Der Chef spinnt, das Wetter schlägt einem aufs Gemüt, das Abstimmungsergebnis ist zum Davonrennen: In solchen Momenten träumt manch einer von einem neuen Leben in einem anderen Land. Dass der Wegzug mit viel Papierkram verbunden ist, geht schnell vergessen. In der Schweiz ist man recht gut abgesichert. Alter, Krankheit, Unfall, Armut – hierzulande helfen Versicherungen, Staat und Fonds. Doch im Ausland ist das nicht unbedingt der Fall.

«Auswanderungswillige sollten sich gut über das Leben im Auswanderungsland informieren. Besonders was die Versicherungen angeht», rät Sarah Mastantuoni, Direktorin der Auslandschweizer-Organisation (ASO), die die über 750'000 Auslandschweizer vertritt. «Und zwar vor der Abreise.»

Debora Brunner* wünscht sich, sie hätte das damals getan. 2013 hat sie sich in Costa Rica niedergelassen. Sie sei bei einem Sprachaufenthalt Sprachaufenthalt Richtig versichert ins Ausland hängen geblieben. «Meine Mutter sagte zwar, ich solle mich wegen der AHV informieren», erzählt die 28-jährige Pflegefachfrau. «Doch ich hatte keinen Nerv für den Versicherungskram.» Sie surfte lieber mit ihrem Partner und den neuen, aufregenden Freunden dem Sonnenuntergang entgegen und schlürfte frische Kokosnüsse aus. Zwei Jahre lang. Dann flog Debora zurück in die Schweiz – weg von ihrem Exfreund, hin zur Beitragslücke.

AHV/IV-Beitragslücken: 2,3 Prozent pro Fehljahr

Das dämmerte der 28-Jährigen bereits in den ersten Tagen. «Meine Mutter fragte, ob ich überlegt hätte, was es heisse, wenn man längere Zeit nicht in die AHV einzahlt.» Hatte sie nicht. Bis zu diesem Moment am elterlichen Küchentisch in Solothurn. «Da bekam ich richtig Angst um meine Zukunft.»

Wer sich nicht um AHV und IV kümmert, riskiert eine Beitragslücke. Und damit eine Kürzung der späteren Rente AHV-Beiträge Bei Lücken sieht man alt aus um rund 2,3 Prozent für jedes fehlende Jahr.

Doch so weit muss es nicht kommen. Beitragslücken sind vermeidbar:

  • Wer für einen Schweizer Arbeitgeber im Ausland arbeitet, hat Glück. Denn dann kann man die obligatorische AHV/IV weiterführen – wenn man innert sechs Monaten ein Gesuch stellt.
  • Wer in die EU oder in Efta-Staaten zieht, wird vom jeweiligen Sozialversicherungssystem dort versorgt.
  • Alle anderen können unter bestimmten Voraussetzungen in die freiwillige AHV/IV in Genf einzahlen (siehe unten «Freiwillig vorsorgen»).

Wer übrigens mit dem Gedanken spielt, den Lebensabend unter Palmen zu verbringen, hat trotzdem eine Rente zugut, wenn die Person mindestens ein Jahr lang AHV-Beiträge gezahlt hat und wenn die Schweiz mit dem Land ein Sozialversicherungsabkommen abgeschlossen hat. Wo die Person lebt, spielt dabei keine Rolle.

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Wie funktioniert die AHV?

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Achtung: Seit 2019 beträgt die AHV-Mindestrente neu 1185 und die Maximalrente 2370 Franken.

Freiwillig vorsorgen

Vorsicht, Beitragslücke! Wann eine freiwillige AHV/IV helfen kann.

Wer darf, wer nicht?
Nicht alle können freiwillig einzahlen:

  • Der Antragstellende muss Schweizer, EU- oder Efta-Bürger (Liechtenstein, Island, Norwegen) sein.
  • Er darf nicht in einem EU- oder Efta-Land leben und arbeiten, wo er den dortigen Sozialversicherungsgesetzen untersteht.
  • In die freiwillige AHV/IV beitreten kann nur, wer den Antrag innert eines Jahres nach der Abreise stellt.
  • Er muss vor der Abreise fünf Jahre lang ununterbrochen bei der AHV/IV versichert gewesen sein.

Ehepartner und beitragspflichtige Kinder müssen individuell Anträge stellen. Sie sind nicht automatisch mitversichert.

 

Was kostet mich das?
Bevor man das Beitrittsformular der freiwilligen AHV/IV ausfüllt, ist es ratsam, sich folgende Gedanken zu machen:

  • Die freiwillige Versicherung ist nicht gratis. Wer arbeitet, gibt 9,8 Prozent des Einkommens ab und zahlt Verwaltungskosten (5 Prozent der geschuldeten Beiträge).
  • Wer nicht arbeitet, zahlt je nach Vermögen 914 bis 22'850 Franken.

Das kann die freiwillige AHV/IV zu einer teuren Doppelversicherung machen – je nach Sozialversicherungssystem des Wohnlands. Oder zu Einbussen führen, denn viele Länder kürzen die dortigen Gelder, falls die Versicherten über zusätzliche Einkommensquellen verfügen.

