
Veröffentlicht am 1. Juni 2026 - 14:41 Uhr

«Kein Kind sollte erleben, was ich erlebt habe», sagt Santosh Ritter heute.
Daran geglaubt hat Santosh Ritter immer. So richtig damit gerechnet hat er aber nicht. Ende März trifft der 48-Jährige in einem Vorort der indischen 15-Millionen-Metropole Mumbai seine leibliche Mutter. Er kann die Gefühle kaum in Worte fassen. Scrollt durch den Strom von Bildern auf seinem Handy: Menschenmassen in Indien. Er steigt aus einem Auto. Läuft auf eine Frau in farbigen Kleidern zu. Die beiden umarmen sich. Sie stehen unbeholfen nebeneinander, sie strahlen. Die Mutter nimmt den Sohn an der Hand, sie gehen zum Haus. Nach fast 50 Jahren sind sie wieder vereint. Jedenfalls für einen kurzen Moment.
Bilder von diesem Treffen postet Santosh Ritter weder in sozialen Netzwerken, noch werden sie im Beobachter veröffentlicht. Das war sein Versprechen an seine Mutter. Denn niemand in ihrer heutigen Familie weiss von ihm, von ihrem unehelichen Sohn in der Schweiz. Im patriarchalen System würde man sie wohl aus der Familie ausgrenzen, und sie würde ihren sozialen Status verlieren – mit unabsehbaren Folgen.