Ist das nicht seltsam? Da wird einer jahrhundertelang als Symbol für fanatische Sittenstrenge und religiöse Kriegstreiberei dargestellt. Und dann heisst es plötzlich, Reformator Huldrych Zwingli sei eigentlich ein Lebemann gewesen, mit unehelichem Kind. Ein philosophieverrückter Fachmann für die Wollust der Pfaffen. Ein Wegbereiter der Aufklärung, der dem Volk vor 500 Jahren das Lesen und den Frauen die Möglichkeit zur Scheidung brachte. Unter ihm habe es keine Freudlosigkeit und keine geistige Enge gegeben, sondern Aufbruchstimmung und sexuelle Befreiung, sagt Zwingli-Kennerin Irene Gysel.

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Realität und Klischee

«Zwingli ist noch heute für viele eine Hassfigur», sagt Simone Schmid. Die Zürcher Drehbuchautorin befasste sich vier Jahre lang mit Zwinglis Leben. Das Resultat hat sie in einen Kinofilm gepackt, der im Januar zum Start des Zwingli-Jahrs anläuft. «Ich merkte schnell, dass bei Zwingli Klischee und Realität auseinanderklaffen», sagt die 39-Jährige. «Das spornte mich an. Ich wollte die Propaganda abblättern lassen und erfahren, wer Zwingli wirklich war. Heute habe ich das Gefühl, man hat ihm Unrecht getan.