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SpiritualitätReden mit Toten – was ist da dran?

Ist da jemand? Kann man mit toten Seelen sprechen? Bild: Bildmontage Beobachter

Selbst ernannte Medien behaupten, sie könnten Kontakt mit Verstorbenen aufnehmen. Was ist davon zu halten?

von René Ammann und Gian Signorell

Dass es dem Mann nicht gut geht, hört man ihm an. Mit brüchiger Stimme, aber wachen Augen sagt er in die ­Kamera: «Hallo, ich heisse Rolf Erik. Wenn du das siehst, bin ich tot. Aber falls es möglich ist, mit mir nach dem Tod Kontakt aufzunehmen, spreche ich gern mit dir.» Er hält ein Kuvert hoch. «Dann werde ich dir auch sagen, was in diesem Brief steht, den ich geschrieben habe. Wir sprechen uns später. Vielleicht.»

Rolf Erik Eikemo war 40, als er im Mai 2015 starb. Sein Brief verschwand im ­Tresor des norwegischen Senders NRK. Dieser strahlte jüngst den Aufruf aus, mit dem Mann aus Stavanger Kontakt im Jenseits aufzunehmen. Es meldeten sich über 2000 Geisterbeschwörer aus 26 Ländern.

Eikemo war der Ansicht, eine ganze ­Industrie aus angeblich Hellsichtigen verdiene gutes Geld an den Hinterbliebenen und ihrer Trauer. Wenn auch nur ein einziger Geisterbeschwörer in der Lage wäre, ihn in der Schattenwelt zu erreichen und seine Botschaft zu lesen, wären das stichhaltige Beweise für ihre Fähigkeiten und für die Existenz eines Jenseits.

Dass der Tod nicht das Ende bedeutet, darauf hoffen Milliarden Menschen. Und alle Religionen versprechen den Gläubigen ein Weiterleben, in welcher Form auch immer.

«Falls es möglich ist, mit mir nach dem Tod Kontakt aufzunehmen, spreche ich gern mit dir.»


Rolf Erik Eikemo war unheilbar krebskrank, als er 2015 eine Videobotschaft aufnahm. Darin forderte er «Medien» zu einem Experiment auf: Er würde ihnen sagen, was er aufgeschrieben habe. Das Resultat wurde im norwegischen Fernsehen ausgestrahlt.

Rolf Erik Eikemo

Wie kann der Mensch den Tod seines ­Körpers überleben? Manche denken, ein Körper sei nichts als Fleisch und Knochen. Man lebt und stirbt, und das wars dann. Andere spüren etwas Nicht-Körperliches, das man in unserer Kultur Seele nennt. Das offeriert zwei Möglichkeiten. Wenn der Körper stirbt, stirbt die Seele mit ihm. Oder aber die Seele verlässt den Körper und öffnet ihm die Tür zur ­Unsterblichkeit, zur Wiedergeburt.

Wenn es eine Seele gibt, müsste sie ­irgendwo sein. Wo ist sie zu Lebzeiten? Und wo danach? Im alten Mesopotamien dachte man, die Seele sitze in der Leber. Im Ägypten der Pharaonen rutschte die Seele ins Herz. Dort hält sie sich bis heute. Und wo ist sie, wenn es eine gibt, nach unserem Tod? Und kann man sie erreichen, also mit einem Toten sprechen?

Geisterbeschwörer sind fest davon überzeugt. In der Schweiz gibt es 150 bis 200 solcher Vermittler. Sagt Bill Coller. Er, Annette Müller und Claudia Zuccolo ­haben im September 2015 in Zürich die erste Swiss Spiritualist Church gegründet. Coller wurde in Grossbritannien geboren. Dort treten seine Kirchenmitglieder als Spiritualists’ National Union auf und ­unterhalten eine Ausbildungsstätte für sogenannte Medien und solche, die es werden ­wollen: das Arthur Findlay College bei London, wo sich auch der europaweit ­bekannte Schweizer Pascal Voggenhuber ausbilden liess.

Arthur Findlay College: Schule für «Medien»

Der Börsenmakler Arthur Findlay aus Glasgow, Schottland, wandte sich mit 40 dem Spiritismus zu und schrieb Bücher über mediale Phänomene. Als er 1964 die Seite wechselte, also starb, ­wurde sein Anwesen bei London zum Zentrum für Spiritisten. Unter den Schülern sind so viele Schweizer, dass das College zweimal jährlich eine «Swiss Week» durchführt. (Bild: Arthur Findlay College / Youtube)

Arthur Findlay College

0,06 Prozent der Briten bezeichnen sich als Spiritisten. «Das heisst, 99,94 Prozent der Bevölkerung sind, nun ja, nicht beeindruckt», schrieb das britische Blatt «Spirit of Psychic News», bevor es sein Erscheinen einstellte. Trotzdem ist der Spiritismus in Grossbritannien und den USA ­weiter verbreitet als anderswo.

