AuswandernAltersvorsorge und Versicherung im Ausland

Wer dauerhaft ins Ausland zieht, sollte sich vorher um die Deckung der Krankenversicherung kümmern. Bild: Getty Images

Auswandern ist ein Abenteuer, auch was den Papierkram angeht. Doch wer hier schlampt, hat im Versicherungsfall schlechte Karten und weniger Geld im Alter.

von Rebecca Wyss und Anne Sciavillaaktualisiert am 2017 M07 19

Der Chef spinnt, das Wetter schlägt einem aufs Gemüt, das Abstimmungsergebnis ist zum Davonrennen: In solchen Momenten träumt manch einer von einem neuen Leben in einem anderen Land. Dass der Wegzug mit viel Papierkram verbunden ist, geht schnell vergessen. In der Schweiz ist man rundum abgesichert. Alter, Krankheit, Unfall, Armut – hierzulande helfen Versicherungen, Staat und Fonds. Doch im Ausland ist das nicht unbedingt der Fall.

«Auswanderungswillige sollten sich gut über das Leben im Auswanderungsland informieren. Besonders was die Versicherungen angeht», rät Sarah Mastantuoni, Direktorin der Auslandschweizer-Organisation (ASO), die die 775'000 Auslandschweizer vertritt. «Und zwar vor der Abreise.»

Debora Brunner* wünscht sich, sie hätte das damals getan. 2013 hat sie sich in Costa Rica niedergelassen. Sie sei bei einem Sprachaufenthalt hängen geblieben. «Meine Mutter sagte zwar, ich solle mich wegen der AHV informieren», erzählt die 28-jährige Pflegefachfrau. «Doch ich hatte keinen Nerv für den Versicherungskram.» Sie surfte lieber mit ihrem Partner und den neuen, aufregenden Freunden dem Sonnenuntergang entgegen und schlürfte frische Kokosnüsse aus. Zwei Jahre lang. Dann flog Debora zurück in die Schweiz – weg von ihrem Exfreund, hin zur Beitragslücke.

AHV/IV-Beitragslücken: 2,3 Prozent pro Fehljahr

Das dämmerte der 28-Jährigen bereits in den ersten Tagen. «Meine Mutter fragte, ob ich überlegt hätte, was es heisse, wenn man längere Zeit nicht in die AHV einzahlt.» Hatte sie nicht. Bis zu diesem Moment am elterlichen Küchentisch in Solothurn. «Da bekam ich richtig Angst um meine Zukunft.»

Wer sich nicht um AHV und IV kümmert, riskiert eine Beitragslücke. Und damit eine Kürzung der späteren Rente um rund 2,3 Prozent für jedes fehlende Jahr. Beitragslücken lassen sich nachträglich schliessen, indem man den Fehlbetrag innerhalb von fünf Jahren einzahlt. Weiter zurück sind Nachzahlungen nicht möglich. Es sei denn, man hat vor dem 21. Lebensjahr Beiträge eingezahlt. Solche Beiträge aus den Jugendjahren kann man sich später anrechnen lassen.

Doch so weit muss es nicht kommen. Beitragslücken sind vermeidbar:

  • Wer für einen Schweizer Arbeitgeber im Ausland arbeitet, hat Glück. Denn dann kann man die obligatorische AHV/IV weiterführen – wenn man innert sechs Monaten ein Gesuch stellt.
  • Wer in die EU oder in Efta-Staaten zieht, wird vom jeweiligen Sozialversicherungssystem dort versorgt.
  • Alle anderen können in die freiwillige AHV/IV in Genf einzahlen (siehe unten «Freiwillig vorsorgen»).

Wer übrigens mit dem Gedanken spielt, den Lebensabend unter Palmen zu verbringen, kann sich freuen: Ein Schweizer, der mindestens ein Jahr lang AHV eingezahlt hat, hat Anspruch auf Rente, egal, wo er lebt.

Freiwillig vorsorgen

Vorsicht, Beitragslücke! Wann eine freiwillige AHV/IV helfen kann.

Wer darf, wer nicht?
Nicht alle können freiwillig einzahlen:

  • Der Antragstellende muss Schweizer, EU- oder Efta-Bürger (Liechtenstein, Island, Norwegen) sein.
  • Er darf nicht in einem EU- oder Efta-Land leben und arbeiten, wo er den dortigen Sozialversicherungsgesetzen untersteht.
  • Er muss vor der Abreise fünf Jahre lang ununterbrochen bei der AHV/IV versichert gewesen sein.

Ehepartner und Kinder müssen individuell Anträge stellen. Sie sind nicht automatisch mitversichert.

 

Was kostet mich das?
Bevor man das Beitrittsformular der freiwilligen AHV/IV ausfüllt, ist es ratsam, sich folgende Gedanken zu machen:

  • Die freiwillige Versicherung ist nicht gratis. Wer arbeitet, gibt 9,8 Prozent des Einkommens ab und zahlt Verwaltungskosten (5 Prozent der geschuldeten Beiträge).
  • Wer nicht arbeitet, zahlt je nach Vermögen 914 bis 22'850 Franken.

