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RenteDas Blaue vom Himmel

Heute einzahlen, Jahre später profitieren: Aufgeschobene Renten sind voll im Trend. Aber Achtung: Oft ist der Kapitalertrag weit geringer, als die Anbieter suggerieren.

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Auf dem Sorgenbarometer der Schweizer folgt gleich hinter der Angst vor Arbeitslosigkeit die finanzielle Sicher­heit im Pensionsalter. Aus gutem Grund: Die künftige Finanzierung der AHV-Renten ist nicht gesichert, und die Leistungsfähigkeit der einst grundsoliden 2. Säule scheint bedroht – sagen zumindest die Befürworter eines tieferen Umwandlungssatzes.

Ob real oder herbeigeredet, die Ungewissheit ist für die Lebensversicherer wie Manna vom Himmel. Sie können jetzt die Kunden leichter überzeugen, das beste Rezept zur Altersvorsorge sei das private Versicherungssparen. So malt etwa die Generali das Schreckgespenst einer gekürzten Rente an die Wand, was «schmerzlichen Verzicht auf diverse Annehmlichkeiten» bedeute. Bei der Konkurrenz singt der Aussendienst dasselbe Lied – erfolgreich.

Peter Zimmermann war 50, als er vor zehn Jahren bei der Swiss Life einen Renten­vertrag mit aufgeschobener Wirkung unterschrieb. Bis zu seiner Pensionierung 2015 verpflichtet ihn das, jährlich 8900 Franken Prämie einzuzahlen. Damals betrachtete der Beob­achter-Leser den Vertrag als todsichere ­Sache. So war für ihn nebensächlich, dass die in der Offerte während der Aufschubzeit vorausgesagten Erträge zum Teil nur als unverbindliche Überschüsse ausgewiesen wurden. Ein gewichtiges Detail, wie sich heute herausstellt: Die Höhe des Überschusses hängt nämlich vom Geschäftsergebnis ab, kann also vom Anbieter jederzeit gekürzt oder ganz gestrichen werden. Den Ausschlag für Peter Zimmermann gab allein der exzellente Ruf der Gesellschaft, die als einzige bei sofort beginnenden Renten über Jahre keine Überschüsse gekürzt hat.

Anbieter hobelten bei den Überschüssen
Doch die Zeiten haben sich geändert. Eine Umfrage bei den sechs grössten Anbietern zeigt, dass die Swiss Life ihre Kunden mit aufgeschobenen Renten anders behan­delt. In den letzten zehn Jahren hat sie dermassen an den Überschüssen ge­hobelt, dass sie im Vergleich nun auf dem letzten Platz landet. Auch die anderen Anbieter haben gekürzt – aber weniger stark.

Aufgeschobene Renten lassen sich auf zwei Arten finanzieren: entweder über eine einmalige Prämie bei Versicherungsbeginn oder über jährliche Prämien bis zum Antritt der Rente, was Peter Zimmermann vor zehn Jahren wählte. Damals war die Anlage­welt noch in Ordnung, die Zinsen waren hoch, die Aktienmärkte boomten. Die Ver­sicherer weckten bei den Kunden die Hoffnung auf eine hohe Gewinnbeteiligung.

Es sollte anders kommen. Die seit Jahren anhaltend tiefen Renditen bewirkten, dass die prognostizierten Ertragsziele nicht erreicht wurden. Zimmermanns Prämien wurden zu immer schlechteren Bedingun­gen angelegt.

Die schlechtere Rendite der letzten Jahre hat sich auf die Überschusszuweisungen ausgewirkt – und zwar drastisch, wie die Beobachter-Stichprobe zeigt (siehe nachfolgende Tabelle «Aufgeschobene Rente»). Zuverlässigster Anbieter war die Helvetia. Sie weicht bei beiden Varianten am wenigsten von der Offerte ab. Den Kontrapunkt setzt Swiss Life: Die bei der Jahresprämienpolice prognostizierten Überschüs­se wurden von ursprünglich 4504 auf 220 Franken zusammengestrichen – um mehr als 95 Prozent. Vor zehn Jahren wurde eine Rente von 12'400 Franken in Aussicht gestellt; in fünf Jahren werden es jedoch voraussichtlich nur 8116 Franken sein. Pikant: Die Swiss Life hatte schon die garantierte Rente vergleichsweise tief angesetzt. Das Gefälle zur Konkurrenz hatte sie mit – unverbindlichen – Überschuss­versprechen kaschiert. Ein Umstand, der Peter Zimmermann entgangen war.

Im Verkaufsgespräch verschwiegen?

