Eine schmale Strasse schlingt sich den steilen Hang hinauf. Knapp 1000 Höhenmeter müssen von Brusio im Puschlaver Talgrund überwunden werden, damit man nach Cavajone GR gelangt. Einem Adlerhorst gleich liegen die verstreuten Häuser in der steilen Berglandschaft. Eine Postkartenidylle: Der Blick hinunter ins italienische Veltlin ist atemberaubend.

Doch das romantische Bild trügt. Cavajone, das jüngste Dorf der Schweiz, ist vom Aussterben bedroht. Gerade noch zehn Einheimische harren das ganze Jahr hindurch im Dorf aus. Die hübsche Kirche ist leere Hülle, die Schule seit 1971 geschlossen. Das einstige Schmugglernest droht endgültig in Vergessenheit zu geraten.

Noch ist es nicht so weit, denn eine Stiftung im Mittelland möchte das Dorf «auf der Schattenseite des Puschlavs» vor dem Untergang retten. Die Stiftung Pro Cavajone, die vor etwa zweieinhalb Jahren von der Aargauer Papierfabrik Mühlebach AG ins Leben gerufen wurde, möchte Bauernfamilien aus dem Unterland helfen, sich in Cavajone eine neue Existenz aufzubauen.

Die Idee fand Anklang: 30 potenzielle Umsiedler meldeten sich bei der Stiftung. «Aber bei weitem nicht nur seriöse Anwärter», erinnert sich Stiftungssekretärin Eva Stocker Bosshardt. «Es meldeten sich auch Ausgesteuerte, die sich in ein gemachtes Bett legen wollten, und Aussteiger ohne Landwirtschaftserfahrungen – alles in allem war die Ausbeute mager.»

Doch von einem Paar war die Stiftung sogleich überzeugt: von Ree und Christian Lehmann (Bild), 35 und 36 Jahre jung. Seit fast einem Jahr lebt das junge Bauernpaar aus dem Emmental nun schon in Cavajone. Die Stiftung hat ihnen ein Haus zur Pacht und Startkapital zur Verfügung gestellt.

Mit 20 Geissen, einem Esel und drei Kühen versucht das Paar, sich auf 1500 Metern als Käser durchzuschlagen. «Wenn man bauern möchte und keinen Hof erben kann, bleibt einem fast nichts übrig, als in die Randregionen auszuweichen», begründet Christian Lehmann den Entschluss, im «Geisterdorf am Ende der Schweiz» Wohnsitz zu nehmen.

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Doch Cavajone ist für die Neuzuzüger mittlerweile mehr als eine pragmatische Lösung. «Anfangs begegneten uns die Einheimischen mit etwas Misstrauen», erinnert sich Christian Lehmann. «Sie haben aber bald gemerkt, dass wir es ernst meinen.» Und: «Cavajone ist einer der schönsten Orte, in denen wir bislang gelebt haben. Das hilft über vieles hinweg.»

1600 Alpengemeinden sterben aus
Cavajone ist nur eines von vielen Dörfern in den Alpen, die vom Aussterben bedroht sind. Zwar nimmt die Bevölkerung im europäischen Alpenraum seit 1970 gesamthaft wieder zu, wie eine Erhebung des Kulturgeografen und Alpenforschers Werner Bätzig von der Universität Erlangen/Nürnberg belegt. Das Wachstum konzentriert sich aber auf tiefer gelegene und verkehrstechnisch gut erschlossene Gemeinden, die mehr und mehr in den Einfluss der grossen Städte geraten.

Im eigentlichen Gebirgsraum ist jedoch eine zunehmende Entvölkerung zu beobachten. Bätzig schätzt, dass insgesamt 1600 Alpengemeinden mit der Abwanderung zu kämpfen haben. Betroffen sind vor allem das Friaul und das Piemont in Italien sowie die französischen Alpes maritimes. Aber auch in der Schweiz bereitet die Entvölkerung abgelegener Gebiete Sorgen.

Per Inserat auf Einwohnersuche
Betroffen ist auch das Walliser Bergdorf Binn im unteren Goms. Vor vier Jahren stand die 170-Seelen-Gemeinde kurz der Schliessung der Schule, so akut war der Mangel an jungen Familien mit schulpflichtigen Kindern.

