Die Anforderungen der Konsumenten an Bioprodukte sind hoch: Wenn Gemüse, Milch und Fleisch schon mehr kosten, dann müssen die Produkte auch wirklich bio sein. Über eine Milliarde Franken setzt der Schweizer Biomarkt jährlich um, was zeigt: Das Vertrauen in biologische Produkte ist gross.

Doch jetzt gerät ausgerechnet das grösste und bekannteste Bio-Label der Schweiz, die Knospe, in ein schiefes Licht. Dem Beobachter liegen Dokumente vor, die bei genauer Analyse erschreckende Missstände offenlegen: Bei der Kontrolle mancher Biohöfe wird geschlampt, Tierschutzverstösse werden geduldet, Bauern vor Sanktionen geschützt.

Eine zentrale Rolle spielt die Firma Bio-Inspecta in Frick AG, der grösste Player im Zertifizierungsgeschäft von Knospe-Betrieben. Bio-Inspecta prüft Bauern im Auftrag des Verbands Bio-Suisse und verleiht ihnen ein Zertifikat, das den Verkauf der teuren Knospe-Produkte erlaubt. Im Internet schreibt Bio-Inspecta: «Das oberste Ziel ist es, die Glaubwürdigkeit der Bioprodukte zu garantieren und das Vertrauen der Konsumenten weiter zu stärken.»

Doch dem Beobachter liegen über 20 Fälle allein aus den Jahren 2003 bis 2006 vor, die misstrauisch machen. Ein Beispiel: In der Nähe von Porrentruy JU hält ein Biobauer seine 55 Milchkühe die meiste Zeit im Stall, statt sie auf die Weide zu lassen. Die Bio-Inspecta weiss dies, schreitet jedoch nicht ein. Das Bio-Suisse-Reglement und die staatliche Raus-Verordnung (regelmässiger Auslauf im Freien) verbieten die reine Stallhaltung - vorgeschrieben sind 26 Tage pro Monat auf der Weide, in Ausnahmefällen 20 Tage. Für biozertifizierte Milch erhält ein Bauer zehn Rappen mehr pro Liter als für konventionelle. Im vorliegenden Fall heisst dies: Der betreffende Bauer kassiert vorschriftswidrig rund 100'000 Franken für rund eine Million Liter Milch, die er in vier Jahren verkaufte. 2006 fliegt der Fall auf.

Auch beim Honig ist nicht alles sauber
Der Beobachter konfrontiert Bio-Inspecta-Geschäftsführer Ueli Steiner mit den Vorwürfen. Steiner war zur Zeit der kritisierten Verfehlungen noch nicht im Amt. Die Kühe hätten permanent Zugang zu einem Auslauf gehabt, sagt Steiner. «Eine rechtliche Grundlage, wegen fehlenden Weidegangs eine Vermarktungssperre auszusprechen, fehlt.» Der Bauer habe vom Kantonstierarzt eine Ausnahmebewilligung erhalten, die Tiere nicht auf die Weide zu lassen. Kein stichhaltiges Argument, denn: Die Raus-Verordnung schreibt auch bei Ausnahmen zwingend mindestens 20 Weidetage vor - der Bauer im vorliegenden Fall liess seine Kühe gar nicht auf die Weide.

Keine Einzelerscheinung: Dem Beobachter liegen diverse Fälle vor, in denen konventionell produzierte Milch als Biomilch in den Handel gelangte: Im St. Galler Rheintal bei einem Bauern rund 3600 Liter, im Thurgau 7800 Liter, im Kanton Bern bei einem Bauern während Jahren rund eine halbe Million Liter. Auch Honig aus zweifelhafter Produktion erhielt das Knospe-Label, wie mehrere Fälle aus dem Kanton Graubünden zeigen. Bio-Inspecta stellte Zertifikate aus, ohne dass das Bienenwachs wie vorgeschrieben auf verbotene Inhaltsstoffe und Insektenschutzmittel geprüft wurde. Der Honig sei in einem Fall fälschlicherweise nicht für den Markt gesperrt worden, räumt Bio-Inspecta-Chef Ueli Steiner ein.