Die Fox-Schwestern und Mr. Splitfoot

Das mag mit den Fox-Schwestern zu tun haben und der Zeit, in der sie lebten. Mitte des 19. Jahrhunderts war Amerika noch jung. Die Industrialisierung hatte gerade erst begonnen, den Menschen von der Scholle zu trennen. Zurück blieb seine Sehnsucht, mehr zu sein als ein Rädchen im Getriebe.

Die Familie Fox bewohnte ein Holzhaus auf dem Land in einem Zipfel des Bundesstaats New York. 1848 gaben zwei der Fox-Töchter, 15 und 12, an, sie würden nachts öfter ein Klopfen wahrnehmen. Die erschreckte Mutter hörte es sich an und rief die Nachbarin. Ihnen sträubten sich die Haare, als der angebliche Hausgeist, Mr. Splitfoot genannt, das richtige Alter der Nachbarin klopfte. Die Kunde, bei den Foxens spuke es, verbreitete sich so rasch, dass im selben Jahr Zeitungen darüber schrieben. Die zwei Fox-Girls lebten fortan bei ihrer älteren Schwester und gaben in New York City Séancen.

Ihr Erfolg war kolossal. Er endete erst, als Maggie Fox öffentlich zugab, sie und ihre beiden Schwestern hätten die Klopfzeichen gemacht, indem sie mit den Zehen schnippten. Das war zwar ein Schlag in die Magengrube der Spiritisten. Aber nicht ihr Ende. Der Glaube, man könne mit dem Jenseits Kontakt aufnehmen, ­hatte sich bis nach Schottland verbreitet. Dort war Bill Collers Grossmutter jahrzehntelang als Medium tätig, bis ihr Enkel übernahm.

Die Fox-Schwestern: Geburt des Spiritismus

Margaret, Catherine und Leah Fox (von links) aus Hydesville, New York, ­traten einen ungeahnten Rummel los, als sie 1848 behaupteten, sie könnten via Klopfzeichen mit Toten kommunizieren. 1888 gaben sie öffentlich zu, sie hätten mit den Zehen geschnippt. Zu spät. In den USA und Europa zählten die Spiritisten bereits acht Millionen Anhänger. (Bild: Wikipedia)

Die Fox-Schwestern

Heute halten Coller, Müller und Zuccolo in Zürich jährlich rund ein halbes Dutzend Gottesdienste ab. Vor ungefähr 60 Leuten gibt es jeweils eine geistige ­Heilung und eine Demonstration von ­Jenseitskontakten. «Es ist eine Kommunikation mit Verstorbenen. Man muss nicht sterben, um den Himmel zu finden», sagt Coller. Er schätzt, dass in der Schweiz bloss jedes zehnte Medium gut aus­gebildet sei.

Von Kristallkugelguckern, Handlesern und Tarotkartenlegern grenzen sich die Spiritisten ab. Sie blickten nicht in die Zukunft, ihre Tätigkeit sei nicht esoterisch, ihre Kirche keine New-Age-Religion. Der Zürcher Ableger ist als Verein organisiert, die Gottesdienste sind gratis, und kein Spiritist missioniert. «Wir sind keine Bedrohung für andere Religionen. Wir sind da für Leute, die Fragen haben», sagt ­Coller. «Wir spenden Trost und leiten den Heilungsprozess ein.» 

Eine Sitzung bei einem Medium kostet um die 150 Franken – etwa so viel wie eine Stunde beim Gesprächstherapeuten. Ein Vergleich, der Coller behagt. Der 66-Jährige, seit 40 Jahren im Geschäft, beschreibt seine Arbeit als «mitfühlend, aber nicht mitleidend. Wenn das Mitleid überhandnimmt, kann ich dem Klienten nicht dienen.» Diesen Satz könnte auch ein guter Psychologe sagen.

«Ob es übersinnliche Fähigkeiten gibt, weiss ich nicht. Mir jedenfalls sind sie noch nie begegnet.»

Pat Perry, Mentalmagier

Pat Perry, Mentalmagier

Die Wissenschaft spricht von ausser­gewöhnlichen Erfahrungen, wenn diese von den Wirklichkeitsvorstellungen der Betroffenen oder ihrer sozialen Umwelt abweichen und als übersinnlich, magisch, mystisch oder spirituell bezeichnet ­werden. Dazu zählen Spukphänomene, «Channeling» oder als sinnvoll und schicksalhaft erlebte Fügungen.

