Sehr geehrter Herr Stadtpräsident, sehr geehrte Organisatoren der Ausstellung, sehr geehrte Damen und Herren

 

Es gibt auch in der Schweiz gutes Radio. Aber zu den verschiedenen Dingen, die mir an meinem gegenwärtigen Lebensort besonders gut gefallen, gehört, dass es in England hervorragendes Radio gibt. Wie üblich hab ich daher auch auf dem Weg von Cambridge zum Flughafen BBC Radio 4 gehört. Radio 4 ist eine Art Radio DRS 2, aber viel besser. Die Sendung war ein Gartenquiz: Wer weiss am meisten über Mehltau, Geranienkreuzungen und Kaktusspitzen. Wussten Sie beispielsweise, aus welchem Land Pelargonium inquinans, die Mutter aller Geranien, kommt?

 

Ich hab mit Gärtnern nicht viel am Hut. Aber ich kann Ihnen sagen: Es war enorm faszinierend und die Sendung wird von Millionen von begeisterten Gartenfans gehört. Es spricht vielleicht für die Menschheit, dass es so viele Leute gibt, die Gartenblumen und Regenwürmer spannend finden. Aber natürlich ist das Thema nicht «Regenwürmer zwischen Faszination und Wirklichkeit», sondern «Gewalt zwischen Faszination und Wirklichkeit». Die Frage, der ich dabei ein wenig nachgehen möchte, lautet: Weshalb übt denn Gewalt eine eigenartige Faszination aus, so dass wir ihr im Fernsehen, an Schulen, in der politischen Debatte – und jetzt vermutlich in der Ausstellung – so häufig begegnen?

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Um die Frage ins richtige Licht zu rücken, möchte ich mit der Feststellung beginnen, dass Gewalt in Wirklichkeit etwas ganz schrecklich Langweiliges ist. Kriminologen, welche sich lange damit beschäftigt haben, kommen immer wieder zum selben Schluss: Die meisten Körperverletzungen und Tätlichkeiten ergeben sich aus irrwitzig dummen Streitereien, die oft von betrunkenen jungen Männern und meistens aus völlig trivialen Gründen vom Stapel gelassen werden. Raubüberfälle sind eine bedrückende Realität. Aber wenn man die Polizeiakten liest, dann sind es einfache, oft in der Gruppe gegenüber einem hoffnungslos unterlegenen Einzelnen begangene Akte gemeiner Brutalität. Und Vergewaltigungen sind elende triste Akte der Machtausübung. Hannah Arendt hat im Zusammenhang mit dem Prozess gegen den Nazi Adolf Eichmann von der «Banalität des Bösen» gesprochen und meinte damit, dass selbst der grausamste Massenmörder ein biederer, feiger, langweiliger Spiessbürger war.

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Wenn das so ist, warum gibt es eine Faszination an der Gewalt? Ich will drei Thesen skizzieren und Sie, so hoffe ich, zum Nachdenken anregen.

These 1: Gewalt fasziniert, weil sie erregt

 

Lassen Sie mich mit gewalttätigen Computerspielen beginnen. Es gibt keine Zweifel: Ein sehr grosser Teil von Kindern und Jugendlichen spielt täglich stundenlang gewalttätige Computerspiele, in denen geschossen, gestochen und gemordet wird. Soldier of Fortune ist ein Ego-Shooter-Spiel, in dem man auf 26 verschiedene Tötungszonen am Körper schiessen kann. Wenn man einem Gegner in den Arm schiesst, werden der Armstumpf und Knochensplitter sichtbar. Allerdings möchte ich nicht darüber sprechen, ob solche Spiele Gewalt begünstigen oder nicht. Der Forschungsstand in dieser Hinsicht ist klar: Gewalttätige Spiele erhöhen das Gewaltrisiko. Ich will aber etwas mehr dazu sagen, warum so viele, fast ausschliesslich männliche Kinder und Jugendliche von diesen Spielen fasziniert sind. Es besteht inzwischen kein Zweifel mehr daran, dass gewalttätige Spiele eine Reihe von körperlichen Reaktionen hervorrufen. Hierzu gehören ein schnellerer Puls, ein erhöhter Blutdruck und das Ausschütten von Dopamin und Noradrenalin, beides Botenstoffe im Hirn, die mit erhöhter Erregung verbunden sind. Mit anderen Worten: Gewalt erregt. Das Spielen von gewalttätigen Spielen führt zu einem euphorisierenden Kick, dem die jungen Männer immer wieder anheim fallen.

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These 2: Gewalt fasziniert, weil sie tabuisiert ist

 

Auf der Suche nach den Ursprüngen von Gewalt hat die psychologische Entwicklungsforschung der letzten Jahre eine wichtige Frage gestellt: Wann in der Entwicklung eines Menschen fängt Gewalt an: mit 20, mit 18, mit 16 oder gar mit 14 Jahren? Richard Tremblay, ein Psychologe in Montreal, ist hierbei auf eine überraschende Erkenntnis gestossen. Sie lautet: Eigentlich gibt es keinen Beginn von Gewalt und Aggression. Am verbreitetsten sind Wutausbrüche und körperliche Gewalt bei Kleinkindern im Alter von zwei und drei Jahren, und wir können nur froh sein, dass die Heftigkeit ihrer Emotionen keine Entsprechung in ihrer Körperkraft hat. In einer normalen Entwicklung lernen Heranwachsende, ihre Aggressionen zu kontrollieren und durch soziales Verhalten zu ersetzen.

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Zu einem ganz ähnlichen Schluss kam Norbert Elias – einer der grossen deutschen Soziologen des 20. Jahrhunderts. Allerdings ging es ihm nicht um die Entwicklung des Kindes, sondern um die Entwicklung der europäischen Gesellschaft über viele Jahrhunderte hinweg. Er hat dabei einen Zivilisierungsprozess und eine zunehmende Sensibilisierung gegenüber der Gewalt ausgemacht. Immer mehr offene Formen der Gewaltausübung wurden aus unserem Alltag verbannt und mit Tabus belegt. Die Boxkämpfe des 18. Jahrhunderts wurden in der Regel mit blossen Fäusten auf offenen Plätzen ausgefochten. In England versammelten sich Zehntausende, um dem Schauspiel beizuwohnen, auf den Gewinner zu wetten und möglicherweise den Tod eines der Kontrahenten zu erleben.

«Die Gewalt ist durch soziale Ordnung und Polizei unter Verschluss gehalten – bis diese, wie zuletzt im Irak geschehen, zerbrechen.»

Manuel Eisner

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Die Autoritäten des 18. und 19. Jahrhunderts haben viel daran gesetzt, dieses Vergnügen am Spektakel der Gewalt und des Leidens einzudämmen. Die öffentliche peinliche Strafe, das Auspeitschen, Köpfen, Verbrennen auf dem Pranger – das Zehntausende von Zuschauern begeisterte – wurde ersetzt durch das unsichtbare Gefängnis.

 

Der Psychologe Richard Tremblay und der Soziologe Norbert Elias kommen daher in gewissem Sinne zum selben Schluss. Es ist nicht so, dass die Gewalt uns anderen, die wir selbst nicht prügeln, vergewaltigen oder morden, völlig fremd wäre. Sie ist nur gut verkorkt, durch Sozialisation, soziale Ordnung und Polizei unter Verschluss gehalten – und im Irak sah man in den letzten Jahren, was passiert, wenn die zivilisierte Ordnung zerbricht.

These 3: Gewalt fasziniert, weil sie die Moral der Gesellschaft spiegelt

 

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Emile Durkheim war ein grosser französischer Soziologe am Ende des 19. Jahrhunderts. Er hat zu Gewalt und Kriminalität etwas Wichtiges, aber gleichzeitig ausserordentlich Irritierendes gesagt, nämlich: Wir, die Gesellschaft, brauchen die Kriminalität. Kriminalität ist nicht etwas Pathologisches, sondern etwas Normales. Er hat das etwa so begründet: Jede Gesellschaft benötigt für ihren Zusammenhalt Werte und Moralvorstellungen. Diese können aber nur vermittelt werden, wenn es Beispiele gibt, an denen man das Schlechte und Böse ablesen kann. Am Beispiel des Schlechten versuchen wir abzulesen, was mit unserer Gesellschaft falsch ist und was wir tun sollen. Der Gebrauch der Gewalt für das eigene moralische Argument ist in der Politik gut sichtbar: Für Sozialdemokraten beispielsweise war für viele Jahre «häusliche Gewalt» gute Gewalt. Sie passte in das weltanschauliche Schema von Linken und Feministinnen. Dafür gelang es der Sozialdemokratie, während über 20 Jahren fast völlig zu ignorieren, dass die Ausschreitungen am 1. Mai politisch sinnlose und potenziell enorm gefährliche Ereignisse sind, die man mit Nachdruck unterbinden muss. Der SVP hingegen ist die Gewalt von Ausländern ein beliebtes Themenfeld. Sie ignoriert hingegen völlig, dass es inzwischen in der Schweiz eine erhebliche rechtsextreme Gewalt gibt, geschürt, nicht zuletzt, durch die Hetzkampagnen der Partei selbst.

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Ich bin sicher, es liessen sich noch viele weitere Gründe dafür anführen, warum Gewalt fasziniert, obwohl sie im Kern bloss traurig ist. Aber bereits die hier geschilderten Gründe zeigen, dass Gewalt und Kriminalität in der heutigen Gesellschaft eine Art Hauptverkehrsknotenpunkt sind. Im Phänomen der Gewalt treffen viele Hauptfragen der Gesellschaft zusammen: Wie sollen wir unsere Kinder erziehen? Woher kommt das gewaltsame Potenzial im Menschen, und wie kann es gebändigt werden? Worauf beruht die Ordnung einer Gesellschaft? Und was sollen wir mit jenen tun, die sich nicht daran halten? Eine Ausstellung, dessen bin ich mir sicher, ist eine sehr zivilisierte Form, Faszination für Gewalt und Kriminalität zu zeigen. Und ich bin sicher, Sie werden beim Besuch mehr darüber herausfinden, was Sie an dem Thema interessiert und fasziniert. Ich wünsche Ihnen hierbei viel Vergnügen. Ach ja, für jene, die sich doch eher für Gärten interessieren: Pelargonium inquinans kommt aus Südafrika.

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Das zeichnet diese Rede aus

Von Kommunikationsprofi Patrick Rohr: Eine Anekdote zu Beginn – und dann gleich noch eine, die das Publikum auf witzige Art auf eine völlig falsche Fährte führt. Hervorragend! Damit schafft Manuel Eisner gleich zu Beginn eine Überraschung. Nach dem gelungenen Einstieg, durch den er die Aufmerksamkeit des Publikums erhält, folgt der in drei Teile eingeteilte Mittelteil. Die dramaturgische Steigerung von einem Teil zum nächsten stimmt perfekt. Hervorragend auch, wie Eisner es schafft, in einem wissenschaftlichen Referat ganz ohne Fremd- und Fachwörter auszukommen, und wie er mit vielen konkreten Beispielen das Thema sehr anschaulich macht. Schön auch die Schlussbemerkung im letzten Satz: Hier spannt er den Bogen zum Anfang und entlässt das Publikum mit einer heiteren Note aus seinem Referat zu einem ernsten Thema.

Hinweis: Dieser Text ist ein Auszug des Buches «Reden wie ein Profi», das im Juli in der Beobachter-Edition erschienen ist. Sie können das Buch hier bestellen.

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Quelle: Beobachter Edition