Auch bei der per Einmalprämie finanzierten Variante hat die Swiss Life gekürzt: um happige 78 Prozent, obwohl das Kapital im Jahr 2000 noch zu guten Bedingungen angelegt werden konnte. Dadurch dürfte die Rente in fünf Jahren um einen Drittel tiefer ausfallen, als bei der Vertragsunterzeichnung in Aussicht gestellt. Auch die Zurich, die den zweitletzten Platz belegt, verdient sich keine Lorbeeren. Weil sie den Kun­den aber damals nicht das Blaue vom Himmel versprach, wiegt ihre relative Kürzung weniger schwer als beim Branchenleader.

Die Swiss Life mag sich zum ungewohn­ten Schlussrang in der Beobachter-Umfrage nicht äussern. Sie weist aber die in der Branche angestellte Vermutung zurück, sie finanziere mit den drastischen Kürzungen die Überschüsse, die sie bei den laufenden Ren­ten weiterhin bezahlt. Sprecher Zeno Geisseler: «Wir betreiben keine Querfinanzierung innerhalb des Rentenportefeuilles.» Tatsache ist aber, dass die Finanzierung dieser Überschüsse vorab bei den älteren Abschlüssen, denen ein hoher technischer Zins zugrunde liegt, längst nicht mehr den erzielbaren Erträgen entspricht. Der Werbegag vom Einhalten der Überschussprognosen, der dem Aussendienst beim Verkauf hilft, geht auf Kosten von Kunden wie Zimmermann.

Erstaunlicherweise ist die aufgeschobene Rente trotz den teils happigen Kürzungen derzeit wieder en vogue. Letztes Jahr konnten die Versicherer ihre Prämieneinnahmen um 13 Prozent steigern, und das bei einem insgesamt stagnierenden Markt. Dieser Erfolg lässt vermuten, dass die Überschussfrage in Verkaufsgesprächen kein Thema ist. Die Policenverkäufer erwähnen zwar die Möglichkeit einer Kürzung, verschweigen offen­bar aber das Desaster der letzten Jahre. Anders lässt sich der Erfolg dieser Police nicht erklären.

Denn Kunden reagieren rasch, wenn ein Versicherungsprodukt in Verruf kommt. So brachen die Einmalprämien-Fondspolicen im letzten Jahr richtiggehend ein; die bei Vertragsablauf ausbezahlten ­Leistungen lagen teilweise markant unter den seinerzeit bezahlten Prämien.

Die Hoffnung, dass die Versicherer ihre Kunden in Zukunft offener informieren, sind allerdings gering. Jedenfalls meinte kürzlich Erich Walser, als Präsident des Versicherungsverbands das Sprachrohr der Branche, in Sachen Information sei alles zum Besten bestellt.

Leibrenten: Darauf sollten Sie unbedingt achten

Es werden zwei Varianten von Leibrenten angeboten:

Variante 1: Sofort beginnende Renten, auch laufende Renten genannt. Sie setzen sich aus einem garantier­ten Teil und einer Überschussrente zusammen, die vom Anbieter gekürzt werden kann. Sie werden mit einer Einmaleinlage erworben. Die erste Rentenzahlung fliesst in der Regel ein Jahr nach Vertragsbeginn.

Variante 2: Aufgeschobene Renten. Sie werden entweder mit einer Einmaleinlage bei Vertragsabschluss oder mit Jahresprämien während der Aufschubzeit erworben. Ein beachtlicher Teil des Eingezahlten geht für Versicherungskosten verloren. Auf dem Sparanteil wird ein garantierter technischer Zins gutgeschrieben, dazu kommen allenfalls Überschussanteile. Dieses Kapital wird nach Ablauf der Aufschubzeit in eine lebenslange Rente umgewandelt. Die in der Offerte genannten Überschüsse sind nicht garantiert und wurden im letzten Jahrzehnt regelmässig gekürzt. Überschussprognosen sind also mit äusserster Vorsicht zu geniessen.

Meist lohnt es sich nicht

Leibrenten sind in den allermeisten Fällen unrentabel. Bei sofort beginnenden «Leibrenten mit Rückgewähr» für 65-jährige Männer wird aktuell ein garantierter Umwandlungssatz von etwa 4,35 Prozent angewandt. Das ist deutlich schlechter als bei Pensionskassen. Stirbt man mit 84, beläuft sich die Rendite auf minus 2,7 Prozent. Das Gleiche gilt für aufgeschobene Renten. Deshalb folgende Tipps:

Entnehmen Sie kein Kapital aus der Pensionskasse, um es in eine private Rente zu stecken (ausgenommen sind besondere Umstände).

Lassen Sie sich nicht zum Kauf einer privaten Rente überreden
, wenn Sie mit AHV, Pensionskasse und zusätzlich Erspartem bequem leben können.

