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ABMSEin «Doktor» ab 10'000 Franken

Ein Geschäft mit dem guten Namen der Schweiz: «Academy of Business Management Switzerland» in Zürich. Bild: Hanna Jaray

Im Schnellverfahren zum akademischen ­Abschluss – das verspricht eine Zuger Firma. Bloss: Der Titel ist nicht anerkannt. Ein Selbstversuch.

von Sylke Gruhnwald

Die Anzeige im Internet liest sich verlockend: «Master (MBA) und Doktorat – erlangen Sie zwei anerkannte Schweizer Abschlüsse innerhalb eines Jahres. Bewerben Sie sich jetzt.»

Geködert werden damit vor allem Studenten aus dem Nahen Osten, aus Afrika und ­Asien. Und Susanne Wagner, Jahrgang 1979, studierte Betriebswirtin aus München. Sie ist neu in der Stadt Zürich und auf Stellensuche. Das Kombipaket aus Master- und Doktortitel soll zukünftig ihre Bewerbung schmücken. Für den Weg zu neuen akademischen Graden fährt sie zur Freilagerstrasse 39 in Zürich. Ihr Ziel: die «Academy of Business Management Switzerland – The Open Univer­sity of Switzerland», kurz ABMS. Die hat die Werbung im Internet geschaltet.

Susanne Wagner hat einen Termin für eine Beratung. Susanne Wagner ist ein Deckname. Die Frau bin ich.

«Im privaten Verkehr»

Ich nehme Platz in den übersichtlichen Räumlichkeiten der ABMS im zweiten Stock eines grauen Bürogebäudes, gelegen zwischen Scientology, einem Honda-Autohändler und dem Zürcher Teppichhaus. Viel Platz braucht die Academy nicht; der Unterricht findet ausschliesslich online statt.

Habib Al Souleiman empfängt mich, laut Handelsregister ist er einer der Eigentümer der ABMS GmbH. Er empfiehlt mir ­einen Master in Betriebswirtschaft. Der Haken: Die ABMS darf zwar einen solchen akademischen Titel anbieten, der ist aber in der Schweiz nicht an­erkannt. Als ich nachfrage, erklärt Al Souleiman, dass ich den Mastertitel «im privaten Verkehr» gebrauchen dürfe. Mehr erläutert er nicht.

Ein Brief der Bildungs­direktion Zug hängt eingerahmt an der Wand, datiert vom 26. März 2015. Die ABMS ist in Baar domiziliert. Später stellt sich heraus, dass das Originalschreiben der Zuger Behörde einen entscheidenden letzten Satz ­enthält, der hier fehlt: «Die von ABMS verliehenen Titel sind in der Schweiz nicht ­anerkannt.»

«Die staatliche Anerkennung eines Abschlusses sagt nichts über die Qualität der Ausbildung aus.»

Habib Al Souleiman, Eigentümer der ABMS GmbH

Im Oktober könnte ich mein Studium aufnehmen, gemeinsam mit Studenten «aus 116 Ländern». Kostenpunkt: rund 10'000 Franken. Al ­Souleiman kündigt im Beratungsgespräch die Zulassung der ABMS als ordentliche Hochschule in der Schweiz für Februar 2017 an. Deshalb würden sie die Studien­gebühren im kommenden Jahr verdreifachen.

Später stellt sich heraus, dass die ABMS bis heute nicht beim Schweizerischen Akkreditierungsrat um Zulassung ersucht hat. Damit konfrontiert, erwidert Al Souleiman: «Die staatliche Anerkennung eines Abschlusses sagt nichts über die Qualität der Ausbildung aus.»

Wenn sich eine Institution «Fachhochschule» oder «Universität» nennen will, ist die Zulassung gemäss dem eid­­genös­si­schen Hochschulförderungs- und -koordinations­gesetz Pflicht. Das Gesetz ist seit dem 1. Januar 2015 in Kraft, sieht aber für die Akkreditierung eine Übergangsfrist bis Ende 2022 vor. Bis dahin geht der Bund nicht per se gegen Anbieter vor. Und auch der Kanton Zug lässt verlauten, ihm seien die Hände gebunden. Die ABMS darf unter dem Deckmantel einer Universität akademische Titel anbieten.

«Derzeit prüfen wir gemeinsam mit der Bundeskanzlei und dem EDA, wie in dieser Sache weiter vorgegangen werden soll.»