Den Kontrolljob erledigen im Auftrag von Bio-Inspecta Dutzende von freien Mitarbeitern. 80 Prozent von ihnen sind selbst Biobauern. Sie schreiten die Höfe ab, füllen Protokolle aus, die sie an die Bio-Inspecta-Zertifizierer weiterleiten. Diese vergeben Strafpunkte, die das Sanktionsreglement der Bio-Suisse vorschreibt. Die Anzahl Punkte entscheidet darüber, ob ein Bauer das Knospe-Zertifikat behalten darf. Ab elf Punkten gibt es eine Busse, ab 110 Punkten muss dem Bauern das Knospe-Zertifikat entzogen werden. Der Bauernverband Bio-Suisse fordert den Mehrwert, den der Bauer widerrechtlich mit Bio erzielt hat, zurück.

Dokumente zeigen: Auch beim Einsatz von Medikamenten wird geschlampt. Im Kanton Baselland zum Beispiel verabreicht ein Bauer seinen Kühen Antibiotika gegen Euterentzündungen. Vorher jedoch müsste er mit einem bakteriologischen Test prüfen, ob Medikamente überhaupt nötig sind. Der Bauer schert sich nicht darum und lässt die Tests weg - nicht zum ersten Mal. Der Kontrolleur von Bio-Inspecta notiert diesen Verstoss gegen die Bio-Suisse-Richtlinien pflichtbewusst im Protokoll und kreuzt deutlich sichtbar das Kästchen «Wiederholung» an.

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«Tendenz, die Bauern zu schonen»
Wenn ein Bauer wiederholt gegen eine Vorschrift verstösst, schreibt das Sanktionsreglement der Bio-Suisse eine Verdoppelung der Strafpunkte vor. Dies würde den Bauern im vorliegenden Fall genau über die Strafpunkte-Zahl bringen, die ihm eine Busse einbringt. Auffällig ist deshalb, was der Zertifizierer der Bio-Inspecta tut: Er ignoriert die Verdoppelung und bewahrt den Bauern so gerade noch vor einer kostenpflichtigen Sanktion. Dies sei «falsch» gelaufen, gibt Bio-Inspecta-Chef Steiner den Fehler zu, begründet ihn aber nicht. Bio-Suisse-Sprecherin Jacqueline Forster-Zigerli sagt: «Die allermeisten Fälle fehlerhafter Praxis werden erkannt und entsprechend geahndet.» 2007 seien 1106 Sanktionen ausgesprochen worden, «acht Betrieben wurde die Knospe-Urkunde entzogen». Dies bei 6000 jährlich kontrollierten Knospe-Betrieben, die alle «nach international anerkannten und angewandten Standards» arbeiten würden.

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Vieles deutet darauf hin, dass die Bio-Inspecta immer wieder Bauern gezielt vor Sanktionen schützt. Hans Meier (Name geändert), ein ehemaliger Zertifizierer und Kontrolleur, kritisiert seinen ehemaligen Arbeitgeber scharf. Er sagt: «Es herrscht klar die Tendenz, die Bauern zu schonen, um sie nicht als Kunden zu verlieren.»

Ein Biobauer bezahlt für Kontrolle und Zertifizierung zwischen 500 und 1000 Franken: Dies ist die Haupteinnahmequelle der Bio-Inspecta. In einem Schreiben der Direktion an die Mitarbeiter fordert die Geschäftsleitung in dicken Lettern: «Kein Kunde geht an die Konkurrenz verloren.» Ein heikles Motto für eine Zertifizierungsfirma, die auch die Einhaltung staatlicher Gesetze garantieren soll: Kontrolleure und auch Zertifizierer stecken so im ständigen Dilemma, die Bauern nicht zu verärgern, sie aber dennoch korrekt zu sanktionieren.

Dies verdeutlichen auch interne Dokumente aus dem Jahr 2006, die brisante Details offenbaren. Ein Mitarbeiter schreibt seinem Kollegen, besonders heikel sei die Kürzung der Direktzahlungen: «Zurzeit erleben wir Kontrolleure den geballten Frust der Bauern. (...) Der Druck, ja keine Sanktionen aufzuschreiben, wächst jährlich. (...) Wenn wir korrekt sanktionieren, lässt uns oft die Rekurskommission mit abgeschnittenen Hosen im Regen stehen.» Eine Erfahrung, die auch Hans Meier gemacht hat: «Zertifizierungsstelle und Rekurskommission der Bio-Inspecta schwächen berechtigte Sanktionen immer mal wieder ab oder heben sie ganz auf.»