 

Was sonst noch gut zu wissen ist

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... oder suchen Sie selber

Krankenversicherung: Für ausreichend Deckung sorgen

Das zweite wichtige Thema für Auswanderer sind Krankenversicherungen. Grundsätzlich gilt hier: Wer ins Ausland zieht, ist aus der Schweizer Grundversicherung raus. «Es gibt solche, die das Risiko auf sich nehmen und sich danach nicht versichern», sagt ASO-Direktorin Mastantuoni.

Auch Debora Brunner kümmerte sich nach dem Abmelden in der Schweiz nicht um eine Krankenversicherung und in Costa Rica war eine solche nicht vorgeschrieben. Sie ging davon aus, dass sie im Ernstfall mit der Rega Gönner Bei der Rega versichert? zurückgeflogen und wieder in die Grundversicherung aufgenommen würde. «Das haben mir jedenfalls Freunde erzählt.» Davor warnt Mastantuoni: «Theoretisch können die Krankenkassen die Kostenübernahme ablehnen, wenn man nur zum Zweck der Behandlung in die Schweiz fliegt.»

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Wer also keinen Schuldenberg riskieren will, muss vorsorgen – vor allem, wenn man auf eigene Faust im Ausland lebt. Einige internationale Reiseversicherungen haben ein Paket im Angebot, das Kranken-, Unfall-, Reise- und Privathaftpflichtversicherungen enthält. Solche Versicherungspakete muss man aber meist jedes Jahr von neuem abschliessen (siehe weiter unten «Hilfreiche Internetseiten und Hinweise zu Versicherungen»).

Doch nicht immer entspricht der Standard im Ausland jenem in der Schweiz. Die internationale Krankenversicherung eines Schweizer Anbieters ist eine Möglichkeit, wenn man Schweizer Standards beibehalten will. Am besten holt man möglichst viele Offerten ein und entscheidet dann. Der Tipp der ASO-Expertin: «Immer darauf achten, ob eine Versicherung gegen Unfall inbegriffen ist.»

Arbeitslos und im Ausland: Bekommt man Geld?

Alter, Invalidität, Krankheit, Unfall – dagegen kann man sich versichern. Was aber, wenn man den Job verliert? Die wichtigsten Punkte im Überblick:

  • Arbeitslosenversicherung: Auf Geld aus der Schweizer Arbeitslosenkasse können Auslandschweizer nicht hoffen. Nur wer zurückkehrt und davor nicht in einem EU-/Efta-Land gearbeitet hat, ist nach der Rückreise gegen Arbeitslosigkeit versichert Jobverlust Haben Sie Anspruch auf Arbeitslosengeld? . Aber nur unter bestimmten Bedingungen: Man muss innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens zwölf Monate gearbeitet haben – und man muss in der Schweiz bleiben. Auslandschweizer aus EU-/Efta-Ländern müssen ihre Ansprüche im letzten Beschäftigungsland geltend machen.

  • Sozialhilfe/EL: Hin und wieder liest man von Frührentnern im Ausland, die ihr Pensionskassengeld verbraucht haben und allein von der AHV-Rente leben. Ihnen bleibt meist nur die Rückkehr in die Heimat. Ergänzungsleistungen oder Sozialhilfe Sozialhilfe Beantragen – Welche Rechte habe ich? stehen nur jenen offen, die ihren Wohnsitz dauerhaft in der Schweiz haben.

  • Finanzhilfen aus Fonds: Eine weitere Anlaufstelle ist zum Beispiel der «Kilcher-Fonds», der mit Finanzbeiträgen an eine Rückreise, an die Überbrückung einer Notlage oder den Aufbau einer neuen Existenz helfen kann. Bei Soliswiss – dem einstigen Solidaritätsfonds für Auslandschweizer – kann man sich gegen den Verlust der Existenzgrundlage wegen politischer Ereignisse absichern.
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Fazit: Vor dem Auslandaufenthalt informieren

«Ich kann selbst kaum glauben, wie schlecht ich damals informiert war», sagt Debora Brunner. Sie hat sich mittlerweile mehreren Facebookgruppen von Auslandschweizern angeschlossen, um ihr Wissen mit anderen zu teilen. Für die 28-Jährige selbst gibt es noch Hoffnung. Während der Ausbildung zur Pflegefachfrau in ihrer Jugend hat sie in die AHV eingezahlt. «Damit kann ich die Lücke füllen.»

*Name geändert

Was passiert mit der Pensionskasse?

Wer alle Zelte in der Schweiz abbricht, scheidet auch aus der obligatorischen Versicherung im Rahmen der 2. Säule aus. Vor einer Auswanderung sollten Sie sich deshalb auch zur Pensionskasse Gedanken machen. Was soll mit Ihrem Geld passieren? Zur Wahl stehen diese Varianten:
 

1. Barauszahlung
Wer die Schweiz endgültig verlässt und den Nachweis hierfür erbringt (z. B. mit einer Bestätigung der Einwohnerkontrolle), kann sich das Pensionskassengeld auszahlen lassen und darüber frei verfügen. Eine Einschränkung gibt es aber wenn der neue Wohnsitzstaat im EU- oder EFTA-Raum liegt und dort eine Pflichtversicherung besteht. Dann kann aus der Schweizer Pensionskasse nur der Teil des Freizügigkeitsguthabens ausbezahlt werden, der allenfalls das BVG-Minimum übersteigt. Der obligatorische Vorsorgeteil bleibt in der Schweiz – auf einem Freizügigkeitskonto oder einer Freizügigkeitspolice (siehe unten).

