Anhängerinnen der fragwürdigen Kirschblütengemeinschaft weht nach der Beobachter-Berichterstattung Beschwerde gegen Psychiatriezentrum Verbandelt mit den Kirschblütlern ein eisiger Wind entgegen. Einige mussten bereits ihren Arbeitsplatz räumen.

Psychiaterin A.L.* (Name der Redaktion bekannt) konnte nach ihrem Abgang vom Psychiatriezentrum Münsingen in der Aargauer Privatklinik Barmelweid anheuern. Dass sie Anhängerin der Bewegung ist, hatte sie beim Einstellungsgespräch verschwiegen. 

«Die umstrittenen Haltungen der Kirschblüten-Gemeinschaft widersprechen klar unseren Grundsätzen und unserer psychotherapeutisch-medizinischen Ethik», schreibt die Klinik auf Anfrage des Beobachters. Man habe umgehend das Gespräch zu A.L gesucht, sie per sofort freigestellt und ihr fristgerecht gekündigt.

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Die angesprochenen «umstrittenen Haltungen» beziehen sich auf die therapeutischen Methoden der Kirschblüten-Anhänger. Sie schliessen Sex zwischen Therapeut und Patient und sogar mit Kindern nicht kategorisch aus und befürworten den Einsatz von Drogen in der Therapie.

Damit stossen sie bei den Fachverbänden auf grosse Kritik. Für den Dachverband Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP etwa ist die Gemeinschaft eine «gefährliche Bewegung mit totalitärem Anspruch, die Menschen mit Heilsversprechen ködert und elementare ethische Prinzipien verletzt, welche die Grundlage jeder seriösen und professionellen Psychotherapie bilden.»

Vertragsauflösungen in Bern und Baselland, Abwarten in Luzern 

Die Psychologin R.N.*, Tochter des Gründers der esoterischen Gruppierung, wurde nach dem PZM Anfang Jahr bei den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern UPD angestellt. Dass sie eine Anhängerin der laut Experten sektennahen Gemeinschaft ist, war dort allerdings schneller als andernorts ruchbar geworden: «Der Vertrag wurde sofort nach Bekanntwerden ihrer Zugehörigkeit zur Kirschblüten-Gemeinschaft noch zu Beginn der Probezeit aufgelöst», lässt die UPD verlauten.  

Einen etwas anderen Umgang mit dem Thema pflegt die Luzerner Psychiatrie Lups, die seit Mai 2021 die ehemalige PZM-Psychiaterin D. P.* beschäftigt. Man distanziere sich zwar ebenfalls von den Methoden der Kirschblütler, wolle sich aber nicht von D. P. trennen.

«Die besagte Mitarbeiterin, die sehr gute Arbeit leistet, hat uns nach Stellenantritt über ihre Mitgliedschaft respektive ihre Nähe zur Kirschblütlergemeinschaft informiert», heisst es auf Anfrage. Man habe daraufhin «ergänzend zum Arbeitsvertrag schriftliche Abmachungen und Verhaltensregeln getroffen, die auch überprüft wurden und werden». Man stehe mit der besagten Mitarbeiterin in engem Austausch und werde die Situation aktuell nochmals überprüfen. 

Auf die Rückfrage, wie denn eine Mitarbeiterin kontrolliert werden kann, die im Home Treatment arbeitet, also alleine Hausbesuche macht, erklärt die Lups: «Die Überprüfung der Arbeitsqualität und -methoden erfolgt regelmässig durch die Vorgesetzten und auch durch regelmässige Patientenzufriedenheitsbefragungen.»

Auch der Mann von D.P. hat inzwischen seinen Job verloren. Bis vor kurzem war er auf dem Internetauftritt von Psychiatrie Baselland PBL als Mitarbeiter gelistet, mittlerweile ist sein Konterfei von der Website verschwunden.

«Der von Ihnen genannte Mitarbeiter arbeitet nicht mehr in der PBL. Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir zu aktuell beschäftigten oder ehemaligen Mitarbeitenden der PBL aus Datenschutz- und Persönlichkeitsgründen keine Informationen übermitteln können», sagt Sprecher Thomas Lüthi.

Fachverband ist erleichtert, aber auch alarmiert

Bei der SGPP ist man vorerst erleichtert: «Wir begrüssen es sehr, dass die meisten der betroffenen Kliniken umgehend gehandelt haben», sagt der Vizepräsident Rafael Traber.  «Für Therapeutinnen und Therapeuten mit einem solchen Therapieverständnis darf es in Schweizer Kliniken und generell in der Psychiatrie und Psychotherapie keinen Platz geben.»

Die SGPP ist aber alarmiert, dass – wie im Falle der Luzerner Psychiatrie und des Psychiatriezentrums Münsingen – bewusst Vertreterinnen und Vertreter der Kirschblütengemeinschaft angestellt worden sind, und dass sich diese Kliniken bis jetzt nicht davon distanziert haben.

Update vom 23. Februar

Untersuchung am Psychiatriezentrum Münsingen eingeleitet – ärztlicher Direktor bis auf Weiteres im Ausstand

Eine externe Untersuchung soll Licht in die Geschehnisse und die allfälligen Auswirkungen auf den Klinikalltag bringen. Dies haben Verwaltungsrat und Geschäftsleitung des PZM beschlossen. Das Untersuchungsgremium ist prominent besetzt. Ihm gehören Erich Seifritz, Klinikdirektor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, und Wolfram Kawohl, ärztlicher Direktor der Privatklinik Clienia Schlössli und Vizepräsident der Schweizerischen Vereinigung Psychiatrischer Chefärztinnen und Chefärzte, an. Hinzu kommen zwei auf interne Untersuchungen und Arbeitsrecht spezialisierte Vertreter der Zürcher Anwaltskanzlei Vischer.

Der ärztliche Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen, Thomas Reisch, wird für die Dauer der Untersuchung in Ausstand treten. Er hatte für die Anstellungen der Kirschblüten-Anhängerinnen verantwortlich gezeichnet. Zudem führt er eine private Beziehung mit einer der beiden fraglichen Psychiaterinnen. Anhänger dieser Gemeinschaft vertreten Therapieansätze, die konträr zur gängigen Lehrmeinung stehen. Für Sektenexperten gilt die Gruppierung als sektennah.

Die Abklärungen des externen Expertengremiums erfolgen unabhängig von der beim Kanton Bern eingereichten Aufsichtsbeschwerde und einer Motion im Grossen Rat. «Selbstverständlich wird das PZM allfällige Abklärungen durch die kantonalen Behörden ebenfalls vollumfänglich unterstützen», sagt PZM-Verwaltungsratspräsident Jean-Marc Lüthi.

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