Das kann die freiwillige AHV/IV zu einer teuren Doppelversicherung machen – je nach Sozialversicherungssystem des Wohnlands. Oder zu Einbussen führen, denn viele Länder kürzen die dortigen Gelder, falls die Versicherten über zusätzliche Einkommensquellen verfügen.

 

Was sonst noch gut zu wissen ist

  • Informieren Sie sich frühzeitig über passende Versicherungen. In die freiwillige AHV/IV beitreten kann nur, wer den Antrag innert eines Jahres nach der Abreise stellt.
  • Knüpfen Sie Kontakte zu Auslandschweizern – etwa auf Facebook.
  • Wer den Schweizer Wohnsitz aufgibt, verliert die Grundversicherung. Ausnahmen gibt es für AHV-Rentner in der EU.
  • Verbringen Sie vor dem Auswandern längere Zeit im Zuzugsland. So können Sie sich auch vor Ort von Fachstellen beraten lassen.
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Was bedeuten Begriffe wie Plafonierung der AHV-Rente oder Splitting? Guider-Mitglieder erhalten weiterführende Informationen, mit welchem Einkommen sie im Alter rechnen und wie sie sich gegen einen Entscheid der AHV wehren können.

Krankenversicherung: Für ausreichend Deckung sorgen

Das zweite wichtige Thema für Auswanderer sind Krankenversicherungen. Grundsätzlich gilt hier: Wer ins Ausland zieht, ist aus der Grundversicherung raus. «Es gibt solche, die das Risiko auf sich nehmen und sich danach nicht versichern», sagt ASO-Direktorin Mastantuoni.

Auch Debora Brunner kümmerte sich nach dem Abmelden in der Schweiz nicht um eine Krankenversicherung. Sie ging davon aus, dass sie im Ernstfall mit der Rega zurückgeflogen und wieder in die Grundversicherung aufgenommen würde. «Das haben mir jedenfalls Freunde erzählt.» Davor warnt Mastantuoni: «Theoretisch können die Krankenkassen die Kostenübernahme ablehnen, wenn man nur zum Zweck der Behandlung in die Schweiz fliegt.»

Wer also keinen Schuldenberg riskieren will, muss vorsorgen – vor allem, wenn man auf eigene Faust im Ausland lebt. Einige internationale Reiseversicherungen haben ein Paket im Angebot, das Kranken-, Unfall-, Reise- und Privathaftpflichtversicherungen enthält. Solche Versicherungspakete muss man aber meist jedes Jahr von neuem abschliessen (siehe weiter unten «Hilfreiche Internetseiten und Hinweise zu Versicherungen»).

Doch nicht immer entspricht der Standard im Ausland jenem in der Schweiz. Die internationale Krankenversicherung eines Schweizer Anbieters ist eine Möglichkeit, wenn man Schweizer Standards beibehalten will. Am besten holt man möglichst viele Offerten ein und entscheidet dann. Der Tipp der ASO-Expertin: «Immer darauf achten, ob eine Versicherung gegen Unfall inbegriffen ist.»

Arbeitslos und im Ausland: Bekommt man Geld?

Alter, Invalidität, Krankheit, Unfall – dagegen kann man sich versichern. Was aber, wenn man den Job verliert? Die wichtigsten Punkte im Überblick:

  • Arbeitslosenversicherung: Auf Geld aus der Schweizer Arbeitslosenkasse können Auslandschweizer nicht hoffen. Nur wer zurückkehrt und davor nicht in einem EU-/Efta-Land gearbeitet hat, ist nach der Rückreise gegen Arbeitslosigkeit versichert. Aber nur unter bestimmten Bedingungen: Man muss innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens zwölf Monate gearbeitet haben – und man muss in der Schweiz bleiben. Auslandschweizer aus EU-/Efta-Ländern müssen ihre Ansprüche im letzten Beschäftigungsland geltend machen.

  • Sozialhilfe/EL: Hin und wieder liest man von Frührentnern im Ausland, die ihr Pensionskassengeld verbraucht haben und allein von der AHV-Rente leben. Ihnen bleibt meist nur die Rückkehr in die Heimat. Ergänzungsleistungen oder Sozialhilfe stehen nur jenen offen, die ihren Wohnsitz dauerhaft in der Schweiz haben.

  • Finanzhilfen aus Fonds: Eine weitere Anlaufstelle ist zum Beispiel der «Kilcher-Fonds», der mit Finanzbeiträgen an eine Rückreise, an die Überbrückung einer Notlage oder den Aufbau einer neuen Existenz helfen kann. Bei Soliswiss – dem einstigen Solidaritätsfonds für Auslandschweizer – kann man sich gegen den Verlust der Existenzgrundlage wegen politischer Ereignisse absichern.

Fazit: Vor dem Auslandaufenthalt informieren

«Ich kann selbst kaum glauben, wie schlecht ich damals informiert war», sagt Debora Brunner. Sie hat sich mittlerweile mehreren Facebookgruppen von Auslandschweizern angeschlossen, um ihr Wissen mit anderen zu teilen. Für die 28-Jährige selbst gibt es noch Hoffnung. Während der Ausbildung zur Pflegefachfrau in ihrer Jugend hat sie in die AHV eingezahlt. «Damit kann ich die Lücke füllen.»

*Name geändert

Bei der Pensionskasse weiter versichert?

Wer eine längere Auszeit nimmt, muss in der Regel aus der Pensionskasse austreten. Es sei denn, das PK-Reglement sieht explizit die Möglichkeit vor, das Invaliditäts- und Sterberisiko für mehr als nur einen Monat weiterzuversichern. Je nach Vorgaben kann man sogar für das Alter weitersparen. Wer sich die gesamten Beiträge – also den eigenen und den Anteil des Arbeitgebers – leisten kann, wählt diese finanzielle Absicherung.

Bringen Sie noch vor der Auszeit in Erfahrung, was Sie von Ihrer Pensionskasse erwarten können. Studieren Sie das Pensionskassenreglement, stellen Sie einen Fragenkatalog auf und setzen Sie sich direkt mit der Kasse in Verbindung.

Freizügigkeitsleistung parkieren
Falls eine Weiterversicherung bei der bisherigen Pensionskasse nicht möglich ist, gibt sie Ihnen das gesparte Kapital mit – die Freizügigkeits- oder Austrittsleistung. Über dieses Geld dürfen Sie allerdings nicht frei verfügen. Sie müssen es parkieren, bis Sie wieder arbeiten oder pensioniert werden. Dazu haben Sie drei Möglichkeiten: als Freizügigkeitskonto oder -depot bei einer Freizügigkeitsstiftung, als Freizügigkeitspolice bei einer Versicherungsgesellschaft oder als Freizügigkeitskonto bei der Stiftung Auffangeinrichtung BVG. Holen Sie für jede Lösung Offerten ein und vergleichen Sie die Angebote.

  • Wenn Sie das Geld bei einer Freizügigkeitsstiftung parkieren, haben Sie sich faktisch für ein Sperrkonto ohne Versicherungsschutz (Invalidität oder Tod) entschieden. Das Freizügigkeitskonto funktioniert ähnlich wie ein Sparkonto, mit dem Unterschied, dass Sie über das Geld nicht frei verfügen können. Dazu ein Tipp: Transferieren Sie die Gelder auf zwei Freizügigkeitsstiftungen, falls Ihre Pensionskasse das zulässt. So müssen Sie das Geld bei der Pensionierung nicht auf einmal beziehen und können durch den gestaffelten Bezug Steuern sparen. Die Überweisung auf zwei Konten muss aber beim Austritt aus der Pensionskasse erfolgen, später ist das nicht mehr möglich. Und sobald Sie die Freizügigkeitsstiftung wechseln, müssen Sie das ganze Kapital mitzügeln.

  • Wenn Sie das Geld als Freizügigkeitspolice bei einer Versicherungsgesellschaft parkieren, versichern Sie zusätzlich den Risikoschutz für den Fall von Invalidität oder Tod. Doch die Prämie führt letztlich zu einer tieferen Verzinsung des Altersguthabens.

  • Eine weitere Möglichkeit ist, das Geld an die Stiftung Auffangeinrichtung BVG zu überweisen. Sie können es dort einfach deponieren, sich gegen die Risiken Invalidität und Tod absichern und/oder weiter für das Alter sparen. Diese Lösung hat den Vorteil, dass im Vorsorgefall eine lebenslange Rentenauszahlung möglich bleibt. Bei der Stiftung Auffangeinrichtung BVG landet das Geld übrigens auch, wenn es Ihnen egal ist, was zwischenzeitlich mit Ihrem Altersguthaben geschehen soll, und Sie der Pensionskasse keine entsprechenden Anweisungen geben. Die Kasse überweist das Geld frühestens sechs Monate und spätestens zwei Jahre nach Ihrem Austritt aus der Firma. Die Stiftung verwaltet Ihr Altersguthaben auf einem auf Ihren Namen lautenden Freizügigkeitskonto. Das Geld bleibt so lange dort, bis Sie sich melden. Also dann, wenn Sie das Geld an eine neue Pensionskasse überweisen müssen, wenn Sie sich für ein Freizügigkeitskonto oder eine Freizügigkeitspolice eines anderen Anbieters entschieden haben oder wenn Sie pensioniert werden.

Hilfreiche Internetseiten und Hinweise zu Versicherungen

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Mehr zu Reiseversicherungen bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Wer einen längeren Auslandaufenthalt plant oder öfters im Jahr verreist, wird sich unweigerlich mit der Frage beschäftigen, welche Reiseversicherungen er braucht. Guider informiert seine Mitglieder unter anderem darüber, ob sich eine Annullierungskostenversicherung lohnt und was durch den ETI-Schutzbrief gedeckt ist.

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