«Schon als Zweijähriger habe ich angefangen, auf dem Klavier meiner Eltern herumzuklimpern. Später, im Kindergarten, mussten sie mich im Auto von Kirche zu Kirche kutschieren, weil ich so fasziniert von Orgeln war. Ich wusste schon damals, dass ich Musiker werden wollte.»

Christian Busslinger

Die Stimme von Christian Busslinger klingt verzerrt am Telefon. Der 56-Jährige lebt seit September in Cha-am, einer Stadt am Golf von Thailand. Er spricht lauter, wenn er sich aufregt. Und die Pausen zwischen den Wörtern werden länger, wenn er versucht, sich zu beruhigen. Er sagt, es wühle ihn auf, wenn er seine Geschichte erzählen muss. «Dann kommen alle Erinnerungen zurück.» Erinnerungen an diesen Tag vor 17 Jahren, der sein Leben für immer veränderte.

Am 6. Februar 2003, einem Donnerstagmorgen, ist Busslinger für den Zivilschutz im Einsatz, als Pistenarbeiter an der Ski-WM in St. Moritz. «Ein halbfreiwilliges Engagement, damit ich keinen Militärpflichtersatz zahlen musste», erzählt er. Um 12.40 Uhr trifft ihn das Windenseil eines Pistenfahrzeugs und wirft ihn zu Boden. Er hat eine offene Unterschenkelfraktur am rechten Bein und erhebliche Weichteilverletzungen.

Gegen den Pistenchef und den Fahrer des Pistenfahrzeugs wird ein Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung eröffnet, 2004 aber wieder eingestellt. Begründung: Busslinger sei selber schuld am Unfall. Sein Anwalt Christian Thöny erhebt Beschwerde, das Kantonsgericht Graubünden heisst sie gut. Es bleibt zwar bei der Einstellung des Verfahrens, doch Busslinger wird kein Verschulden angelastet. Der Unfall sei auf ein Zusammentreffen mehrerer unglücklicher Umstände zurückzuführen, heisst es im Urteil.

Anzeige

Christian Busslinger hat Orgelbauer gelernt, danach machte er ein Orgel- und Querflötenstudium. Zum Zeitpunkt des Unfalls hat er zwei Anstellungen: als Sachbearbeiter in der Klavierabteilung von Jecklin in Zürich ein 50-Prozent-Pensum und als Organist bei der Kirchgemeinde Pfäffikon ZH ein 38-Prozent-Pensum. «Das war einer der wenigen wirklich gut bezahlten Jobs, die es in der Schweiz für einen Organisten gibt. Um da hinzukommen, habe ich seit der Kindheit alles meiner Passion geopfert.» Der 39-Jährige steht zum Zeitpunkt des Unfalls zudem kurz vor der Prüfung zum Konzertdiplom.

Serie von Stürzen

Nach dem Unfall wird Busslinger notoperiert. Die Wunde heilt schlecht, entzündet sich. Weitere Spitalaufenthalte werden nötig. Die Militärversicherung übernimmt zunächst die Behandlungskosten und zahlt Taggelder. «Immer wieder dachte ich, wie wunderbar normal doch mein Leben verlaufen wäre, wenn ich nicht an diesem Zivilschutzeinsatz hätte teilnehmen müssen.»

Im August 2003 stürzt er abermals und bricht sich den Unterschenkel erneut. Drei Monate später hat er einen Velounfall, wieder ein Unterschenkelbruch sowie ein komplizierter Handgelenksbruch. Für ihn ist klar, dass die Stürze mit dem Vorfall in St. Moritz zusammenhängen.

«Immer wenn ich dachte, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, schlug das Schicksal wieder zu. Ich hatte grosse Existenzsorgen. Mein ganzes Leben hatte ich darauf hingearbeitet, als Musiker meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber ein Organist mit einem nicht mehr voll funktionsfähigen Körper kann einpacken.»

