahrelang hatte, hat sie bereits gekündigt zugunsten einer billigeren Variante.

Kauft Sarah Frossard zu teure Kleider? Wohl kaum. Für Kleider, Schuhe und Wäsche hat sie 100 Franken im Monat budgetiert. Sie trägt Jeans und T-Shirt.

Im Alter von 25 Jahren «ging die ganze Geschichte los», wie sie sagt. Sie hatte Grippesymptome, fühlte sich schlaff. Es wurde immer schlimmer. Ihre Ärztin war ratlos, verschrieb kreislaufstärkende Mittel. Sie wechselte den Job, brach nach einer Woche zusammen. Burn-out. Und es ging weiter: Job weg und Erschöpfungszustände, die sich im Nachhinein als Folge eines unerkannten Pfeifferschen Drüsenfiebers herausgestellt hätten, wie Frossard sagt. Es folgte eine «Odyssee durch die Arztpraxen». Sie ergriff jeden Strohhalm: Bioresonanz, Akupunktur, Anthroposophie, Kinesiologie. Sie fand keinen Job mehr. Wer nimmt schon jemanden, der nicht voll leistungsfähig ist?

Schwere Depressionen suchten sie heim, Panikattacken, und noch schlimmer: Sie konnte nicht mehr schlafen. Selbst starke Schlafmittel waren nutzlos. «Ich fühlte mich tot, hangelte mich nur noch von Tag zu Tag, von Moment zu Moment.» Dann der freie Fall: Einweisung in eine Klinik, die Aussteuerung bei der Arbeitslosenkasse, der Aufprall beim Fürsorgeamt. Früher, als junges Mädchen, machte sie Jazztanz. Oder sie las Bücher wie den «Werther» von Goethe. Oder ritt. Das sind für sie Erinnerungen aus einem anderen Leben. «Manchmal überkommt mich Panik, und ich habe Angst, dass ich nie mehr eine Stelle finde.» Dabei würde die junge Frau sehr gerne arbeiten. Sie hat einen dicken Ordner voller Absagen - sie hat aufgehört, sie zu zählen.

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Es winkt das Happy End
Zufällig titelt die «Basler Zeitung» am Tag des Gesprächs «In Basel gibt es weniger neue IV-Fälle». Ein Grund: Die Ärzte seien «sensibler» geworden, wie die Zeitung den IV-Stellenleiter zitiert. Sensibler? «Die Konsultation beim IV-Arzt hatte mehr Ähnlichkeit mit einem Verhör als mit einem Gespräch», erinnert sich Frossard. Auf Anraten ihres Arztes hatte sie eine Teilrente bei der Invalidenversicherung beantragt. Der IV-Arzt, der sie gerade mal 50 Minuten angehört hatte, stufte ihre Arbeitsfähigkeit auf 70 Prozent ein - obwohl der Schlussbericht eines Arbeitstrainings auf lediglich 30 Prozent kommt und ihr Arzt auf 50 Prozent. Ist das die neue Sensibilität der IV-Ärzte?

«In Tätigkeiten ohne häufige Interaktionen mit fremden Personen wird Ihnen eine Restarbeitsfähigkeit von mindestens 70 Prozent ausgewiesen», steht im Gutachten des IV-Arztes. Rentengesuch abgelehnt! Erst bei einer Erwerbsfähigkeit von 60 Prozent oder weniger hat man nämlich Anspruch auf eine Teilrente. So also der Ton und die Sprache der IV - der Mensch wird nur noch nach seiner «Restarbeitsfähigkeit» beurteilt. «Ich bin weder Fisch noch Vogel: Der IV bin ich nicht krank genug, den Arbeitgebern zu angeschlagen.»

Ob IV oder Sozialhilfe: Niemand ist gern vom Staat abhängig. Fast alle Sozialhilfebezüger wollen arbeiten, bekämen sie nur eine Stelle - so wie Frossard und die acht Porträtierten auf den folgenden Seiten, die stellvertretend für die grosse Mehrheit jener Menschen stehen, die Sozialhilfe beziehen.

Frossard hat Glück. Das Amt für Ausbildungsbeiträge des Basler Erziehungsdepartements hat entschieden, ihr den Erwerb des Handelsdiploms zu ermöglichen. Das gibt ihrer Geschichte hoffentlich das, was wir in unserer verhärteten Zeit brauchen: ein Happy End.

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