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«Heilige Stunde»Ein Bild Hodlers gilt plötzlich als gefälscht

Ein Werk von Ferdinand Hodler wird nach 100 Jahren für gefälscht erklärt. Der Sammler Urs Schwarzenbach verliert womöglich Millionen. Und der Experte seine Ehre.

Versionen der «Heiligen Stunde» (um 1910, Öl auf Leinwand): Das neuerdings zurückgewiesene Bild aus der Sammlung Urs Schwarzenbach in der Mitte – umrahmt von zwei echten Hodler-Exponaten aus dem Aargauer Kunsthaus (links) und dem Kunstmuseum Basel (rechts).
von aktualisiert am 05. September 2018

Um Ferdinand Hodler kommt niemand herum. Und doch ist nicht alles bekannt über diesen Baum von Mann, der im Mai 1918 in Genf starb. Ständig wächst er wieder in die Gegenwart hinein. Jüngst wegen eines Bildes, das nach längerer Odyssee seinen Platz in der Sammlung von Urs Schwarzenbach fand. Er ist Besitzer des Grandhotels Dolder in Zürich. Dort im Restaurant hängt Hodlers «Heilige Stunde», ein 180 mal 90 Zentimeter grosses Ölbild.

Diese «Heilige Stunde» ist eins von mehreren hochformatigen Gemälden, auf denen sich Hodler mit dem Sujet der sitzenden Frau beschäftigte. Eins verglühte 1945 in Dresden im Feuersturm britischer und amerikanischer Brandbomben. Eins hängt im Kunsthaus Aarau, ein weiteres im Basler Kunstmuseum.
 

Dass es von einem Motiv mehrere Varianten gibt, ist nicht nur bei Hodler die Regel. Von seinem «Mäher» existieren 11, von seinem «Holzfäller» 19 Versionen.


Je nach Zeitgeist, der durch die Schweiz zieht, ändern sich Blick, Absicht und Deutung in Bezug auf Hodlers Werk und Leben. Manchen erscheinen die Bilder zu erhaben, manchen gerade richtig national, andere sehen darin zu viel Schwulst.

Spätere Kritiker unterstellten dem Künstler einen besonders kalkulierten Blick auf die Frauen. Da war Hodler schon 80 Jahre tot, und die Welt schickte sich an, in alles etwas Krankhaftes hineinzudeuten, die Vergangenheit je nach Gusto böse- oder schönzureden. Es scheint, als hätten alle eine Meinung über Hodler.

Ein halbes Dutzend Experten

Dieses Jahr wurde Hodlers Werkkatalog fertig. Ein Mammutprojekt. Vier schwere Bände, 20 Jahre Arbeit, geleistet vom Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft (SIK) und hauptsächlich finanziert vom Bund. Das SIK mit seinen 70 Mitarbeitern in Zürich ist die Anlaufstelle für alle, die sich mit Schweizer Kunst auseinandersetzen oder mit ihr handeln. Die aufwendigen Werkkataloge des SIK sind ihre Bibeln.

Für die vier schweren Hodler-Bände zeichnet ein halbes Dutzend Experten verantwortlich. Der dritte Band versammelt Hodlers Figurenbilder. Es sind Hunderte. Ab und zu trägt ein Werk den Buchstaben R. Er steht für «refus» oder «refusé», zurückgewiesen, verweigert. «Refus» notiert der Schiedsrichter beim Sprungpferd, das ein Hindernis nicht nehmen will, und vergibt vier Strafpunkte. In der Kunst wirkt ein R tödlich.

Schwarzenbachs «Heilige Stunde» ist erst seit 2017 ein R-Bild. Ihm hat die renommierte Zürcher Kunstwissenschaftlerin Marianne Karabelnik ein kluges Buch voller Geschichten und Einsichten gewidmet. Es liest sich wie ein Krimi und erklärt auf unterhaltsame Art, was geschieht, wenn ein Künstler sein Werk in die unheilige Welt entlässt wie Hodler seine «Heilige Stunde».

Plötzlich wertlos

Wenn der Experte ein Bild nicht in den Katalog aufnimmt, löst sich die Kaufsumme in Luft auf. Nicht nur der Käufer, auch der Experte wird zu unternehmerischem Denken gezwungen. Der eine verliert das Geld, der andere die Ehre. 