Solche Erfahrungen sind weit verbreitet. In einer deutschen Erhebung berichteten drei von vier Befragten, sie hätten mindestens ein solches «übersinnliches» Erlebnis gehabt. Es tritt in der Regel unerwartet auf, ist weder vorhersehbar noch bewusst herstellbar oder wiederholbar.

«Es gibt keine wissenschaftlichen Be­lege dafür, dass es möglich ist, verlässlich die Zukunft vorauszusehen oder Kontakt zu Verstorbenen herzustellen», sagt Martina Belz. Die Psychotherapeutin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Uni Bern. Zusammen mit Kollegen des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psy­cho­hygiene in Freiburg im Breisgau hat sie zu para­psychologischen Phänomenen geforscht.

Laut Belz gibt es immer wieder Per­sonen, «die durch die Inanspruchnahme von sogenannten Hellsehern oder Medien in eine wirtschaftliche oder psychologische Abhängigkeit und Notlage geraten». Wer glücklich ist, geht kaum zu einem Geisterbeschwörer.

Das Fischen nach Informationen

Vorbehalte gegen Medien hat auch Pat Perry. Der Mentalmagier gilt weltweit als spitze. Perry zeigt sein Können in seinem Theater, dem 70-plätzigen «Close» im Zürcher Industriequartier. Dort liest er Gedanken und verblüfft Anwesende mit Aussagen über ihnen nahestehende Menschen. Dabei sagt der Magier ausdrücklich, er habe keine übersinnlichen Fähigkeiten. «Ob es sie gibt, weiss ich nicht. Mir jedenfalls sind sie noch nie begegnet.»

Perry arbeitet mit der Methode Cold Reading. Dabei nimmt er sein Gegenüber hoch konzentriert und in den feinsten ­Finessen wahr. «Jeder Mensch gibt un­bewusst sehr viel von sich preis, durch die Körperhaltung, die Atmung, wie und ­wohin er blickt, wie er ist. Es gibt viele Schlüssel zu einem Menschen. Die meisten sind es sich einfach nicht gewohnt, diese Informationen wahrzunehmen. In der Mentalmagie ist es das tägliche Brot. Das dürfte auch auf Medien zutreffen.»

Am Ende jeder Vorstellung sitzt Mentalmagier Perry mit den Leuten im Publikum zusammen. Bewusst. «Bei mir landen die Leute wieder in der realen Welt. Das ist der Unterschied zu einem Medium. Ich erzähle ihnen nicht, wie ich es mache, das soll ein Zauber bleiben. Aber sie sollen merken: Sie haben ein Theaterstück gesehen. Es ist eine Illusion. Beim Medium bleiben sie in der Illusion.»

«Jeder Mensch gibt un­bewusst sehr viel von sich preis, durch die Körperhaltung, die Atmung, wie und ­wohin er blickt, wie er ist.»

Pat Perry, Mentalmagier

Ein Einwand, den Geisterbeschwörer öfter zu hören bekommen: Sie würden Cold Reading anwenden. Andere nennen es Psychic Fishing. Das Gegenüber wird in eine interviewartige Situation verwickelt, die in ihm die Illusion erzeugt, das Medium verfüge über Wissen, dessen Herkunft rational nicht erklärt werden kann.

Diese Methode des Fischens nach ­Informationen über einen Verstorbenen zeigt sich in der Fragetechnik. Wer fragt: «Ist Ihr Vater in der geistigen Welt?», ­stochert suggestiv in einer Suppe nach einem Stück Fleisch. Andere sagen: «Ich habe Ihren Vater hier.» Und ­angeln nach dem Stirnrunzeln ihres Gegenübers weiter: «Seit wann ist Ihr Vater in der geistigen Welt?»

Der «Regenbogen-Trick»

Zum Cold Reading gehört etwa der «Regenbogen-Trick». Der Cold Reader schreibt seinem «Kunden» einen bestimmten Persönlichkeitszug und zugleich dessen Gegenteil zu. Das hört sich etwa so an: «Du kannst sehr rücksichtsvoll sein, jemand, der sich stets um die Bedürfnisse anderer kümmert. Aber wenn du ehrlich bist, gibt es Momente, in denen du eine selbstsüchtige Ader in dir entdeckst.» Der Clou dabei: Nahezu alle verhalten sich manchmal egoistisch und manchmal uneigennützig.