Dazu beitragen dürfte auch die seit Jahren angespannte wirtschaftliche Situation der Bio-Inspecta. Sie seien immer wieder angehalten worden, «vermehrt auf die Kosten zu achten», sagt der ehemalige Kontrolleur Hans Meier. 2005 schloss Bio-Inspecta mit einem Verlust von 43000 Franken ab, 2006 mit einem mageren Gewinn von 8000 Franken. Die Zahlen für 2007 sind noch nicht publiziert, sollen laut Geschäftsführer Ueli Steiner jedoch «deutlich im schwarzen Bereich» liegen.

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Fall 1: Zu wenig Auslauf

Im Kanton Waadt lässt ein Biobauer seine Kühe und Rinder in zwei Sommermonaten total 25 Tage - also fast einen Monat - zu wenig auf die Weide. Das beweist das Auslaufjournal. Zwar verstösst der Bauer klar gegen die staatliche Raus-Verordnung. Doch der Kontrolleur unterschreibt das Journal ohne Beanstandung: alles in Ordnung. Der Bauer erhält das Knospe-Zertifikat und darf weiter Biofleisch verkaufen. Bio-Inspecta rechtfertigt sich: Ein Verkaufsverbot sei erst möglich, wenn der Bauer die Tiere an weniger als 90 Tagen in den Auslauf und auf die Weide lasse. Fakt ist: Der Bauer kommt um eine Kürzung der staatlichen Tierhaltungsbeiträge herum.

Fall 2: Biomilch, die keine ist

Die mangelhaften Kontrollen kosten auch die Steuerzahler Geld: So lässt Bio-Inspecta zu, dass ein Bauer im Jura staatliche Raus-Direktzahlungen erhält, obwohl die Kühe kaum je auf der Weide sind. Die Milch verkauft der Bauer aber als teure Biomilch. Über vier Jahre hinweg kassiert er rechtswidrig 100'000 Franken. Obendrein bekommt er Beiträge für besonders tierfreundliche Stallhaltung (BTS).

Doch seine Kühe liegen auf viel zu hartem Untergrund, wie ein Kontrollprotokoll zeigt: Statt der vorgeschriebenen weichen und verformbaren Liegeflächen (10 bis 15 Zentimeter dicke Strohmatratzen) finden sich in 48 Liegeboxen gerade mal etwa zwei Zentimeter dicke Gummimatten mit etwas Stroh. Doch der Kontrolleur der Bio-Inspecta schreitet nicht ein. Er habe das «13 Jahre so gemacht», rechtfertigt sich der Bauer, als der Fall auffliegt. Als «jahrelange Schlamperei» qualifiziert der Zertifizierer die Arbeit seiner eigenen Firma. Zu den ungenügend ausgestatteten Liegeboxen bezieht Bio-Inspecta nicht Stellung.

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Fall 3: Wundersame Verwandlung

Ein Fall im Bündnerland zeigt: Die Bio-Inspecta zertifiziert Bauern, die Nährstoffbilanzen fälschen. Den ersten gravierenden Fehler macht der Kontrolleur, als er den Hof am 8. März 2006 prüft: Er hakt den Punkt «ausgeglichene Nährstoffbilanz» mit einem «o.k.» ab, obwohl überhaupt keine solche Bilanz vorhanden ist.

Weil sie im Dossier fehlt, fordert der Zertifizierer sie später richtigerweise beim Bauern an und bemerkt, dass einige Zahlen nicht stimmen können: Im Vergleich zu den offiziellen Daten des Kantons sind aus 579 Aren extensiver Wiese (nicht düngbar) plötzlich 479 Aren geworden und aus 199 Aren wenig intensiver Wiese (düngbar) dafür 299 Aren - eine Hektare Land hat sich verschoben. Was dahintersteckt, wird erst bei genauerem Hinsehen klar: Der Bauer hat 20 Mast-Truten gekauft, besitzt jedoch zu viel extensive Wiesen - die Überdüngung droht. Also teilt er rückwirkend Land von «nicht düngbar» in «düngbar» um, damit der Trutenkot in der Bilanz nicht ins Gewicht fällt. Für das umgeteilte Land kassiert er weiterhin Direktzahlungen für Ökoflächen.