Wie jener, der im April 2014 bekannt wurde. Ein Kurator des Kunsthauses Zürich hatte einem Bild des US-Malers Mark Rothko den Stempel «echt» aufgedrückt und dafür 300'000 Franken bekommen, eine verdächtig hohe Summe. Das Bild ging für 7,2 Millionen Franken an einen Kasinobetreiber aus den USA. Es stellte sich als Fälschung heraus. Anwälte erhoben Klage. Der Kurator arbeitet nicht mehr am Kunsthaus.

Welch atemberaubende Gewinne (und langjährige zähe Rechtshändel) in der Kunstwelt möglich sind, illustriert auch die Geschichte eines anderen Gemäldes, «Salvator Mundi». Ein Experte hatte es «nur» für das Werk eines Schülers von Leonardo da Vinci gehalten. Da Vinci ist für seine «Mona Lisa» berühmt, die Frau ohne Augenbrauen, die im Louvre in Paris hängt. Die «Mona Lisa» war lange ein Gemälde unter vielen. Zur Ikone wurde das Werk 1911, als es aus dem Louvre gestohlen wurde und Zeitungen auf der ganzen Welt das Bild nachdruckten.

«Salvator Mundi», gemalt auf Walnussholz, wurde 1958 für 45 britische Pfund verkauft. Es tauchte erst wieder 2005 in den USA auf, diesmal für 10'000 Dollar. Das ausgebleichte Bild war mehrmals restauriert worden, als es der Genfer Kunsthändler Yves Bouvier schliesslich für flotte 127,5 Millionen Dollar an einen russischen Oligarchen weitergab. Als der Russe erfuhr, dass Bouvier vom Kaufpreis 47,5 Millionen Dollar abgezweigt hatte, kam es zum Rechtsstreit.

Der Streit ging gütlich aus. Die Beute hatte sich in der Zwischenzeit so wundersam vermehrt wie die Fische im See Genezareth bei der Speisung der 5000. Der «Salvator Mundi» hatte den Siegeszug durch die Medien angetreten. Kunstexperten bekamen Gänsehaut, das Publikum war der Ohnmacht nahe. «Es war ziemlich klar. Das Bild hat jene Art von Präsenz, die Leonardos haben. Auch die ‹Mona Lisa› hat so eine Präsenz», stellte ein bezauberter Experte fest. Im November 2017 ersteigerte der Ölstaat Abu Dhabi den nun als «echt» abgesegneten da Vinci für mehr als 450 Millionen Dollar. Er wird ab dem 18. September im Louvre Abu Dhabi zu sehen sein.

Vorgängig hatte ein Auktionshaus prüfen lassen, ob es haftbar sei, falls «Salvator Mundi» doch kein Werk aus da Vincis Hand sei. Das Gericht beruhigte das Auktionshaus. Es könne für allfällige Verluste nicht belangt werden.

«Salvator Mundi»: Aus 45 mach 450

Salvator Mundi – Leonardo da Vinci
45 britische Pfund kostete 1958 «Salvator Mundi». Im November 2017 ersteigerte Abu Dhabi den «echten» da Vinci für mehr als 450 Millionen Dollar.
Quelle: Getty Images

Auf der Höhe des Erfolgs

Im Fall von Schwarzenbachs «Heiliger Stunde» nahm Kunsthistorikerin Karabelnik den Faden auf. Keine leichte Aufgabe, das Bild stammt aus dem Jahr 1910. Es überlebte zwei Weltkriege. In ihrem neuesten Gutachten hatten sich die Experten des SIK am «untypisch dünnflüssigen, überwiegend einschichtigen Farbauftrag» gestört. Die Blüten würden «schematisch und platt» wirken, zudem sei das Schriftbild von Jahreszahl und Signatur «untypisch». Sie folgerten: «Das Gemälde muss somit als Fälschung bezeichnet werden.» Die SIK-Experten hatten den Käufer Schwarzenbach arm gerechnet.

Die Entstehung der «Heiligen Stunde» fällt in die Zeit von Ferdinand Hodlers grössten Erfolgen. Bitterarm aufgewachsen in Bern zu einer Zeit, in der Tausende an Tuberkulose starben, darunter Hodlers Eltern und alle seine fünf Geschwister, stieg er nach der Lehre als Dekorationsmaler zu einem der grössten Meister der modernen Zeit auf. Er wurde im selben Atemzug genannt mit van Gogh Fluchtgut Museen unter Verdacht und Cézanne. Mehr Wertschätzung geht kaum.

