Es sind die gruseligsten Orte, die die besten Geschichten erzählen. Das haben Simon Berginz und Andi Wullschleger gelernt. Bewaffnet mit Rucksack, mehreren Metern Kabel und technischem Equipment steigen die beiden zur Burgruine Alt-Wülflingen empor. Der Wald ist dicht, der Nebel auch. Die Ruine soll seit bald 1000 Jahren da oben stehen. Welche Geschichten sie wohl zu erzählen weiss?

Der alte Bergfried von Wülflingen wacht auf einer kleinen Anhöhe. Die Sage, die hier schlummert, ist die von Raubritter Hugo. Ein Tyrann so übel, dass seine Frau vor lauter Kummer gestorben sei. Er soll die Wülflinger so lange um Hab und Gut gebracht haben, bis sie ihn mit eisernen Friedhofskreuzen erschlugen und seither an dem Ort den Maientrunk feiern.

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Der Weg führt durchs Totentäli, eine Schneise, die der Gletscher der Landschaft hinterlassen hat und in der Nussbäume und Ahornbäume den Winter spüren. Tot ist hier nichts. Zumindest nicht heute. «Es wird erzählt, dass hier im Täli einmal ein Mann grausam den Tod gefunden hat. Doch woher der Name stammt, weiss niemand genau», sagt Simon Berginz. Der Winterthurer war als Kind oft in diesem Tal, auf dem Burghügel und im Wald. Bräteln im Sommer, Schlammschlachten mit der Pfadi.

Überall zu finden

Heute ist Berginz für anderes hier. Mit Andi Wullschleger ist er auf Sagenjagd. Sie suchen nach Geschichten hinter unheimlichen Orten für ihren Podcast «Sagenjäger».

«Simon hat plötzlich angefangen, von Sagen zu erzählen, und mich mit diesem Fieber angesteckt», erzählt Andi Wullschleger, sein ehemaliger Arbeitskollege beim Radio Zürisee. So sei die Idee entstanden. Und das, obwohl er das Fach Geschichte immer gehasst hat. Zu viele Jahreszahlen, zu wenig Menschen. Aber der Faszination der Sagen kann er sich nicht entziehen.

Sein Heimatort Zollikon ZH war der Austragungsort der ersten Staffel der Sagenjäger. Sie wurde im Februar 2021 aufgeschaltet. «Das Schöne an Sagen ist, dass man sie einfach überall findet», sagt Simon Berginz.

Fünf Zolliker Sagen haben die beiden Radiojournalisten in der Pilotstaffel als Hörspiel vertont. Die Sage vom «Deistenbrünneli», die von einer unheimlichen Gestalt in Trauerkleidung erzählt, die von den «Lunggesüüdern», die sich um die fatale Gier nach Gold dreht, die vom «Ungeheuer vom Rumensee», dessen Ketten in der Nacht rasseln, die von der «Schatzgräberei auf dem Feufbüel», in der ein buckliger Zwerg einen Schatz verspricht, und schliesslich die Sage vom «Galgenbüel», die berichtet, wie kopflose Gestalten in einer feierlichen Prozession auf und ab ziehen.

Ein Baum spiegelt sich in einem Tümpel

«Niemand hatte das Ungeheuer je gesehen, aber immer wieder liess sich nachts das Rasseln seiner Ketten vernehmen.» – Aus der Sage «Das Ungeheuer vom Rumensee», Zollikon

Quelle: Thomas Egli

Für die zweite Staffel sind sie nun in Simons Heimat Winterthur unterwegs. «Sagen geben dem Schrecken einen Namen, sodass man davon erzählen und das Unerklärliche erklären kann», sagt Simon Berginz, während er die Treppe zur Burg Alt-Wülflingen hinaufsteigt. Alles, was irgendwie schräg oder ungewöhnlich in der Landschaft steht, habe das Potenzial, dass die Leute anfangen, eine Geschichte dazu zu erfinden oder weiterzuspinnen. Je spannender, desto eher werde sie weitererzählt.

Oben angekommen, packen die beiden Mikrofon und Skript aus. Über die Burg Alt-Wülflingen haben sie gründlich recherchiert. Hier wurde gelebt, gefangen gehalten und gefoltert. Schriftdokumente belegen eine Nutzung bis ins 18. Jahrhundert. Aber hat hier auch Raubritter Hugo sein Unwesen getrieben?