Für den damaligen Gemeindepräsidenten Beat Tenisch war dies ein Alarmsignal: «Ist die Schule erst einmal zu, dann ist der Niedergang kaum mehr aufzuhalten.» Denn auf die Schule folgt in der Regel die Post, das Lädeli, die Dorfbeiz, die Kirche – alles, was ein Dorf am Leben erhält.

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Binn griff zur Selbsthilfe. Per Zeitungsinserat suchte man Neuzuzüger. Mit überraschendem Erfolg: Das Dorf wurde mit Anfragen geradezu überhäuft. Beinahe 50 Familien interessierten sich für einen Umzug nach Binn. «Es melden sich noch immer Familien», sagt Beat Tenisch. Drei Familien reichten vorerst aus, um die Schule zu retten. Heute besuchen elf Kinder den Unterricht.

Binn ist nicht die einzige Gemeinde, die zu ungewöhnlichen Mitteln gegriffen hat. In den achtziger Jahren sorgte der Weiler Schuders im bündnerischen Prättigau für Schlagzeilen. Um ihre Schule zu retten, gründeten die 55 Einwohner vorübergehend eine Privatschule.

Vom Erfolg in Schuders und Binn angespornt, rührte im vergangenen Herbst auch die Urner 85-Seelen-Gemeinde Meien die Werbetrommel. Seit dem Frühling ist das Dorf oberhalb von Wassen um drei Familien und neun Kinder reicher – drei davon besuchen die dorfeigene Primarschule. In Meien konnte damit nicht nur die Schule, sondern sogar das einzige ganzjährig betriebene Restaurant gerettet werden. Das Ehepaar Hagmann aus Lenzerheide hat es letzten Sommer wieder eröffnet.

«Wir wurden sehr freundlich aufgenommen», sagt die «Sustenpass»-Wirtin Yvonne Hagmann. Doch obwohl die alteingesessenen Meiener ihre neue Dorfbeiz rege besuchen – für das Wirtepaar reicht das nicht zum Leben. Familienvater Eberhard Hagmann muss den Winter durch als Saisonnier im Bündnerland arbeiten. Eine weitere Zuzügerfamilie hat in Meien überhaupt keine Arbeit gefunden. Der Familienvater muss nach Wassen pendeln, um den Lebensunterhalt zu verdienen.

Das Beispiel Meien zeigt: Mit der Vergrösserung der Einwohnerzahl allein ist es nicht getan. Früher oder später werden auch die Neuankömmlinge mit den wirtschaftlichen Problemen konfrontiert. «Der Trend zur räumlichen Konzentration schränkt das Spektrum der Arbeitsmöglichkeiten in abgelegenen Berggemeinden stark ein», sagt Hans Elsasser, Wirtschaftsgeograf an der Uni Zürich.

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Ohne Jobs läuft nichts
Dies zeigt sich besonders akut in Gegenden, die touristisch wenig erschlossen sind. Elsasser: «Für die landwirtschaftliche Bewirtschaftung braucht es relativ wenig Menschen. Und die Hoffnung, dass sich dank neuen Kommunikationstechnologien Arbeitsplätze schaffen lassen, hat sich nicht erfüllt.»

Dazu kommt, dass sich die öffentliche Hand im Zug der Liberalisierung nicht mehr so freigiebig zeigt wie früher. So ist es für Hans Elsasser fraglich, ob Einwohner-Werbekampagnen letztlich nicht bloss zu einer Verlangsamung eines unausweichlichen Prozesses führen. «Es muss unter dem Strich mehr gewährleistet sein als eine schöne neue Wohnumgebung.»

Das weiss man auch in Meien. Felix Ziegler, Dorflehrer und Sekretär der Vereinigung Pro Meien, sucht aktiv das Gespräch mit den jungen Einwohnern des Bergdorfs und bietet Hilfe an, wenn es darum geht, eine Arbeit zu finden. Für Heinz Aebersold, Agronom und Vizedirektor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für das Berggebiet, sind solche Initiativen hoffnungsvolle Zeichen: «Traditionelle Werte wie die Familie und das Leben und Arbeiten im Einklang mit der Natur scheinen wieder an Gewicht zu gewinnen.»