Im Laufe seines Lebens wurde er zensuriert (wegen Obszönität, in Genf), zum Star und reichen Mann (in Wien), erst bejubelt und dann beschimpft (in Berlin). Er zeichnete Schweizer Banknoten und bekam einen Ehrendoktor. In Bern, Biberist, St. Gallen und Zürich taufte man Strassen nach ihm.

Er konnte kaum so viel malen, wie der Markt und sein wichtigster Händler, Paul Cassirer in Berlin, verlangten. 1912 lieferte ein Sammler bei Cassirer vier Werke ein. Beim Verkauf würde er die Hälfte des Erlöses bekommen. Diese Praxis ist bis heute üblich, die Höhe der Kommission Verhandlungssache.

Eines der vier Bilder war eine offensichtliche Fälschung, eine, die Ferdinand Hodler selber ausgeschieden hatte. «Die ‹Heilige Stunde› befand sich also von Kindsbeinen an in schlechter Gesellschaft, ob zu Recht oder Unrecht», sagt Autorin Karabelnik.

Dass es von einem Motiv mehrere Varianten gibt, ist nicht nur bei Hodler die Regel. Picasso etwa brachte den «Maler und sein Modell» in unzähligen Variationen auf Papier und Leinwand. Von Hodlers «Mäher» existieren 11, von seinem «Holzfäller» 19 Versionen. Oft arbeitete er gleichzeitig an verschiedenen Kompositionen und Auftragsarbeiten, und es war ihm ein Leichtes, während der Ausführung Varianten herzustellen. Gegen Fälschungen war Hodler selber vorgegangen, wenn ihm eine unter die Augen kam. In diesem Fall beanstandete er das Bild nicht. Nach seinem Tod wurden die Echtheitsprüfungen naturgemäss schwieriger.

Jahrzehntelang ohne Zweifel

Schwarzenbachs «Heilige Stunde» hatte über die Jahrzehnte mehrmals den Besitzer gewechselt und war von Berlin über Königsberg nach München und von Bern nach Zürich gezogen. Ohne dass Zweifel an der Echtheit aufgetreten wären, stiess das Bild auf das Wohlgefallen mehrerer Experten (auch am SIK) und war in den Werkverzeichnissen vertreten. «Haben sich alle getäuscht?», fragt Karabelnik. Wenn sie irren: Wem kann man noch trauen?

Bis Schwarzenbach das Werk 2005 von der Galerie Gmurzynska am Zürcher Paradeplatz kaufte, war sein Wert stetig gestiegen. Von ein paar Tausend Franken 1912 bei Cassirer in Berlin auf einen stattlichen Millionenbetrag. Der Preis war schon 1999 bei nahezu einer Million.

Gmurzynska und Schwarzenbach wurden jüngst mit Geldstrafen in Millionenhöhe belegt. Sie sollen 80 Kunstwerke im Wert von rund 100 Millionen Franken in die Schweiz eingeführt und dabei Zollvorschriften missachtet haben. Beide bestreiten die Vorwürfe und haben den Rechtsweg beschritten.

Im März 2017 beschlagnahmte die Zolldirektion in Schwarzenbachs Hotel Dolder rund drei Dutzend Kunstwerke. Hodlers «Heilige Stunde» war nicht darunter. Weil sie eine Fälschung sei, wie die Zollbehörde vom SIK schon vor der Publikation von Hodlers Werkkatalog erfahren hatte. Das SIK wies dem Bild nun erstmals «eine letzte, mit Sicherheit tödliche R-Nummer zu, die es als Fälschung identifiziert. Auch Bilder können sterben», sagt Marianne Karabelnik. Anders als das SIK kommt sie zum Schluss, «dass eine Fälschung eher unwahrscheinlich ist». Folglich müsste die Zuschreibung der «Heiligen Stunde» erneut geprüft werden.

Und wie geht es für den Besitzer Urs Schwarzenbach weiter? «Da der Fall rechtlich noch nicht geklärt ist, will er sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt dazu nicht äussern», schreibt sein Pressebeauftragter.

  • Buchtipp 
    Marianne Karabelnik: «Das Kunstversprechen»; Elster-Verlag, 140 Seiten, 36 Franken. Erscheint im Oktober 2018.

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René Ammann, Redaktor

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