Auf Hugos Spuren

«In jeder Sage steckt etwas Wahrheit. Manchmal ist sie abgeändert, manchmal wird dazugedichtet», sagt Andi Wullschleger, der mittlerweile vor jeder Ruine mit Tafel, an der er vorbeikommt, stehen bleiben muss. Zum Leidwesen seiner Frau. «Zu ergründen, was an einer Geschichte wahr und was erfunden ist, das packt.»

Den Podcast nennen die beiden ihr «professionelles Hobby». Andi Wullschleger hat sich mittlerweile als Podcastproduzent selbständig gemacht, mit den Sagen verdienen Berginz und er aber kein Geld. Trotzdem recherchieren sie mit Leidenschaft in Archiven nach dem sagenumwobenen wahren Kern, telefonieren sie mit Historikerinnen und Hobbyhistorikern, interviewen Erzählforscher.

«Es wimmelt von Sagen und dem Wissen dazu in der Schweiz. Aber man muss etwas danach graben», sagt Berginz. So seien sie dann auch auf die Geschichte des Tyrannen von Winterthur gestossen, von der er, trotz Kindheit in diesen Wäldern, noch nie gehört habe. Also hat er sie für die erste Folge der zweiten Staffel auserkoren und die Geschichte genauer unter die Lupe genommen.

«Die Burg hat eine bewegte Geschichte, aber von einem Raubritter namens Hugo ist leider nichts bekannt», sagt Berginz. Wer sicher auf der Burg gelebt hat, ist der schillernde Hans-Konrad von Rümlang, der zweitletzte Burgherr von Alt-Wülflingen. Er lebte weit über seine Verhältnisse, konnte seine Schulden irgendwann nicht mehr bezahlen und wurde wegen Betrügerei geköpft. War Hans-Konrad der Raubritter Hugo?

Linde bei der Ruine in Wülflingen

«Den Grafen und seine Reisigen verscharrte man auf der Waldstatt und setzte an die Stelle eine Linde. Die Burg wurde vom Volk gestürmt und verbrannt.» – Aus der Sage «Raubritter Hugo», Winterthur

Quelle: Thomas Egli

«Sicher werden wir das nie wissen, es kann aber gut sein, dass die Geschichte von Hugo zu Ehren von Hans-Konrad gedichtet wurde», sagt Andi Wullschleger. Denn Raubritter ist ein rhetorischer Kampfbegriff, hat die Volksprosaforschung herausgefunden. Geschichten über sie waren das Ventil, über das das von Steuern geplagte Volk Kritik an adligen Grundbesitzern üben konnte.

Im Aufgang zur Burg singt die alte Holztür von alten Zeiten, unter den Schuhen knirscht der Kies und raschelt das Laub. Die Sagenjäger haben ihr Mikrofon gezückt. Schliesslich soll auch die Geräuschkulisse den Hörerinnen und Hörern später einen wohligen Schauer über den Rücken laufen lassen.

Live vor Ort

Nach der ersten Staffel schrieb ihnen ein Lehrer aus Zollikon. Er habe seine Schulklasse mit einer Boombox an die Sagenorte geschleppt und habe jetzt ein paar Geschichtsfans mehr. Der Podcast entstaubt die alten Sagen, das spricht auch Junge an. «Sagen sind ja eigentlich Fake News mit einem winzigen Funken Wahrheit. Ein richtiger Umgang mit solchen Geschichten ist heute wichtiger denn je», sagt Simon Berginz.

Die beiden Podcastmacher wollen es ihren Hörern ermöglichen, mit Kopfhörern in den Ohren Sagen zu geniessen, genau an dem Ort, von dem sie erzählen. Deshalb gibt es zum Podcast eine interaktive Karte, mit der die Sagen erwandert werden können.

Irgendwann, so das Ziel, soll die Karte der Schweiz voll mit Geschichten sein, die die Sagenjäger ausgegraben und aufbereitet haben. Doch zuerst kümmern sich Simon Berginz und Andi Wullschleger um die Sagen aus dem Kanton Zürich. Etwa um Andi Wullschlegers Lieblingssage, die mitten in der Stadt Zürich ihren Ursprung hat und von einer Schlange, einem König und einem Jungbrunnen erzählt. Aber mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Die zweite Staffel der «Sagenjäger» – inklusive der Folge über Raubritter Hugo – ist am 3. Dezember erschienen. Und wer den Podcast grad vor Ort hören will: Vom Bahnhof Wülflingen bis zur Ruine Alt-Wülflingen wandert man circa 20 Minuten. Der Spazierweg ist gut beschildert. 

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Anina Frischknecht, Redaktorin
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