Cold Reading ist keine Geheimwissenschaft. Einige der besten Mentalmagier vor allem aus dem ­angelsächsischen Raum haben ihre Techniken im Fernsehen und in Büchern offengelegt. Am weitesten ging Ian Rowland. Er sagt, er sei in der Lage, jedes ­angeblich übernatürliche Phänomen von selbst ernannten Hellsehern und Wahr­sagern zu reproduzieren. Sein Können hat er in verschiedenen TV-Sendungen unter Beweis gestellt.

Unerklärliches wird mit dem Zufall erklärt

Rowland hat eine 240 Seiten starke Anleitung kostenlos ins Internet gestellt: «The Full Facts Book of Cold Reading». Sie ­enthält auch Tipps, wie man Cold-­Reading-Versuche abblocken kann. Wenn das Medium versuche, getarnte Fragen zu stellen (beispielsweise «Können Sie ­etwas damit anfangen?» oder «Sagt Ihnen der Name Maria etwas?»), empfiehlt er eine freundliche Rück­frage: «Entschuldigen Sie, aber stellen Sie mir eine Frage? Ich dachte, Sie ­würden mir Informationen liefern und nicht umgekehrt.» Grundsätzlich soll jegliche Rückmeldung vermieden werden.

Pascal Voggenhuber kennt diese Vorhaltungen. «Es werden einfach Aussagen von einer Sitzung genommen, die auf viele passen. Und mit diesen wird dann erklärt, das sei halt eben Cold Reading gewesen. Und Aussagen, die man nicht erklären kann, bezeichnet man als Zufall. Wenn ich in der Sitzung Cold Reading gemacht hätte, dann hätte ich nie von einer Harfe gesprochen, sondern von Klavier oder Blockflöte, weil damit viele etwas anfangen können», sagt er.

Die von Pascal  Voggenhuber hier angesprochene Sitzung ist dokumentiert.  Eine Schweizer Journalistin machte die Probe aufs Exempel und wagte einen Selbstversuch – mehr dazu am Ende dieses Artikels.

Gegensätzliches trifft fast immer zu

Ein anderer Trick beruht auf dem «Forer-Effekt»: Der Mensch neigt dazu, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person als zutreffend zu akzeptieren. Eindrücklich zeigte das 1948 ein Experiment des US-Psychologen Bertram R. Forer. Er liess Studenten einen «Persönlichkeitstest» machen und gab ihnen dann die Auswertung. Dann sollten sie bewerten, ob die Aussagen auf sie zutreffen – mit 0 (trifft gar nicht zu) bis 5 (trifft sehr gut zu).

Das Resultat: Der Durchschnittswert betrug 4,26 – die Studenten fühlten sich gut verstanden. Dabei hatten alle den­selben Text erhalten, den Forer aus Horoskopen zusammengestellt hatte. Darin stand etwa: «Sie brauchen die Zuneigung und Bewunderung anderer, neigen aber zu Selbstkritik. Ihre Persönlichkeit hat einige Schwächen, die Sie aber meist ausgleichen können. – Äusserlich ­diszipliniert und ­kontrolliert, fühlen Sie sich innerlich tendenziell ängstlich und ­unsicher. Mitunter zweifeln Sie an der Richtigkeit Ihrer Entscheidungen. – Sie sind stolz auf Ihr unabhängiges Denken und nehmen Aussagen nicht unbewiesen hin. – Manchmal sind Sie extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, dann wieder introvertiert und skeptisch.»

All diesen Aussagen ist eines gemeinsam: Man kann sie kaum widerlegen. Wer ist nicht mitunter ängstlich? Unzufrieden? Leutselig? Skeptisch?

Das norwegische Experiment

Doch zurück zu unserem Mann aus Norwegen. Was hatte Rolf Erik Eikemo, der Familienvater aus Stavanger, vor seinem Tod geschrieben? Der Reporter des Senders NRK öffnete das Kuvert Anfang Oktober vor laufender Kamera in der Sendung «Volksaufklärung».

Ein einziges, gefaltetes Blatt steckte drin, darauf die Worte: «Zwei Messer­schmitt Me 110 fliegen am 9. April über den Gandsfjord und drehen nach West ab, während sie den Sola-Flugplatz beschies­sen.» Das wars.

Die Redaktion durchforstete die über 2000 Berichte, die angebliche Medien eingesandt hatten. Ob «Messerschmitt» oder «West», «schiessen», «Flugplatz» oder «Gandsfjord»: Ein einziger Treffer wäre der Hinweis gewesen, dass jemand mit Eikemo posthum Kontakt gehabt haben könnte. Es fand sich keiner. Der Reporter fasste zusammen: «Wir können nicht ausschliessen, dass man mit Toten sprechen kann. Aber wir haben gezeigt, dass dies äus­serst unwahrscheinlich ist.»

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Pascal Voggenhuber
Veröffentlicht am 2016 M10 25