«Wieso hätte Jesus Student sein können?», fragt Pastor Simon. «Jesus hatte lange Haare, wohnte mit 30 noch bei den Eltern, und wenn er etwas machte, dann war es ein Wunder.» ­Gelächter. Simon leitet in eine Worship über – eine Art gesungenes Gebet.

Pastor Simon und seine Frau Jasmine haben im Zürcher Unterland kürzlich eine Freikirche gegründet. Den Alpha-Kurs, ein Schnupper­angebot für noch nicht ganz Gläubige, führen sie erstmals durch. In zehn Sitzungen bringen sie Frauen und Männern christliche Themen näher.

Sie stellen Fragen wie «Wie widerstehe ich dem Bösen?», «Wieso ist Jesus gestorben?» und «Was ist, wenn das alles nicht wahr ist?». Die letzte Frage geht an die Runde. «Das habe ich mich auch schon gefragt», sagt Fabienne, medi­zinische Praxisassistentin, blonde Haare, ­dunkle Brille, schmale Statur. «Aber dann fragte ich mich: Was, wenn doch? Dann stehe ich vor Gottes Pforten und komm nicht rein. Dann habe ich meine Chance verpasst.» Glauben als Versiche­rung für ein besseres Leben nach dem Tod.

Kaum neue Gläubige

Die meisten Freikirchen haben ein Nachwuchsproblem. «Neuzugänge sind seltener geworden», sagt Georg Schmid, Leiter der evangelischen Informationsstelle Relinfo.ch. Einen Boom der Freikirchen gebe es nur sehr eingeschränkt. «Wo sie wachsen, tun sie das meist auf Kosten von anderen Freikirchen.» Starken Zulauf hätten nur die Migrationskirchen aus Afrika, Südamerika und Asien, deren Mitglieder bleiben aber weitgehend unter sich.

Säkulare Menschen gewinnen die Freikirchen kaum mehr. Die klassischen Bühnen­bekehrungen, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt, bleiben aus. «Die Leute kommen zwar auf die Bühne, bekehren sich und gehen dann wieder nach Hause. Aber sie schliessen sich keiner Gemeinde an», so Schmid. Deshalb sehen sich viele Freikirchen genötigt, sich zu öffnen. «Heute sehen die meisten Freikirchen Homosexualität nicht mehr als Krankheit an», sagt Schmid. Junge Freikirchler befürworteten zunehmend auch die Ehe für alle Adoption Erschwerte Bedingungen für homosexuelle Paare . «In 20 bis 30 Jahren wird es ganz normal sein, dass verheiratete Homosexuelle einer Freikirche angehören», ist Schmid überzeugt.

«Die klassischen Freikirchen befinden sich in einem Prozess der Neupositionierung», steht auch in der 400 Seiten starken Studie zum Freikirchenmilieu, die die Schweizerische Gesell­schaft für Religionswissenschaft herausgegeben hat. Sie unterscheidet drei Arten von Freikirchen: die klassischen, die charismatischen und die konservativen. Vor allem die klassischen Freikirchen seien weniger dogmatisch und hielten weniger stark an traditionalistischen Moral­vorstellungen fest. Themen wie Sex vor der Ehe, Schwangerschaftsabbruch oder Konkubinat sind für sie diskutierbar.
 

«Freikirchen ­haben erkannt, dass sie gesellschaftliche Realitäten nicht einfach ignorieren können.»

Andreas Boppart, Leiter Campus für Christus


«Es ist eindeutig eine Entwicklung im Gange», bestätigt Andreas «Boppi» Boppart. Er ist Leiter von Campus für Christus, der grössten Missionsbewegung der Schweiz. Seine Organisation ­bietet Landeskirchen und Freikirchen Lehr­material und Schulungen. Gerade kleinere Freikirchen, die wenig Kapazität für grössere Projekte haben, nutzten diese Dienstleistung. Mit 20 Projekten und über 14 Millionen Franken Jahresbudget engagiert sich Campus, «Gottes Liebe in der Welt zu verbreiten». Themen wie Homo­sexualität oder Scheidung seien für die meisten nicht mehr tabu, sagt Boppart. «Freikirchen ­haben erkannt, dass sie gesellschaftliche Realitäten nicht einfach ignorieren können.»

Der ehemalige Lehrer, Sozialarbeiter und Theologe ist ein charismatischer Redner. Anglizismen, wie sie für die Kategorie der charismatischen Freikirchen typisch sind, meidet er.