Christian Busslinger

Ende 2003 wird Busslinger beim Musikgeschäft Jecklin entlassen. Das Arbeitsverhältnis bei der Kirchgemeinde Pfäffikon kündigt er zwei Jahre später selbst. «Ich fühlte mich überfordert, hatte Schmerzen.» Der Unfall habe ihn zu stark eingeschränkt. «Ich war den hohen Anforderungen als Berufsmusiker nicht mehr gewachsen.»

Im November 2007 reicht sein Anwalt Christian Thöny beim Bezirksgericht eine Teilklage ein. Weil Busslinger keine Rechtsschutzversicherung Rechtsschutz Umfassend abgesichert mit dem Beobachter hat, arbeitet Thöny die meiste Zeit unentgeltlich. Er verlangt von der Allianz Suisse, dem Haftpflichtversicherer des Pistenfahrzeugs, 110'000 Franken. So gross sei der Schaden, der seinem Klienten bis Ende 2006 entstanden sei.

Das Verfahren zieht sich in die Länge, kommt vom Bezirksgericht Maloja an das Kantonsgericht Graubünden, das ein erhebliches Verschulden des Pistenfahrzeugfahrers und weiterer für den WM-Anlass verantwortlicher Personen anerkennt – bei einem höchstens «sehr geringen Selbstverschulden» von Christian Busslinger.

«Ich versuchte, die Schmerzen zu betäuben. Die Medikamente wirkten schlecht auf meine Psyche.»

Christian Busslinger hält sich mit schmerzverzerrtem Gesicht sein Bein
Quelle: Kornel Stadler

Widersprüchliche Gutachten

Die Gutachten über seinen Gesundheitszustand und die Konsequenzen, die der Unfall für seine Karriere als Musiker hat, fallen widersprüchlich aus. Gemäss der letzten Beurteilung könnte Busslinger eine angepasste Stelle von 75 bis 80 Prozent ausüben, etwa als Musiklehrer. Die eingeklagte Summe hat sich mittlerweile auf 85'000 Franken reduziert, nachdem die Militärversicherung eine Integritätsentschädigung gezahlt hat. Das Urteil steht noch aus. Laut Anwalt Thöny könnten aber noch Jahre vergehen, bis eine Entscheidung fällt.

Nachdem Busslinger 2006 seine Stelle in Pfäffikon gekündigt hat, versucht er es weiter als Organist und Lehrkraft. Er unterrichtet an Musikschulen, ist Chorleiter und sichert sich immer wieder kleinere Pensen als Organist in Bündner und Zürcher Kirchen. «Meist machte mir aber mein Bein einen Strich durch die Rechnung. Die Beschwerden waren immer da.» Wie bei seiner Anstellung bei der Musikschule Schanfigg in Arosa, die er ab 2012 innehat.

«Die Fahrt mit dem Zug von Chur nach Arosa dauert über eine Stunde. Dabei werden über 1000 Höhenmeter zurückgelegt. Für mein Bein ist das die reinste Tortur. Es ist wie bei einem Kaffeerähmli: Wenn ich so eines während der Zugfahrt dabeihätte, dann wäre die Verpackung voller Dellen, wenn ich in Arosa ankomme. Wegen des Luftdrucks. Genauso fühlte sich mein Bein nach jeder Reise an. Es war mit vielen Schmerzen verbunden, die Schüler zu unterrichten. Nach drei Jahren musste ich einsehen, dass es nicht geht.»

Christian Busslinger

Die Militärversicherung zahlt Busslinger bis im September 2013 eine 20-prozentige Invalidenrente. Sie soll helfen, dass er trotz seinem Leiden eine Erwerbstätigkeit aufbauen kann. Doch Christian Busslinger schafft das nicht, er kommt nicht vom Fleck. «Mir ist nach dem Unfall beruflich alles missglückt.»