Tipp: Möchten Sie wissen, wie hoch der Betrag Ihres BVG-Minimums ist, schauen Sie in Ihrem letzten Versicherungsausweis nach oder erkundigen Sie sich bei Ihrer Pensionskasse.
 

2. Weiterführung des Versicherungsschutzes
Die berufliche Vorsorge können Auswanderer aber unter Umständen bei der bisherigen Pensionskasse (je nach Reglement) oder bei der Stiftung Auffangeinrichtung BVG freiwillig weiterführen. Voraussetzung für die freiwillige Versicherung ist aber, dass der Antragssteller ebenfalls weiterhin bei der AHV versichert ist. Interessierte müssen also zwingend auch der freiwilligen AHV beitreten. Wie oben erwähnt, steht diese Möglichkeit nicht allen offen (siehe «Wer darf, wer nicht?»). Zudem muss beachtet werden, dass die Prämien nicht mehr mit dem Arbeitgeber geteilt werden können und somit vollständig selbst finanziert werden müssen. Wer sich für eine freiwillige Weiterversicherung bei der Stiftung Auffangeinrichtung entscheidet, muss dies innerhalb von drei Monaten nach Ausscheiden aus der obligatorischen Versicherung per Antrag tun. Bei einer Weiterversicherung über die Pensionskasse muss dort nach den einzuhaltenden Fristen angefragt werden.
 

3. Parkieren des Pensionskassengeldes
Möchten oder können Sie sich das Geld weder auszahlen lassen, noch die Versicherung freiwillig weiterführen, wird Ihr angespartes Kapital parkiert Arbeitslosigkeit Wohin mit dem PK-Guthaben? . Dies können Sie auf einem Freizügigkeitskonto, bei der Stiftung Auffangeinrichtung BVG oder einer selbstgewählten Bank tun. Oder Sie wählen eine Freizügigkeitspolice bei einer Versicherung. Es lohnt sich, Offerten einzuholen und zu vergleichen. Kümmern Sie sich nicht ums Pensionskassengeld, überweist es Ihre letzte Pensionskasse frühestens nach sechs Monaten, spätestens aber nach zwei Jahren an die Auffangeinrichtung.

Ihr Freizügigkeitskapital wartet in der Schweiz, bis Sie allenfalls zurückkehren und das Geld wieder in eine neue Pensionskasse einbringen, oder bis Sie Ihr Alterskapital beziehen können (frühestens fünf Jahre vor, bis spätestens fünf Jahre nach Erreichen des hiesigen Rentenalters), eine volle Rente der Schweizer IV erhalten, oder versterben und Ihr Geld an die begünstigten Hinterbliebenen geht.

Hinweis: Vorsorgegelder auf Freizügigkeitskonti werden nie in Form einer Rente Freizügigkeitskonto Wie hoch wird die Rente sein? , sondern ausschliesslich in Form einer einmaligen Kapitalsumme ausbezahlt.

Bei Rückkehr in die Schweiz

Wenn Sie die Absicht haben, Ihren Lebensabend allenfalls doch wieder in der Schweiz zu verbringen, können Sie hier unter Umständen Ergänzungsleistungen beantragen. Die EL-Stelle wird dann aber genau abklären, was mit Ihrem Pensionskassengeld passiert ist und von Ihnen Unterlagen verlangen. Sie müssen belegen können, dass Sie die Barauszahlung für sich ausgegeben und jeweils eine Gegenleistung erhalten haben. Mit der anstehenden EL-Reform ab 2019 werden hier voraussichtlich noch strengere Auflagen entstehen.

Fehlbeträge, die sich nicht erklären oder belegen lassen, werden wie verschenktes Geld behandelt . Dies kann auch heute schon zu Leistungskürzungen führen; allenfalls sind Sie dann sogar auf Sozialhilfe angewiesen. Vermeiden lässt sich dies, wenn Sie vor allem Belege zu grösseren Ausgaben aufbewahren und Ihr Geld weder verschenken, noch verspielen, noch sich mit riskant geltenden Geldanlagen verspekulieren.

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Hilfreiche Internetseiten und Hinweise zu Versicherungen

Mehr zu Reiseversicherungen bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Wer einen längeren Auslandaufenthalt plant oder öfters im Jahr verreist, wird sich unweigerlich mit der Frage beschäftigen, welche Reiseversicherungen er braucht. Guider informiert seine Mitglieder unter anderem darüber, ob sich eine Annullierungskostenversicherung lohnt und was durch den ETI-Schutzbrief gedeckt ist.

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Buchtipp: Auswandern – Neustart im Ausland

Buchcover: Auswandern – Neustart im Ausland
Quelle: Beobachter Edition