Hilfe bei Scheidungen

Campus bietet seit ein paar Jahren auch einen Scheidungskurs für Christen an. Daniel Hubacher, der den «Lieben-scheitern-leben»-­Kurs verantwortet, sagt, dass er vor 16 Jahren froh um dieses Angebot gewesen wäre, als seine Ehe in die Brüche ging. Damals war er pastoraler Mitarbeiter und Jugendleiter einer konservativen Gemeinde. Die Scheidung riss ihm den Boden unter den Füssen weg. Er verlor seine Stelle und verliess die Gemeinde.

«Die Scheidung ist in christlichen Kreisen ein persönliches Versagen», sagt Hubacher. Acht Jahre habe er gebraucht, um sie zu verarbeiten. Das sei zu lange, deshalb gebe er solche Kurse. «Heute sind immer mehr Gemeinden offen und bieten Hilfe an», so Hubacher. Auch Pastoren hätten realisiert, dass sie sich diesen Themen nicht verschliessen können. Auf der einen Seite gebe es die Ethik, auf der anderen Seite die gesellschaftliche Realität.

Nähern sich die Freikirchen damit den Landeskirchen an? Die Studie legt einen anderen Schluss nahe. Freikirchen schaffen bewusst ein soziales Milieu, das sämtliche Bedürfnisse abdeckt. Dadurch sollen Mitglieder ein besonders starkes Zugehörigkeitsgefühl und eine gemeinsame Identität entwickeln, die sie eng an die Gemeinschaft bindet.

«I don’t believe it»

«Ciao!», sagt Leo Bigger, Senior Pastor und Leiter der International Christian Fellowship, kurz ICF. Bigger, nicht besonders gross, nicht besonders klein, Igelfrisur, Kumpeltyp, trägt ­zerrissene Jeans und ein Blumenmuster-Samthemd. Sprüche wie «Know you’re here», «Excited about life» und «#Jesus» stehen an den Wänden. Instagram-reife Bilder schmücken den Gemeinschaftsraum, der im rauen Industriestil ein­gerichtet ist.

Stimmt es, dass sich die Freikirchen öffnen? «I don’t believe it», erwidert Bigger etwas düpiert. «Die Verpackung ist vielleicht anders, aber der Inhalt is the same.» ­Sexualität sei in Freikirchen ohnehin nur ein Randthema und ganz und gar nicht so ein grosses Ding, wie die Medien ständig schrieben. «Wir sind eine Gruppe von Menschen mit unterschiedlichem Background. Es ist ein Gathering. That’s the church!» Mit Homosexuellen hätten sie kein Problem.

«Es gibt mehr Homosexuelle in der ICF, als du denkst.» Wie viele? «Mehr, als du denkst.» Die Mitglieder seien Individuen und entschieden für sich, ob sie nach christlichen Werten leben oder nicht. Alles easy. Also haben die Mitglieder Sex vor der Ehe? «Wir können die Gottesdienstbesucher nicht zwingen, an die Werte zu glauben, ich bin kein Guru.»

Wie Nichtgläubige bekehrt werden sollen

«Vielleicht ist das alles ein bisschen zu easy», findet Raphael Dorigo. Der Blogger war bis vor drei Jahren Teil der Freikirchenszene. «Es herrscht dort eine scheinbare Gewissheit, die dir vermittelt: Gott ist hier, und er hat eine Mission für dich.» Von diesem Gefühl der Gewissheit fühlten sich viele angezogen. «Ich hätte mir weniger Show und mehr tiefgehende Auseinandersetzung mit der Bibel Glauben «Die Bibel ist voll von Versagern» gewünscht», sagt er. Der Umgang mit dem Glauben war ihm zu laut, zu hip, zu easy. «Es hätte ein wenig mehr Bescheidenheit und Ehrlichkeit gebraucht. Auch mal eingestehen können, dass man etwas nicht weiss. Aber das ist halt schwer zu verkaufen.»

Zum Nachdenken gebracht habe ihn speziell ein Endzeit-Abend im Praise-Camp, das unter anderem von der ICF organisiert wurde. Während Minuten wurden den 4000 Teenagern in ­einer abgedunkelten Turnhalle menschliche Schreie und Kettenrasseln vorgespielt. Dann sei ein Jugendarbeiter aufgestanden und habe gesagt: «Das ist der Ort, wo alle hinkommen, denen ihr nicht von Jesus erzählt.»

«Gutes tun und für den Glauben werben sind für Freikirchler zwei Seiten derselben Medaille», sagt Experte Schmid. Weil Menschen für die ­religiöse Botschaft nur schwer zu gewinnen sind, probierten die Freikirchen immer wieder neue Wege der Werbung aus.

