Von der international organisierten Bande bis hin zum kleinen «Gelegenheit macht Diebe»-Täter: Der Kreis der Betrüger ist gross – und er verursacht den Versicherungen «Schäden von einigen hundert Millionen Franken jährlich», schätzt Urs Siegenthaler vom Schweizerischen Versicherungsverband. «Zehn Prozent der Zahlungen werden erschlichen.» Versicherungsbetrug ist zum Volkssport geworden. Umfragen zeigen: Jeder Fünfte kennt jemanden, der schon einmal seine Versicherung betrogen hat.

«Meine Uhr ist verschwunden»: Wer diesen Sachverhalt ins Schadensformular schreibt, ist zwar ehrlich, weiss aber, dass die Versicherung dann nicht zahlen wird. Besser klingt: «Ich habe meine Uhr im Büro liegen gelassen. Am nächsten Morgen war sie nicht mehr da. Sie wurde vermutlich gestohlen.» In diesem Fall muss die Versicherung zahlen.

«Viele Leute, die jahrelang Prämien zahlen, haben das Gefühl, dass sie im Schadensfall besonders grosszügig behandelt werden müssen», sagt Versicherungsexperte Siegenthaler. «Das ist einer der Hauptgründe, warum Versicherungsnehmer Leistungen erschwindeln.»

Zudem erleichtert die Anonymität den kleinen Betrug: Die Hürde liegt tief, da die Gauner nicht konkret einen Menschen bestehlen, sondern eine gesichtslose Firma. Aus diesem Grund legen die Versicherungen grosses Gewicht auf die Kommunikationsarbeit ihrer Vertreterinnen und Vertreter. Urs Siegenthaler: «Wenn die Beziehung des Versicherten zum Berater gut ist, kann das ein effizientes Mittel gegen Betrug sein.»

Am meisten geschummelt werde bei den Autoversicherungen, sagt Roberto Franzi, Leiter der Fachstelle Versicherungsmissbrauch bei der «Winterthur». Zurzeit sei es Mode, mit alten Autos Unfälle zu provozieren und dann Versicherungsleistungen zu kassieren – laut Roberto Franzi «europaweit ein Milliardengeschäft».

Betrüger riskieren harte Strafen
Weit verbreitet sind auch geschwindelte Reisegepäck- und Wertsachendiebstähle. Und auch der «kaputte Fuss» ist nicht immer so schwer verletzt wie angegeben. «Personenschäden sind versicherungstechnisch ein heikles Thema», sagt der Betrugsspezialist Urs Siegenthaler. «So lässt sich zum Beispiel der Schaden bei einem Schleudertrauma schlecht beweisen – oder eben leicht bestreiten.»

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Die fortgesetzten Betrügereien haben unangenehme Folgen – für alle Versicherten. Denn die Gesellschaften nehmen die gemeldeten Schadensfälle heute genauer unter die Lupe als früher. Geht es um viel Geld, schicken sie Experten mit Videokameras rund um die Welt, um Betrügerinnen und Betrügern auf die Spur zu kommen. So wird zum Beispiel ein ehemaliger Automechaniker aus der Schweiz in Thailand bei der Arbeit in seiner neuen Garage gefilmt: Er hatte der Versicherungsgesellschaft angegeben, zu hundert Prozent arbeitsunfähig zu sein. Oder die Detektivinnen und Detektive ermitteln in der jordanischen Wüste gegen Betrüger, die schrottreife Ultraschallgeräte als neuwertig versichert haben.

Dabei überschreiten die Versicherer auch schon mal die Grenzen des Erträglichen. «Viele Gesellschaften leiden an Betrugshysterie», sagt David Husmann, Zuger Anwalt und Vorstandsmitglied der Rechtsberatungsstelle für Unfallopfer und Patienten. «99,9 Prozent der Versicherten sind keine Betrüger. Durch die grossflächig angesetzten Ermittlungen der Versicherer werden die Persönlichkeitsrechte sämtlicher Kunden erheblich tangiert.»

Egal, welche Methoden sie anwenden: Die Versicherer stellen sich auf den Standpunkt, dass sie «im Interesse der ehrlichen Versicherungsnehmer handeln». Der Betrugsexperte Roberto Franzi schätzt, dass die Prämien ohne Schummeleien um immerhin rund fünf Prozent gesenkt werden könnten. Betrüger knöpfen also nicht nur den Versicherungsgesellschaften Geld ab, sondern auch allen Prämienzahlern – letztlich sogar sich selbst.

Betrug lohnt sich auch aus einem andern Grund nicht. Wird man erwischt, können die Folgen drastisch sein: Es droht ein Strafverfahren, und früher erbrachte Leistungen können teilweise zurückverlangt werden.

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Zudem sprechen sich die Gesellschaften untereinander ab: Wer einmal sein Auto absichtlich zu Schrott gefahren hat, wird in einer zentralen Datenbank registriert. Dort Vermerkte erhalten für längere Zeit von keiner Versicherung mehr eine Police – und schon gar kein Geld.