Am 25. September 2009 legte sich eine Frau im Regionalspital Rhein­felden AG unters Messer. Der Chefarzt Gynäkologie entfernte ihr die Gebärmutter. Dabei verletzte sein Skalpell ihre Blase und ihren Dünndarm. Das Loch in der Blase übernähte er. Das Loch im Darm bemerkte er nicht.

«Seither muss ich ums Überleben kämpfen», sagt die heute 56-Jährige. Nach dem Eingriff fiel sie ins Koma, musste reanimiert werden, lag monatelang mit offenem Bauch im Spital. «Er sah aus wie ein Bullauge, die Wundränder waren zündrot. Einen Bauchnabel hatte ich nicht mehr» (der Beobachter berichtete).

Die Frau musste ein Dutzend weitere Operationen über sich ergehen lassen und ist ständig auf Medikamente angewiesen. Sie verlor ihren Job, brauchte sämtliche Ersparnisse auf, schuldet dem Steueramt viel und der Bank noch mehr. Auch von der Familie musste sie sich Zehntausende Franken leihen.

Schwere Körperverletzung

Der Chefarzt bekämpfte die Klage der Patientin durch alle Instanzen. Im Juli 2018, neun Jahre nach dem Eingriff, verurteilte ihn das Bundes­gericht wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung. So war der Weg frei für die zivilrechtliche Forderung der geschädigten Patientin über 1,8 Millionen Franken.

Nun war die Zurich dran, die Ver­sicherung des Chefarztes. Die Firma verbuchte letztes Jahr rund 3,7 Milliarden Franken Reingewinn, ein Viertel mehr als im Jahr davor. «Die Kostenschraube anziehen und sparen», lobte der «Blick» die Strategie des weltweit tätigen Konzerns. Die Zurich zog auch bei der Frau die Schraube an und bot ihr 500'000 Franken für den «Direktschaden», wie das im Jargon der Versiche­rungen heisst. Eine halbe Million für ein zerstörtes Leben.

«Soll das Ihr Ernst sein?», fragte die Frau gekränkt. Sie schätzt allein die Lohneinbusse vom Moment der Operation bis zur Pensionierung auf 700'000 Franken. Früher schwang sie sich zwei-, dreimal pro Woche aufs Moun­tainbike, ging ins Fit­ness und zum Tanzen. Heute? «Unmöglich.» Sie ist froh, dass sie inzwischen wieder ein paar Schritte gehen kann.

Die Zurich erhöhte das Angebot auf 700'000 Franken. Als ob es sich um eine besondere Grosszügigkeit handeln würde. Die Medienstelle der Versiche­rung äusserte gegenüber dem Beob­achter: «Bei aussergerichtlichen Verhandlungen ist es üblich, dass die anfänglichen Forderungen der Anwälte deutlich höher liegen als die Summe, auf die sich die Parteien schliesslich einigen.»

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Hohe Hürden beim Gericht

Der Frau lenkte gezwungenermassen ein. Sie hätte die finanzstarke Zurich einklagen müssen. Und das nach einem Jahrzehnt voller Operationen und Terminen bei Ärzten, Anwälten und Gerichten. Ein fast aussichtsloser Kampf gegen einen übermächtigen Gegner.

Aussichtslos auch daher, weil das Schweizer Rechtssystem vorgesorgt hat, dass es nur in den seltensten Fällen dazu kommen wird: Die hoch verschuldete Patientin hätte dem Gericht 100'000 Franken vorschiessen müssen Hohe Prozesskosten Der Gang vor Gericht wird unbezahlbar . Der Anwalt der Frau riet von der Klage ab. Die Fragen des Beobachters liess er unbeantwortet.

Der Chefarzt praktiziert als Gynäkologe weiter, unter anderem als Beleg­arzt bei der Hirslanden Hirslanden-Klinik Zürich Zu hohe Rechnungen – seit Jahren -Gruppe und in einer Praxis am Zürichsee. Das Spital Rheinfelden hatte er nach der fehlerhaften Operation verlassen müssen. 

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René Ammann, Redaktor

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