Aussteiger Raphael Dorigo erlebte es so: «Die Mission ist Sinn und Zweck des Praise-Camps.» Jeden Tag werde die Zahl der Leute verlesen, die neu zu Jesus gefunden haben. Auch Strategien, wie man Nichtgläubige anspricht, werden vermittelt. «Wenn man jemanden bekehren will, muss die Person das Gefühl bekommen, sie brauche Erlösung und müsse gerettet werden.» Man müsse sie etwa auf einen Schicksalsschlag ansprechen und dadurch verletzlich machen. So würde sie empfänglicher für die Botschaft Gottes.

Die homosexuelle Neigung wegbeten

Als Eva Kaderli die Liebe ihres Lebens kennenlernte, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als diese Liebe zum Verschwinden zu bringen. «Ich habe mir die Knie wund gebetet und Gott angefleht, mir diese Liebe wegzunehmen», erzählt sie. Kaderli war Teil der konservativen Pfingstgemeinde. Mit 21 Jahren küsste sie während der Ferien zum ersten Mal eine Frau – und entdeckte so ihre wahre Sexualität.

Die Gemeinde sei komplett überfordert gewesen. «Ich wandte mich an die Seelsorge, und gemeinsam versuchten wir, meine lesbischen Neigungen wegzubeten.» Nachdem sie gemerkt hatte, dass die Gefühle für diese Frau blieben, verliess Kaderli die Gemeinde. «In Freikirchen herrscht nach wie vor die Überzeugung: Ent­weder glaubt man, oder man ist homosexuell. Beides zusammen geht nicht.»

Eva Kaderli ist heute Co-Präsidentin von ­Zwischenraum, einem Verein für nichtheterosexuelle Christen. Sie setzt sich für die Vereinbarkeit von Glauben und Sexualität ein. Das sei möglich, die Freikirchen müssten nur den Mut haben, die Bibel anders zu lesen. «Es gibt so ­viele Gebote im Alten Testament wie ‹Du sollst nicht zwei unterschiedliche Stoffe tragen›, daran hält sich heute niemand mehr. Aber beim Thema Homosexualität, das im selben Abschnitt vorkommt, verharrt man», sagt Kaderli.

«Von liberal sind Freikirchen noch meilenweit entfernt»

Sexualität sei kein grosses Thema in den Freikirchen. Und genau dieses Schweigen ist das Problem. «Nach aussen hin sagt man zwar, es seien alle willkommen, aber das Ziel ist, dass man sich einer Gemeinde anschliesst und sich dann verändert.» Heute sind Eva Kaderli und ihre Partnerin wieder in einer methodistischen Gemeinde in Zürich aktiv. Es sei eine Entwicklung im Gange, aber: «Von liberal sind Freikirchen noch meilenweit entfernt.»

Im Zürcher Unterland hat das Pfingstwochenende die Alphalive-Gruppe zusammengeschweisst. Es wird das Bild einer Frau an die Wand projiziert, die Fussball spielt. «Frauenstreik Frauenstreik 5 Frauen erzählen, warum sie genug haben », witzelt Pastor Simon. Die Gruppe lacht.

Thema des Abends ist: «Wie widerstehe ich dem Bösen?» Die Gruppe schaut sich einen Film an. «Wir befinden uns in der Phase zwischen dem D-Day, also der Landung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, und dem VE-Day, dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa», erzählt im Film eine dunkelhäutige Frau. «Wir leben in der ­Phase der Säuberung.» Sie meint die Säuberungen unter Stalin. «Der Krieg ist noch nicht gewonnen», sagt die Frau. Wir müssten kämpfen, bis Jesus wiederkommt. «Lass dich nicht vom ­Bösen besiegen, sondern besiege das Böse – in Jesu Namen.»

Die Gruppe nickt. Die Gruppenleiterin wischt sich eine Träne aus dem Gesicht.

Verbot der «Heilung» homosexueller Jugendlicher gefordert

1950 wurde Homo­sexualität von der Weltvereinigung der Psychiater als Krankheit eingestuft. Die Freikirchen übernahmen die Definition. Sie ent­wickelten so­genannte Konversionstherapien, um Homosexuelle zu «heilen» – teilweise mit Elektroschocks. 

In Deutsch­land sind solche Therapien verboten, die Assoziation Schweizer Psycho­therapeuten (ASP) ­verlangt auch für die Schweiz ein Verbot. BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti hat einen Vorstoss ­eingereicht, der alle Therapien verbieten will, die die sexuelle Orientierung bei Kindern und Jugendlichen verändern sollen.

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Andres Büchi, Chefredaktor

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