Für vorsätzlich falsch gemachte Angaben sieht die Direktzahlungsverordnung des Bundes scharfe Strafen vor: Die Direktzahlungen können bis zu fünf Jahre gesperrt werden. Der Täuschungsversuch bleibt von Bio-Inspecta aber ungeahndet. Am 1. November 2006 erhält der Bauer das Knospe-Zertifikat. Laut Bio-Inspecta wurde «eine zusätzliche Nährstoffbilanz» gerechnet, die eine «bessere Beurteilung» ergeben habe.

Fall 4: Kastration ohne Betäubung

Auf einem Biohof im Wallis werden Lämmer ohne örtliche Betäubung kastriert. Das Tierschutzgesetz verbietet das. Doch sowohl der Kontrolleur wie später auch der Zertifizierer von Bio-Inspecta ignorieren die Tierquälerei: Der Bauer wird nicht sanktioniert. Besonders bedenklich: Beim Zertifizierer handelt es sich um den damaligen stellvertretenden Geschäftsleiter von Bio-Inspecta. Es sei ein «Unterengadiner Problem», dass «ohne Schmerzausschaltung» kastriert werde, heisst es in den Unterlagen zum Fall eines anderen Bauern - auch ihn liess der Zertifizierer ohne Sanktionen schlüpfen.

Bio-Inspecta räumt Fehler ein: «Im einen Fall wäre ein kostenpflichtiges Sanktionsschreiben korrekt gewesen», heisst es. Im anderen sei der Mangel behoben worden.

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Fall 5: Elektroschock für Kühe

Ein Bauer im Kanton Glarus spannt im Kopfbereich der Kühe Elektrodrähte. Mit diesen Stromstössen der Marke Eigenbau will er verhindern, dass die Tiere im Stall in die Futterkrippe treten können, wenn sie fressen. Zudem ist der Rand der Futterkrippe zu hoch - die Kühe können sich beim Aufstehen den Kopf anstossen. Eigentlich ein klarer Fall: Sowohl eine falsche «Krippenhöhe» wie «elektrisierende Drähte» verbietet das Sanktionsreglement der Bio-Suisse. Dem Bauern wird das Knospe-Label durch den Zertifizierer zuerst aberkannt.

Er reicht jedoch Rekurs ein und erklärt, sein Vater habe die Drähte ohne sein Wissen angebracht. Das Rekursgremium der Bio-Inspecta «nutzt den Ermessensspielraum», wie es im Brief an den Bauern heisst, und streicht ihm von total 120 Strafpunkten deren 20. Weshalb gerade 20 Punkte, bleibt unklar. Fakt ist: Der Bauer bleibt mit neu 100 Punkten just unter der 110-Punkte-Grenze, die eine Aberkennung des Labels nach sich ziehen würde.

Interne Dokumente belegen, dass die Bio-Inspecta einen notorischen Tierquäler durchschlüpfen liess: Der Bauer fahre nebenbei Lastwagen und habe keine Zeit, für Sauberkeit im Stall zu sorgen, heisst es da. Er sei schon mal bestraft worden, «wegen Sägeblättern an den Kuhtrainerbügeln». Diese sollten die Tiere davon abhalten, am falschen Ort ihr Geschäft zu verrichten.

Bio-Inspecta

Bio-Inspecta kontrolliert im Auftrag des Bauernverbands Bio-Suisse seit 1999 Bauern und verleiht ihnen das Knospe-Label. Die Firma prüft auch, ob die Bauern die Vorschriften der Direktzahlungsverordnung einhalten. Letztlich zahlen auf Basis dieser Kontrolldaten die Kantone staatliche Gelder aus. Zurzeit sind rund 5200 Bauern bei Bio-Inspecta registriert und bezahlen jährlich je 500 bis 1000 Franken.

Kontrolleure besuchen regelmässig die Höfe, notieren allfällige Regle­mentsverstösse. Zertifizierer vergeben auf dieser Grundlage Sanktionspunkte, die bis hin zur Aberkennung des Labels und zu Kürzungen der Direktzahlungen führen können. Bio-Inspecta steht in direktem Konkurrenzverhältnis zur Firma Bio-Test-Agro.

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