Falls Sie dennoch einen Rentenvertrag abschliessen wollen: Verlassen Sie sich nicht auf Überschussprognosen. Berücksichtigen Sie für Ihre Wahl allein die garantierte Leistung.

Beispiel 1: Ein damals 50-Jähriger kaufte im Jahr 2000 eine um 15 Jahre aufgeschobene Rente. Die prognostizierten Überschüsse wurden innert zehn Jahren deutlich nach unten korrigiert.

 

  Garantierte Rente Überschuss-
prognose 2000
Totale Rente Prognose 2000 Überschuss-
prognose 2010
Totale Rente Prognose 2010 Überschuss, Differenz zur Prognose
Allianz
Suisse
12'034 5900 17'934 2716 14'750 -3184
Axa
W'thur
14'768 4052 18'820 414 15'182 -3638
Bâloise
 
12'034 6312 18'346 2500 14'534 -3812
Helvetia
 
14'768 2858 17'626 1936 16'704 -922
Swiss
Life
10'316 7421 17'737 1596 11'912 -5825
Zurich
 
12'034 3259 15'293 1168 13'202 -2091
 
 

Zahlungsmodus: 15 Jahresraten à 8900 Franken = 133'500 Franken

  Garantierte Rente Überschuss-prognose
2000
Totale Rente Prognose
2000
Überschuss-prognose
2010
Totale Rente Prognose
2010
Überschuss, Differenz zur Prognose
Allianz
Suisse
8930 3860 12'790 1870 10'800 -1990
Axa
W'thur
10'490 2435 12'925 168 10'658 -2267
Bâloise
   
8924 4059 12'983 1722 10'646 -2337
Helvetia
 
10'490 2088 12'578 677 11'167 -1411
Swiss
Life
7896 4504 12'400 220 8116 -4284
Zurich
 
8930 4063 12'993 541 9471 -3522
Veröffentlicht am 26. März 2010

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4 Kommentare

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Rechtsanwalt R. Ostheimer
Bei der Auswahl des Versicherers kann man nicht genug aufpassen. Aber für eine Rente sollte man ohnehin keine "Versicherung" abschliessen. Das "Risiko" der Langlebigkeit, d.h. der Rentenbezugsdauer, wird von den Versicherern so kalkuliert, dass man nie einen "Gewinn" erhoffen darf. Die statistische Lebenserwartung steigt und steigt. Aber glaubt wirklich noch irgendjemand, dass das die Versicherer nicht auch wüßten? - Also! Wenn es darum geht, für das Alter vorzusorgen, d.h. anzusparen, ist eine "Versicherung" per se nicht das Richtige. Wenn Sie eine echte "Hinterbliebenenversorgung" benötigen für z.B. Frau und Kind(er), schließen Sie eine reine Risikolebensversicherung ab, beim "billigsten" Anbieter, denn "Tod" ist überall "tot".

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Max Müller
Rendite liegt auch in konkursrechtlichen, erbrechtlichen und steuerlichen Privilegien von Vorsorgemitteln, zu denen Leibrenten zählen. Allein aus diesen Vorzügen erwächst je nach Absicherungsbedarf und Vermögenssituation ein ganzer Katalog unersetzlicher und eindeutiger Anreize für Leibrenten. Es gibt sofort beginnende oder aufgeschobene Leibrenten, solche mit festen oder flexiblen Aufschubzeiten, zudem wählbar mit fester, zeitlich befristeter oder ganz ohne Kapitalrückgewähr.

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Max Müller
Es stellt sich doch die Frage, was bedeutet Rendite? Wer sich für Leibrenten interessiert, den reizen nicht Zinserwartungen. Die Leibrente hat eine ganz eigene Form von Rendite. Sie besteht in der Garantie eines todsicheren, fixen Renteneinkommens bis zum St. Nimmerleinstag. Den im Beitrag erwähnten, 84-jährig Verstorbenen holt auch die allerbeste Verzinsung der Welt nicht ins Leben zurück. Aber die Leibrente war auch für ihn rentabel: Mit ihrer Garantie, ihn lebenslänglich, bis zum nicht voraussehbaren Todestag mit unwiderruflich fester Rente zu bedienen. Rentabilität hat verschiedene Gesichter. Wollte man Rendite bei Leibrenten unbedingt in Zinsform umrechnen (was bei Leibrenten die verkehrte Messgrösse ist), so steigt natürlich auch diese mit zunehmender Lebensspanne gegen u...

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Anne-Marie Bessire
Guten Tag, Ich habe von den "Retraites Populaires" in Lausanne eine Offerte erstellen lassen (Einmaleinlage mit aufgeschobener Rentenzahlung von 2 Jahren). Wie steht es mit dieser Versicherung? Wie seriös arbeitet sie? Besten Dank für Ihre Antwort.

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