Guido Sutter, Leiter Ressort Recht beim Seco

Nach rund einer Stunde ver­lasse ich das ABMS-Büro, unter dem Arm eine Werbebroschüre mit goldener Prägung und dem Logo von Schweiz Tourismus auf dem Titelblatt. Die ABMS wirbt mit ­einer Vielzahl von Anerkennungen durch Schweizer Institutionen, darunter der besagte Brief der Bildungsdirektion Zug, ebenso werden Brief und Siegel der Bundeskanzlei und des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) aufgeführt.

Ich spreche mit Studenten, Angestellten und Dozenten. Für sie suggeriert eine akademische Ausbildung in der Schweiz Kompetenz und Qualität. Das Schweizer Siegel ist die Motivation, an der ABMS zu studieren oder zu arbeiten, egal, ob die ABMS eine ordentliche Hochschule ist oder nicht. Darin sind sich alle Gesprächspartner einig. Ihre Titel geben die Studenten auf der Karriereplattform LinkedIn an, auf Youtube und Facebook werben sie für die ABMS als profiliertes Schweizer Institut, erhalten dafür Rabatte auf die Studiengebühren.

«Schlicht falsch verstanden»

Es fehlt allerdings an wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit: Für die Zulassung zum Studium braucht es keinen höheren Schulabschluss, die Ausbildung kann kaum mit hiesigen universitären Standards mithalten, und es wird keine Forschung betrieben. Auch darin sind sich alle Gesprächspartner einig. Namentlich genannt werden möchte niemand.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) witterte unlautere Geschäftspraktiken und mahnte die ABMS Ende Juni 2016 ab: Man solle irreführende Angaben auf der Firmenwebsite unterlassen. «Derzeit prüfen wir gemeinsam mit der Bundeskanzlei und dem EDA, wie in dieser Sache weiter vorgegangen werden soll», erklärt Guido Sutter, Leiter Ressort Recht beim Seco. Die Werbung für einen Doppelabschluss an der ABMS ist mittlerweile verschwunden. «Interes­sierte Studenten ähnlich wie Sie haben diese schlicht falsch verstanden», erklärt Al Souleiman auf meine Rückfrage per E-Mail.

Andere Kantone gehen härter vor

Das Geschäft mit wertlosen Titeln von angeblichen Universitäten scheint zu laufen. Die ABMS ist kein Einzelfall. Die Bildungsdirektion des Kantons Tessin etwa ging gerichtlich gegen die «Polytechnische Universität von Lugano» vor. Die Firma ISSEA, Betreiberin der Institution für Fernunterricht, wurde im Juli dieses Jahres schuldig gesprochen. Im Tessiner Hochschulgesetz ist seit 1. März 2014 festgehalten, dass sich strafbar macht, wer ohne Akkreditierung eine Universität führt oder einen entsprechenden Titel trägt.

Ähnlich strenge Gesetze gelten in den Kantonen Aargau, Genf und Graubünden. Wer im Aargau ohne Anerkennung als Bildungsanbieter ein Lizenziat, einen Bachelor, einen Master-, Doktor- oder Pro­fesso­ren­titel verleiht, wird mit Busse bis zu 100'000 Franken bestraft. Wer ­ohne entsprechendes Abschluss­diplom einen akademischen Titel führt, muss mit einer Busse bis zu 10'000 Franken rechnen.

Der Tessiner Anbieter ISSEA kündigte an, Rekurs zu erheben. Aktuell figuriert sein Angebot ­unter dem Namen «Polytechnische Universität für Managementstu­dien». Als neuen Standort nennt die Firmenwebsite eine Adresse in Zug. Solange der Kanton Zug die Zügel nicht anzieht, werden wohl weitere zweifelhafte Anbieter vom dortigen Schonklima profitieren.

Gegendarstellung

Im Artikel heisst es, die Online-Universität ABMS verleihe Doktortitel für 10'000 Franken, sie betreibe ein Geschäft mit wertlosen Titeln und biete akademische Titel im Schnellverfahren unter dem Deckmantel einer Universität an. Dies alles ist unzutreffend. 

Habib Al Souleiman, Geschäftsführer A.B.M.S. GmbH

Die Redaktion hält an ihrer Darstellung fest.

Veröffentlicht am 2016 M09 13