Über die Jahre häufen sich Schulden an, bei seiner Familie und beim Steueramt. Für eine Weiterbildung in Klavierpädagogik an der Zürcher Hochschule der Künste nimmt er einen Kredit auf. Aber es kommt immer schlimmer. Selbst die kleinen Pensen als Musiklehrer machen ihm körperlich zu schaffen. «Ich rackerte mich ab und verdiente doch kaum genug zum Leben.» Er habe auch seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt. «Ich versuchte, die Schmerzen mit Medikamenten zu betäuben. Aber sie haben sich schlecht auf meine Psyche ausgewirkt.»

Es bleibt: der Flügel

Es gab Jahre, da hatte er Mühe, am Morgen überhaupt aus dem Bett zu kommen. «Wenn der Lebenstraum zerstört ist, fällt es schwer weiterzumachen.» Trotzdem habe er immer gekämpft und sich um neue Engagements bemüht. Aber ihm fehle das Konzertdiplom. Ein weiterer Nachteil: Heute absolvieren Studenten eine Doppelmasterausbildung in Orgel und Klavier. «Diese Möglichkeit hatte ich damals nicht. Niemand wartet auf einen über 50-jährigen Organisten mit Schmerzen im Bein.»

Er habe die Militärversicherung mehrmals um die Finanzierung einer Umschulung gebeten. «Das wurde immer abgelehnt. Man ging davon aus, dass ich als Musiklehrer auch ohne Diplom genug verdienen kann.»

Bei der IV will sich Busslinger nicht anmelden. «Ich weiss nicht, ob der begutachtende Arzt meine Schmerzsymptomatik richtig einordnen kann. Bisher war das schwierig mit den Gutachten.» Zudem habe er vor seinem Unfall nicht berauschend verdient. Deshalb erhielte er im besten Fall nur eine kleine IV-Rente.

Familie und Bekannte raten Busslinger, sich beim Sozialamt zu melden. Doch das kommt für ihn nicht in Frage. «Ich will auf keinen Fall als Sozialfall enden.» Und das, obwohl er letztes Jahr an einem neuen Tiefpunkt angelangt sei. «Dieser Kampf raubt mir jegliche Lebensenergie. Ich habe Angst, daran zu zerbrechen.» Doch loslassen, die festgefahrene Situation akzeptieren, das könne und wolle er nicht.

Letzten September zieht Busslinger die Reissleine und wandert nach Thailand aus. «Vor allem weil das Klima meinem Bein guttut.» Er hofft noch immer auf ein baldiges Ende des Verfahrens und auf das Geld der Haftpflichtversicherung. «Sonst stehe ich weiter mit nichts als Schulden da.»

Ganz verschwunden ist der Traum vom Musikerleben nicht, Busslinger will sich in Asien etwas aufbauen. Ihm schwebt ein Orgelprojekt vor. «Ich könnte mir auch vorstellen, hier in Altersresidenzen Konzerte zu organisieren.» Dazu müsste er aber seinen Konzertflügel nach Thailand transportieren. «Das ist der einzige Besitz, der mir geblieben ist.»

Jetzt spricht er langsamer, die Pausen zwischen den Wörtern werden länger. Es falle ihm heute noch schwerer als früher, zu akzeptieren, dass ein einziger Tag ein ganzes Leben bestimmen kann.

Buchtipp

IV - Was steht mir zu?

Wer sich neu und unerwartet mit dem Thema Invalidität auseinandersetzen muss, ist ganz besonders auf umfassende und verlässliche Informationen angewiesen. Dieser Beobachter-Ratgeber bietet beste Orientierung in einer völlig neuen und schwierigen Lebenssituation.

Mehr Infos

Buchcover: IV – Was steht mir zu?
Quelle: Beobachter Edition

Unterstützen auch Sie die Stiftung SOS Beobachter mit Ihrer Spende!

In der Rubrik «Der Fall» geht es um Geschichten von Menschen, die eine Phase durchmachen, in denen es das Leben nicht gut meint mit ihnen. Auch die Stiftung SOS Beobachter unterstützt Menschen, die einen Schicksalsschlag verkraften müssen – mit einer Spende können Sie mithelfen. 

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Elio Bucher, Online-Produzent

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter