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GeschichteDas Polenlager auf der Aareinsel

Heute ist das «Häftli» bei Bühren an der Aare ein Naturschutzgebiet, doch im Krieg waren dort Polen und Juden interniert. Der Historiker Jürg Stadelmann kennt die Gründe.

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BeobachterNatur: Herr Stadelmann, die Vorstellung, dass wir in der Schweiz ein «Konzentrationslager» hatten, schockiert viele Leute.
Jürg Stadelmann: Concentrationslager mit «C»! Bitte halten Sie unbedingt an dieser Schreibweise fest. Es handelt sich um einen rein planerischen Begriff, abgeleitet vom franzö­sischen «concentrer», konzentrieren. Das Lager in Büren an der Aare war in erster Linie eine Internierungsstätte für 6000 polnische Soldaten. Als Teil der franzö­sischen Armee waren sie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in die Schweiz geflohen, nachdem Frankreich gegen Deutschland verloren hatte.

BeobachterNatur: Trotzdem: Der Begriff ist verstörend.
Stadelmann: In Büren beharrt man deshalb auf dem Begriff «Polen­lager». Ich finde «Concentrationslager» aber legitim, denn das Lager wurde 1940 von einem Aargauer Inge­nieur nach der Bauart deutscher Lager, von denen man wusste, dass sie Zwangsarbeitslager waren, auf dem Reissbrett entworfen: Barackenreihen, ein Wachturm mit bewaffneten Soldaten, am Eingang Hundeführer, die ganze Anlage mit Stacheldraht umzäunt. Fairerweise muss man sagen, dass der treibende Gedanke hinter ­dieser Bauweise folgender war: Wie konnte man die Polen möglichst kostengünstig und effizient unterbringen? Ich als Historiker kritisiere, dass man sich ausschliesslich von prag­matischen Sparüber­legungen leiten liess und die Augen davor verschloss, was jenseits des Rheins lief.

BeobachterNatur: Warum ein Internierungslager? Die polnischen ­Soldaten waren ja keine Kriegsgefangenen.
Stadelmann: Neutrale Staaten waren gemäss Völkerrecht verpflichtet, aufgenommene Soldaten aus kriegführenden Nationen zu neutralisieren. Das heisst, Militärpersonen durften nicht in den Krieg zurück. Der Schweiz war klar, dass die umliegenden Staaten sie daran messen würden, wie sie mit den Internierten umging. Anfang 1940 hatte man einen Grossteil der polnischen Soldaten auf Bauernhöfen und in grossen Bauten im ganzen Land untergebracht. Das waren oft 18-, 19-jährige Burschen, die ihre Bauersleute «Mami» und «Papi» nannten und im Rahmen der An­bauschlacht unverzichtbare Arbeit leisteten. Der Sommer ging vorbei, und Polen – von Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt – existierte nicht mehr. Es wurde klar, dass diese Männer länger bleiben würden. Doch wohin mit ihnen? So beschloss man, die rund 12'000 Polen an wenigen Orten zu konzentrieren.

BeobachterNatur: Hätten diese Polen denn nicht bei den Bauern bleiben können?
Stadelmann: Sie kamen in der Phase, in der es für die Schweiz am ­gefährlichsten war: während der Teilmobilmachung, als Deutschland den Angriff vorbereitete. Im Land herrschte Hektik, die Armee zog sich von der Grenze zurück, die eine Hälfte nach Hause, die andere ins ­Réduit. Und mittendrin die Internierten, die für die Ernte und das Aufräumen ­eingesetzt wurden. Man hatte für sie im ­Berner Oberland, am Napf und im Seeland Zonen eingerichtet. Das Aaregebiet schien besonders geeignet zu sein, weil es keine grosse ­militärstrategische Bedeutung hatte.

BeobachterNatur: Inwiefern beeinflusste der Lauf der Aare bei Büren den Standort des Lagers?
Stadelmann: Der alte Wasserlauf, der einen Bogen zieht, und der schnur­gerade Kanal bilden dort eine Art Wasserburg. Das Landstück dazwischen heisst Häftli. Es kam den Planern entgegen: Sie waren ja bestrebt, das Lager so sparsam wie möglich zu bauen und zu bewirtschaften. Dank dem Wasser brauchten sie weniger Wachpersonal.

BeobachterNatur: Das Leben im Lager war für viele Polen traumatisch. Immer wieder hiess es, das Lager sei eine Fehlplanung.
Stadelmann: Da muss man fair sein: Grundsätzlich war das Lager für die Polen und später für jüdische Flüchtlinge und russische Dissidenten ein Ort, an dem sie überleben konnten. Aber klar: Der junge Pole, der zuerst bei Bauern gelebt und die Schweiz als sympathisch erfahren hat, kommt nach Büren und sieht dort Stacheldraht. Das war für viele ein Schock und sehr frustrierend. Manche KZ-ähnlichen Bilder wurden aber von Internierten inszeniert: Sie ­fotografierten in der Straflagerecke, wo es mehrfach ­Stacheldraht gab.

BeobachterNatur: Das Wachpersonal soll auf Insassen ­geschossen ­haben, und das Essen sei so schlecht gewesen, dass die Menschen krank wurden.
Stadelmann: Die Qualität des Essens war in erster Linie ein Problem der Sparpolitik. Die zentrale Frage lautet aber: Welche Haltung hatte die Armee gegenüber dem Lager? Für den General stand der Abwehrkampf im Zentrum. Büren war für Guisan kaum ein Thema, obwohl er einmal dort war. Dabei war rückblickend gerade diese Flüchtlingsarbeit die grösste Aktivdienstleistung der Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg. Doch die Militärs sahen das Lager nicht als ihre eigentliche Aufgabe. So kommandierten in der Anfangsphase oft weniger geeignete Offiziere das ­Lager. Diese hinterliessen aber einen nachhaltigen Eindruck, da sie den Umgang mit den Internierten prägten.

BeobachterNatur: Jüdische Flüchtlinge, die ab 1942 in Büren lebten, wurden mit dem aufgesetzten Bajonett von Baracke zu Baracke geleitet. Man hatte also nichts gelernt.
Stadelmann: Ich würde eher sagen, das war ein Ausdruck des Misstrauens gegenüber diesen Flüchtlingen, die trotz geschlossener Grenze ins Land gekommen waren. Darin gründet eine Erfahrung, die man heute noch nicht recht wahrhaben will: Die Schweiz kann man nicht abriegeln. Büren spiegelt die damalige Ereignisgeschichte. Wer in diesen Spiegel blickte, sah Gestrandete, die meist ­un­willentlich in der Schweiz gelandet waren. Und man wusste, was ihnen sonst geblüht hätte.

BeobachterNatur: Welche Lehre ziehen wir daraus?
Stadelmann: Dass die Schweiz ein Teil von Europa ist, und dass alles, was um unser Land herum geschieht, direkte Konsequenzen für uns hat. Das war die Erkenntnis damals, und dessen müssen wir uns auch heute bewusst sein. Die wichtigste Einsicht aus den Ereignissen im Seeland aber ist, dass jede Generation daran gemessen wird, was sie getan oder eben nicht getan hat.

BeobachterNatur: Was ist die Gesamtbilanz in Bezug auf Büren?
Stadelmann: Büren ist der Ort, der zeigt, wie sich die Schweiz in einer Extremsituation mit schwierigen Fragen befasst hat. Es zeigt ihre humanitären Bestrebungen, ihren Leistungswillen, aber auch ihre Schattenseiten: Effizienz- und Spardenken, die Wagenburgmentalität. Und Büren zeigt, dass eine solche Unterbringung von Menschen nur mit Zwangsmassnahmen funktioniert. Die kann man im Krieg zwar legitimieren, sie haben aber dazu beigetragen, dass das Experiment Büren an der Aare ein zwiespältiges Erbe hinterlassen hat.

BeobachterNatur: Wie sieht es heute an dem Ort aus?
Stadelmann: Das Häftli ist mittlerweile ein Naturschutzgebiet. Erst, wenn man genau hinsieht und nachfragt, lässt sich erahnen, dass dort Tausende von Menschen mit ihren Sorgen, Hoffnungen und Ängsten gelebt haben. Das Dach der letzten Baracke ist zusammengefallen, das Wachhäuschen ist morsch. Die grosse Waschanlage ist noch da, meist nisten Störche darauf. Heute stehen dort drei Bauernhöfe. Die Bauern ­sagen, wenn sie pflügten, blieben sie oft am ehemaligen Fundament hängen. Und die Aare fliesst, als wäre nichts passiert.

Jürg Stadelmann: Der Historiker und Lehrer ist Koautor des Buchs «‹Concentra­tions­lager› Büren an der Aare 1940–1946».

Veröffentlicht am 12. August 2013